Monat: Mai 2021

„Mama/Papa, ich kann nicht mehr laufen!“

Noch eben ist das Kind munter auf dem Spielplatz umher gehüpft, aber als es darum geht, nach Hause zu gehen, kann es auf einmal nicht mehr laufen. Oder auf dem Weg von der Kita nach Hause zeigt sich auf einmal, dass nun wirklich kein Schritt mehr geht, obwohl doch am Tag zuvor ein viel längerer Spaziergang stattgefunden hat und offenbar auch allein bewältigt werden konnte? Ist es ein Machtspiel? Müssen wir Kinder überreden, zu laufen, damit sie ihre Muskeln stärken?

Es gibt einen Unterschied zwischen Toben und Laufen

Auch wenn Kleinkinder jeden Tag viel in Bewegung sind und wir Erwachsenen manches Mal überrascht sind von ihrer schier endlosen Energie, ist diese nicht unbegrenzt und vor allem nicht in allen Situationen gleichermaßen verfügbar. Denn für Kinder gibt es einen Unterschied darin, ob sie selbstgesteuert einer Bewegung oder Tätigkeit nachgehen, oder ob sie ihre Bewegung/Tätigkeit auf die Anforderungen einer anderen Person abstimmen müssen. Sich an den Wünschen einer anderen Person und/oder den Erfordernissen in einer Gesellschaft zu orientieren, ist für Kleinkinder herausfordernd. Wenn wir ihnen erklären, dass wir gemeinsam nach Hause gehen nach der Kita oder dem Spielplatz, müssen sie sich kognitiv darauf einstellen: sie müssen auf die Regeln des Straßenverkehrs achten, auf andere Passant*innen, sie dürfen nicht zu weit vorrennen oder zu weit zurück bleiben. All dies ist wesentlich anstrengender als das selbstgesteuerte Umherrennen auf dem Spielplatz oder das entspannte Laufen auf einem Spaziergang im Wald nach eigenem Tempo und ohne Regeln.

Das „Abhärten“ als Erziehungsmittel ist tief in uns verankert und begegnet uns immer wieder. Kinder sollen abgehärtet werden, damit sie mit den Herausforderungen des Lebens später besser zurechtkommen. Sie sollen körperlich abgehärtet werden, um den Herausforderungen der Umwelt zu trotzen. Wie wir aber aus der Resilienzforschung wissen, hilft in Bezug auf den Umgang mit belastenden Lebensumständen nicht, wenn Kinder schon früh Schwierigkeiten allein meistern müssen und schutzlos Problemen ausgeliefert werden.

Susanne Mierau „Frei und unverbogen“ S. 151

Es ist kein Machtspiel

Wenn unsere Kinder uns also sagen, dass sie wirklich nicht mehr laufen können, dann sollten wir diese Mitteilung nicht als Machtspiel betrachten. Sie wollen uns nicht ärgern oder austricksen. Wir sollten auch nicht in Versuchung geraten, sie dann gerade besonders zu fordern, um sie abzuhärten. Was sie brauchen, ist Verständnis für ihre Situation. Auch wenn sie es selbst noch nicht so formulieren können, sind sie erschöpft und/oder überfordert von den Anforderungen der Fortbewegung. Es ist deswegen sinnvoll, auf ihr Bedürfnis einzugehen. Manchmal kann es helfen, ein Spiel aus dem Weg zu machen: Lass uns bis zur nächsten Einfahrt hüpfen/schleichen/schlendern. Manchmal kann es auch helfen, in besonderer Weise in Verbindung zu gehen: „Wenn du magst, fass mich an und ich schicke dir Energie über meine Hand!“. Und manchmal hilft es einfach nur, sie eben auf den Arm zu nehmen, in eine Toddler-Trage oder in den Buggy – und ja, das können wir auch mit drei, vier oder fünfjährigen Kindern noch tun, wenn das gerade benötigt wird.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Was es bedeutet, „gut genug“ als Elternteil zu sein

