Liebevolle und verantwortungsvolle Beikosteinführung und -begleitung – So geht es!

Mittlerweile kennen sehr viele Menschen die Stillempfehlungen der WHO*, dass empfohlen wird, Babys nach der Geburt sechs Monate (180 Tage) lang ausschließlich zu stillen, d.h. ohne weitere Speisen und Getränke außer Muttermilch zu ernähren. Die Empfehlungen der WHO gehen aber noch weiter und beziehen sich nicht nur darauf, dass ein Weiterstillen nach Bedarf bis zum Alter von 2 Jahren und darüber hinaus solange Mutter und Kind dies wollen, empfohlen wird, sondern beziehen sich auch ganz konkret auf die Gestaltung von Esssituationen und Beikost – und diese Empfehlungen sind natürlich unabhängig von Muttermilchernährung oder nicht.

Liebevoll und bedarfsgerecht Beikost einführen

Bei der Einführung von Beikost und am Familientisch kommt es nicht nur darauf an, was das Kind als Nahrung erhält, sondern besonders auch auf die Rahmenbedingungen: wie, wann, wo und von wem wird das Kind auf welche Weise gefüttert bzw. beim Essen begleitet? Essen ist mehr als „nur“ Nahrungsaufnahme – genau darauf geht die WHO auch ein.

Kinder sollten direkt von den erwachsenen Personen gefüttert werden, in einem direkten Kontakt bzw. beim selbständigen Essen unterstützt werden, wobei die Anzeichen von Hunger und Sättigung beachtet werden sollen: Ist das Kind satt, ist es satt. Möchte es mehr essen, bekommt es mehr. Kinder verfügen bereits über ein Sättigungsgefühl und es ist gut, wenn sie aus gesunden Nahrungsmitteln selbst entscheiden können. So wie Stillen nach Bedarf angeboten wird, wird auch andere Nahrung nach Bedarf angeboten.

Wichtig ist auch: Wenn Kinder gefüttert werden, sollte das langsam und geduldig erfolgen. Kinder müssen nicht zum Essen ausgetrickst werden und sollten nicht gezwungen werden. Sie erkunden mit allen Sinnen die Nahrungsmittel und manchmal braucht das auch einfach Zeit: Hier wird im Mund befühlt, geschmeckt und es wird berochen. Als Eltern sollten wir die Geduld mitbringen, diese Neugierde des Kindes nicht nur zu tolerieren, sondern wertzuschätzen. Wenn das Kind nicht mehr essen möchte, möchte es nicht mehr essen. Weder übergriffige Körperhaltungen, um das Kind zu zwingen (Arm des Kindes hinter den eigenen Rücken legen und anderen Arm festhalten) noch andere Zwangsmaßnahmen sind angebracht.

Es kommt immer mal wieder vor, dass Kinder Phasen haben, in denen sie mehrere oder einige Nahrungsmittel ablehnen oder gerade weniger essen. Es ist gut und wichtig, Kindern die mögliche Vielfalt vorzustellen und auch die Nahrungsmittel, die zunächst abgelehnt werden, immer mal wieder anzubieten. Manchmal macht auch die Kombination verschiedener Nahrungsmittel einen Unterschied oder die Konsistenz der Speise: Kartoffeln können gekocht, als Brei, als Sticks gebacken, als Suppe, als Brei mit Karotten… angeboten werden. Auch der Einsatz von Kräutern kann manchmal an der Akzeptanz etwas ändern. Vielleicht macht es dem Kind auch wirklich eine Freude, wenn das Brot einmal in Herzchenform angeboten wird.

Die Essenszeit ist eine besondere Zeit des Miteinanders, auch ein sozialer Moment. Gerade dann, wenn Kinder eine Phase haben, in der so viele andere Dinge spannender sind als das Essen, empfiehlt es sich, entspannte und ruhige Esssituationen ohne Ablenkung zu gestalten. – Dies bedeutet nicht nur, dass das Kind nicht durch Spielzeug auf dem Tisch abgelenkt werden könnte, sondern auch dass wir Erwachsenen nicht abgelenkt sind durch Zeitungen, Handy oder anderes.

Esssituationen und Füttersituationen sind Situationen des Lernens und des liebevollen Miteinanders. Es sind soziale Situationen, in denen wir miteinander sprechen und Augenkontakt herstellen.

All diese Punkte sollten wir Berücksichtigen, wenn wir Esssituationen mit Kindern gestalten. Aber vor allem ist auch Entspannung wichtig: Kinder kommen mit ihrem eigenen Tempo zu uns und sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten reif für die Beikost. Wichtig ist, das eigene Kind in seinen Bedürfnissen wahr zu nehmen, es zu begleiten und den gemeinsamen Weg gut zusammen zu gehen auf Basis von Vertrauen.

