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Frauen, geht auf die Straße – Geburt ist ein Thema für ALLE Frauen

 

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Am Samstag wird in Berlin wieder demonstriert für den Erhalt des Berufsstandes der Hebammen. Gerade in der letzten Zeit hat sich jedoch eine Kluft unter den Frauen aufgetan in Bezug auf den Hebammenprotest. Das Projekt „Selbstgeboren“ hat nur verdeutlicht, welche Emotionen beim Einsatz für die Hebammen mitschwingen. Oft liest oder hört man auch kritische Stimmen, man solle sich nicht für einen Berufsstand einsetzen, der längst modernisiert werden sollte oder der nur noch Multiplikator für esoterische Behandlungskonzepte sei. Doch beim Protest für die Hebammen geht es eigentlich weder darum, ob nun ein Kaiserschnitt oder eine spontane Geburt zu Hause besser sei und es geht auch nicht darum, ob Frauen irgendwelche Kügelchen oder Umschläge benötigen, um bei Problemen in der Schwangerschaft Linderung zu erhalten: Es geht um ein Recht aller Frauen, frei zu entscheiden. Jede Frau muss selbst entscheiden können, wo und wie sie ein Kind gebären möchte, wenn sie sich entschieden hat, eines zu bekommen.

Frauen müssen wählen dürfen, wie sie gebären und haben ein Recht auf Medikamente

An manchen Stellen wird beschrieben, dass man heute im Besitz aller medizinischen Möglichkeiten nicht mehr gezwungen ist, sich dem Geburtsvorgang zu unterwerfen, sich auf sein Stammhirn zu besinnen und trotz Schmerzen auf Schmerzlinderung durch Medikamente zu verzichten. Medizinische Interventionen erscheinen als Machtmittel, auf die Frauen heute Zugriff haben und sich dessen bedienen dürfen. Das ist auch vollkommen richtig. Frauen haben Zugriff auf diese Mittel und dürfen sich nach freier Entscheidung daran bedienen: Keine Frau sollte und muss heute natürlich gebären, wenn sie Ängste hat oder das Schmerzempfinden ihr gebietet, schmerzstillende Medikamente zu nutzen. Ich persönlich finde es vollkommen richtig, dass jede Frau ein Recht auf Wahlfreiheit hat. Dies ist insbesondere vor der Geburt wichtig, um für sich zu klären, welche Maßnahmen man wünscht und welche nicht.

Wahlfreiheit oder doch Fremdbestimmung durch Ärzte und Konzerne?

Nicht zu verwechseln mit dieser Freiheit der Entscheidung ist jedoch die Fremdbestimmung im Krankenhaus durch medizinisches Personal, das nicht unbedingt im Sinne der Frau und ihrem persönlichen Bedarf handelt, sondern im Sinne eines großen Klinikkonzerns, bei dem es um Bettenbelegungen, Arztkosten und Krankenkassenabrechnungen geht. Medizinische Intervention ist eben nicht zwangsläufig ein Ausdruck der Selbstbestimmung. Gerade im Rahmen der Proteste um das Projekt Selbstgeboren wurde deutlich, wie viele Frauen unter fehlender Selbstbestimmung bei Geburten leiden mussten. Traumatische Geburtserfahrungen können zu schwerwiegenden (psychischen) Erkrankungen führen. Australische Studien zeigen, dass dort Selbstmord eine der Haupttodesursachen in der perinatalen Phase ist.

Eingriffe unter der Geburt können  Auswirkungen haben, deren sich Frauen vorher nicht bewusst sind. Der hormonelle Kreislauf ist sehr empfindlich. Geburt ist ein normaler Vorgang, an dem es zunächst nichts Pathologisches gibt. Gibt es keine schwerwiegenden Vorerkrankungen, steht einer normalen Geburt zunächst nichts im Wege. So kommt es auch, dass Geburten traditionell von Hebammen begleitet werden und eben auch nicht unbedingt in Krankenhäusern stattfanden. Dass Geburten zunehmend jedoch in Krankenhäuser verlegt wurden, ist eine gesellschaftliche Entwicklung durch Einwirken der Pharma-, Medizinprodukte- und Ärztelobby. Geburt wurde in den vergangenen Jahrhunderten zunehmend pathologisiert. Es wurden Ängste geschürt, um Frauen dazu zu bewegen, Geburten in Krankenhäuser zu verlegen. Begründet wurde dies oft mit mehr Sicherheit für Frau und Kind. Betrachtet man allerdings die Datenlage, stimmt dies nicht. Die Einführung von Medizinprodukten führte in vielen Fällen zu einer Verschlechterung der Gebärsituationen: Das neu eingeführte CTG führte zu einer vermehrten Anzahl von Kaiserschnittgeburten, da dessen Angaben falsch interpretiert wurden: Naturgemäß sinken die Herztöne unter der Geburt durch die Wehen, was allein noch keine Indikation für einen Kaiserschnitt ist. Da aber für das CTG oft das Liegen im Bett erforderlich ist (und das CTG auch lange läuft, wenn Daten falsch interpretiert werden), kann sich das Kind aber womöglich nicht richtig im Becken einstellen. Auch sind die Wehen schmerzhafter. Um den Schmerz zu mindern, gibt es die PDA, die wiederum zahlreiche Nebenwirkungen haben kann und den Geburtsverlauf negativ beeinflusst. Da die Geburt hierdurch in die Länge gezogen wird, werden wiederum Wehenmittel zur Anregung verabreicht, die stärkere Kontraktionen hervor rufen und den Blutzufluss zum Kind stärker beeinträchtigen können. Auf diese Weise erhöht sich die Kaiserschnittrate, die in den letzten 10 Jahren um 10 Prozent auf derzeit ca. 30 Prozent angestiegen ist.

