Herz vor Gehirn – Wenn es den Kindern schlecht geht, hilft manchmal auch alles Wissen nichts

Ich habe in meinen Kursen schon oft von Fieberkrämpfen berichtet. Wenn wir über Hausmittel in der Erkältungszeit und den Umgang mit Fieber sprechen, sind auch Fieberkrämpfe oft ein Thema. Ausgelöst wird ein Fieberkrampf durch einen plötzlichen Temperaturanstieg – also ist nicht eine hohe Temperatur an sich ausschlaggebend. Der Fieberkrampf kann ganz am Anfang auftreten, wenn das Kind schnell Fieber bekommt oder auch während des Fieberns. Tritt ein solcher Fieberkrampf auf, verliert das Kind kurz das Bewusstsein, es kommt zu Krämpfen. Auch Grimassen oder Augenrollen sind möglich. Die Atmung kann kurz aussetzen. Oft sieht es schlimmer aus, als es wirklich ist. Soviel also zur Theorie. Und dann erlebte ich einen Fieberkrampf.



Mein Sohn ist fast sechs Monate alt. Er fiebert. Vielleicht kommen die ersten Zähne? Oder hat er sich doch letzte Woche bei seiner Schwester angesteckt? Dreitagefieber? Es ist Abend und er hat 38,2°C. Meine Tochter schläft bereits im Familienbett und ich lege meinen Sohn Haut an Haut auf meine Brust. Nähe tut immer gut. Kranke Kinder benötigen vor allem Nähe, Liebe, Zuwendung. Er ist jedenfalls zufrieden dort und schläft. Doch er wird immer wärmer. Gegen Mitternacht messe ich wieder die Temperatur: 39,9°C. Er ist schlapp. Seine Füße und Hände sind kalt, dann lieber kein Wadenwickel. Pulswickel? Serienwaschung? Ich habe kein gutes Gefühl und entscheide mich ausnahmsweise für ein Fieberzäpfchen – sein erstes. Kaum habe ich es verabreicht, krampft er sich zusammen. Ich nehme ihn hoch, er verdreht den Hals, es sieht schlimm aus. Er würgt. Er atmet einen Moment nicht, würgt wieder, hustet. Atmet anscheinend wieder nicht. Ich bekomme Panik und rufe meinem Mann zu, er solle sofort den Notarzt rufen. Der Mann ruft erst einmal die Polizei an, dann doch die richtige Nummer, weil er sich an unseren Kinderreim für die Große erinnert: „112, Feuerwehr komm schnell vorbei!“. Inzwischen atmet mein Sohn wieder und schaut mich schlapp und müde an.

Fünf Minuten später klingelt es an der Haustür. 3 Sanitäter und eine Ärztin stapfen die Treppen hoch mit Notfallset und allem drum und dran. Mein Sohn ist auf meinem Arm und weint und kaut auf seinem Finger. Während sie die 3 Stockwerke zu uns erklimmen fühle ich mich etwas blöd: Eigentlich geht es ihm schon wieder gut. Ich hätte wohl gar nicht die Feuerwehr rufen müssen? Die Sanitäter und Ärztin beruhigen mich: Es sieht ja alles gut aus. Es sei wahrscheinlich ein Fieberkrampf. Mir fällt ein, wie ich vor vielen Jahren in einem Erste Hilfe Kurs bei Janko von Ribbeck saß und er sagte: „Fieberkrämpfe sehen schlimmer aus als sie sind. Meistens sind sie schon längst vorbei, wenn die Feuerwehr eintrifft.“ Stimmt. Hatte ich ganz vergessen gerade. Trotzdem fahren wir mit ins Krankenhaus. Es ist alles in Ordung mit ihm. Als wir dort sind, liegt die Temperatur nur noch bei 38,1°C. Er ist ruhiger und lächelt. Trotzdem sei es gut gewesen, den Notarzt zu rufen: Beim ersten Fieberkrampf sollte man das tun. Fieberkrämpfe bedeuten übrigens nicht, dass das Kind später an Epilepsie erkranken wird.

Wir haben alles gut überstanden. Ich habe wieder einmal gesehen, dass es wichtig ist, auf das Gefühl zu achten. Manchmal kommt man sich vielleicht blöd dabei vor oder überbehütend oder hat Angst, belächelt zu werden. Doch wenn wir unserem Gefühl nachgehen, können wir auch beruhigt werden. Wir sorgen für uns und sind dadurch fähig, für unsere Kinder gut zu sorgen. Darauf kommt es an. Und auch bei mir gilt: Erst aufs Herz hören, dann auf den Verstand.

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