Monat: Mai 2021

Dein Blickwinkel und deine Worte sind entscheidend

Natürlich ist das Verhalten unserer Kinder auch manches Mal ganz schön anstrengend und sie tun Dinge, die wir nicht (sofort) verstehen. Natürlich stellen wir uns als Eltern tausende Fragen über die Entwicklung und das Verhalten unserer Kinder – das ist Teil unserer Fürsorge für unsere Kinder. Manchmal aber werden Eltern auch verunsichert – nicht nur durch zu viele oder falsche Informationen, sondern auch durch die Worte und Beschreibungen, die für kindliches Verhalten gewählt werden.

Worte prägen unser Denken

Die Worte, die wir oder andere für unsere Kinder oder für ihr Verhalten nutzen, prägen unser Denken, unsere Erwartungshaltung, unsere Gefühle. Ein deutliches Beispiel dafür ist der Begriff „Trotzphase“ gegenüber dem Begriff „Autonomiewunsch“. Wenn wir darüber sprechen, dass sich unser Kind in der „Trotzphase“ befindet bzw. „trotzt“, entsteht darüber ein inneres Bild in uns über die Absicht des Kindes: Es setzt sich zur Wehr gegen unseren Willen, es agiert absichtlich anders, um einen Machtkampf zu führen.

Stellen wir uns aber einen Moment vor, dieses Wort hätte es nicht in unseren Sprachgebrauch geschafft. Stellen wir uns vor, es wäre nicht vor Jahren angenommen worden, dass Kinder absichtlich handelten, sondern die Erkenntnisse der Hirnforschung wären schon früher bekannt gewesen bzw. Erwachsene hätten den Kindern kein absichtlich störendes, widerstrebendes Verhalten vorgeworfen: Dann würden wir vielleicht nicht davon sprechen, dass das Kind „Machtspiele“ spielen würde, sondern wir würden einfach annehmen, dass das Kind autonom agieren will, weil das Teil seiner ganz normalen Entwicklung ist. Wir würden sehen, dass das Kind selbständig sein will, lernen will. – Natürlich passieren dabei Fehler, manchmal glückt ein Vorhaben nicht, manchmal ist nicht genug Zeit vorhanden, um dieser Selbständigkeit nachzugehen. Aber unser Blick auf das Ansinnen des Kindes wäre ein ganz anderer, weshalb wir wahrscheinlich auch verständnisvoller reagieren würden. Wir würden uns durch ein natürliches Verhalten des Kindes nicht angegriffen fühlen in unserem Wesen, unserer Position. Wir würden verstehen, annehmen, begleiten. Wahrscheinlich wären wir auch ab und zu ein wenig genervt, aber ein negatives Verhalten könnte sich weniger schnell hochspielen, wenn wir nicht eine negative Grundhaltung einnehmen von Anfang an.

Unsere Erwartungen sind oft nicht richtig

Eng verbunden mit den unpassenden Worten sind die falschen Erwartungen. Auch sie speisen sich auch einer Geschichte der Kindheit, in der Kinder noch nicht als Kinder mit ihren eigenen Entwicklungsbedürfnissen gesehen wurden, sondern im Dienste der Erwachsenen standen, nicht stören und sich vorwiegend anpassen sollten. Diese Erwartungen betreffen beispielsweise das Schlafverhalten von Babys und Kleinkindern, die zeitliche Entwicklung der Ernährung, den Umgang mit Gefühlen.

Stellen wir uns beispielsweise vor, wir hätten noch nie davon gehört, dass Babys oder Kleinkinder allein in einem Zimmer einschlafen sollten und dass sie durchschlafen müssten. Stellen wir uns vor, wir würden das Verhalten des Kindes so, wie sich eben bei uns verhält, für normal empfinden und es nicht messen. Unser Blick wäre wahrscheinlich weniger auf die Defizite gerichtet, weniger negativ, was uns auch weniger in eine negative Spirale führen würde, zu versuchen, das Verhalten mit Druck zu ändern. Wahrscheinlich wären wir dennoch auch müde, manchmal genervt oder erschöpft. Aber wir würden mit ganz anderen Augen auf das Kind blicken. Die Professorin für Entwicklungspsychologie Prof. Dr. Heidi Keller hält fest (1999), dass Eltern aus Deutschland und Nordamerika erwarten, dass ihr Baby mit 4-5 Monaten die Nacht über durchschläft, während Eltern aus Costa Rica und Kamerun dies erst in einem Alter von 3,5 Jahren erwarten. – Entsprechend wird das eigentlich normale Schlafverhalten des Babys und Kleinkindes je nach Erwartungshaltung eher als Problem angesehen oder nicht.