Der Anspruch an Eltern, dass sie „perfekte Eltern“ sein müssten, ist nicht nur unrealistisch, sondern auch nicht sinnvoll. Dennoch haben viele Eltern das Gefühl, dass sie jederzeit pädagogische richtige Entscheidungen treffen, gute Spielpartner*innen und stets bei guter Laune sein müssten. Der Druck unserer Gesellschaft, alles richtig machen zu müssen, ist groß und oft werden Verhaltensweisen des Kindes, die dem kindlichen Temperament entspringen, zu Unrecht dem elterlichen Verhalten angelastet, was diesen Druck noch erhöht: Dein Kind benimmt sich „unartig“ in der Öffentlichkeit, dann hast du etwas in der Erziehung falsch gemacht! Dein Kind ist schüchtern, dann hast du etwas falsch gemacht! Dein Kind ist extrovertiert, dann hast du etwas falsch gemacht! – Erwartungen an angepasstes, durchschnittliches Verhalten von Kindern setzen Eltern an vielen Stellen unter Druck und stärken das Gefühl, Fehler zu machen.

Auch Fehler sind wichtig

Schon der britische Kinderpsychoanalytiker Donald W. Winnicott beschrieb (im Weltbild der damaligen Zeit auf Mütter bezogen), dass Babys keine „too good mothers“ benötigen, sondern vielmehr „good enough mothers“. Damit meinte er, dass es mit zunehmenden Alter der Babys immer wichtiger wird, dass diese auch ein gewisses Maß an Unzufriedenheit erleben, indem die Mütter beispielsweise im Laufe der Zeit weniger prompt auf das Quengeln des Babys reagieren, damit die Kinder einerseits Raum haben für die Ausbildung von Selbstregulation, aber auch dass Bedürfnisse etwas aufgeschoben werden können. Reagieren die Bezugspersonen beispielsweise im Spiel nicht sofort auf das Quengeln des Babys, weil dieses ein Spielzeug nicht erreichen kann, versucht das Baby vielleicht, dieses durch Bewegung selbst zu erreichen und ist glücklich und erlebt sich als selbstwirksam, wenn es das Ziel selbständig erreicht. Schafft es das nicht, wird das Baby deutlichere Signale zeigen, auf die die Bezugsperson dann reagieren kann. Wird jedoch immer gleich eingegriffen, wenn das Baby leiseste Anzeichen des Unbehagens zeigt und es gibt für die Selbständigkeit keinen Raum, erhält es nicht die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen, Fähigkeiten auszubauen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Es ist also gut, wenn wir diesen Perfektionsanspruch, immer sofort zur Stelle zu sein, nicht erfüllen.

Die Grundmelodie ist entscheidend

Was bedeutet es nun aber, Kinder „gut genug“ zu begleiten? Nicht nur Winnicott hat sich mit dieser Thematik beschäftigt, sondern auch nach ihm war dies immer wieder Thema wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Auch Bert Powell, Glen Cooper, Kent Hoffman und Bob Marvin, die das Konzept des „Kreis der Sicherheit“ entwickelt haben, haben sich damit beschäftigt, was es bedeutet „gut genug“ zu sein. Sie erklären, dass es für Babys und Kleinkinder wichtig ist, dass sie ein grundlegendes Vertrauen haben in ihre Eltern. Als Eltern können wir manchmal nicht die Bedürfnisse eines Kindes (sofort) erfüllen oder übersehen Signale. Manchmal sind wir zu müde, erschöpft, haben schlechte Laune, sind gestresst. Das Kind sollte aber das Gefühl verinnerlicht haben, dass es seine Bedürfnisse frei ausdrücken kann und sie normalerweise wahrscheinlich erfüllt werden, weil die Bezugsperson sie als „normal und akzeptabel“ ansieht. Sind wir gerade nicht in der Lage, ein solches geäußertes Bedürfnis zu beantworten und lehnen es ab, weiß das Kind aber durch vorangegangene Erfahrungen, dass die Bezugsperson, auch wenn sie jetzt gerade ablehnend/gestresst/erschöpft ist, später wieder zugewandt und bedürfnisorientiert sein wird und darum bemüht ist, die Situation wieder auszugleichen.

Auch aus Bindungssicht müssen Eltern nicht perfekt und unfehlbar sein. Aber es ist wichtig, dass wir insgesamt über die Zeit hinweg und in der Mehrheit der Situationen unseren Kindern vermitteln, dass sie von uns geliebt und respektiert werden und wir sie als ihre vertrauensvollen Bezugspersonen schützen und unterstützen.