Es ist ein pathologisierter Kreislauf, der aus Kostengründen aufrechterhalten wird: Ein CTG wird angeschlossen und zeichnet Daten auf. Die Anwesenheit der Hebamme bzw. das Abhören mit einem Hörrohr ist nicht notwendig, die Hebamme kann mehrere Personen gleichzeitig betreuen. In Bezug auf die Haftpflichtversicherungen gibt es zudem einen wichtigen anderen Aspekt zu betrachten: Die Müttersterblichkeit ist durch die Kaiserschnittraten gestiegen. Doch kostenintensiver in Hinblick auf die Versicherung ist ein Kind, das durch die Geburt beeinträchtigt wurde, weshalb für Krankenhäuser der Kaiserschnitt “die sicherere” Wahl ist. Gebärende werden unter Druck gesetzt, die beste Entscheidung für ihr Kind treffen zu müssen und dabei wird ihnen die Kompetenz abgestritten, sich für sich selbst einzusetzen und dadurch die beste Wahl für das Kind zu treffen. „Aber was ist, wenn…“ wird dem Instinkt entgegen gesetzt. Der Spruch „Geht es der Mutter gut, geht es dem Kind gut“ gilt nicht. Geburten in Krankenhäusern sind statisch nachweisbar häufiger mit Eingriffen begleitet: Vom Wehenmittel über Dammschnitt bis zum Kaiserschnitt.

 

Der neutrale Partner an der Seite

Gerade deswegen ist es wichtig, dass Frauen eine Person an ihrer Seite haben, die sich loyal für sie einsetzt. Eine Person, die nicht selbst in die Geburt einbezogen ist wie die Gebärende oder ihr Partner/ihre Partnerin. Jemand, der  Erfahrungen  und emotional etwas Abstand hat. Jemand, der sich objektiv einsetzen kann. Diese Möglichkeit besteht, wenn man eine Hebamme hat, die man vorher kennt. Mit der man besprochen hat, welche Wünsche und Vorstellungen man hat, welche Interventionen in Ordnung sind und auf was bei Komplikationen geachtet werden soll. Eine Fachkraft, die sich unter der Geburt neutral einsetzt, medizinische Notwendigkeiten ggf. erklärt und „übersetzt“. Für manche Frauen kann das eine Hebamme sein, die Rescuecreme auf dem Bauch verschmiert und Globuli gegen Schmerzen gibt oder Akupunkturnadeln in den Fuß steckt. Für andere Frauen ist das eine Hebamme, die Bescheid gibt, wann die PDA gesetzt werden kann oder die verlässlich an der Seite steht bei einem geplanten Kaiserschnitt. Eine Begleitung, die auch schon in der Schwangerschaft zur Seite steht und zum Wohl der Gebärenden und Kinder handelt und nach der Geburt auf Basis des Wissens um die Schwangerschaft und Geburt optimal betreuen kann. So können Frauen bestärkt und unterstützt werden in der größten Umbruchphase des Lebens und auch gestärkt daraus hervor gehen, um ihren Weg weiter zu gehen. Psychischen Komplikationen nach der Geburt kann entgegen gewirkt werden.  Geburt hat einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung und weitere Entwicklung, auf Selbstbewusstsein und Mutterschaft, auf das gesamte Leben. Daher ist es von so großer Bedeutung, diese sensible Phase bei Frauen gut zu unterstützen. Die Wahlmöglichkeit der Frau, wo und wie sie gebären möchte ist ebenso wichtig wie die Wahlmöglichkeit, ob sie schwanger werden/sein möchte oder nicht.

Alle Frauen sind gefordert, sich für Frauen einzusetzen

Unsere Gesellschaft braucht Hebammen, damit Frauen frei gebären können. Wahlfreiheit bedeutet nicht nur, dass man auf medizinische Produkte und Dienstleistungen heute zurückgreifen kann, wenn man das wünscht. Wahlfreiheit bedeutet auch, dass man das lassen kann, wenn man es möchte. Wir sind dann frei, wenn uns alle Möglichkeiten offen stehen und wir auch auswählen können, ob wir die naturheilkundliche Begleitung oder die schulmedizinische wünschen.

In diesem Sinne sind alle Frauen dazu aufgefordert, sich für die Hebammen einzusetzen. Auch wer keine Kinder gebären möchte, wer sich dagegen entschieden hat oder das Alter der Gebärfähigkeit überschritten hat: Setzt Euch ein für Eure Schwestern, Nichten, Freundinnen. Setzt Euch ein für das Recht der Frauen auf eine freie Wahl und demonstriert für den Erhalt des Hebammenstandes

Der Abschied schmerzt immer – Warum 3 Monate keine namenlose Zeit sind

Himmel

Eine Freundin von mir hat ihr Kind in der 8. Schwangerschaftswoche verloren*. Sie war noch „ganz am Anfang“, wie es heißt. Kaum jemandem hatte sie davon berichtet aus der Angst, dass doch etwas „schief gehen“ könnte. Es ging schief. Sie verlor ihr Kind. Doch wie geht man damit um, wenn man niemandem etwas davon gesagt hat? Wie kann man seinen Schmerz in Worte fassen gegenüber Menschen, die vorher nichts wussten? Und warum überhaupt ist es so, dass wir drei Monate niemandem etwas sagen von dem neuen Leben, das in uns wächst?

Ich stellte mir bei jedem meiner Kinder die Frage, wann ich Freunden und Verwandten von der Schwangerschaft berichten sollte. Ich kenne diese „magische Dreimonatsgrenze“, wie alle Schwangeren sie kennen. Letztlich war es jedoch so, dass ich es erzählte, sobald ich es wusste. Einfach deswegen, weil ich es nicht für mich behalten konnte vor Glück und auch, weil ich wusste, dass es keinen Sinn macht, es zu verbergen. Wenn ich Glück haben würde und die Schwangerschaft über die drei Monate hinaus gehen würde, würde ich es sowieso erzählen. Wäre dies nicht der Fall, würde ich Trost und Zuwendung benötigen von den Menschen in meiner Nähe. Und in einigen Fällen, so war ich mir sicher, würden auch sie trauern wollen um das, was ich hätte verlieren können.

Die ersten drei Monate einer Schwangerschaft – Zeit, in der nichts passiert?