Sich frei machen von Erwartungen und negativen Worten

Es kann unseren Alltag entspannen, wenn wir uns frei machen von Erwartungen und negativen Worten für Entwicklungsschritte oder Beschreibungen unserer Kinder. Kinder sind unterschiedlich, kommen mit unterschiedlichen Temperamenten und Bedürfnissenn zu uns, reagieren unterschiedlich und haben verschiedene Entwicklungszeitpläne für einzelne Entwicklungsbereiche wie Grobmotorik, Feinmotorik, Sprache etc. Selbst Geschwister können ganz verschieden sein im Ausdruck ihrer Gefühle, in ihrem Einfordern von Autonomie, in ihrem Gefühlsausdruck. Gestehen wir unseren Kindern diese Unterschiedlichkeit zu und befreien wir uns selbst von solchen Denkweisen und Worten. Damit entspannen wir unsere eigene Situation, helfen aber zugleich dabei, dass diese Worte und Denkweisen hoffentlich nach und nach aus unserer Gesellschaft verschwinden und Raum geben für die Individualität.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Entwicklung kindlicher Sexualitäten in der Baby- und Kleinkindzeit

Die Entwicklung von Sexualität von Kindern ist für viele Eltern ein schambehaftetes Thema, mit dem sie nicht so recht umzugehen wissen: Wann findet was statt und was ist „normal“? Oft ist der eigene schambehaftete Umgang mit dem Thema, der es mit Kindern zu einer Herausforderung werden lässt. Dabei ist die Sexualität ein menschliches Bedürfnis, das zur Entwicklung dazugehört. Wie in vielen anderen Bereichen unterscheidet sich auch die Entwicklung von Kind zu Kind und es gibt trotz ähnlicher Entwicklungsphasen nicht eine bestimmte Art, auf die alle Kinder mit Sexualität umgehen würden, weshalb es sinnvoller ist, von Sexualitäten zu sprechen, um der Verschiedenartigkeit Rechnung zu tragen und Offenheit zu ermöglichen.

Kindliche Sexualität ist anders

Viele Eltern und andere Erwachsene sind in Bezug auf die Entwicklung kindlicher Sexualitäten schambehaftet, da sie den kindlichen Umgang damit nicht kennen, da er in der eigenen Kindheit tabuisiert wurde („Da fässt man sich nicht an!“, „Davon kann man krank werden!“) und/oder weil sie einen Vergleich mit Erwachsenensexualität ziehen, die allerdings unangebracht ist. Die sexuelle Entwicklung von Kindern ist nicht auf zukünftige Handlungen ausgerichtet, sondern es geht vielmehr um ein spielerisches Erleben des Körpers, das vom Kind auch nicht als Sexualität wahrgenommen werden. Eine Interpretation aus Erwachsenensicht ist daher unpassend.

Von Anfang an

Schon das Baby erforscht mit Neugierde den eigenen Körper und manchmal zufällig auch die Genitalien und macht dabei sinnliche Erfahrungen. Schon bei Babys kann es zu einer Erektion oder dem Austritt von Vaginalflüssigkeit kommen. In der Kleinkindzeit werden sich Kinder dann ihres Körpers bewusster und nehmen körperliche Unterschiede wahr, womit sie auch ein Interesse am Körper anderer bekommen. Sie stimulieren sich in unterschiedlicher Weise selbst und entwickeln nach und nach ein Gefühl für ihre eigene Privatsphäre und die Schamgefühle anderer Menschen, auch über das Erlernen (sozialer) Regeln im Umgang mit dem Körper. Im Spiel mit anderen Kindern erforschen sie auch deren Körper und entwickeln nach und nach ein ausgeprägteres Schamgefühl.

Umgang mit Körpererkundung

Dass Kinder also ihren eigenen Körper erkunden und auch Interesse am spielerischen Erkunden mit anderen Kindern haben, ist normal. Es ist wichtig, ihnen hierfür die Möglichkeit in einem geschützten Raum zu geben. Auch die Selbststimulation ist ein Bereich der kindlichen Entwicklung, den Kinder durchlaufen. Wird dabei das Schamgefühl anderer verletzt, rät Ina-Maria Philipps, Dozentin für Sexualpädagogik, dazu, dem Kind Orte zur Verfügung zu stellen (pdf), an denen es sich erkunden kann, ohne die Schamgefühle anderer zu verletzen. Auch dies ist ein wichtiger Punkt des Lernens von sozialen Regeln. Auch eine freundliche, nicht beschämende Aufforderung, sich danach vor anderen Spielen die Hände zu säubern, erklärt sie für legitim.

Die gegenseitige Erkundung des Körpers unter Kindern ist normal und ein wichtiger Teil der Entwicklung, allerdings immer unter dem Aspekt der Selbstbestimmung.

