Bericht einer Hausgeburt

Meine Tochter habe ich im Frühling 2009 im Geburtshaus geboren. Es war eine schöne Geburt: eine angenehme Atmosphäre, Kerzenschein, Ruhe, konstante Betreuung von einer Hebamme, die ich schon die ganze Schwangerschaft über kennen lernen konnte. Für mein zweites Kind habe ich mir trotzdem einen anderen Geburtsort gewünscht. Denn was an der Geburt im Geburtshaus störte, war der Weg nach Hause danach und insbesondere das Treppensteigen nach der Geburt. Auch versprach ich mir noch mehr Intimität von einem Ort, an dem ich mich ganz und gar wohl fühlen würde: unsere Wohnung. Für mein zweites Kind, das im Herbst 2012 zur Welt kommen sollte, wünschte ich eine Hausgeburt.

Der letzte Tag vor der Geburt

Wir waren schon einige Tage über dem Geburtstermin. Ich rechnete damit, dass die Geburt jeden Moment losgehen könnte und wartete auch sehr darauf, denn ich hatte das Gefühl, dass es nun auch reichen würde mit der Schwangerschaft. Ich wünschte mir, dass ich nun endlich mein Kind in den Armen halten könnte. Wie er wohl aussehen würde? Würde er jemandem ähneln? Wie groß würde er wohl sein?

Am Tag vor der Geburt war ich unruhig. Dieses Wochenende nun musste es doch endlich losgehen. Mit meiner Familie wollte ich deswegen noch einmal ganz bewusst einen Tag genießen, an dem wir noch zu dritt waren. Wir gingen am Nachmittag spazieren, gemeinsam auf den Spielplatz, gingen in eines unserer Lieblingscafés zum Abendessen und ließen in der Dunkelheit eine Skylaterne steigen mit dem Wunsch, dass sich nun doch bitte das Kind auf den Weg machen sollte. Wie gewünscht kamen am späten Abend auch leichte Wehen. Doch sie waren so sanft, dass wir beschlossen, doch schlafen zu gehen und zu warten, was die Nacht bringen würde.

Die Geburt beginnt

Es waren nur wenige Stunden Schlaf. Um 4 Uhr morgens ging ich zur Toilette und dachte dabei, dass ich bei der Geburt meiner Tochter genau um diese Uhrzeit einen Blasensprung gehabt hatte. Doch außer leichten Rückenschmerzen tat sich noch immer nichts. Als ich noch eine halbe Stunde später wach im Bett lag, spürte ich auf einmal, wie das Fruchtwasser mein Bein entlang lief. Ich stand auf, ging in das Bad. Auf dem Weg dorthin war klar, dass es nur ein Blasensprung sein konnte. Große Mengen an Fruchtwasser plätscherten auf den Boden. Dennoch benutzte ich das Testpapier, das meine Hebamme mir gegeben hatte, um sicher zu gehen. Ja, es war Fruchtwasser. Die Geburt hatte begonnen.

Die Wehen werden stärker, ich schicke meine Tochter spazieren

Ich weckte meinen Mann, der noch mit unserer Tochter im Familienbett schlief. Dann rief ich meine Hebamme an, die sich sogleich auf den Weg machen wollte. Sie hatte mir schon oft gesagt, dass die zweiten Kinder meistens die schnellsten sind in der Geburtsfolge. Nach dem Telefonat mit der Hebamme rief ich eine Freundin an, die angeboten hatte, bei der Geburt dabei zu sein und sich bei Bedarf um meine Tochter zu kümmern. Auch sie machte sich sogleich auf den Weg zu uns nach Hause. Gegen 5 Uhr traf die Hebamme in Begleitung einer Hebammenschülerin ein. Wir hatten zuvor besprochen, dass die Hebammenschülerin gern bei der Geburt dabei sein durfte. Es ist noch dunkel draußen, als mich die Hebamme zum ersten Mal untersucht. Die Herztöne des Babys sind regelmäßig, es liegt in 2. Schädellage. Meine Tochter schläft noch immer, mein Mann kocht Kaffee für uns alle. Kurz nach der Untersuchung trifft auch meine Freundin ein. Es ist eine schöne Stimmung. Ein wenig bin ich an Weihnachten erinnert, an die Vorfreude, an die andächtige Stille. Wir sitzen im Wohnzimmer, unterhalten uns etwas und beachten, wie meine Wehen kommen und gehen und langsam stärker werden. Ich fühle mich gut aufgehoben. Alle wichtigen Menschen sind anwesend und ich freue mich, dass auch meine Freundin mit dabei ist. Ich weiß, dass meine Tochter gut umsorgt sein wird und bin entspannt. Meine Hebamme habe ich schon früh in der Schwangerschaft kennen gelernt und weiß, dass sie mit ganzem Herzen dabei ist und ich in ihren Händen sicher bin. Ich freue mich auch darauf, mit meinem Mann eine zweite Geburt zu erleben.

