Kategorie: Attachment Parenting

Unterstützung – ohne um Hilfe bitten zu müssen

Auf einer Lesung in der letzten Woche ergab sich ein tolles und wertvolles Gespräch über das Problem der bindungsorientierten Eltern, das aktuell so viel diskutiert wird: die Überforderung. Denn ja: Als Eltern können wir in eine Schräglage kommen, wenn wir die Bedürfnisse des Kindes (langfristig) über unsere eigenen Bedürfnisse stellen. Im System Familie ist es wichtig, dass die Bedürfnisse aller Familienangehörigen berücksichtigt werden und ausgewogen sind – nur dann sind wir wirklich gestärkt genug, um den auch manchmal schweren Zeiten gut gegenüber zu treten. Auch wir Eltern brauchen Ruhe, Kraft, Zuwendung, Liebe, Erholung. Weiterlesen

Vorbilder und Begriffe

Manchmal ist Elternschaft schwierig. Weil sie uns vor Aufgaben stellt, die für uns schwierig sind, weil wir mit Aufgaben konfrontiert sind, die wir nicht in dem Rahmen lösen können, der uns gegeben ist in der Gesellschaft und auch, weil wir für diese Aufgabenbewältigung manchmal keine Vorbilder haben aus unserer eigenen Geschichte, an denen wir uns orientieren können. Manchmal fehlen uns Beispiele dafür, wie wir Eltern sein können oder wollen oder wie wir es schaffen, durch die schweren Momente zu kommen. Und manchmal sind die Vorbilder ganz nah, auch wenn sie keinen Namen tragen für ihren Erziehungsstil. Weiterlesen

Eltern, seid gnädig mit Euch selbst!

An manchen Tagen ist es mit dem Elternsein nicht einfach. Weil es zu wenig Schlaf gibt. Oder zu viele Anforderungen. Weil die Kinder so laut sind. Weil die inneren Stimmen zu laut sind – oder zu leise. Weil man einfach keinen Weg findet durch den Dschungel der Gefühle und schon gar nicht mehr den eigenen Weg erkennen kann. Manchmal ist es einfach zu viel – und man denkt, man würde im Angesicht des „Zuviel“ versagen. Weiterlesen

Es ist Zeit für einen neuen AP-Begriff? Attachment Parenting ist, was Du daraus machst

Tragen, Stillen, Familienbett – dies sind wesentliche Eckpfeiler unseres persönlichen Familienlebens. Viele verbinden damit den Begriff Attachment Parenting. Für einige bedeutet der Begriff noch mehr: Stoffwindeln, keine außerfamiliale Kinderbetreuung, Windelfrei, Baby-led Weaning. Für andere bedeutet der Begriff weniger. Attachment Parenting ist heute ein nicht klarer Begriff. Geprägt wurde er von dem amerikanischen Ehepaar William und Martha Sears, die insgesamt 8 Kinder haben. Sie führen Attachment Parenting zurück auf die ursprüngliche Art, wie mit Babys und Kindern umgegangen wurde und haben damit dem einen Namen gegeben, was lange in der Menschheitsgeschichte Tradition hatte und in vielen Kulturen auch noch heute so gelebt wird. Dabei haben sie 7 Baby-B’s hervorgehoben, die ihnen besonders wichtig erscheinen: Bindung bei der Geburt, Stillen, das Baby tragen, Gemeinsames Schlafen, Gleichgewicht und Grenzen beachten, Glaube an das Weinen des Babys, Vorsicht vor Babytrainern. Doch schon bei Sears ist zu sehen, dass diese Aspekte grobe Hinweise sind, denn auch dort ist zu finden, dass Attachment Parenting nicht nur dann stattfindet, wenn gestillt wird, sondern dass Babys auch liebevoll mit der Flasche gefüttert werden können. Das Attachment Parenting von Sears gibt einige Werkzeuge an die Hand, die helfen, eine gute Bindung aufzubauen. Diese Werkzeuge führen aber nicht zwangsläufig zu einer guten Bindung und eine sichere Bindung kann nicht nur durch sie hergestellt werden, sondern auf viele verschiedene Arten.