Susanne Mierau (2021): Frei und unverbogen S.177

Es ist also nicht wichtig, dass wir jederzeit perfekt reagieren, sondern dass wir dem Kind ein Grundgefühl dafür mitgeben, dass es generell gesehen wird, dass wir es verstehen und versuchen, angemessen zu begleiten – und dass wir, wenn wir mal anders handeln, gut mit Konflikten und Fehlern umgehen, so dass das Kind sicher sein kann, dass unsere andere, zugewandte Art immer wieder zurückkommt.

„Gut genug“ meint daher nicht ganz bestimmte, konkrete Handlungen oder eine Art Lockerheit, das Leben zu betrachten oder mit der Umwelt zu interagieren. Es beschreibt nicht, was wir einkaufen oder als Spielmaterialien zur Verfügung stellen, sondern vielmehr die Grundlage unseres Handelns, immer wieder zur Bedürfnisorientierung zurückzukommen, auch wenn es mal schwierige Momente, Phasen, Zeiten gibt..

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2021): Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen. – Weinheim: Beltz.
Powell, Bert/Cooper, Glen/Hoffman, Kent/Marvin, Bob (2015): Der Kreis der Sicherheit. Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. – Lichtenau: Probst Verlag.
Ustorf, Anne-Ev (2012): Allererste Liebe: Wie Babys Glück und Gesundheit lernen. – Stuttgart: Klett-Cotta.
Winnicott, Donald w. (1999): Kind, Familie und Umwelt. – München: Reinhardt.

„Aber ich will das gerade jetzt so gerne!“ – Wenn Elternwünsche und Kinderwünsche auseinandergehen

Die meisten Eltern von Kleinkindern kennen jene Situation, in der sich ein Kind voller Freude einer Tätigkeit hingibt und darin aufgeht, die aber leider so nicht stattfinden kann. Auch wenn wir unseren Kindern viele Freiheiten geben, gibt es immer auch Grenzen des Handelns und soziale Regeln, die eingehalten werden sollen. Gerade im Spiel kleiner Kinder können solche Grenzen schnell erreicht werden, da sie die Folgen ihres Handelns noch nicht gut absehen können: Vielleicht wollen sie mit einem Glas in der Hand und noch wackeligen Laufkünsten losrennen, mit einem Gegenstand oder Fingern an der Steckdose spielen oder auf Möbel in der Wohnung viel zu hoch hinauf klettern: Was es auch sein mag – in jeder Familie gibt es Situationen, in denen dem kindlichen Handeln Einhalt geboten werden muss. Aber das Kind sieht die Situation ganz anders und reagiert nicht mit jenem Verständnis, mit dem wir die Situation beurteilen.

Wut durch Grenzen beim Kind

Grenzen sind wichtig und ergeben sich jeden Tag. Anhand der Grenzen lernen Kinder, wie sie mit anderen Dingen und Menschen umgehen können, wie wir uns in einer Gesellschaft verhalten. Dennoch ist das Kind ein Kind und kann mit Frustration in den ersten Jahren noch schwer umgehen. Spürt das Kind in seinem Handeln eine enorme Freude, spielt es ausgiebig und neugierig, gerät vielleicht sogar in einen Zustand des Flow und wird dann von einer Bezugsperson darin unterbrochen, ist es wütend, enttäuscht und verärgert. Die Wut bezieht sich einerseits darauf, die Situation beenden zu müssen, die gerade so Freude bereitet hat, aber auch auf das Verhalten der untersagenden Bezugsperson. Aber diese untersagende Person ist gerade in einer Situation, in der das Kind die eigenen Gefühle nicht allein gut verarbeiten kann, zugleich auch wichtig. Ein schwieriger Konflikt für das Kind: Ich bin wütend auf dich, gleichzeitig brauche ich dich jetzt.