Vom Sitzen begebe ich mich irgendwann ins Knien. Die Hebamme fragt, ob ich überlegt hätte, in welchem Raum ich gebären wollen würde. Ich hatte mir noch keine Gedanken gemacht und wollte weiter abwarten. Gegen 7 Uhr erwacht meine Tochter im leeren Familienbett. Sie ruft nach uns. Mein Mann geht zu ihr und spielt eine Weile mit ihr im Bett. Ich komme dazu, erkläre ihr, dass nun heute ihr Bruder geboren wird und meine Freundin extra zu uns gekommen sei, um heute mit ihr zu spielen. Erst noch etwas zögerlich geht sie dann mit meinem Mann und meiner Freundin in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Nun werden die Wehen schmerzhaft. Ich möchte nicht mehr sitzen oder knien, sondern stehen. Es ist angenehm, sich dabei auf einem Tisch abzustützen. Während ich in der Küche mit beiden Händen auf  zwei Tischplatten zu meiner Rechten und Linken gestützt eine Wehe veratme, krabbelt meine Tochter durch meine Beine hindurch. Sie lacht. Sie nimmt mich wahr, spielt aber nicht mit mir. Instinktiv spürt sie, dass ich jetzt nicht kann. Es ist 8 Uhr, als ich meine Tochter und meine Freundin raus schicke. Die Wehen werden so schmerzhaft, dass ich sie nicht mehr dabei haben möchte. Ich möchte mich nun ganz auf die Geburt einlassen. Meine Tochter ist weiterhin entspannt und geht freudig mit meiner Freundin hinaus in die Morgendämmerung.

Vom Stehen ins Liegen ins Stehen

Als meine Tochter die Wohnung verlassen hat, nehme ich am Rande wahr, wie die Hebamme meinen Mann anweist: Nun kann es schnell gehen, er soll Kaffee vorbereiten für die Kompressen und in eine Thermosflasche abfüllen. Im Wohnzimmer wird eine Folie über den Fußboden gebreitet. Die Wehen sind stark und werden nun nicht nur veratmet, sondern auch mitgetönt. Der Schmerz zieht ins Kreuzbein. Ob es ein Sternengucker wird? Die Wehen nehmen mich immer mehr ein und ich werde lauter. Meine Hebamme gibt während der Wehen Druck auf mein Steißbein, was mir sehr gut tut. Dem Baby geht es gut, doch der Kopf will nicht so recht ins Becken. Meine Hebamme rät mir, mich auf den Boden zu legen auf die Seite. So soll das Baby den richtigen Weg finden. Im Liegen sind die Wehen stark, aber die Wehenpausen werden länger. Ich schöpfe in ihnen Kraft, indem ich mir immer wieder Entspannungsübungen vor die Augen rufe. In den Wehenpausen komme ich so in eine tiefe, fast meditative Ruhe. Während der Wehe drücke ich die Hände meines Mannes. Nein, er darf meine Hand nun nicht mehr los lassen. Die Hebamme hält mein Bein. Trotz der Schmerzen bin ich beruhigt, weil Hebamme und Hebammenschülerin beide Ruhe ausstrahlen. Sie vermitteln mir, dass alles seinen richtigen Weg geht. Langsam spüre ich Pressdrang, doch der Muttermund ist noch nicht ganz geöffnet. Schaffe ich das? Habe ich genug Kraft? Die Hebamme lobt mich, bestärkt mich. Um 9:45 Uhr ist der Muttermund vollständig geöffnet. Die Hebamme sagt, ich könne nun wieder aufstehen. Mit Hilfe von ihr und meinem Mann stehe ich auf. Mein Kind liegt richtig und will nun geboren werden. Ich stelle mich an den Schreibtisch, mein Mann steht neben mir, die Hebamme hockt hinter mir auf dem Boden. Nun wird also mein zweites Kind geboren.