Die ersten drei Monate einer Schwangerschaft sind eine besondere Zeit. In ihnen passiert sowohl körperlich als auch psychisch viel bei den werdenden Eltern, besonders der Mutter. Der Hormonhaushalt verändert sich, die Periode bleibt aus. Das Hormon Progesteron bewirkt, dass man häufiger auf die Toilette gehen muss. Die Hormone bewirken auch – zusammen mit dem gesteigerten Stoffwechsel und niedrigem Blutdruck – Müdigkeit und Schwindel. Der Magen ist empfindlicher, die Nase ebenfalls. Progesteron und Östrogen wirken entspannend und machen den Darm träge. Das Schwangerschaftshormon hCG verursacht die in der Schwangerschaft bekannte Übelkeit. In den ersten Monaten findet meistens noch keine oder nur eine geringe Gewichtszunahme statt, obwohl zum Beispiel die Gebärmutter eine große Leistung in Hinblick auf das Wachstum erbringt. Sichtbar wird die Schwangerschaft zum Ende des 3. Monats dann oft eher am Busen, weil dieser wächst und sich bereits jetzt auf die Stillzeit vorbereitet.

Und auch psychisch tut sich in diesen Monaten sehr viel: Freude, Überraschung, Unentschlossenheit, Kummer, Sorgen, Glück,… Es gibt viele Gefühle, die in den ersten Monaten wahrgenommen werden. Schwangere stellen sich viele Fragen von der Notwendigkeit einer Feindiagnostik bis hin zum möglichen Geschlecht des Kindes. Mutter werden jetzt schon oder jetzt noch? Kann ich das, will ich das? Wie verkraftet unsere Beziehung das? Werde ich vielleicht Alleinerziehend sein?

Sowohl durch die körperliche als auch durch die psychische Umstellung sind Frauen in den ersten Monaten der Schwangerschaft in einem besonderen Zustand, in dem sie gerade besonders viel Zuwendung brauchen. Gerade jetzt brauchen sie Gesprächspartner, um Sorgen und Glücksmomente zu teilen. Sie brauchen konkrete Bezugspersonen, bei denen sie auch Rat einholen können: Was kann man gegen Übelkeit unternehmen? Ist es normal, so oft auf Toilette zu müssen? Gerade die ersten drei Monate sind also keine Zeit, in der eigentlich ein Geheimnis aus der Schwangerschaft gemacht werden sollte.

Guter Hoffnung sein ist heute nicht mehr einfach

„Guter Hoffnung“ sein – das gilt eigentlich auch schon für diese Zeit. Aber wer traut sich das heute noch, einfach so voll von guter Hoffnung zu sein? „Guter Hoffnung“ zu sein bedeutet nämlich auch, nicht vom Schlimmsten auszugehen, sondern davon, dass es gut und normal verläuft. Ja, es gibt Fehlgeburten. Und diese sind besonders in den ersten Monaten vertreten, wenn das „Alles-oder-nichts-Prinzip“ herrscht. Das Risiko für eine Fehlgeburt hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Doch auch gerade über diese Ängste muss man sich austauschen können. „Guter Hoffnung“ zu sein, bedeutet, sich anderen anzuvertrauen und über den neuen Umstand sprechen zu können.

Vom richtigen Umgang mit einem frühen Abschied

Und wenn es doch passiert, der Verlust? Man ist nicht von heute auf morgen nicht mehr schwanger. Oft lassen die Schwangerschaftsanzeichen erst langsam nach. Auch wenn das Kind sich schon verabschiedet hat, braucht der Körper noch eine Weile, um das zu verstehen – und die Seele oft mindestens genauso lang, wenn nicht länger.

Wenn ein Kind geht, müssen wir uns verabschieden von Wünschen, Vorstellungen, Erwartungen. Mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Hand wird eine Flut von Gedanken ausgelöst: Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Wie wird das Kind wohl aussehen? Wird es so gern malen wie ich oder mathematisch begabt wie der Vater? Was wird mit meinem Job, wie lange werde ich aussteigen? Wir machen uns Gedanken und es bilden sich Vorstellungen über eine Zukunft mit dem Kind. Vielleicht war die Schwangerschaft lange heiß ersehnt. Oder es gab schon zuvor Verluste. Gerade auch dann ist der Sturz vom Glückstaumel in die Trauer sehr groß. Doch wie auch immer die Ausgangslage war: Es gibt kein „trauriger sein“ als jemand anderes, der einen Verlust erlitten hat. Jeder Abschied ist schmerzhaft, ob es eine überraschende oder eine ersehnte Schwangerschaft war.

Und genau deswegen ist auch jeder Abschied es wert, betrauert zu werden. Ich habe schon oft von Frauen, die einen frühen Verlust in den ersten drei Monaten hatten, gehört, dass man in ihrem Umfeld erklärte, dass das ja noch kein richtiger Mensch gewesen sei, dass sie nicht traurig sein sollten oder dass sie froh sein sollten, dass der Verlust nicht später eingetreten ist, wenn es schon ein „richtiges Baby“ gewesen sei. Doch das ist nicht richtig. Das Kind nimmt nicht mit seiner Größe Gestalt in unseren Vorstellungen an, sondern mit seiner bloßen Existenz. Es gibt keinen geringeren Schmerz, nur weil das Kind erst wenige Millimeter groß ist. Ein Schmerz ist ein Schmerz.

Wer einen Verlust in der Schwangerschaft erleidet, hat jedes Recht darauf, zu trauern. Es ist gut, eine Hebamme an der Seite zu haben, die die Trauer begleiten kann. Es ist sehr wichtig, mit anderen Menschen über die Gefühle zu sprechen, die Trauer zu teilen, aufgefangen zu werden. Der Verlust eines Kindes ist ein Trauma. Zur normalen Bewältigung eines Traumas gehört es, mit nahen Menschen über das Erlebte zu sprechen. Oft muss mit mehreren Menschen wieder und wieder die Geschichte geteilt werden bis das Erlebte bewältigt ist und man es verarbeitet hat. Zahlreiche Internetforen und Blogs sind Beispiele dafür, wie wichtig es ist, sich mitzuteilen. Doch sie sind auch oft Beispiele dafür, wie wenig es im realen Leben, im Alltag, die Möglichkeit gibt, mit den Menschen der Umgebung über die Situation zu sprechen. Teils aus Scham, aus dem Gefühl, andere nicht belästigen zu wollen oder Freundschaften nicht zu überstrapazieren, wird dem Gespräch unter vier Augen aus dem Weg gegangen. Und zu einem großen Teil auch deswegen, weil man eben nicht weiß, wie man anfangen soll, wenn man den anderen noch nichts von seiner Schwangerschaft erzählt hat. Der Satz „Ich war schwanger…“ kommt nicht leicht über die Lippen.

