Tag: 7. Juli 2020

„Mit dem Kopf in den Wolken“ – verträumte Kinder

Und da sitzt es, das Kind, und ist wieder in Gedanken an einem anderen Ort, hängt mit den Gedanken einem anderen Thema hinterher, ist scheinbar ganz weit weg. Und wieder denken wir „Aber was soll nur aus dem Kind werden?“ oder „Ich muss es so erziehen, diese Träumerei zu lassen!“ und wir versuchen, dem Kind das Träumen auszureden, reißen es aus den Gedanken, ermahnen und reden uns scheinbar den Mund fusselig. Die Beziehung leidet, obwohl wir doch eigentlich nur etwas Gutes wollen. Aber irgendwie funktioniert es nicht. Denn der Fehler liegt in unseren Gedanken: nicht das Kind ist falsch, sondern die Strategien.

Wir sind verschieden

Wir alle sind unterschiedlich, nehmen Reize unterschiedlich wahr, reagieren unterschiedlich darauf, verarbeiten unterschiedlich. Wir haben verschiedene Vorlieben und Abneigungen. Im Laufe der Zeit werden Temperamente in Auseinandersetzung mit der Umwelt zu Persönlichkeitseigenschaften, die Grundmelodie unseres Wesens bleibt bestehen. Wichtig ist dabei, dass wir in unserem Wesen so angenommen werden, wie wir sind, denn so bilden wir ein gutes Bild von uns aus, sehen uns selbst als wertvoll, liebenswert und wirksam an. Wird unserem Wesen mit Ablehnung begegnet, verinnerlichen wir dies als Teil unseres Selbstbildes: Ich bin nicht liebenswert, weil…

Tagträumen und die Anforderungen der Umwelt = Streit

Verträumte Kinder können wunderbar in ihre Gedanken versinken, tief spielen und phantasievoll und kreativ sein. Auf der anderen Seite sind sie aber oft auch langsamer als viele andere Menschen. Gerade dann, wenn ein verträumtes Kind mit dem Alltagsstress konfrontiert wird, kann es manchmal schwierig werden, denn das Kind nimmt zwar den Druck und den Wunsch der anderen nach Änderung wahr, kann aber durch ein „Mach doch mal schneller!“, „Immer muss ich dir alles x-mal sagen!“, „Meine Güte, warum hörst du nicht einfach mal zu!“ nichts anfangen.

Nicht ändern, sondern annehmen und gemeinsam Wege finden

Hilfreich ist es nicht, das Kind zu einem anderen Menschen machen zu wollen. Ansatzpunkt ist – wie so oft in Temperamentsfragen – dem Kind einen guten Umgang beizubringen mit der eigenen Art. Hilfe zu geben für den Umgang mit anderen Menschen und der Gesellschaft. Die Frage ist also nicht: „Wie hört mein Kind mit dem Tagträumen auf?“ sondern „Wie kann ich mein Kind darin unterstützen, das Tagträumen mit den Anforderungen der Umgebung zu vereinbaren?“ Für uns als Eltern bedeutet das zugleich: Ich werde mein Kind nicht ändern, sondern es begleiten.

Konkret bedeutet dies, dass wir Verständnis aufbringen für unser Kind und sein Wesen. Das Tagträumen ist nicht schlecht, keine negative Eigenschaft, sondern eine kreative. Im Alltag brauchen viel träumende Kinder kleinschrittige Anleitungen, die ihnen ermöglichen, komplexere Aufgaben nach und nach abzuarbeiten und die Übersicht zu behalten: Für die Rituale am Morgen eignen sich Bilder als Übersicht mit all den Dingen, die erledigt werden wollen: Frühstück, Zähne putzen, anziehen,… Damit sich das Kind vor dem Kleiderschrank nicht in Gedanken verliert, können am Vorabend alle Dinge auf einen Stapel gelegt werden: was zuerst angezogen wird nach oben. Oder auch hier kann eine Checkliste am Schrank helfen: 1. Unterwäsche, 2. Oberteil,…

Auch beim Aufräumen sind gerade verträumte Kinder oft langsamer oder geraten immer wieder ins Spiel. Ihnen hilft es, wenn gemeinsam aufgeräumt werden kann und wir Eltern dabei als Vorbild mit einem guten Ordnungssystem vorangehen und den Kindern kleine Aufgabeneinheiten im gemeinsamen Tun überlassen: „Wir räumen zusammen auf und du machst alle Holzbausteine in die Holzkiste und ich alle Plastikteile in die Plastikkiste.“

Zeit für das Träumen lassen

Gerade dann, wenn die Kinder besonders kooperieren mussten und dies von ihnen besondere Anstrengung und Energie brauchte, brauchen sie auch wieder eine Pause, in der sie entspannen und ihren Gedanken nachgehen können. Gerade hier ist es auch wichtig, ihnen die Möglichkeit einzuräumen und im Alltag auf eine gute Balance zwischen Anregung und Entspannung zu achten, damit sie wieder in ihre Grundmelodie zurückkommen können. Emotionales Auftanken ist für die Kinder dann oft hilfreich.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.