Eigentlich geht es um Bindung

Worum es immer wieder geht, ist das Herstellen einer sicheren Bindung zwischen Baby und Bindungsperson(en). Dies ist insbesondere dadurch möglich, dass Eltern auf die Bedürfnisse ihres Babys feinfühlig eingehen. Die Bedürfnisse des Babys sind (besonders am Anfang) gekennzeichnet durch Bedürfnis nach Nähe, Wärme, Zuwendung, angemessene Pflege und Ernährung, Sicherheit. Diese Bedürfnisse können wir auf verschiedene Weisen erfüllen und es spielt immer auch das Temperament des Kindes und das der Bindungsperson(en) hinein wie auch das gesamte familiäre Umfeld und die Möglichkeiten. Es gibt keinen immer und für alle richtigen Weg. Elternschaft ist das, was jede Familie daraus macht und jede Familie hat das Recht, den eigenen Weg zu gehen.

Modernes Familienleben

Der Begriff, den Familie Sears (und besonders Dr. William Sears) prägte mit ihren Grundsätzen, gibt es nun schon eine lange Zeit. Die Organisation Attachment Parenting International hat die Baby-B’s von Sears ein wenig abgewandelt und umgewandelt in 8 Prinzipien. Zu Recht gibt es darüber hinaus Kritik daran, dass das Attachment Parenting von Sears auf sehr christlichen Anschauungen basiert und viel Verantwortung auf den Schultern der Mutter lässt. Dieser Aspekt ist es, der Attachment Parenting immer wieder mit Selbstaufgabe und Mütter-Burnout in Verbindung bringt – trotz des offiziellen Prinzips „Strive for Balance in Your Personal and Family Life„.

Wir wissen heute, dass Mütter sich nicht ausschließlich allein um die Kinder kümmern können und es auch gar nicht müssen (aber dürfen, wenn es ihr Wunsch ist). Denn nicht nur Mütter sind Bindungspersonen, sondern auch andere. Wir wissen, dass Bindung – wie oben beschrieben – nicht durch Stillen, Tragen oder das Familienbett hergestellt wird, sondern durch feinfühlige Interaktion. Wir wissen, wie wichtig eine sichere Bindung für das Aufwachsen des Kindes ist, aber dass dieses nur auch dann stattfinden kann, wenn es nicht nur dem Kind gut geht, sondern auch den Eltern (oder dem einen Elternteil bei Alleinerziehenden). Geborgenheit ist nicht nur wichtig für das Kind, sondern auch für die Eltern.

Modernes Attachment Parenting

Die Menschen, die sich hierzulande für das bindungsorientierte Aufwachsen einsetzen, vertreten einen modernen Weg, der an die Bedingungen hier angepasst ist und vor allem die Bedürfnisse der ganzen Familie im Blick behält. Bindungsgsorientierte Elternschaft, wie sie hier und heute propagiert und in Büchern und Artikeln dargestellt wird, kommt vor allem von Frauen. Frauen, die auch öffentlich persönliche Wege darlegen und sich einsetzen wie Nicola Schmidt, Julia Dibbern, Nora Imlau, Anja Gaca und auch mir (und vielen Bloggerinnen, die diesen Weg mehr und mehr verbreiten). Diana Schwarz und Frauke Ludwig haben den Attachment Parenting Kongress ins Leben gerufen und setzen sich in Videos und mit Fortbildungen für die Verbreitung einer modernen Form des AP ein. Es ist die bindungsorientierte Elternschaft von Familien mit selbständigen, starken Frauen. Frauen, die auf sich achten und auf ihre Bedürfnisse, die sich nicht aufgeben. Die bemüht darum sind, andere Eltern zu stärken, um auf ihre Bedürfnisse zu achten und Elternschaft so zu leben, wie sie sich richtig anfühlt für sie. Es sind Frauen, die diesen neuen Weg vorleben und propagieren – und (noch) relativ wenige Männer. Es sind Frauen, die auch beruflich ihre Wege gehen so wie sie es wollen und wie es in ihr Lebenskonzept passt. Die „AP-Vorbilder“ hierzulande fordern keine Selbstaufgabe und keine ausschließliche Versorgung durch Mütter. Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse erschweren jedoch durch zu wenig Unterstützung, zu schwierige Arbeitsbedingungen oder Vereinbarkeitsmöglichkeiten – unabhängig vom Erziehungsstil – die Selbstfürsorge der Mütter. Das ist es, woran wir arbeiten müssen: Den Rahmen zu verbessern, in dem sich jede einzelne Familie bewegt und die Möglichkeit bieten, dass Elternschaft auf verschiedene Weise gelebt werden kann ohne Selbstaufgabe. Die öffentlichen Vorbilder an bindungsorientiert lebenden Frauen zeigen auf, dass diese Bindungsorientierung nichts mit Selbstaufgabe zu tun hat: Es ist bindungsorientierte, feministische Elternschaft mit der Wahlfreiheit jeder Familie und dem Fokus auf das Wohlergehen aller zu Gunsten einer sicheren Bindung. Vielleicht ist es Zeit für einen neuen Begriff, der all dem Rechnung trägt und Verwirrungen endlich beseitigt.

