„Ich will aber noch nicht nach Hause!“

Wohl die meisten Eltern kennen den Konflikt mit Kindern, wenn ein schöner Besuchstag woanders sich dem Ende zuneigt oder vom Spielplatz nach Hause aufgebrochen werden muss. Gelegentlich – und bei einigen Kindern sogar regelmäßig – kann es dann zu Konflikten kommen: „Ich will aber noch nicht nach Hause!“ Gar nicht so einfach. Und je mehr Zeit verstreicht oder wenn die Zeit ohnehin schon viel zu weit voran geschritten ist, steigt der Stresspegel, die Tonlage kann dann schärfer werden, das Verhalten ruppiger. Um dem vorzubeugen, können wir allerdings einige Punkte beachten.

Das Bedürfnis des Kindes verstehen

Ob nun zu Besuch woanders oder auf dem Spielplatz – das Kind ist vertieft in ein Spiel und hat Freude daran. Wird es nun aus dem Spiel herausgerissen oder muss es vorzeitig beenden, führt das zu Ärger und Frustration. Schließlich sind Spielsituationen auch Lernsituationen und machen Spaß: Nun soll es diesen Zustand verlassen, obwohl es mit der Erkundung und dem eigentlichen Ziel vielleicht noch nicht am Ende angekommen ist. Vielleicht war es im Spiel sogar in einem Zustand des Flow: Diesen Begriff prägte insbesondere der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi für das Gefühl der völligen Vertiefung und dem Aufgehen in eine Tätigkeit. Eine Art Weltvergessenheit, in der das Kind ganz in das Tun versinkt und Freude aus dem Tun heraus gewinnt, wobei sich das Zeitgefühl verändern kann. Wird es nun aus diesem Zustand herausgeholt, kann das zu Frustration führen. Je nach Temperament reagieren Kinder hier unterschiedlich stark mit Wut und Ärger. Dass Kinder also nicht nach den Wünschen der Eltern oder anderen begleitenden Personen von dem Spielzustand sofort in das Gehen übergehen, ist verständlich. Und auch, dass sie auf das abrupte Ende missgestimmt reagieren. Allerdings können die Bezugspersonen dafür sorgen, dass der Übergang weniger schnell, abrupt oder uninteressant ist.

Alternativen zu „Jetzt sofort!“

Wenn wir wissen, dass es für das Kind schwierig ist, sofort das Verhalten umzustellen, können wir uns daran anpassen: Eine gute Möglichkeit ist es, das Losgehen rechtzeitig anzukündigen, vielleicht auch in mehreren Zeitintervallen, je nach Alter des Kindes auch mit konkreten Zeitangaben oder alternativ mit einem „Wir müssen bald losgehen, ihr müsst langsam zum Ende kommen.“ Manchmal kann es auch sinnvoll sein, dann aufzubrechen, wenn das Kind ein Spiel gerade abgeschlossen hat, bevor es das nächste beginnt – auch wenn das zeitlich etwas zu früh ist. So vertieft es sich nicht in ein anderes Spiel, das dann unterbrochen werden muss. Auch das Verabschieden vom Spielplatz oder der anderen Wohnung kann eine gute Unterstützung sein: „Komm, wir sagen jetzt noch allen/den Spielgeräten tschüss und dann gehen wir.“ Der Nachhauseweg kann auch interessant sein und muss nicht langweilig erlebt werden: Vielleicht gibt es ein Spiel, das auf dem Weg gespielt werden kann (immer bis zu einem bestimmten Ziel rennen) oder ein aktuelles Lieblingslied, das gemeinsam gesungen werden kann. Vielleicht gibt es auch interessante Dinge, die gezählt werden können („Was glaubst du, wieviele Hunde wir auf dem Weg wohl sehen?“).

Wichtig ist vor allem: Generell genügend Zeit einzuplanen und rechtzeitig mit dem Abschied zu beginnen, denn Stress lässt uns weniger feinfühlig sein und wir neigen eher zu negativem Erziehungsverhalten unter Stress. Dieses setzt dann oft einen Kreislauf in Gang, da das Kind auf das negative Verhalten mit Gegenwehr reagiert und sich so ein Streit hochschaukeln kann.

Kinder, die immer wieder Schwierigkeiten damit haben loszugehen, können auch schon vor dem Ausflug vorbereitet werden, indem in Aussicht gestellt wird, was dann später nach dem Heimkehren zu Hause gemacht wird: „Jetzt gehen wir auf den Spielplatz und wenn wir dann nachmittags zurückkommen, lesen wir dein Lieblingsbuch zusammen.“ So hat das Kind schon ein positives Ziel vor Augen nach dem (Spielplatz-)besuch und der Abschied kann leichter fallen, wenn gewiss ist, dass Abschied nicht bedeutet, nicht mehr zu spielen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

6 Kommentare

  1. SabineMausG

    Hallo Susanne,
    danke für diesen Text.
    Meiner Tochter fallen Übergänge sehr schwer, inzwischen schaffen wir das aber gut, wenn ich oder mein Mann dabei bin, eben mit den Tipps von oben.
    Was ist aber wenn sie alleine irgendwo ist? Neulich habe ich sie bei meiner Mutter abgeholt, ich war leider in Eile und es gab nicht genug Zeit für Ankündigung und Warten. Ich habe sie verstanden, so oft ist sie in der aktuellen Situation nicht bei meiner Mutter, habe ich auch entsprechend kommuniziert.
    Ich hätte vielleicht meiner Mutter eine Nachricht schicken können, dass ich jetzt unterwegs bin und sie sie drauf vorbereitet hätte. Aber gibt es vielleicht noch irgendwas? Die Uhr lesen kann sie noch nicht (außer „wenn der große Zeiger oben ist“).

    Viele Grüße,
    Sabine

  2. Barbara T

    Danke für die Tipps. Bei meinem Sohn (6) ist das ein grosses Problem. Vor allem das Abholen aus dem Tageskindergarten am Nachmittag. Es gibt kein fixes Ende oder feste Abholzeit. Zwischen 14 und 16h werden alle irgendwann abgeholt. Ich kann ihn auf mein Kommen und Abholen nicht vorbereiten, ich kann dort aber auch nicht lange warten und ihn ausspielen lassen. Sobald er mich kommen sieht, wird er wütend, noch bevor ich ihm etwas in Aussicht stellen kann oder ihn erinnern könnte, was wir danach dann noch gemeinsam schönes machen können. Fühle mich da echt ganz schlecht dabei…

    • Vielleicht könnt ihr morgens schon darüber sprechen, was nach dem Abholen gemacht wird? Gerade das Abholen oder Bringen ist ja für Kinder auch manchmal anstrengend nicht nur wegen Beendigung, sondern auch weil sie von einer Bezugsperson (Erzieher*in) auf eine andere (Elternteil) umschwänken müssen.

    • Kerstin

      Vielleicht können die Erzieher schon mal darauf hinweisen, dass die Mama in 10min zum Abholen da sein wird…

  3. Silke Seibel

    Eines meiner Tageskinder( Mädchen 23 Monate) ist die letzte Stunde immer alleine mit mir und genießt die 1:1 Betreuung. Es gab täglich Gebrüll und Gemotze, wenn ihre Mama kam. Nun „winkt“ ihr immer die Puppe am Fenster und sie lässt sich ruck zuck anziehen um rauszugehen, ans Auto um die Puppe zu sehen. Meine Kleinen Jungs gehen über die Terrasse hinten rum ums Haus „den geheimen Weg“ und finden das cool… Man muss sich immer etwas einfallen lassen ?

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