Was stört eigentlich am Attachment-Parenting-Bashing? Eine Stellungnahme zur aktuellen Situation

In der aktuellen Ausgabe der ELTERN-Zeitschrift (09/2012) findet sich ein Artikel von Xenia Frenkel mit dem Titel „Was stört uns eigentlich an Jamie Lynne?„. Die Abbildung der stillenden Jamie Lynn Grumet auf dem Time Magazine und das Interview mit ihr haben in Amerika eine Diskussion über Langzeitstillen und Attachment Parenting losgetreten. Natürlich schwappte diese Welle der Diskussion und Empörung nun auch zu uns über. In der ELTERN-Zeitschrift schreibt Frenkel daher darüber, wie „Foto und Botschaft dahinter [ELTERN] befremdet“ hat. Und auch der bekannte Familientherapeut Jesper Juul hat seine Meinung zum Langzeitstillen in einem Interview im Focus (22/2012) mitgeteilt: „Der „Time“-Artikel stellt Mütter vor, die das sogenannte Kontinuum-Konzept praktizieren, bei dem Kinder wie Säuglinge gehegt werden. Ich finde das übertrieben, weil Mutter und Kind dadurch eine grenzenlose Symbiose eingehen.“. Hier soll nun zu diesem „Attachment-Parenting-Bashing“ einmal Stellung bezogen werden.

Ist Stillen in unserer Gesellschaft nun sexuell aufgeladen oder nicht?
Zu Anfang ein Zugeständnis an Xenia Frenkel: Sicherlich lässt sich über die Ästethik des Fotos auf dem Time Magazine diskutieren: Zu sehen ist die 26jährige Jamie Lynne Grumet, die ihren 3jährigen Sohn stillt, der in Tarnhosen auf einem Stuhl steht, um an die Brust zu gelangen. Frenkel bezeichnet diese Inszenierung als „latent aggressive, aufreizende Pose, die einen unangenehmen sexuellen Beigeschmack hat“. Während Grumet selbst im Interview von dem übersexualisierten Blick auf den weiblichen Körper in unserer Gesellschaft spricht und damit quasi vorab schon auf Frenkels Aussage reagiert, geht die ELTERN-Autorin sofort in den Angriff über und fragt ironisch, ob dies wohl das Problem mit dem Stillen begründen würde. Dabei übersieht Frau Frenkel anscheinend, dass das genau eines der Probleme ist, mit dem sich stillende Frauen in unserer Gesellschaft konfrontiert sehen: Hier gibt es Platzverweise im Abgeordnetenhaus für eine stillende Mutter, weil sich ein Abgeordneter im Schamgefühl verletzt fühlte. Schamgefühl – welchen Hinweis darauf, dass Stillen sexuell aufgeladen wird, soll es noch geben? Neben diesem bekannten Beispiel aus der Presse gibt im Alltag zahlreiche weitere Situationen, die dies belegen: Platzverweise an öffentlichen Orten, in Cafés, selbst in Arztpraxen.