Was meint Ihr dazu?
Eure

 

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Liebe Großeltern…

Liebe Großeltern,

eine aufregende neue Zeit hat begonnen, denn ein neuer Mensch ist in unsere Familie gekommen. Ein Mensch, den wir alle kennenlernen wollen und der von uns kennengelernt werden möchte. Ein Mensch, der viel verändert und verändert hat, der uns zu Eltern und Euch zu Großeltern werden ließ.

Als Eltern werden wir nun unseren Weg finden gemeinsam mit unserem Kind. Vielleicht ist dieser Weg ganz anders als Euer Weg damals mit uns. Vielleicht ist er auch ganz ähnlich oder wir treffen uns an einigen Punkten und sind an anderen weit voneinander entfernt. Vielleicht sieht unser Weg heute ganz anders aus als Euer Weg damals, denn die Umgebung hat sich verändert und auch das Ziel, zu dem wir aufbrechen. Vielleicht werden unsere Kinder heute für eine Gesellschaft benötigt, die ganz anders ist als damals. Und es ist – auch wenn es ist fremd ist und unser Weg Euch komisch vor kommt – genau richtig so. So, wie Euer Weg damals richtig war für Euch mit uns als Kindern. Ein richtig oder falsch ist schwer zu beurteilen. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Deswegen wollen wir kein richtig oder falsch leben – wir gestalten unser Leben so, wie es eben heute und jetzt für uns passt. Wir haben das große Glück, das so vieles einfacher geworden ist heute. Essen, Trinken, Tragen, Wickeln, Kuscheln – all das können wir nach Bedarf. Keine Zeitfenster, keine strengen Regeln. 

Wir wünschen uns, dass Ihr mit uns zusammen diesen neuen Lebensabschnitt genießt, dass er für uns alle eine besondere und schöne Zeit wird und wir uns gegenseitig dabei helfen, den Weg zu gehen, der für uns genau richtig ist.

Verwöhnt werden wir Eltern so gern wie ihr Großeltern auch. Die gute Nachricht ist: Lasst Euch verwöhnen und verwöhnt nach Herzenslust! Was es damals vielleicht nicht gab, was nicht machbar war oder als schädlich beschrieben wurde, ist heute so einfach und erlaubt: Kuschelt, liebt und tragt Eure Enkelkinder so viel ihr wollt. Sie werden es Euch danken. So, wie wir Euch danken, dass Ihr da seid und uns durch Eure Liebe zu Euren Enkelkindern unterstützt. Mit Eurer Liebe und Unterstützung schadet Ihr nicht. Versucht daran zu denken, wie ihr damals Eltern wurdet und vor neuen Fragen und Herausforderungen standet. Auch wenn unsere Antworten heute vielleicht andere sind als Eure damals, sind wir dennoch in der selben Situation. Und das, was wir genau so brauchen heute wie ihr damals ist Unterstützung: durch Taten, aber vor allem auch durch Worte, Verständnis und Akzeptanz.

Eure Kinder, die nun Eltern sind

Wenn wir Kinder bekommen, werden aus Paaren Eltern. In der Schwangerschaft sind wir begleitet von Hebammen, Ärzt*innen, wir lesen Bücher, Blogs und Zeitschriften und besuchen Kurse zur Geburtsvorbereitung. Wir sind informiert darüber, was Kinder heute brauchen und wie sie sich entwickeln.