Rituale können dabei helfen, einen Abschied in Worte oder in eine Handlung zu fassen. Gerade am Anfang, wenn man noch keine Kindsbewegungen gespürt hat, ist es manchmal schwer zu begreifen, dass das Baby nicht mehr da ist – man hatte ja schon kaum glauben können, dass es da war. Abschiede können auf sehr unterschiedliche Weise gestaltet werden. Es werden kleine Boote mit einer Kerze auf dem Wasser fahren gelassen, eine Skylaterne in die Luft geschickt oder es kann symbolisch etwas begraben werden.

Einen guten Blogartikel über die Erfahrungen einer Frau mit einem frühen Verlust in der Schwangerschaft habe ich hier gefunden.

Auch ein geplanter Abschied kann betrauert werden

Vor Jahren habe ich einmal eine Frau begleitet, die sich gegen die Schwangerschaft entschieden hatte. Es war ihre ganz persönliche Entscheidung – wie es immer eine ganz persönliche Entscheidung ist. Ich bewerte diese Entscheidungen nicht, denn es gibt keine Gründe, die wichtiger wären oder welche, die weniger wichtig sind. Man kann nicht sagen: „Also das ist nun wirklich ein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch.“ Oder „Das ist kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch“. Oft bleiben die wahren Gründe für alle Menschen außerhalb der eigentlich Person sowieso im Unklaren. Wer sich dafür entscheidet, hat seinen ganz persönlichen Grund. Wie ich es aus meiner Arbeit kenne, sind diese Entscheidungen meistens keine einfachen. Man entscheidet nicht nebenher und über Nacht, dass man eine Schwangerschaft abbrechen möchte. Die Frau, die ich begleitete, entschied sich in den ersten 10 Wochen dafür, das Kind nicht austragen zu wollen. Sie war traurig, bestürzt, auch wütend. Sie hatte Angst. Und sie trauerte. Sie trauerte noch während sie das Kind in sich trug, dass sie sich von ihm verabschieden müssen würde. Sie war verunsichert, wie sie sich verabschieden könnte, denn sie hatte kaum Menschen in ihren Umstand eingeweiht. Für sie war wichtig zu wissen: Hebammenhilfte steht einer Schwangeren auch im Falle eines medizinischen Schwangerschaftsabbruchs zu. So können mit der Hebamme alle Dinge besprochen werden und man hat einen vertrauten Partner an der Seite. Darüber hinaus brauchte sie jedoch auch ein Ritual, um Abschied zu nehmen von dem Kind, das sie in sich trug. Sie schrieb einen Brief an sich und das Kind, faltete ihn zu einem Boot und ließ ihn fahren. Doch sie hat damit nicht ihre Gedanken fort geschickt. Sie ließ sich eine Träne tätowieren auf die Brust über das Herz. Für dieses Kind, das sie nicht austragen wollte. Auch wenn es in den ersten drei Monaten war, hat sie es nie vergessen. Denn auch sie zählen, diese ersten drei Monate. Man ist nicht erst ab dem vierten Monat schwanger.

 

* Mit ihrer Genehmigung schreibe ich diesen Beitrag über ein Thema, das auch sie sehr beschäftigt hat.

 

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Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre…

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Manchmal frage ich mich, was heute sein würde, wenn ich nicht Mutter von zwei Kindern wäre. Hätte mein Leben eine andere Richtung genommen?  Das ist wohl sehr wahrscheinlich.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht am Wochenende ausschlafen. Vielleicht würde ich dadurch nicht unbedingt mehr Schlaf bekommen, da ich ja gar nicht erst früh ins Bett gehen müsste, weil es ja keine Kinder gäbe, die mich früh am Morgen aus eben diesem Bett holen. Ich würde also spät ins Bett gehen. Vielleicht würde ich noch immer wie mit Mitte 20 durch Discos ziehen. Ich würde sehr wahrscheinlich mehr ins Kino gehen oder ins Museum. Doch Schlaf hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit – zumindest am Wochenende – nicht mehr als jetzt auch.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht meine Hobbys besser pflegen. Früher habe ich viel gemalt. Wenn ich heute male, dann habe ich nach kurzer Zeit einen dicken Strich von irgendeiner engagierten Kinderhand auf meinem Bild. Das Malen, dem ich früher nachging, ist gerade jetzt nicht machbar. Dafür fädel ich Perlen auf, filze, häkle kleine Stoffpullover für Puppen, die dann doch wieder aufgehen. Ich gehe viel mehr in die Natur als früher. Meine Hobbys haben sich geändert, aber eigentlich könnte man sagen, dass ich welche habe.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht viel mehr mit meinen Freunden zusammen sein. Früher einmal, da hatte ich ziemlich viele verschiedene Freunde. Es waren Freunde ganz verschiedener Art. Wenn ich eine bestimmte Sache machen wollte, rief ich eben einfach die passende Freundin dazu an. Heute haben meine Freunde auch Kinder und sind mindestens genauso eingespant wie ich. Sie haben auch nicht viel Zeit. Heute treffe ich mich mit den Eltern der Freunde meiner Kinder. Ich sehe sie im Kindergarten und auf dem Spielplatz und ja, irgendwie sind sie dann auch meine Freunde. Man teilt die gleichen Geschichten, Erfahrungen, Sorgen. Ist das nicht eine gute Basis für eine Freundschaft?

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht Karriere machen. Ich habe meine Doktorarbeit an den Nägel gehängt, als meine Tochter geboren war. Ich habe meinen sicheren Job gekündigt, um mich selbständig zu machen, weil das viel besser mit der Familie zu vereinbaren war. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich auch so Karriere machen, mit Kindern. Ich habe mich nur einfach für einen anderen Weg entschieden. Vielleicht hätte ich das auch ohne Kinder irgendwann?

Wenn ich nicht Mutter wäre, hätte ich vielleicht keine Dehnungsstreifen auf meinen Brüsten von dem Brustwachstum in den Schwangerschaften. Und ziemlich wahrscheinlich hätte ich innerhalb von 5 Jahren nicht zweimal 20kg zugenommen, um sie dann wieder abzunehmen. Mein Körper würde vielleicht anders aussehen. Aber sind wir mal ehrlich: Auch ohne Kinder wäre die Zeit nicht an mir vorbei gegangen und ich würde heute mit 33 trotzdem nicht mehr aussehen wie mit 27.

Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, wären viele andere Dinge passiert. Mein Leben hätte einen anderen Weg genommen. Aber niemals wäre es da stehen geblieben, wo es einmal war. Denn so ist das Leben nicht. Es geht weiter. Wir verändern uns, wir schließen neue Freundschaften und verlieren alte, wir finden neue Interessen und geben alte auf. Wir gehen manchmal neue Wege. Beruflich oder auch anders. Und die Zeit geht nicht an uns vorbei. Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, würde mein Leben vielleicht anders aussehen. Es würde andere Farben tragen. Es wäre anders gefüllt, aber es wäre nicht reicher. Es wäre nicht besser, weil ich vielleicht ausschlafen könnte oder mein Körper mehr dem Ideal entsprechen würde.

Es gibt nichts, was ich bedauere, weil ich diesen Weg gegangen bin und nicht einen anderen. Jeder Weg, den ich hätte gehen können, hätte mich an anderen Sehenswürdigkeiten vorbei geführt. Es macht deswegen keinen Sinn, anderen Wegen hinterher zu trauern und sich nach Dingen zu sehnen, die vielleicht anders sein könnten. Denn wenn sie es wären, wären auch wir anders. An den Tagen, an denen ich mit tiefen Augenringen, verwischter Mascara und bekleckertem Hemd vor dem Spiegel stehe und mir wünsche, ich wäre allein und unabhängig, blicke ich dann doch zur Seite. Dort sehe ich zwei kleine Menschen, die ich aus ganzem Herzen liebe. Und ich frage mich: Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, wann denn dann?

Weihnachtsgebastel: Rosenperlen

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Langsam wird es Zeit, an Weihnachten zu denken. Bald schon werde ich anfangen, die Weihnachtskalender zu basteln. In diesem Jahr werden es drei Kalender sein: für die Tochter, den Sohn und den Mann. Aber nicht nur die Kalender wollen befüllt werden, auch Geschenke müssen nun langsam erdacht und gefertigt werden. Angefertigt, nicht gekauft? Sowohl als auch. Ich kaufe gerne ausgewählte Dinge für Familie und Freude, aber ich mache auch gerne Kleinigkeiten selbst. Einfach, weil so viel Herz mit darin steckt. Weil man dabei an den anderen Menschen denkt, für den dieses Geschenk sein wird. Manchmal ist es fast meditativ, ein Geschenk selbst zu machen. Zum Beispiel das Basteln von Rosenperlen.

Auf die Idee zu den Rosenperlen kam ich durch eine Erzieherin im Kindergarten der Tochter. Sie hatte ein wunderschönes Armband und erzählte, dass sie die Perlen aus Rosenblüten selbst gemacht hätte. Das sei ein langwieriger, aber einfacher Prozess. Und das ist es tatsächlich:

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Man nimmt frische oder getrocknete Rosenblüten und gibt sie mit Wasser in einen Kochtopf.

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So viel Wasser, dass die Blüten gut bedeckt sind. Dann beginnt das köcheln: Die Rosenblüten sollten nicht zu heiß gekocht werden, weil dann der Duft verloren geht. Also langsam erhitzen und immer wieder umrühren. Es soll ein leimartiger Brei werden. Getrocknete Blüten werden nicht so gut breiig. Eventuell mit Pürrierstab zerkleinern.

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Hat der Brei die richtige Konsistenz, wird er in ein Leinentuch gegossen und ausgepresst, so dass eine Knetmasse entsteht.

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Zur besseren Haltbarkeit kann man noch einen Löffel Gummi arabicum zugeben. Dann wird die Masse zu einer Rolle geformt, von der dann kleine Stücke abgetrennt werden, die zu Perlen gerollt werden.

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Die Perlen schrumpfen beim Trocknen noch stark, daher erst einmal größer formen als gewünscht. Kugeln anschließend auf Zahnstocher pieksen (für die Fädellöcher).

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Die Perlen müssen täglich auf den Zahnstochern gedreht werden bis die Perlen durchgetrocknet sind.

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Am Besten in einem Glas mit Verschluss lagern, damit der Duft erhalten bleibt.

 

Mädchen sein, Frau sein – mit einem guten Körperbild

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In den letzten Monaten bin ich immer wieder auf Artikel gestoßen zum Thema Geschlechtsidentität entwickeln, Entwicklung von Mädchen, Frau werden, die mir gezeigt haben, dass es momentan ein wirklich wichtiges Thema ist. Auch unter den Mütter-Bloggerinnen ist es längst ein Thema. @dasnuf schrieb im September über „Neuigkeiten aus dem frisch duftenden Freudental“ und der Feststellung, dass aufwachsende Mädchen und Frauen heute durch Pflegeprodukte in den Glauben versetzt werden, dass der weibliche Genitalbereich grundsätzlich stinken würde und man mit diversen „wohlriechenden“ Pflegeprodukten Abhilfe schaffen müsste. @berlinmittemom Anna Luz de León beschäftigt sich derzeit in einer Artikelreihe damit, dass Studien zum Ergebnis kamen, dass „in Deutschland 64 Prozent aller Mädchen im Teenageralter aufhören, die Dinge zu tun, die sie lieben, weil sie sich mit ihrem Äußeren unwohl fühlen“. Und dann gibt es auch noch Werbespots, die zwar erst einmal offensiv mit Weiblichkeit umgehen und Mädchen eine Art des freudvollen Umgangs mit der Menstruation beizubringen scheinen, dann aber doch nur die „heimliche“ Zustellung eines Menstruationssets bewerben: „It’s like christmas for your vagina!“ Zu solchen Anbietern zählt auch „Madame Ladybug„, wo man sich – je nach Bedarf preislich gestaffelt – eines von drei Menstruationspaketen monatlich zusenden lassen kann. Die beiden teureren Pakete enthalten auch gleich das Schmerzmittel „Midol“ neben Tee und Snacks. Welches Bild erhalten Mädchen also vom Frausein? Und was sollten wir anders tun?