Die Geburt

Eine Hand umklammert die Tischplatte, eine Hand umklammert die Hand meines Mannes. Die Presswehen sind stark. Laut schreie ich bei jeder Wehe und schiebe mit. Ich spüre, wie der Kopf durch den Geburtskanal kommt. Er fühlt sich groß an, es schmerzt. Aber der Schmerz dieser Geburtswehen ist anders als zuvor. Er ist befreiend und erleichternd. Ich spüre, wie es voran geht und jede Wehe mein Kind weiter zu mir bringt. Die Hebamme bittet mich für einen Augenblick um Aufmerksamkeit: Mit einer der nächsten Wehen wird der Kopf geboren. Wenn sie mich darum bittet zu stoppen, soll ich stoppen. Sie erklärt meinem Mann, dass er mir ebenfalls noch einmal sagen soll, dass ich anhalten muss. Und dann schon kommt die nächste Wehe und ich spüre, wie der Kopf geboren wird. Ich höre ihr gemeinsames „Stopp“ und halte inne. Mein Baby ist da! Die Hebamme hält Kompressen gegen den Damm. Mit der nächsten Wehe wird der Körper geboren. Ich warte einen Moment, höre seinen ersten Schrei und gehe in die Knie, um mein Kind in Empfang zu nehmen. Ich setze mich auf den Boden zwischen die Hebamme und meinen Mann und halte zum ersten Mal meinen Sohn in meinen Armen. Es ist 10:08 Uhr. Die Herbstsonne scheint durch das Wohnzimmerfenster warm auf uns herab.

Der Start ins Familienleben

Die Nachwehen sind schmerzhaft, aber ich halte einfach meinen Sohn in den Armen. Nach einigen Wehen wird die Plazenta geboren. Alles ist weiterhin ruhig und entspannt. Die Hebamme lässt uns Zeit für alles. Als die Nabelschnur nicht mehr pulsiert, wird sie von meinem Mann durchtrennt. Mein Baby schreit die ersten Minuten empört. Vielleicht ging es ihm zu schnell? Eng an mich gekuschelt liegt er im roten Handtuch und wird zum ersten Mal gestillt. Er beruhigt sich. Die Hebamme versorgt meine Geburtsverletzungen und räumt auf. Wir legen uns gemeinsam ins Familienbett und warten auf meine Tochter, die kurz darauf mit Blumen in der Hand eintrifft. Sie kuschelt sich zu uns ins Bett, streichelt ihren Bruder und bietet ihren Finger zum Nuckeln an. Nun bin ich Mutter von zwei Kindern.

Ich würde mich immer wieder für eine Hausgeburt entscheiden – es war ein wunderschönes Lebensereignis.

Wer mehr über Hausgeburten erfahren möchte, kann dem Artikel “ Hausgeburt – warum, wie und was brauche ich dafür?“ weitere Informationen entnehmen.

 

 

7 Kommentare

    • ich habe auch geweint. Vor drei Monaten habe ich mein Viertes geboren. Es hat mich wieder erinnert und ich wuensche jeder Frau in diesen Momenten/Stunden alle Kraft der Welt.

  1. Pingback: 20 facts about me – auf instagram getagged, auf dem blog beantwortet | Geborgen Wachsen

  2. Pingback: Ein Babyjahr – über die ganz individuelle Entwicklung im ersten Jahr | Geborgen Wachsen

  3. Ich habe ein Praktikum in einem Geburtshaus in Berlin gemacht und finde es so wunderschön nun mal eine Geburt ganz ausführlich aus der Sicht der Frau zu hören. Danke dafür! Toll geschrieben.
    Alles Liebe wünsche ich Dir und deiner Familie

  4. Oh man, ich musste auch weinen, ich habe mir so sehr eine normale Geburt gewünscht, aber sie ist zum zweiten mal in einem Kaiserschnitt geendet😭

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