Langes Stillen soll keine positiven Eigenschaften mehr haben?
Doch Frenkels „Argumente“ gegen das Langzeitstillen sind damit noch nicht aufgebraucht: Recht zu geben ist Frau Frenkel darin, dass die Entscheidung für oder gegen das Stillen immer auch „wirtschaftliche und sozio-kulturelle Gründe“ hat. Das belegen diverse Studien. Übrigens hat hier auch die öffentliche Meinung zum Stillen einen wesentlichen Einfluss, die ja durch Magazine wie die ELTERN-Zeitschrift beeinflusst wird – dies aber nur am Rande erwähnt, denn Frau Frenkel geht in ihrer Begründung noch weiter: Vielleicht, so argumentiert sie, würde die Abnahme des Langzeitstillens mit dem guten Angebot an Nahrung in unserer Gesellschaft oder der Möglichkeit zusammen hängen, Bindung auch anders aufbauen zu können. Außer Acht lässt Frau Frenkel dabei anscheinend, dass „gesunde Ernährung“ ebenfalls von verschiedenen Faktoren abhängig ist und das erweiterte Angebot nicht unbedingt nur einen positiven Einfluss hat, wie beispielsweise in der KIGGS-Studie festgestellt werden konnte. Zudem sind auch die protektiven Einflüsse auf Krankheitsentstehung bei Kindern und Müttern auch nach dem ersten Stilljahr nicht zu verachten. An dieser Stelle lohnt sich auch ein Blick auf Jesper Juuls Aussage über „dieses lange Stillen, das ein Kind ja ohnehin nicht mehr sättigen kann“. Abgesehen von Berichten von Müttern, die ihre Kinder mit 12 Monaten noch voll stillen und deren Kinder anscheinend davon gesättigt werden, vergisst Herr Juul auch hier die anderen Vorteile des Stillens zu erwähnen, die auch nach dem ersten Geburtstag noch Gültigkeit haben. Was den Umstand betrifft, dass Bindung auch anders hergestellt werden kann, hat Frau Frenkel natürlich Recht. Damit würde sie sogar Herrn Juul auf angenehme Weise widersprechen, der ja in seinem Interview davon berichtet, dass das lange Stillen es Vätern unmöglich machen würde, eine aktive Rolle zu übernehmen. Was nun? Kann Bindung auch anders als durch Stillen aufgebaut werden oder nicht? Und warum sollten das nur nicht-stillende Mütter schaffen, Väter aber nicht? Und ja, jede Frau muss selbst entscheiden können und hat das Recht, sich anders zu entscheiden, ohne dafür zu verurteilt zu werden. Gleiches gilt aber auch für die andere Seite.

„Wenn Stillen und Tragen bessere Menschen aus uns machen, frage ich mich, wie es zu dem Völkermord in Ruanda kommen konnte.“ – Geht es noch, Frau Frenkel?

Nahezu unglaublich geht es jedoch dann im ELTERN-Artikel von Frau Frenkel weiter: Sie behauptet, Attachment Parenting-Eltern würden allen anderen den Kampf ansagen nach dem Motto: „Wer nicht stillt, bis der Schulbus kommt, ist keine richtige Mutter, sondern ein egoistisches Biest, das seinem Kind vorsätzlich nicht nur lebenswichtige Nährstoffe verweigert, sondern auch die alles entscheidende Mutter-Kind-Bindung. […]“ und sie geht noch weiter mit „Wenn Stillen und Tragen bessere Menschen aus uns machen, frage ich mich, wie es zu dem Völkermord in Ruanda kommen konnte. Tutsis und Hutus stillen und tragen ihre Kinder im Schnitt gut drei Jahre“. Entschuldigung, Frau Frenkel, aber das ist ja nun völlig unpassend. In diese Argumentationsweise würde noch passen, dass Hitler und Stalin wahrscheinlich auch gestillt wurden und man ja gesehen hat, was daraus wird…

 

Studien über Vorteile des Stillens sollen „Mumpiz“ sein
„Nur solle man bitte nicht auf den von Dr. Sears und anderen Stillfanatikern behaupteten Zuwachs an Intelligenz, Empathie und Moral hoffen. das ist Mumpiz, und wenn es dafür wissenschaftliche Studien gibt, beweist das nur, dass man selbst für den gröbsten Unsinn wissenschaftler findet, die einem zur Theorie die passenden Ergebnisse liefern.“ schreibt Xenia Frenkel, die sich anscheinend mit der Analyse statistischer Werte bestens auskennt. Vielleicht sollte sie sich mit diesem Wissen an die Mitarbeiter der SuSe– und anderer Studien wenden. Auch Herr Juul argumentiert übrigens in ähnlicher Weise: „Ich kenne keine Studie, die belegt, dass aus diesen Kindern [Langzeitgestillten] glücklichere Erwachsene werden.“ Aber auch hier gilt: Es gibt auch keine Studien, die das Gegenteil belegen oder zeigen, dass „diese Kinder“ die psychischen Schäden haben, die ihnen in der aktuellen Diskussion gerne zugesprochen werden. Fakt ist, dass das lange bzw. überhaupt das längere Stillen relativ neu ist in unserer Generation und nach dem Boom der künstlichen Säuglingsnahrung in den 80ern sich erst neu entwickelt – nachdem es Millionen von Jahren anscheinend ganz gut gelaufen ist.