S. Mierau (2021): Frei und unverbogen

In Bezug auf Körpererkundungsspiele zwischen Kindern ist es wichtig, zu thematisieren, dass sich alle daran beteiligten Kinder damit wohlfühlen müssen und kein Kind zu Handlungen oder Berührungen aufgefordert werden darf, mit denen es sich unwohl fühlt. Kinder, die hier im Spiel Übergriffe erleben, müssen geschützt werden und vermittelt bekommen, dass niemand über ihren Körper bestimmen darf. Und auf der anderen Seite benötigt auch das übergriffige Kind Aufklärung über die Bedeutung der Selbstbestimmung und Wahrnehmung von Signalen. Kommunikation über Körper und Körperlichkeit, auch unter Einsatz von beispielsweise passenden Medien wie altersentsprechenden Kinderbüchern über den menschlichen Körper und Aufklärung, ist für Kinder daher wichtig.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

„Ich will aber noch nicht nach Hause!“

Wohl die meisten Eltern kennen den Konflikt mit Kindern, wenn ein schöner Besuchstag woanders sich dem Ende zuneigt oder vom Spielplatz nach Hause aufgebrochen werden muss. Gelegentlich – und bei einigen Kindern sogar regelmäßig – kann es dann zu Konflikten kommen: „Ich will aber noch nicht nach Hause!“ Gar nicht so einfach. Und je mehr Zeit verstreicht oder wenn die Zeit ohnehin schon viel zu weit voran geschritten ist, steigt der Stresspegel, die Tonlage kann dann schärfer werden, das Verhalten ruppiger. Um dem vorzubeugen, können wir allerdings einige Punkte beachten.

Das Bedürfnis des Kindes verstehen

Ob nun zu Besuch woanders oder auf dem Spielplatz – das Kind ist vertieft in ein Spiel und hat Freude daran. Wird es nun aus dem Spiel herausgerissen oder muss es vorzeitig beenden, führt das zu Ärger und Frustration. Schließlich sind Spielsituationen auch Lernsituationen und machen Spaß: Nun soll es diesen Zustand verlassen, obwohl es mit der Erkundung und dem eigentlichen Ziel vielleicht noch nicht am Ende angekommen ist. Vielleicht war es im Spiel sogar in einem Zustand des Flow: Diesen Begriff prägte insbesondere der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi für das Gefühl der völligen Vertiefung und dem Aufgehen in eine Tätigkeit. Eine Art Weltvergessenheit, in der das Kind ganz in das Tun versinkt und Freude aus dem Tun heraus gewinnt, wobei sich das Zeitgefühl verändern kann. Wird es nun aus diesem Zustand herausgeholt, kann das zu Frustration führen. Je nach Temperament reagieren Kinder hier unterschiedlich stark mit Wut und Ärger. Dass Kinder also nicht nach den Wünschen der Eltern oder anderen begleitenden Personen von dem Spielzustand sofort in das Gehen übergehen, ist verständlich. Und auch, dass sie auf das abrupte Ende missgestimmt reagieren. Allerdings können die Bezugspersonen dafür sorgen, dass der Übergang weniger schnell, abrupt oder uninteressant ist.

Alternativen zu „Jetzt sofort!“

Wenn wir wissen, dass es für das Kind schwierig ist, sofort das Verhalten umzustellen, können wir uns daran anpassen: Eine gute Möglichkeit ist es, das Losgehen rechtzeitig anzukündigen, vielleicht auch in mehreren Zeitintervallen, je nach Alter des Kindes auch mit konkreten Zeitangaben oder alternativ mit einem „Wir müssen bald losgehen, ihr müsst langsam zum Ende kommen.“ Manchmal kann es auch sinnvoll sein, dann aufzubrechen, wenn das Kind ein Spiel gerade abgeschlossen hat, bevor es das nächste beginnt – auch wenn das zeitlich etwas zu früh ist. So vertieft es sich nicht in ein anderes Spiel, das dann unterbrochen werden muss. Auch das Verabschieden vom Spielplatz oder der anderen Wohnung kann eine gute Unterstützung sein: „Komm, wir sagen jetzt noch allen/den Spielgeräten tschüss und dann gehen wir.“ Der Nachhauseweg kann auch interessant sein und muss nicht langweilig erlebt werden: Vielleicht gibt es ein Spiel, das auf dem Weg gespielt werden kann (immer bis zu einem bestimmten Ziel rennen) oder ein aktuelles Lieblingslied, das gemeinsam gesungen werden kann. Vielleicht gibt es auch interessante Dinge, die gezählt werden können („Was glaubst du, wieviele Hunde wir auf dem Weg wohl sehen?“).

Wichtig ist vor allem: Generell genügend Zeit einzuplanen und rechtzeitig mit dem Abschied zu beginnen, denn Stress lässt uns weniger feinfühlig sein und wir neigen eher zu negativem Erziehungsverhalten unter Stress. Dieses setzt dann oft einen Kreislauf in Gang, da das Kind auf das negative Verhalten mit Gegenwehr reagiert und sich so ein Streit hochschaukeln kann.

Kinder, die immer wieder Schwierigkeiten damit haben loszugehen, können auch schon vor dem Ausflug vorbereitet werden, indem in Aussicht gestellt wird, was dann später nach dem Heimkehren zu Hause gemacht wird: „Jetzt gehen wir auf den Spielplatz und wenn wir dann nachmittags zurückkommen, lesen wir dein Lieblingsbuch zusammen.“ So hat das Kind schon ein positives Ziel vor Augen nach dem (Spielplatz-)besuch und der Abschied kann leichter fallen, wenn gewiss ist, dass Abschied nicht bedeutet, nicht mehr zu spielen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de