Es fängt – wie immer – am Anfang an. Ich möchte hier in diesem Rahmen nicht auf die Sex-Gender-Debatte und auf rosa Mädchensachen, Barbie und Co. eingehen. Hier soll es nur um das Körpergefühl gehen, das wir unseren Kindern vermitteln. Und das vermitteln wir von Anfang an. Es beginnt damit, wie wir Geschlechtsorgane bezeichnen, bzw. ob wir ihnen überhaupt einen Namen geben. Denn oft genug höre ich auch heute noch die Bezeichnung „untenrum“, wenn sich irgendwas auf die primären Geschlechtsorgane bezieht. Doch natürlich brauchen Körpergliedmaßen einen Namen, denn wie sollen sie namenlos für ein Kind real existieren? Was keinen Namen hat, darüber spricht man nicht. Doch gerade Kinder müssen über ihr Geschlecht und ihre Geschlechtsorgane sprechen.

Schon Babys brauchen den Raum, um sich mit sich selbst vertraut zu machen – Mädchen und Jungs gleichermaßen. Im Nacktsein dürfen sie ihren ganzen Körper erfahren. Für die Entwicklung des Körpergefühls ist es wichtig, dass der gesamte Körper selbst erkundet werden darf. Heute, wo viele Babys in unserer Kultur die meiste Zeit des Tages in einer verschlossenen Windel verbringen, sind gerade auch die Wickelsituationen besonders bedeutsam. Was vermitteln wir einem Kind, wenn wir angeekelt in die volle Windel blicken und mit schnellen, unsanften Bewegungen den Windelinhalt beseitigen? Wenn wir uns entscheiden, mit Windeln zu wickeln und das Kind nicht abzuhalten (windelfrei zu praktizieren), ist dies unsere Entscheidung und nicht die des Kindes. Und so müssen wir auch unsere eigene Konsequenz daraus ziehen. In diesem Fall bedeutet es, dass natürlich nicht das Kind in irgendeiner Weise negativ zu behandeln ist, weil es die Windel voll gemacht hat. Im Gegenteil: Das Windeln wechseln sollte ein Moment der Ruhe sein können, in dem das Baby beteiligt werden kann, in dem man ihm Ruhe lässt. Je nach Alter darf es auch an der Wickelsituation beteiligt werden. Vielleicht kann es einfach schon selbst ein Papiertuch halten oder nach dem ersten Säubern durch Mutter oder Vater kann das Kind selbst noch einmal nachwischen. Sprache ist auch hier wichtig: Das Wickeln ist ein wunderbarer Moment, um miteinander zu reden, in den Austausch zu kommen. Der Wickelnde kann beschreiben, was er tut. Er kann Empfindungen des Babys umschreiben: Der Waschlappen fühlt sich nass an, oder? Je mobiler das Baby wird, desto weniger einfach sind diese Wickelsituationen ruhig zu gestalten, weil das Kind vielleicht lieber krabbeln oder laufen möchte. Doch wenn man dem Kind von Anfang an die Möglichkeit gibt, selbst beteiligt zu sein, ist das Wickeln oftmals einfacher und ganz nebenbei erfährt das Baby Wertschätzung für den Windelbereich.

Und noch etwas anderes ist wichtig, wenn es darum geht, ein gesundes Körperbild von Anfang zu entwickeln: Andere Menschen sehen. Und zwar nicht nur die halbnackten „Schönheiten“ auf den Werbeplakaten. Mit meiner Tochter bin ich schon oft am Kindertag im Hamam gewesen. Dort unter Frauen kann sie sich ein eigenes Bild machen von der Vielfältigkeit des Frauseins. Ich erinnere mich noch an die Situation, als wir einmal dort waren und sie mich fragte: „Mama, warum hat die Frau so verschrumpelte Brüste?“ Es war eine alte Frau und im ersten Moment war mir die Situation unangenehm, denn ich war mir ziemlich sicher, dass die Frau sie gehört hatte. Doch dann sagte ich ihr einfach, dass die Frau eben schon viel älter sei und das normal wäre und fand es auf einmal ganz großartig, dass meine Tochter an diesem Ort so viele verschiedene Frauen sehen konnte: jung und alt, dick und dünn, verschiedenen kulturellen Ursprungs und doch alle gemeinsam an diesem Ort, an dem sie sich der Körperpflege hingeben. Jede auf ihre Art mit ihrem Körper.

Körperlichkeit hat von Anfang an auch mit den Worten zu tun, die wir nutzen. Wie beschreiben wir unser Kind? Necken wir es, indem wir ihm Unzulänglichkeiten vor die Nase halten? Ich erinnere mich noch heute daran, wie unangenehm es mir war, dass mich meine Tante sicher die ersten 10 Lebensjahre immer „Pummelchen“ nannte. Selbst, wenn wir es als Liebkosung meinen, hinterlassen solche Worte Spuren in uns. Deswegen sollten wir den Körper unserer Kinder mit dem Respekt behandeln, den wir uns selbst wünschen. Nicht nur mit Respekt im manuellen Umgang, sondern auch mit sprachlichem Respekt. Kinder sollten nicht als dick, pummelig, steif oder sonstwas bezeichnet werden. Sie sind, wie sie sind. Und sie sind immer aus gutem Grund so, wie sie sind.

Ganz selbstverständlich gehört zum positiven Körpergefühl auch, dass das Kind keine negativen Körpererfahrungen machen muss, d.h. dass es nicht geschlagen oder anderweitig misshandelt oder missbraucht wird. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit für viele Eltern, aber leider zeigen Studien immer wieder, wie viele Kinder missbraucht und/oder misshandelt werden, was natürlich schwerwiegende Folgen für die Entwicklung des Körpergefühls hat. Kinder haben Rechte. Und eines davon ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung.

Dies alles sind nur die Vorbereitungen, die wir treffen können: Kinder ihren Körper selbst erfahren lassen, ihre Geschlechtsteile benennen, respektvoll mit ihrem Körper umgehen – sowohl verbal als auch im alltäglichen Umgang. Dazu sind wir selbst natürlich wichtige Vorbilder und beeinflussen, wie sie ihren Körper betrachten. Sagen wir, dass wir uns hässlich fühlen, dass wir zu viel wiegen würden oder mäkeln hier und da an unserem Aussehen vor den Kindern herum? Unsere Kinder finden uns schön. Viele, viele Jahre lang. Wenn wir ihnen vorleben, dass wir uns selbst schön finden und zufrieden sind mit uns, dann ist das ein sehr guter Grundstein dafür, dass auch sie sich in ihrer Haut wohl fühlen.