Wenn wir Kinder bekommen, werden aus unseren Eltern Großeltern. Auch sie freuen sich mit, sind gespannt und aufgeregt. All diese Entwicklungen, das Kinderhaben ist für sie aber nicht mehr neu. Sie hatten schon Kinder. Sie kennen sich aus – jedenfalls darüber, wie sie es machten oder wie „man“ es früher machte. Sie lesen weniger neu, besuchen weniger Kurse. Aber auch wenn auch diesmal ein Baby in die Familie kommt, ist diesmal ihre Rolle eine andere: Sie sind nun Großeltern und nicht selber Eltern. Sie begleiten, aber treffen nicht die Entscheidungen. Sie sind da, aber nicht wie die Eltern. Sie nehmen eine ganz neue Position ein gegenüber dem Baby und auch ihren Kindern. So, wie wir uns als Eltern entwickeln und eine eigene Art der Elternschaft entfalten, entwickeln auch sie sich als Großeltern. Auch sie brauchen Zeit und müssen sich manches Mal erst mit ihrer neuen Position und all den Neuerungen auseinander setzen. Neuerungen, von denen sie vielleicht gerade erst erfahren wenn das Baby schon da ist und nicht bereits in der Schwangerschaft. Manches Mal ist der Umbruch für sie noch größer als für die werdenden Eltern, weil er kurzfristiger ist: Das Baby schläft jetzt mit im Bett? Ist das nicht gefährlich? Rund um die Uhr stillen? Bekommt das dem Baby überhaupt? Das Baby in einem Tuch tragen? Schadet das nicht dem Rücken?

Wir wollen alle das Beste für unsere Kinder. So, wie wir es uns heute für unsere Kinder wünschen, wünschten es sich unsere Eltern für ihre Kinder – für uns. Nur dass das, was damals als das Beste und Richtige betrachtet wurde, eben ganz anders aussah als das, was für uns heute richtig und gut ist.
Susanne Mierau „Geborgen wachsen“ S. 135

Manches Mal denken wir frisch gewordenen Eltern, dass diese überholten Gedanken nervig sind und unsere eigenen Eltern uns bevormunden möchten. Doch oft machen sich die frisch gewordenen Großeltern wirklich Sorgen, denn auch sie wollen sicherlich das Beste für ihr Enkelkind. – Und das Beste ist doch das, was sie schon für ihre Kinder taten. Oder ist es das nicht? Und wenn das Beste etwas anderes ist, haben sie es dann falsch gemacht? Nicht nur wir Eltern setzen uns mit vielen Fragen auseinander, auch unsere eigenen Eltern spüren mit dem Großelternwerden eine Zeit des Umbruchs und müssen sich neu finden in einer neuen Rolle und neuen Zeit. Was uns hilft, um gemeinsam einen Weg zu finden, ist das, was uns auch den Anfang mit unseren Kindern erleichtert: Wir können beobachten, überlegen und nachfühlen. Wir sollten nachsichtig sein, Fragen stellen und dann unsere eigenen Bedürfnisse formulieren.

Es gibt viele Großeltern, die von sich aus schon bindungsorientiert mit den Enkelkindern umgehen und schon mit ihren eigenen Kindern lebten. Es gibt auch einige, die sich nun als Großeltern ganz anders verhalten als früher als Eltern und all diese Neuerungen des Verwöhnen dürfens genießen. Und es gibt welche, die vielleicht noch ein wenig Hilfe benötigen auf diesem neuen, modernen Weg und für die wir ein wenig Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass es so und heute und jetzt genau richtig ist für unsere Kinder. Vielleicht gibt es auch einige unnachgiebige Großeltern, die von ihrem Weg nicht abkommen wollen, aber es sind nicht die meisten, denn schließlich steht für uns alle das Wohlergehen der jüngsten Generation im Vordergrund – wir müssen uns „nur“ über den Weg dorthin einigen.

Wie war es bei Euch und den Großeltern Eurer Kinder?
Eure

 

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Was würdest du im Nachhinein anders machen als Elternteil?

Heute fragte mich eine Freundin: Wenn Du nochmal von vorn beginnen könntest mit dem Elternsein, was würdest Du anders machen? Zuerst sind mir viele Sachen eingefallen, die ich hätte anders machen können im Alltag. Meist Kleinigkeiten, denn natürlich gibt es im Alltag immer wieder Situationen, bei denen man denkt: Ach, das hätte ich mal lieber anders machen sollen. Am Nachmittag mit müden Kindern keinen Termin wahrnehmen, diese oder jene Reise nicht machen, hier oder da ein Kleidungsstück nicht kaufen, das sich als unpraktisch erwies. Ein Kind nicht deswegen anschimpfen, weil ich erschöpft bin. Ja, da gibt es schon eine Liste an Dingen, die ich nicht noch einmal machen würde.  Weiterlesen

Alle Eltern tun, was sie können! – Ein Aufruf für mehr Verständnis

Als Elternteil ist es manchmal nicht einfach, mit all den Ansprüchen zurecht zu kommen, die sich aus der Elternschaft ergeben: Da ist das Kind, das Ansprüche an uns stellt nach Sicherheit, Liebe, Zuwendung, Pflege, Versorgung – eben nach einer Bindung. Dann gibt es die Gesellschaft, die Ansprüche an uns stellt daran, wie wir uns als Eltern verhalten sollen und wie wir unser Kind richtig als Teil dieser Gesellschaft „erziehen“ sollen. Weiterlesen

