Aber du bist doch eigentlich müde…

Eigentlich reibt sich das Kind schon die Augen. Gegähnt hat es auch schon. Aber es will einfach nicht ins Bett. Vielleicht ist es ja doch noch nicht müde? Aber so richtig spielen möchte es auch nicht. Vielleicht wirft es das Spielzeug lustlos in die Ecke, sucht sich ein neues, aber auch das wird nicht lang bespielt. Wieder Augenreiben, aber kein Schritt voran in das Bett. Müde oder nicht müde?

Viele Eltern kennen diese oder ähnliche Situationen. Und viele Eltern zweifeln an ihrem Gefühl: „Wenn das Kind wirklich müde wäre, dann würde es doch jetzt schlafen?!“ Tatsächlich geht aber beides: müde sein und trotzdem nicht einschlafen können.

Den Absprung zum Schlaf finden

Kleinkinder haben oft noch Schwierigkeiten mit der Selbstregulation. Viele Bereiche der Regulation lernen sie erst durch Unterstützung durch die Eltern, beispielsweise durch Begleitung und Vorleben von Möglichkeiten. Wenn Kleinkinder den Absprung zum Schlaf, also das richtige Zeitfenster, nicht finden, überreizen sie. Sie sind noch nicht fähig, sich dann selbst zu regulieren. Sie sind müde, können aber nicht einschlafen. Gleichzeitig fehlt ihnen das Zeitfenster und die Möglichkeit, sich in den Schlaf zu begeben. Sie können noch nicht wie Erwachsene denken und sagen: „Ich bin eigentlich müde. Auch wenn ich noch nicht einschlafen kann, lege ich mich mal hin zum Ausruhen.“ So spielen sie übermüdet weiter. Je häufiger der Absprung nicht geschafft wird, desto erschöpfter, gereizter und auch wütender kann das Kind werden.

Wichtig ist daher, wenn das Kind müde wird, den passenden Zeitpunkt zu finden für die Begleitung in den Schlaf. Die Müdigkeit erkennen wir einerseits vielleicht an den Signalen des Kindes: es wird ruhiger, weniger aktiv, starrt vielleicht etwas vor sich hin. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um in den Schlaf zu überführen. Zeigt es diese Anzeichen, ist es sinnvoll, zeitnah zu reagieren. Wenn wir denken „Das Kind ist müde, aber ich räume lieber noch eben den Tisch ab/wir müssen jetzt noch schnell die Füße waschen vor dem Bett/nur noch schnell die Brote für morgen machen.“ dann kann dies schon das Zeitfenster verschieben. Gähnen und das Reiben der Augen zeigen auch viele Kinder als Müdigkeitszeichen, dann aber müssen wir uns bereits etwas beeilen, um den Absprung zum Schlafzeitfenster nicht zu versäumen. Besser ist es, die früheren, leiseren Zeichen des Ruhebedürfnisses zu erkennen.

Neben dem Erkennen der Signale und der Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist es deswegen wichtig, dass der Nachmittag/Abend eine gute Struktur erhält, die langsam auf die Bettgehzeit zuführt. Der Überreizung kann entgegengewirkt werden, indem alle Aktivitäten und Tätigkeiten gegen Abend hin immer ruhiger werden und weniger ablenkend sind – sowohl für uns selbst, auch auch für das Kind. So ist es leichter möglich, regulierend einzuwirken und dabei zu helfen, dass sich das Kind doch noch etwas ausruht, vielleicht lieber gemeinsam ein Buch mit uns ansieht, als noch wilder zu spielen, so dass wir dann bei den nächsten Ruhezeichen wirklich den Absprung zum Schlaf finden und begleiten können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

5 Kommentare

  1. Christina Fuhrmann

    Oh ja, zu schnell hab ich Zack…. den richrigen Zeitpunkt verpasst. Aber ich arbeite dran 🙂
    Unserer bekommt immer dicke Augenlider, wenn die Müdigkeit zu Besuch ist.

    Blöd ist immer, wenn ich uns auswärts rechtfertigen muss und andere Menschen mir auf:“ Der Kleine wird müde, wir müssen heim“. Mit einem “ Ach was, der ist doch noch super drauf, guck, wie schön der noch spielt“, antworten…. Grrrr.

    Vielen Dank für den schönen Artikel.
    LG Christina

  2. Du beschreibst die noch nicht vorhandene Fähigkeit zur Selbstregulation bei Kleinkindern, was ihnen den „Absprung“ zum Ausruhen oder Schlafen erschwert. Das beobachten wir auch bei unserem 3-jährigen Sohn.
    Wie gehen wir nun damit um, wenn uns die Erzieher:innen im Kindergarten sagen, man setze beim Thema Mittagsruhe auf die Kompetenz der Kinder und wenn sie keine Ruhepause bräuchten würde man es auch nicht aktiv anbieten? Sprich, es gibt keine „ruhigere Phase“ am Mittag sondern jedes Kind entscheidet selbst was es spielen will. Und wir unseren Sohn dann jedes Mal völlig überdreht und übermüdet abholen, weil er von sich aus niemals Pause machen würde…

    • Da wäre es gut, noch einmal tiefer ins Gespräch zu gehen. Einige Kinder mögen das vielleicht können, andere aber nicht. Gerade wenn es ein offenes Konzept gibt, sollte es auch einen Ruhe- oder Snouzelraum geben, in den sich die Kinder selbst zurückziehen können oder in den die Erzieher*innen mit ausgewählten Kindern gehen, um eine Ruhepause zu machen.

    • Sarah Böhmler

      Hier ist es auch so, mein Sohn und ich stehen früh auf, ich gehe vormittags arbeiten und er ist von 7-14 Uhr im Kindergarten. Aktuell durch Eingewöhnung noch 7-12:30. da ist er aber schon komplett „durch“. Macht aus Müdigkeit null Kompromisse mehr mit und „verstößt“ in dauerschleife gegen deren Regeln. Jetzt ist er grad mal 2 Wochen dort. Und wie ich jetzt erfahren habe musste er schon einige Male allein und still an den Tisch sitzen, um über sein Verhalten nachzudenken… mit knapp 3… für mich eine nicht akzeptable und pädagogisch nicht sinnvolle Strafe.
      Er meinte sogar schon er mag den Kindergarten nicht. Ja jetzt finde mal etwas, wenn man auf eine Betreuung angewiesen ist, selber erst einen neuen Job begonnen. Da hole ich ihn ab und merkt, er ist völlig drüber. Aber hinlegen gibts da nicht mehr. In der Kita war das anders. Da hatte er noch jeden Mittag geschlafen. Wie kann man diese Situation zusammen hinbekommen?

      • Ja, das ist wirklich immer wieder für Familien eine Belastung, wenn man auf Betreuung angewiesen ist und qualitativ einfach keine gute Betreuung in der Nähe ist.
        Wenn die Kita da nicht einlenkt, ist das kaum eine lösbare Situation, weil das Kind ja wirklich müde ist. Und wenn es dann nicht schläft, dann werden viele Situationen auch anstrengend.Dann geht es oft nur, nicht mehr so große Sachen am Nachmittag zu machen, was ja auch manchmal schade sein kann.

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