Was Mädchen betrifft, hat auch der Umgang mit der Menstruation großen Vorbildcharakter: Zeigen wir unserer Tochter monatlich, wie schlimm, schmerzhaft, unangenehm, eklig die Menstruation ist? Oder können wir es – wenigstens ein kleines Stück – als Fest der Weiblichkeit feiern? Mein eigener Eintritt in das Frausein war vor 20 Jahren nicht so, wie ich es mir für meine Tochter wünschen würde. Umso mehr habe ich eine Vorstellung davon, wie ich mit ihr diesen Tag begehen möchte: Eine Feier soll es sein zwischen Mutter und Tochter, in der ich sie in einen neuen Lebensabschnitt aufnehme. Ein Fest für uns, an dem wir es uns gut gehen lassen. An dem wir ganz Frau sind. In früheren Zeiten gab es Zeremonien, die extra für diesen Übergang zelebriert wurden. Leider sind uns solche heute verloren gegangen. Einer Tradition zufolge wird der jungen Frau zur ersten Menstruation ein roter Stein geschenkt. Für meine Tochter habe ich den Ring mit rotem Stein schon hier. Er ist noch von meiner Großmutter. Ich hoffe, ich werde ihn einer selbstbewussten jungen Frau an den Finger stecken, die sich in ihrem Körper wohl fühlt und einfach glücklich ist. So, wie sie ist.

Noch nie so viel gelacht, geweint, gekuschelt – Mein erstes Jahr als zweifache Mutter

Die Geschichte, wie es ist, ein zweites Mal Mutter zu sein, beginnt nicht bei der Geburt. Sie beginnt schon in der Schwangerschaft. In dem Moment, in dem man erfährt, dass man schwanger ist. Denn die zweite Schwangerschaft ist anders als die erste. Nicht nur, was vielleicht das körperliche Empfinden betrifft, die Gewichtszunahme und die Größenentwicklung des Babys. Sie ist anders, weil die Rahmenbedingungen anders sind: Man hat eben schon ein Kind. Ein Kind, das weiterhin die Aufmerksamkeit haben möchte, die man ihm immer gab. Das auf den Arm genommen werden möchte, das kuscheln möchte. Das erst einmal nicht versteht, warum man es nicht wie immer auf den Wickeltisch zum Zähneputzen hochhebt oder einfach auf der Straße trägt. Das auch nicht versteht, wenn man sich zum Bauchstreicheln zurück ziehen möchte. Denn das ist, was es in der zweiten Schwangerschaft weniger gibt: Bauchstreicheln. Da liegen und sich nur auf dieses Baby konzentrieren. Nachspüren, Ruhe und Stille genießen in Mengen bevor das Kind kommt. In der zweiten Schwangerschaft habe ich auf die erste zurück geblickt und dachte: Was hast Du damals eigentlich im Mutterschutz vor der Geburt gemacht, als Du nicht ein Kind hattest? Habe ich da wirklich im Bett gelegene, Haushalt in Ruhe erledigt, Spaziergänge allein gemacht…? Ja, denn es war das erste Mal. Ich habe das erste Mal sehr genossen und es war eine unwiederbringlich schöne Zeit. Tatsächlich unwiederbringlich, denn keine nachfolgende Schwangerschaft kann sein wie die erste.

Natürlich war auch die zweite Schwangerschaft schön, aber eben anders. Ich ertappte mich dabei, wie ich Autofahrten genoss, weil ich endlich Zeit hatte, um meine Hand in Ruhe auf dem Bauch liegen zu lassen. Autofahrten! Nicht selten hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, dass ich diesem zweiten Kind nicht die Aufmerksamkeit in der Schwangerschaft geben konnte, die ich meinem ersten Kind gab. Umso mehr genoss ich die kleinen Momente, die es gab. Das erste bewusste Spüren des Babys. Kleine Streicheleinheiten im Alltag. Quantitativ weniger, aber bewusster.

Das zweite Mal gebären war dafür ein großer Ausgleich für die weniger bewusste Schwangerschaft. Ich wusste, wie es läuft. Nicht nur theoretisch, sondern mein Körper wusste es. Ich hatte viel mehr Vertrauen in meine Gebärfähigkeit, denn ich hatte es schon einmal getan. Ehrlich, es war eine wunderbare Geburt und so traurig ich auch um fehlende Ruhe in der Schwangerschaft war, umso glücklicher war ich für dieses Wissen, das ich hatte vom ersten Mal.

Und nun war es da, in meinem Arm, mein zweites Kind. Ob zweite Kinder einfach so mitlaufen im Alltag? Nein. Natürlich tun sie es nicht. Sie sind Menschen, die in ihrer Einzigartigkeit wahrgenommen werden wollen, die auch erst einmal erkannt sein möchten. Sie stellen sich vor: „Guten Tag, liebe Familie, so bin ich! Und ich bin anders als Euer anderes Kind, denn ich bin ebenso einzigartig!“ Das war für mich an vielen Stellen nicht einfach. Meine Tochter, so dunkel und ruhig und verkuschelt. Mein Sohn blond, blauäugig, immer in Bewegung, immer in Entwicklung. Tag und Nacht. Sonne und Mond trafen aufeinander. Ich brauchte einige Zeit, um das zu verstehen. Und ich brauchte viel Zeit, um den Alltag zu ändern. Zwei Kinder mit gleich vielen Bedürfnissen. Die Bedürfnisse des ersten Kindes, die früher den ganzen vorhandenen Raum ausfüllten, werden ja nicht weniger, nur weil nun ein anderes Kind da ist. Es sind nun zwei so große Mengen. Früher dachte ich, mit einem Kind sei es manchmal anstrengend? Was für ein Irrglaube – so kam es mir vor. Abwägen, heißt es. Zuerst die wichtigen Dinge erledigen, zuerst das dringendere tun, zuerst das schreiende Kind versorgen oder – besser – es nicht zum Schreien kommen lassen. Raum haben, um neben den Bedürfnissen des ersten Kindes genug Aufmerksamkeit zu haben, um das zweite Kind wirklich zu sehen und zu erkennen, wie es ist und was es braucht. Es gab Tage, an denen ich vor dem Spiegel im Bad stand mit einem weinenden Baby im Arm. Tränen strömten über mein Gesicht und ich sagte zu mir selbst: „Du musst nur durchhalten. Es wird besser.“ Natürlich wurde es das. Ich wusste ja, es gibt Phasen. Gute und schlechte. Manche Zeiten waren hart: Die große Tochter mussten wir aus dem Kindergarten nehmen, weil es dort ein verhaltensauffälliges Mädchen gab, das die Kinder angriff und die Erzieherinnen nicht eingriffen. Zwei Kinder zu Hause im dunkelsten und längsten Winter meines bisherigen Lebens. Doch auch wenn die Aufgaben und Bedürfnisse doppelt so viel waren, hat sich auch eine andere Sache verdoppelt: Liebe. Doppelt so viel Liebesgefühl. Es hat sich nicht halbiert, sondern vermehrt.