Ambivalenz des Kindes aushalten

Für Eltern und Kind ist es nun wichtig, diese Ambivalenz des Kindes auszuhalten und zu begleiten: Als Eltern sollten wir Verständnis für die Lage des Kindes aufbringen und die Verärgerung des Kindes verstehen: Es ist verständlich und okay, dass du jetzt sauer bist. Gleichzeitig können wir aufgrund der Verärgerung des Kindes aber die Situation nicht verändern, nicht nachgeben, wenn es es eine Situation ist, in der eine Grenze wichtig und notwendig ist. Unsere Aufgabe ist es daher, das Gefühl der Verärgerung zu verstehen und zu begleiten.

Die Erwartungshaltung unserer Kinder steigt ins Unermessliche, wenn sie keine natürlichen Grenzen aufgezeigt bekommen, keine Grenzen spüren dürfen. sie lernen nicht, dass Konflikte Teil von Beziehungen sind und wie damit umzugehen ist, und wir enthalten ihnen wichtige Beziehungsaspekte vor, die sie für ihre Entwicklung brauchen.

Susanne Mierau „Frei und unverbogen“ S. 163

Vielleicht ist das Kind aktuell so wütend, dass es Nähe oder andere Beruhigungsangebote nicht annehmen kann. Hier können wir abwarten (das Kind und andere vor Verletzung schützen, wenn das durch die Verärgerung droht) und mit diesem Abwarten und eigener Ruhe vermitteln, dass wir präsent sind und zwar eine Sache nicht erlauben können, aber dennoch das Kind nicht ablehnen, weil es diese Sache machen/haben wollte. Ist das Kind wieder für Worte und Begleitung zugänglich, können wir es trösten und eventuell abschließend über die Situation sprechen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Dein Blickwinkel und deine Worte sind entscheidend

Natürlich ist das Verhalten unserer Kinder auch manches Mal ganz schön anstrengend und sie tun Dinge, die wir nicht (sofort) verstehen. Natürlich stellen wir uns als Eltern tausende Fragen über die Entwicklung und das Verhalten unserer Kinder – das ist Teil unserer Fürsorge für unsere Kinder. Manchmal aber werden Eltern auch verunsichert – nicht nur durch zu viele oder falsche Informationen, sondern auch durch die Worte und Beschreibungen, die für kindliches Verhalten gewählt werden.

Worte prägen unser Denken

Die Worte, die wir oder andere für unsere Kinder oder für ihr Verhalten nutzen, prägen unser Denken, unsere Erwartungshaltung, unsere Gefühle. Ein deutliches Beispiel dafür ist der Begriff „Trotzphase“ gegenüber dem Begriff „Autonomiewunsch“. Wenn wir darüber sprechen, dass sich unser Kind in der „Trotzphase“ befindet bzw. „trotzt“, entsteht darüber ein inneres Bild in uns über die Absicht des Kindes: Es setzt sich zur Wehr gegen unseren Willen, es agiert absichtlich anders, um einen Machtkampf zu führen.

Stellen wir uns aber einen Moment vor, dieses Wort hätte es nicht in unseren Sprachgebrauch geschafft. Stellen wir uns vor, es wäre nicht vor Jahren angenommen worden, dass Kinder absichtlich handelten, sondern die Erkenntnisse der Hirnforschung wären schon früher bekannt gewesen bzw. Erwachsene hätten den Kindern kein absichtlich störendes, widerstrebendes Verhalten vorgeworfen: Dann würden wir vielleicht nicht davon sprechen, dass das Kind „Machtspiele“ spielen würde, sondern wir würden einfach annehmen, dass das Kind autonom agieren will, weil das Teil seiner ganz normalen Entwicklung ist. Wir würden sehen, dass das Kind selbständig sein will, lernen will. – Natürlich passieren dabei Fehler, manchmal glückt ein Vorhaben nicht, manchmal ist nicht genug Zeit vorhanden, um dieser Selbständigkeit nachzugehen. Aber unser Blick auf das Ansinnen des Kindes wäre ein ganz anderer, weshalb wir wahrscheinlich auch verständnisvoller reagieren würden. Wir würden uns durch ein natürliches Verhalten des Kindes nicht angegriffen fühlen in unserem Wesen, unserer Position. Wir würden verstehen, annehmen, begleiten. Wahrscheinlich wären wir auch ab und zu ein wenig genervt, aber ein negatives Verhalten könnte sich weniger schnell hochspielen, wenn wir nicht eine negative Grundhaltung einnehmen von Anfang an.