Schlussfolgerungen: Bitte nicht mehr solche Artikel, liebe ELTERN-Zeitschrift

Xenia Frenkel, vierfache Mutter und dreifache Großmutter, ist bereits häufiger durch eher „altmodische“ Einstellungen in Sachen Kindererziehung aufgefallen. Wie sie selbst in dem genannten Artikel schreibt, haben sich ihre Kinder nach 12-13 Monaten selbst abgestillt. Erfahrungen mit dem langen Stillen hat sie also nicht. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum sie so vehement und fanatisch gegen die Langzeitstillerinnen vorgeht. Von der ELTERN-Zeitschrift wäre jedoch zu wünschen, dass solche Artikel mit vielen Unwahrheiten, Ungenauigkeiten und schlechtem Vorwissen zukünftig nicht mehr erscheinen. Denn ja: Es geht hier auch um eine Generationsfrage und vielleicht gehört Frau Xenia Frenkel einfach einer Generation an, die nicht mehr die neuen Erkenntnisse akzeptieren kann. Und auch von Herrn Juul wäre zu wünschen, dass er sich differenzierter mit dem Thema auseinander setzt und solche Aussagen überdenkt oder zumindest fachlich zuvor recherchiert.

Ob Attachment Parenting oder nicht: Heute haben Eltern die Wahl, wie sie ihre Kinder aufwachsen lassen möchten. Doch diese Wahl ist nicht einfach. Immer wieder gibt es Zweifel von der Schwangerschaft über die Geburt bis an das Ende des Lebens als Eltern. Was Eltern daher brauchen, ist keine gegenseitige Verurteilung wegen Ansätzen und Theorien. Sie brauchen Unterstützung und gutes Zureden – für welchen Weg sie sich auch entscheiden. Uns wäre viel geholfen, wenn wir damit aufhören würden, uns ständig über die Ansichten und Einstellungen anderer zu stellen und einfach Toleranz und Akzeptanz üben. Schließlich gibt es, wenn man einmal die Augen öffnet, von Fremdem auch viel zu lernen.

7 Kommentare

  1. Ohja, du sprichst mir aus dem Herzen, aber anscheinend ist es vielen intelligenten Menschen heute nicht möglich, eben gerade dieses „anders sein“ oder „anders machen“ zu akzeptieren und sich auch anderen Wegen zu öffnen, die sie nicht beschritten haben. Das würde ja bedeuten, dass man seinen Weg eben nicht zwangsläufig als DIE einzige richtige Lösung betrachten müsste – und das ist wohl schwer schwer einzugestehen in einer Welt von Individualisten und egozentrischen
    Wichtigtuern…

  2. Pingback: Hier noch was interessantes zu lesen: « saeugetier – mutterblog

  3. Renate Hellmund-Rober

    Ich habe den Artikel auch gelesen und war entsetzt. Und ich kann es immer noch nicht verstehen das Mütter andere Mütter verurteilen wegen der Erziehung oder der Ernährung der Kinder. Vorallem die Aussage“latent aggressive, aufreizende Pose, die einen unangenehmen sexuellen Beigeschmack hat” das ist doch die Höhe, was geht nur in solchen Köpfen vor. Stillen ist etwas Intimes ober es hat nun wirklich nichts mit Sex zu tun. Vielleicht hat es etwas mit dem eigenen Körperbewusstsein zu tun das ist aber etwas ganz anderes. Jede Frau und Mutter kann selbst entscheiden welchen Weg sie geht und wir sollten wirklich entlich damit aufhören uns gegenseitig zu verurteilen. Ich bin stolz darauf zu stillen und ich werde es so lange tun wie mein Sohn und ich es möchten!

  4. Stephanie Tinnefeld

    Ich habe mich über den Artikel in der Eltern auch aufgeregt – danke für diese tolle Antwort darauf!

  5. ich kenne den Artikel nicht. Ich lese die ELTERN- Zeitschrift nicht mehr, seit sie bei schlechten Schläfern zum „schreien lassen“ rieten.
    Hier hat das aber wenig Sinn, ich fand das jetzt bei RUB, bei Facebook (falls nicht schon geschehen) einen Link setzten bringt eher was. Ich habe keinen Account sonst würde ich verlinken.

  6. Pingback: “Stillen macht die Brüste schlaff” – Dieses und weitere Ammenmärchen über das Stillen |

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