Natürlich gibt es sie auch, die zauberhaftesten Momente: Zwei Kindern beim Schlafen im Familienbett zusehen. Wie sie sich an den Händen halten im Schlaf. Mit zwei Kindern kuscheln. Lachen, so viel Kinderlachen und ansteckende Freude! Die schönen Momente von Babys Entwicklung und der Stolz in den Augen eines Kindes, wenn es sich zum ersten Mal allein hinsetzt, allein aufsteht oder allein die ersten Schritte geht. Zu sehen, wie gut sich Geschwisterkinder tun. Eifersucht ist da, auf beiden Seiten, aber immer wieder auch unendlich große Liebe.

Je älter der Sohn wurde und je mehr er endlich das konnte, was er unbedingt wollte, desto einfacher wurde es. Routinen spielten sich ein. Man denkt, man hätte den Alltag schon im Griff beim ersten Kind. Aber es muss auch beim zweiten Mal alles neu ausgerichtet werden. Es ist wieder ein eigener und neuer Lebensabschnitt. Es braucht Zeit, um sich zurecht zu finden. Vielleicht sogar mehr Zeit als vorher, weil es ein weiterer Mensch ist, der in all dies einbezogen ist. Als Paar muss man sich wieder neu finden, wie auch beim ersten Mal. Und auch als Erwachsener jeder für sich: Wo stehe ich, wie bin ich als Mutter von zwei Kindern? Wie kann ich meine eigenen Bedürfnisse in diese quirligen Leben noch unterbringen? Wo will ich hin in meinem Leben und was ist mir wichtig?

Morgen wird mein Sohn 1 Jahr alt. In diesem Jahr bin ich nochmal neu und anders Mutter geworden. Es war ein Jahr voller Freude und Lachen, aber auch mit vielen Tränen und der Sorge, nicht allen gerecht werden zu können. An manchen Tagen am Anfang dachte ich, dass ich niemals auch nur an ein drittes Kind denken werde, weil ich der Aufgabe mit zwei Kindern schon nicht gewachsen bin. Heute, nach nun fast einem Jahr, sieht es wieder anders aus. Ich habe mich wiedergefunden und meinen Weg als Mutter von zwei Kindern. Ich habe gelernt, einen neuen Alltag zu haben. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel gelacht, geweint und gekuschelt wie in diesem Jahr. Mit Abstand war es das verrückteste und aufregendste Jahr meines Lebens. – Und um nichts in der Welt würde ich es missen wollen.

 

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Ich hatte nie einen Supermodelkörper – Rückbildung mit und ohne Streifen und überhaupt

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Sind wir einmal ehrlich: Wer von uns hat den Körper eines Supermodels? Und welches Supermodel hat eigentlich einen solchen Körper, wenn es nicht gephotoshopt ist? Schließlich können wohl die wenigstens von uns sagen, dass sie wirklich mal ein Supermodel aus der Nähe gesehen haben. Warum also gehen wir Frauen ständig so hart mit uns zu Gericht? Und das ganz besonders nach der Geburt eines Babys. Da wird sehr kritisch die Rückbildung beäugt, ob denn hier und da die Fettpölsterchen wieder schmelzen und die „alte“ Form zurück bekommen wird. Wir haben Sorgen, dass wir nie wieder so aussehen werden wie früher. Ein Leben wie früher wird es aber sowieso nicht mehr geben. Mit dem Muttersein hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Es ist nicht mehr „wie früher“.
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Die Kiste – Abschied vom Kinderkriegen oder doch nicht?

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Nachdem meine Tochter im März 2009 geboren wurde, habe ich die allerschönsten Anziehsachen, wenn sie draus heraus gewachsen war, in eine Kiste gelegt. Im Laufe der Zeit kam eine weitere Kiste dazu, dann noch eine und noch eine… Kurz vor ihrem 3. Geburtstag dann stellten wir fest, dass ich wieder schwanger war. Eine Überraschung und auch eine Freude und natürlich kam auch der Gedanke: Was für ein Glück, dass ich so viele schöne Lieblingssachen aufgehoben habe! Und da wir für die Tochter vorwiegend neutrale Farben gekauft hatten, waren auch alle Dinge sohntauglich.
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Rezension: Das Buch der Weiblichkeit

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Joan Borysenko war Professorin für Biologie und Psychologie an der Harvard-Universität. In Ihrem Buch “Das Buch der Weiblichkeit. Der 7-Jahres-Rhythmus im Leben einer Frau” erklärt sie biologisch und psychologisch den weiblichen Lebensrhythmus bzw. die weibliche Entwicklung. Beginnend mit den ersten sieben Lebensjahren geht es dann in 7-Jahres-Schritten über die mittlere Kindheit, die Adoleszenz, das eigene Heim, die Lebenswende mit Dreißig, Heilung und Balance, die Metamorphose der Lebensmitte, Heilkräuter udn Hormontherapie, das Herz einer Frau, Töchter der Weisheit, Gaben des Wandels bis zum 77. bis 84. Lebensjahr mit der Lebensbilanz.
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