Unsere Erwartungen sind oft nicht richtig

Eng verbunden mit den unpassenden Worten sind die falschen Erwartungen. Auch sie speisen sich auch einer Geschichte der Kindheit, in der Kinder noch nicht als Kinder mit ihren eigenen Entwicklungsbedürfnissen gesehen wurden, sondern im Dienste der Erwachsenen standen, nicht stören und sich vorwiegend anpassen sollten. Diese Erwartungen betreffen beispielsweise das Schlafverhalten von Babys und Kleinkindern, die zeitliche Entwicklung der Ernährung, den Umgang mit Gefühlen.

Stellen wir uns beispielsweise vor, wir hätten noch nie davon gehört, dass Babys oder Kleinkinder allein in einem Zimmer einschlafen sollten und dass sie durchschlafen müssten. Stellen wir uns vor, wir würden das Verhalten des Kindes so, wie sich eben bei uns verhält, für normal empfinden und es nicht messen. Unser Blick wäre wahrscheinlich weniger auf die Defizite gerichtet, weniger negativ, was uns auch weniger in eine negative Spirale führen würde, zu versuchen, das Verhalten mit Druck zu ändern. Wahrscheinlich wären wir dennoch auch müde, manchmal genervt oder erschöpft. Aber wir würden mit ganz anderen Augen auf das Kind blicken. Die Professorin für Entwicklungspsychologie Prof. Dr. Heidi Keller hält fest (1999), dass Eltern aus Deutschland und Nordamerika erwarten, dass ihr Baby mit 4-5 Monaten die Nacht über durchschläft, während Eltern aus Costa Rica und Kamerun dies erst in einem Alter von 3,5 Jahren erwarten. – Entsprechend wird das eigentlich normale Schlafverhalten des Babys und Kleinkindes je nach Erwartungshaltung eher als Problem angesehen oder nicht.

Sich frei machen von Erwartungen und negativen Worten

Es kann unseren Alltag entspannen, wenn wir uns frei machen von Erwartungen und negativen Worten für Entwicklungsschritte oder Beschreibungen unserer Kinder. Kinder sind unterschiedlich, kommen mit unterschiedlichen Temperamenten und Bedürfnissenn zu uns, reagieren unterschiedlich und haben verschiedene Entwicklungszeitpläne für einzelne Entwicklungsbereiche wie Grobmotorik, Feinmotorik, Sprache etc. Selbst Geschwister können ganz verschieden sein im Ausdruck ihrer Gefühle, in ihrem Einfordern von Autonomie, in ihrem Gefühlsausdruck. Gestehen wir unseren Kindern diese Unterschiedlichkeit zu und befreien wir uns selbst von solchen Denkweisen und Worten. Damit entspannen wir unsere eigene Situation, helfen aber zugleich dabei, dass diese Worte und Denkweisen hoffentlich nach und nach aus unserer Gesellschaft verschwinden und Raum geben für die Individualität.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Entwicklung kindlicher Sexualitäten in der Baby- und Kleinkindzeit

Die Entwicklung von Sexualität von Kindern ist für viele Eltern ein schambehaftetes Thema, mit dem sie nicht so recht umzugehen wissen: Wann findet was statt und was ist „normal“? Oft ist der eigene schambehaftete Umgang mit dem Thema, der es mit Kindern zu einer Herausforderung werden lässt. Dabei ist die Sexualität ein menschliches Bedürfnis, das zur Entwicklung dazugehört. Wie in vielen anderen Bereichen unterscheidet sich auch die Entwicklung von Kind zu Kind und es gibt trotz ähnlicher Entwicklungsphasen nicht eine bestimmte Art, auf die alle Kinder mit Sexualität umgehen würden, weshalb es sinnvoller ist, von Sexualitäten zu sprechen, um der Verschiedenartigkeit Rechnung zu tragen und Offenheit zu ermöglichen.

Kindliche Sexualität ist anders

Viele Eltern und andere Erwachsene sind in Bezug auf die Entwicklung kindlicher Sexualitäten schambehaftet, da sie den kindlichen Umgang damit nicht kennen, da er in der eigenen Kindheit tabuisiert wurde („Da fässt man sich nicht an!“, „Davon kann man krank werden!“) und/oder weil sie einen Vergleich mit Erwachsenensexualität ziehen, die allerdings unangebracht ist. Die sexuelle Entwicklung von Kindern ist nicht auf zukünftige Handlungen ausgerichtet, sondern es geht vielmehr um ein spielerisches Erleben des Körpers, das vom Kind auch nicht als Sexualität wahrgenommen werden. Eine Interpretation aus Erwachsenensicht ist daher unpassend.

Von Anfang an

Schon das Baby erforscht mit Neugierde den eigenen Körper und manchmal zufällig auch die Genitalien und macht dabei sinnliche Erfahrungen. Schon bei Babys kann es zu einer Erektion oder dem Austritt von Vaginalflüssigkeit kommen. In der Kleinkindzeit werden sich Kinder dann ihres Körpers bewusster und nehmen körperliche Unterschiede wahr, womit sie auch ein Interesse am Körper anderer bekommen. Sie stimulieren sich in unterschiedlicher Weise selbst und entwickeln nach und nach ein Gefühl für ihre eigene Privatsphäre und die Schamgefühle anderer Menschen, auch über das Erlernen (sozialer) Regeln im Umgang mit dem Körper. Im Spiel mit anderen Kindern erforschen sie auch deren Körper und entwickeln nach und nach ein ausgeprägteres Schamgefühl.

Umgang mit Körpererkundung

Dass Kinder also ihren eigenen Körper erkunden und auch Interesse am spielerischen Erkunden mit anderen Kindern haben, ist normal. Es ist wichtig, ihnen hierfür die Möglichkeit in einem geschützten Raum zu geben. Auch die Selbststimulation ist ein Bereich der kindlichen Entwicklung, den Kinder durchlaufen. Wird dabei das Schamgefühl anderer verletzt, rät Ina-Maria Philipps, Dozentin für Sexualpädagogik, dazu, dem Kind Orte zur Verfügung zu stellen (pdf), an denen es sich erkunden kann, ohne die Schamgefühle anderer zu verletzen. Auch dies ist ein wichtiger Punkt des Lernens von sozialen Regeln. Auch eine freundliche, nicht beschämende Aufforderung, sich danach vor anderen Spielen die Hände zu säubern, erklärt sie für legitim.

Die gegenseitige Erkundung des Körpers unter Kindern ist normal und ein wichtiger Teil der Entwicklung, allerdings immer unter dem Aspekt der Selbstbestimmung.

S. Mierau (2021): Frei und unverbogen

In Bezug auf Körpererkundungsspiele zwischen Kindern ist es wichtig, zu thematisieren, dass sich alle daran beteiligten Kinder damit wohlfühlen müssen und kein Kind zu Handlungen oder Berührungen aufgefordert werden darf, mit denen es sich unwohl fühlt. Kinder, die hier im Spiel Übergriffe erleben, müssen geschützt werden und vermittelt bekommen, dass niemand über ihren Körper bestimmen darf. Und auf der anderen Seite benötigt auch das übergriffige Kind Aufklärung über die Bedeutung der Selbstbestimmung und Wahrnehmung von Signalen. Kommunikation über Körper und Körperlichkeit, auch unter Einsatz von beispielsweise passenden Medien wie altersentsprechenden Kinderbüchern über den menschlichen Körper und Aufklärung, ist für Kinder daher wichtig.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

„Ich will aber noch nicht nach Hause!“

Wohl die meisten Eltern kennen den Konflikt mit Kindern, wenn ein schöner Besuchstag woanders sich dem Ende zuneigt oder vom Spielplatz nach Hause aufgebrochen werden muss. Gelegentlich – und bei einigen Kindern sogar regelmäßig – kann es dann zu Konflikten kommen: „Ich will aber noch nicht nach Hause!“ Gar nicht so einfach. Und je mehr Zeit verstreicht oder wenn die Zeit ohnehin schon viel zu weit voran geschritten ist, steigt der Stresspegel, die Tonlage kann dann schärfer werden, das Verhalten ruppiger. Um dem vorzubeugen, können wir allerdings einige Punkte beachten.

