Ich will das anders machen! Kleinkindbedürfnisse verstehen

Du sagst: „Nein, ich will das nicht anziehen!“. Ich höre: „Nein, ich habe keine Lust, lass mich in Ruhe.“ Du meinst aber: „Ich will DAS nicht anziehen, ich will es alleine machen!“. Du sagst: „Ich will das nicht essen.“ Ich denke: „Das schmeckt dem Kind also auch wieder nicht!“ Du meinst: „Ich will selber entscheiden, was ich zu mir nehme.“ Diese Beispiele lassen sich scheinbar endlich fortführen – gerade mit Kleinkindern.

Kommunikationsprobleme mit Kleinkindern

Die Kleinkindphase ist eine Zeit, in der wir oft ein wenig aneinander vorbei kommunizieren: Da ist das Kind, das einen Wunsch zum Ausdruck bringt oder eine Ablehnung, hinter der ein Bedürfnis steht. Und da sind wir Erwachsenen, die diese Äußerung aus unserer Erwachsenperspektive sehen und bewerten. – Nur übersehen wir dabei häufig, dass ein „Nein“ des Kindes nicht zwangsweise ein absolutes Nein zu der Situation ist, sondern ein Nein zu unserer erwachsenen Idee zur Lösung eines Sachverhalts.

Kinder wollen ins Leben wachsen

Was Kinder – gerade in dieser Zeit – wollen, ist, in das Leben hinein zu wachsen. Das ist ihr Plan, ihre Aufgabe in dem, was wir Kindheit nennen. Sie wachsen in das Leben hinein und lernen das Leben, die Welt, die Menschen kennen. Und dies schaffen sie nur, indem sie sich aktiv mit der Welt auseinander setzen und auch auseinander setzen dürfen. Sie brauchen den Freiraum, Erfahrungen zu machen, Dinge zu lernen – und auch Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Wenn unsere Kinder größer werden, fordern sie dieses Lernen und Teilhaben ganz aktiv ein. In der Babyzeit gelingt es uns noch oft, sie abzulenken, unsere Pläne durchzusetzen. Von Vorteil ist es, wenn wir schon in dieser Zeit damit beginnen, das Kind teilhaben zu lassen: Bei der Pflege, wenn es sich selbst abwischen darf, beim Essen, wenn es sich selbst füttern kann, beim Anziehen, wenn wir es auffordern, den Fuß zu heben, damit wir den Strumpf darüber ziehen können. Kinder sind von Anfang an daran interessiert, mitzuwirken, uns – neben dem Bestreben nach Selbstwirksamkeit – entgegen zu kommen.

„Oft bedeutet der Alltag mit einem Kind in der Autonomiephase eine Abkehr von den Gedanken, die uns bislang vermittelt wurden. Der wichtigste – vielleicht neue – Gedanke lautet: Dein Kind möchte kooperieren und unterstützen. Und das jeden Tag in vielen Situationen. Schau einfach genau hin!“

S. Mierau in „Ich! Will! Aber! Nicht!“ S. 61

Manchmal kollidieren allerdings beide Ansprüche: Das Kind möchte die Eltern nicht bewusst verärgern, sondern hat im Rahmen der Bindung das Bedürfnis, den Eltern zu entsprechen, um Sicherheit und Versorgung zu gewährleisten. Gleichzeitig hat es aber auch das Bedürfnis, sich zu entwickeln und zu lernen. Diese Neugierde und dieses Entwicklungsbedürfnis ist natürlicherweise sehr stark und das Kind kommt diesem nach im Rahmen der natürlichen Entwicklung. Dabei stößt es aber auf Hindernisse bei den Eltern, die vielleicht das Entwicklungsbedürfnis nicht sehen, aktuell nicht berücksichtigen können oder auch andere Abwägungen treffen müssen (beispielsweise bei Gefahrensituationen, die das Kind nicht überblicken kann). So kommt es zu einem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansichten und ggf. zu einem Konflikt.