Wenn sich tatsächliche Probleme ergeben im Füttern oder in der Beikosteinführung, wenn Kinder Essen lange Zeit strikt ablehnen oder gar abnehmen, sollten Eltern frühzeitig weitere Beratung einholen, um früh einen anderen Weg einschlagen zu können. Hebammen, Stillberaterinnen oder -begleiterinnen und Familienbegleiter*innen können in solchen Situationen erste Ansprechpartner*innen sein.

Eure

 

* http://www.who.int/nutrition/publications/guiding_principles_compfeeding_breastfed.pdf

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Stillberaterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

4 Kommentare

  1. Liebe Susanne, deine Worte klingen so logisch und natürlich. Und doch sorgen die klassischen Empfehlungen aus der Schulmedizin dafür, dass ich beim zweiten Kind genauso verunsichert bin wie schon beim ersten, auch wenn unser Großer damals schon nicht nach irgendwelchen Breiplänen gefüttert wurde. Ich habe aber das Gefühl, dass der Druck mit der Beikost noch größer geworden ist und noch schneller mit der Mangel-Keule geschwungen wird als früher. Total absurd. Wieso werden Kinderärzte nicht darin geschult, dass es Alternativen zum klassischen Brei ab dem 4. Monat gibt? Und zum Thema Beikostreife? Und zum Thema Stillen/Eisenmangel etc? Eine liebevolle und kindgesteuerte Beikost wird massenweise ignoriert, wohl auch wegen der weitläufigen Meinung, man kann seinem Kind löffelweise Brei in den Mund stopfen, um dann schnell abstillen zu können, auch wenn das Kind offensichtlich weder dazu bereit ist noch Lust hat (auf den Brei!). Und wenn ich das für mich und meine Tochter hinterfrage, sie wählen lasse, zugestehe nur kleine Mengen zu probieren, zu schmecken und zu befühlen, bekomme ich vom Kinderarzt in unser U-Heft eine Notiz reingekritzelt „Beikoststart schwierig“. Das fühlt sich so unfair an und zeigt, wie viel Nachholbedarf wir beim Thema Beratung zu Beikost in Deutschland haben. Woher bekommt man dieses Poster/Plakat zu „Essen mit Kindern“ auf dem Foto? Ich würde es so gern zu uns in die Küche hängen, um uns daran zu erinnern, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mach weiter so! Deine Arbeit ist so wichtig. LG aus Frankfurt am Main

    • Liebe Esther,
      das Bild habe ich zusammen mit Nadine von http://sketchnote-love.com entwickelt und bald wird es das Bild als Karte und Poster im Shop geben.

      Aber zu Deiner anderen Frage: Ja, das ist ein schwieriges Thema und liegt sicherlich auch daran, welche Weiterbildungen Kinderärzt*innen besuchen, wenn sie welche besuchen. Ich glaube, es gibt mittlerweile auch eine ganze Reihe toller Kinderärzt*innen, aber es gibt eben auch solche, die Weiterbildungen nur bei den namenhaften Beikostgläschenherstellern besuchen…

  2. Bei mir ist es genau umgekehrt. Mein zweiter Sohn hat (anders als mein erster) bereits vor dem 4. Monat massiv nach Probierhappen verlangt und ist fast ausgerastet, wenn er nicht von unserem Essen kosten durfte. Soll ich ihm das nun verweigern bis er 6 Monate alt ist und ihn deswegen weinen lassen? Wir haben uns dazu entschieden, ganz auf ihn zu hören. Nun (inzwischen 5 Monate alt) lutscht er begeistert an Obst, Gemüse und Brot, was wir auch essen und futtert genüsslich ein halbes Gläschen Karotten-/Pastinaken-/Fruchtbrei täglich. Überhaupt keine Verdauungsprobleme. Die Kinderärztin war nicht begeistert und hat auf die WHO-Empfehlung gepocht, obwohl er ja ansonsten trotzdem voll gestillt wird. Unser erster Sohn hingegen hat die ersten 6 Monate alles ausser Muttermilch abgelehnt und das haben wir ebenfalls respektiert und da ganz auf ihn gehört. Essen war bei uns nie Kampf sondern immer Genuss. Ich will damit nur sagen – „Breikoststart-Zeiten“ können nur Richtungsweiser, keine Startpunkte sein. Am Ende entscheidet das Kind, wann es bereit ist und kommuniziert dies auch recht deutlich.

    • Liebe Anna, für den Beikoststart sollten ja wie Du schreibst die Beikostreifezeichen erfüllt sein wie dass das Kind Nahrung selbständig aufnehmen kann, mit Unterstützung sitzen kann, signalisieren kann, wenn es satt ist, Essen mit dem Mund transportieren kann,… Wenn das stimmt (und nicht nur „Interesse an Nahrung“), dann ist das doch wunderbar.

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