Das Bedürfnis des Kindes verstehen

Ob nun zu Besuch woanders oder auf dem Spielplatz – das Kind ist vertieft in ein Spiel und hat Freude daran. Wird es nun aus dem Spiel herausgerissen oder muss es vorzeitig beenden, führt das zu Ärger und Frustration. Schließlich sind Spielsituationen auch Lernsituationen und machen Spaß: Nun soll es diesen Zustand verlassen, obwohl es mit der Erkundung und dem eigentlichen Ziel vielleicht noch nicht am Ende angekommen ist. Vielleicht war es im Spiel sogar in einem Zustand des Flow: Diesen Begriff prägte insbesondere der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi für das Gefühl der völligen Vertiefung und dem Aufgehen in eine Tätigkeit. Eine Art Weltvergessenheit, in der das Kind ganz in das Tun versinkt und Freude aus dem Tun heraus gewinnt, wobei sich das Zeitgefühl verändern kann. Wird es nun aus diesem Zustand herausgeholt, kann das zu Frustration führen. Je nach Temperament reagieren Kinder hier unterschiedlich stark mit Wut und Ärger. Dass Kinder also nicht nach den Wünschen der Eltern oder anderen begleitenden Personen von dem Spielzustand sofort in das Gehen übergehen, ist verständlich. Und auch, dass sie auf das abrupte Ende missgestimmt reagieren. Allerdings können die Bezugspersonen dafür sorgen, dass der Übergang weniger schnell, abrupt oder uninteressant ist.

Alternativen zu „Jetzt sofort!“

Wenn wir wissen, dass es für das Kind schwierig ist, sofort das Verhalten umzustellen, können wir uns daran anpassen: Eine gute Möglichkeit ist es, das Losgehen rechtzeitig anzukündigen, vielleicht auch in mehreren Zeitintervallen, je nach Alter des Kindes auch mit konkreten Zeitangaben oder alternativ mit einem „Wir müssen bald losgehen, ihr müsst langsam zum Ende kommen.“ Manchmal kann es auch sinnvoll sein, dann aufzubrechen, wenn das Kind ein Spiel gerade abgeschlossen hat, bevor es das nächste beginnt – auch wenn das zeitlich etwas zu früh ist. So vertieft es sich nicht in ein anderes Spiel, das dann unterbrochen werden muss. Auch das Verabschieden vom Spielplatz oder der anderen Wohnung kann eine gute Unterstützung sein: „Komm, wir sagen jetzt noch allen/den Spielgeräten tschüss und dann gehen wir.“ Der Nachhauseweg kann auch interessant sein und muss nicht langweilig erlebt werden: Vielleicht gibt es ein Spiel, das auf dem Weg gespielt werden kann (immer bis zu einem bestimmten Ziel rennen) oder ein aktuelles Lieblingslied, das gemeinsam gesungen werden kann. Vielleicht gibt es auch interessante Dinge, die gezählt werden können („Was glaubst du, wieviele Hunde wir auf dem Weg wohl sehen?“).

Wichtig ist vor allem: Generell genügend Zeit einzuplanen und rechtzeitig mit dem Abschied zu beginnen, denn Stress lässt uns weniger feinfühlig sein und wir neigen eher zu negativem Erziehungsverhalten unter Stress. Dieses setzt dann oft einen Kreislauf in Gang, da das Kind auf das negative Verhalten mit Gegenwehr reagiert und sich so ein Streit hochschaukeln kann.

Kinder, die immer wieder Schwierigkeiten damit haben loszugehen, können auch schon vor dem Ausflug vorbereitet werden, indem in Aussicht gestellt wird, was dann später nach dem Heimkehren zu Hause gemacht wird: „Jetzt gehen wir auf den Spielplatz und wenn wir dann nachmittags zurückkommen, lesen wir dein Lieblingsbuch zusammen.“ So hat das Kind schon ein positives Ziel vor Augen nach dem (Spielplatz-)besuch und der Abschied kann leichter fallen, wenn gewiss ist, dass Abschied nicht bedeutet, nicht mehr zu spielen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de