Mögliche Problemlösungsstrategien

Was wir also in den Situationen tun können, die zu einem Konflikt werden: Wir können uns und dem Kind) eine Reihe unterschiedlicher Fragen stellen, um vielleicht neue Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen oder zu finden:

Was will das Kind wirklich? Zieht sich das Kind beispielsweise auf der Straße auf einmal die Schuhe aus, können wir es zunächst fragen, warum es das tut, anstatt es gleich zu ermahnen. Vielleicht antwortet es (wie das Kind hier oben im Bild): „Ich möchte mal kurz fühlen, wie sich der Fußboden hier anfühlt.“ Lehnt es also etwas ab, oder möchte es „nur“ etwas anders gestalten? Wir können uns auch fragen, ob die Ängste oder Ansichten, die unsere Handlungen leiten, wirklich wichtig und richtig sind, oder ob es „nur“ erlernte Konventionen sind, auf die wir bestehen, die aber eigentlich nicht sinnvoll oder zielführend sind.

Können wir (jetzt oder in Zukunft) die Situation anders gestalten, damit dem Bedürfnis des Kindes mehr entgegen gekommen wird? Haben wir vielleicht übersehen, dass das Kind in der Entwicklung schon weiter ist und behandeln es noch ein wenig „babyhaft“, obwohl es eigentlich schon Dinge kann, die wir noch für das Kind tun? Können wir gemeinsam ausprobieren, wie weit das Kind in einem bestimmten Bereich schon ist, um dann passende neue Herausforderungen in den Alltag einzubauen (beispielsweise das Kind bei der Essenszubereitung mehr einbinden).

Wie in der Kommunikation mit erwachsenen Menschen sollten wir auch hier von einem Dialog ausgehen, von einem Miteinander und dem gemeinsamen Finden eines Wegs.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

4 Kommentare

  1. Hallo,

    Unser Sohn ist heute genau 16 Monate alt.
    Wir wohnen derzeit im 2. Stock und seit ein paar Tagen möchte er unbedingt die Treppe laufen.
    Eigentlich ist uns seine Meinung immer wichtig aber hier habe ich zum 1. mal das Gefühl ihn bremsen zu müssen.
    Heute Abend der er laufen und sich ausprobieren. Danke für diesen tollen Text.

    LG Johanna

    • Liebe Johanna,

      die Situation hatte ich auch. Wir haben auch eine Wohnung im zweiten Stock und wie aus dem Nichts krabbelte der 11-Monats-Mann die Treppen hoch. Nun gut, dachte ich…dann mach mal. Ich laufe einfach immer ganz dicht hinter ihm, habe Vertrauen und es klappt gut. 🙂

      Liebe Grüße,
      Frida

  2. Du sprichst mir wieder mal so aus dem Herzen; dein Artikel erschien genau zur rechten Zeit. Gestern früh Situation mit Kleinkind (3 1/2 Jahre). Es war geplant, dass Oma und Opa es zum Kindergarten bringen (wegen heftigem Regen mit dem Auto). Kind: „Ich will nicht, dass Oma und Opa mich bringen.“ Großeltern reagierten gleich leicht genervt und ungehalten. Ich, dem Kind zugewandt: „Warum möchtest du denn das jetzt nicht mehr?“ Kind:“ Ich will nicht in Opas Auto sitzen.“ Ich:“Was ist denn mit Opas Auto?“ Kind:“Da ist es so eng.“ Ich:“Was ist denn da eng?“ Kind:“Der Kindersitz ist so eng.“ Ich:“Sind es die Gurte, die zu eng sind?“ (Das Kind mag enge Gurte, Träger, Jacken u.ä. nicht.) Kind:“Ja.“ Ich:“Soll ich mal schauen, ob ich die Gurte etwas weiter stellen kann?“ Kind:“Ja, bitte“. Ich Autoschlüssel von meinem Vater genommen (der das alles, wie meine Mutter auch, viel zu übertrieben fand, die Gurte wären doch gar nicht eng und das könne das Kind ja mal 5 Minuten aushalten), Gurte etwas weiter gestellt, alles gut. Hat haargenau summa summarum 3 min. gedauert, Kind war in der Lösungsfindung kommunikativ und kooperativ und es hat erfahren: Meine Gefühle und mein Befinden zählen und werden ernst genommen. Das hat sich auch für mich rund und gut angefühlt.
    In diesem Sinne, nochmal Danke für deinen Text und ich wünsche uns allen die Ruhe und Geduld unseren Kindern das Kooperieren möglich zu machen.

    • Banuhan Meyer-Satiroglu

      Komisch ist ja nur, dass die Erwachsenen ,wieder einmal, nicht mal 3 Minuten warten konnten 🤷🏻‍♀️😏 ohne gleich genervt zu sein – die Frage ist, welches Verhalten war nun unverhältnismäßig („übertrieben“) ?

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