Geborgene Kindheit – Wie bindungsorientiertes Leben nach dem 1. Geburtstag klappt

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Mit dem Baby bindungsorientiert zu leben, ist nicht so schwer, wenn wir erst einmal verstanden haben, welche Grundbedürfnisse es hat und wenn wir die Signale unseres Kindes deuten können. Anfangs ist das manchmal nicht einfach, aber mit den Wochen und Monaten geht es immer besser. Schwieriger wird es, wenn sich das Kind anfängt, mit er Umwelt auseinander zu setzen und wir auf einmal nicht mehr ganz so einfache Antworten geben können. Denn wir merken: Mein Kind möchte die Welt erkunden – und das manchmal auf ganz andere Weise, als ich mir das selbst vorgestellt habe. Unsere erwachsenen Vorstellungen treffen auf die Vorstellungen des Kindes – das bringt manchmal Konfliktpotential mit sich. Doch gerade in dieser Zeit ist es wichtig, dass wir uns immer wieder sagen: Das Verhalten meines Kindes ist sinnvoll, auch wenn ich den Sinn vielleicht gerade nicht verstehe.

„Wenn wir unsere Kinder durch das Leben begleiten, begleiten sie auch uns auf einer Reise. Wir brechen gemeinsam auf in eine neue Zeit, deren Ziel wir meistens nicht so genau kennen. Wir haben einen Leitstern, nach dem wir uns ausrichten, aber meistens keinen direkten Weg. Wir gehen Umwege, erleben Abenteuer, gehen durch durstige Strecken und hüpfen an anderen Tagen leichtfüßig barfuß durch sattes Gras. Dabei ist neben uns ein kleiner Mensch, der immer größer wird auf dieser Reise und lernt, sie immer selbständiger zu gehen.“

Sehr oft stehen wir nach dem ersten Geburtstag auf einmal auch vor den Anforderungen anderer und der Gesellschaft und wissen nicht, wie wir diese mit dem von uns gewählten Weg vereinbaren können. Auf einmal soll das Kind, das bis eben noch ein Baby war, nicht mehr mit uns in einem Bett schlafen? Auf einmal wird Sauberkeit zum Thema? Und was ist eigentlich mit dem Kindergarten, muss mein Kind da wirklich hin? Und wenn das für uns der richtige Weg ist, worauf muss ich dabei achten?

Gerade nach dem ersten Geburtstag werden wir mit dem Thema „Verwöhnen“ noch einmal neu konfrontiert. Das Familienbett und langes Stillen sind für viele Menschen ein Anzeichen, dass hier ein Kind „verzogen“ wird. Aber gerade jetzt sind dies hilfreiche Mittel, um sich in der aufregenden neuen Welt zurechtzufinden. Wir können entspannt bleiben, denn solange wir eine Balance finden zwischen Wurzeln und Flügeln, gehen wir einen richtigen Weg.

„Wurzeln, das ist das Urvertrauen, die sichere Bindung. Sie kann nicht existieren ohne die Flügel, die wir unseren Kindern auch mitgeben. Nicht erst dann, wenn sie groß sind, sondern schon von Anfang an. Kinder brauchen von Anfang an Wurzeln *und* Flügel. Sie brauchen Urvertrauen in uns und sie brauchen von uns das Vertrauen in sie.“

In meinem neuen Buch „Geborgene Kindheit“ geht es um all dies: Um die Entwicklungen nach dem ersten Geburtstag und warum sie sinnvoll sind und wie es uns Eltern gelingt, sie einfach anzunehmen. Es geht darum, auf dem eigenen Weg zu bleiben und ihn sicher weiter gehen zu können, egal was andere sagen. Es geht um all die Dinge, die sich vielleicht ereignen: Familienzuwachs, Verlust von Familienmitgliedern und den Alltag, der nicht immer wie in Bullerbü sein muss. Und es geht auch darum, dass wir Eltern uns bei unserem Wunsch nach einem bindungsorientierten Leben mit unseren Kindern nicht selbst verlieren. Denn eines ist ganz klar: Bindungsorientiertes Leben hat nichts mit Helicopterparenting zu tun, sondern lässt Freiheiten für alle. Wir alle im System Familie können nur mit Wurzeln und Flügeln einen entspannten Alltag haben.

Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen zum Buch.
Eure

Attachment Parenting ist ein Hilfsmittel für sichere Bindung – keine Garantie

In meinen Beratungen und auch in den Mails, die ich von Leser*innen immer wieder bekomme, geht es sehr häufig um Fragen danach, wie es sich auswirkt, wenn bestimmte Aspekte des Attachment Parenting in einer Familie nicht gemacht werden: es kann nicht gestillt werden, das Familienbett ist nicht erholsam für alle oder es kann nicht (viel) getragen werden. Meine Antwort lautet in diesen Fällen immer wieder recht ähnlich: „Du bist sicherlich eine wunderbare Mutter Weiterlesen

Was wir von unseren Babys über das Essen lernen können

Manchmal denken wir, dass wir unseren Kindern alles beibringen müssen, obwohl sie voller Kompetenzen in das Leben kommen. Sie entwickeln sich nach ihrem eigenen Tempo innerhalb eines recht festgelegten Ablaufplans und eine Kompetenz baut auf der nächsten auf. Genau so ist es auch beim Essen: Sie beginnen dann zu essen und Interesse an Nahrung zu zeigen, wenn sie so weit sind und körperlich dazu in der Lage sind. Unsere Aufgabe ist es, ihre Signale wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Wie in vielen anderen Bereichen müssen sie nicht von uns „essen lernen“, sondern wir begleiten sie auf ihrem eigenen Weg. Wenn wir sie bei der Erkundung des Essens beobachten, sehen wir sogar, dass sie sich äußert sorgsam mit dem Essen verhalten. Anstatt zu denken, dass wir unseren Kindern etwas über das Essen beibringen sollten, können wir uns vielleicht eher ein paar Aspekte von ihnen absehen.

Essverhalten im Laufe des Lebens

Stefanie Stahl schreibt in ihrem Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ (2015): „Wird das Kind in seinem Lustbedürfnis und damit gleichsam in seinem Autonomiebedürfnis zu stark reglementiert, so kann dies dazu führen, dass der Erwachsene […] – angepasst an den elterlichen Erziehungsstil – genussfeindliche Normen und zwanghaftes Verhalten entwickelt. Oder – in Abgrenzung zu den Eltern – undiszipliniert und maßlos seinem Lustempfinden nachgibt.“ Wie wir mit der Ernährung unseres Kindes umgehen, ist also für die weitere Entwicklung des Kindes sehr wichtig. Auch die KIGGS Studie des Robert Koch Instituts zeigte, dass ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten zeigen, Mädchen fast doppelt so häufig wie Jungen. Mahlzeiten und der Umgang damit sind mehr als „nur“ Nahrungsaufnahme.

 

Babys bringen von sich aus Kompetenzen mit

Lustbedürfnis und Autonomiebedürfnis müssen bei der Ernährung mit berücksichtigt werden. Unsere Babys zeigen uns von sich aus noch sehr gut, wie der Umgang mit gesundem Essen funktioniert. Wir als Eltern geben dabei einen gewissen Rahmen vor mit der Auswahl an Nahrungsmitteln, die wir ihnen anbieten. Aus dieser gesunden (!) Auswahl können sie sich frei bedienen und zeigen uns dabei wichtige Aspekte der Ernährung:

  • Babys essen dann, wenn sie Hunger haben
    Unsere Kinder zeigen sehr direkt, wenn sie Hunger haben, schon als Neugeborene: Sie wenden den Kopf, um nach der Brust zu suchen, sie nuckeln an ihren kleinen Fäusten, sie beginnen zu schreien, wenn wir ihre leiseren Hungersignale nicht beantworten. Auch bei der Beikost merken wir dies: Ihr Rhythmus der Mahlzeiten ist noch anders als unserer und nur weil für uns gerade Mittagessenszeit ist, muss das für sie noch nicht stimmen. Es ist gut, die Signale zu beachten und einfach später noch einmal etwas anzubieten.
  • Babys hören auf zu essen, wenn sie gesättigt sind
    Stillkinder hören mit der Stillmahlzeit auf, wenn sie satt sind. Manchmal nuckeln sie noch ein wenig, aber sie haben ein eigenes Gefühl der Sättigung. Auch wenn sie mit der Beikost beginnen, zeigen sie uns eindeutig, ob sie Hunger haben oder satt sind und wenden sich ab, wenn sie nicht mehr möchten. