Was willst du mit Strafen bezwecken? – Ein Perspektivwechsel

„Jetzt hast du wieder nicht aufgeräumt, deswegen wird heute nicht ferngesehen!“, „Du sollst dem anderen Kind nicht immer das Spielzeug wegnehmen, jetzt gehen wir deswegen nach Hause!“, „Du hast mich angelogen, heute gibt es keinen Nachtisch!“ – Solche und ähnliche Sätze sind noch immer häufig verbreitet in Familien: Wenn wir verleitet sind, bestrafen zu wollen, haben wir meistens einen Impuls, dass ein bestimmtes Verhalten des Kindes „abgestellt“ werden soll. Vielleicht sind wir extrem verärgert, vielleicht reiht sich das Verhalten des Kindes in eine lange Reihe anstrengender Situationen des Tages ein und ist nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Warum geht es hier eigentlich? Das Bedürfnis hinter DEINEM Handeln erkennen

In der bedürfnisorientierten Elternschaft geht es oft darum, das Bedürfnis des Kindes hinter dem Verhalten zu erkennen. Aber nicht weniger wichtig ist es, das Bedürfnis hinter dem Verhalten von Erwachsenen zu erkennen, gerade in solchen schwierigen Situationen. Abgesehen davon, dass Strafen für Kinder weder sinnvoll noch gut sind, können wir auch einmal in uns selbst hinein hören: Worum geht es hier eigentlich?

Meistens steht hinter unserem Handeln auch ein Bedürfnis: Meistens geht es nicht „nur“ um das „Abstellen“ einer Handlung, sondern auch um das, was bei uns hinter dem Gefühl der Wut oder Enttäuschung steht: ein Bedürfnis. Das Kind erfüllt mit seinem Handeln einen bestimmten Wert nicht, der uns wichtig ist. Wird nicht aufgeräumt, fühlen wir uns vielleicht nicht ausreichend gesehen in unserer eigenen Überlastung, uns fehlt Wertschätzung für das, was wir als Eltern ständig leisten. Streitet sich das Kind mit einem anderen, haben wir vielleicht das Gefühl, dass das Kind zu wenig Empathie zeigt. Und wenn es uns anlügt, sind wir enttäuscht von der fehlenden Ehrlichkeit des Kindes.

Strafen helfen nicht, um Werte zu vermitteln

Damit wird – wieder unabhängig davon, dass das Kind durch Strafen nicht nachhaltig lernt – auch für uns klar, dass wir ganz persönlich auch mit einer Strafe nicht das Ziel erreichen, um das es uns eigentlich geht: Wir können Wertschätzung, Achtsamkeit, Empathie nicht durch Strafen erzwingen oder bewirken. Wir vermitteln durch eine Strafe nicht den Wert, um den es uns eigentlich geht.

Für beide – Eltern und Kinder – ist deswegen wichtig, dass wir dem wahren Bedürfnis hinterher spüren und dann nachhaltige Problemlösungsstrategien entwickeln und gemeinsam reflektieren, warum etwas passiert ist und wie das anders geregelt werden kann. In Konfliktsituationen lohnt es sich, als erwachsene Person sich erst einmal kurz selbst zu beruhigen und dann zu überlegen: Worum geht es meinem Kind in dieser Situation gerade wirklich? Welches Bedürfnis leitet das Handeln meines Kindes? Und dann zu ergründen, was wir uns eigentlich wünschen in dieser Situation. Mit diesem Wissen können wir dann dem Konflikt begegnen.

Wir können erklären: „Du hattest keine Lust aufzuräumen, weil du so ins Spiel vertieft warst, aber für mich ist es anstrengend, immer alles allein machen zu müssen. Komm, wir räumen zusammen auf und schauen nochmal, wo alles hingeräumt werden kann.“ oder „Du möchtest auch mit so einer großen Schaufel spielen. Leider haben wir nur die kleine Schaufel bei, lass uns probieren, damit auch so tief zu graben. Das Kind möchte mit seinem Spielzeug selbst spielen und darauf sollten wir Rücksicht nehmen, wenn es nicht teilen möchte.“ oder „Du hast mich angelogen, weil du Angst hattest, ich würde mit dir schimpfen. Das ist schade, lass uns lieber zusammen eine Lösung finden für das Problem.“

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir Schwierigkeiten begegnen können jenseits von Strafen, damit wir einerseits unsere Werte vermitteln können und andererseits die Kinder wirklich etwas aus der Situation lernen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

4 Kommentare

  1. Saskia Mattern

    Hallo!
    Unser Kind ist schon 3,5 Jahre alt, aber nimmt immer noch ALLES in den Mund. Wir reden und reden, erklären, dass es gefährlich ist, dass Sachen kaputt gehen…. es interessiert sie gar nicht mehr…..Natürlich schauen wir dass nichts richtig gefährliches rumliegt, aber sie kann ja auch nicht nur mit Babyspielzeug spielen. Vor kurzem war ich so wütend als Mal wieder etwas im Mund war, dass ich dieses Spielzeug in den Müll geworfen und gedroht, das mit allem zu machen , was sie in den Mund nimmt. Danach war es wirklich ein paar Tage besser, also scheint sie es doch kontrollieren zu können????Ich will nicht strafen aber andererseits ist das Verhalten ja wirklich gefährlich und im KiGa wurde sie auch schon dafür gehänselt und Kinder wollten z.B. kein Brettspiel mit ihr machen weil der Würfel im Mund war etc…..hast du einen Tipp? Ihre Ergo sagte schon lange ich soll sie dafür bestrafen indem ich alles wegnehme was im Mund landet aber ich will das eg wirklich nicht….

    • Mein erster Impuls bei Deinem Bericht war die Überlegung, woher das Verhalten kommt und ob eine Abklärung sinnvoll wäre. Ihr seid ja bereits in Ergotherapie, daher nehme ich an, dass es eine Diagnose gibt, die dorthin führt. Aus der Ferne ist das nicht wirklich zu beurteilen, aber wenn sie so einen starkes Bedürfnis hat, ist eben wichtig, genau zu überprüfen, woher es kommt: Beruhigungssaugen? War es ein Frühchen… Da gibt es viel in der Anamnese zu klären. Und dann kann man schauen, wie man vorgeht: Ob es bestimmte Sachen gibt, die sie nutzen kann, wenn es zum Beispiel um Beruhigung geht wie ein Schnuffeltuch oder und dann eben diese Dinge in den Vordergrund zu stellen und als Alternative anzubieten. Aber wie gesagt: Das sind nur Ideen, es braucht für die Klärung eigentlich eine ausführliche Diagnostik.

  2. Hallo! Vielen Dank für die schnelle Antwort !! Ja sie war tatsächlich ein Frühchen. Sie war als Baby sehr viel im Tragetuch und sucht immer noch viel Körperkontakt. In Ergo sind wir wegen Frustrationstoleranz, Konzentration, Tonusregulation , Kraftdosierung etc. Sie brauchte als Baby selten einen Schnuller, dieses Bedürfnis kam erst später….. Mit Umlenken hatten wir bisher immer nur kurze Erfolge , nach einiger Zeit nahm sie Tücher, Fühlsteine etc. dann auch wieder nur in den Mund. Es ist schon eine Art Stressbewältigung (positiv und negativ),wobei kleinste Auslöser reichen.Sie scheint jegliche Reize auch sehr stark wahrzunehmen. Ich habe so ein bisschen die Hoffnung dass sie einfach mit dem Alter etwas mehr Resilienz ggü „Stress“ entwickelt und es sich dann erledigt? Hälst du das auch für realistisch? Oder wäre es schon jetzt sehr wichtig es zu unterbrechen damit es sich nicht so verfestigt? Vielen Dank nochmal 🙂 🙂

    • In diesem Alter haben ja viele Kinder saugen/nuckeln ja viele Kinder noch zur Beruhigun, das ist gar nicht so ungewöhnlich. Wichtig ist natürlich, da auf Gefahren zu achten und deswegen kann es auch hilfreich sein, da nach einer guten Alternative zu sehen anstatt dass alles in den Mund genommen wird. Aber meistens entwickelt sich das dann über die Zeit mit etwas Unterstützung zu anderen Strategien hin.

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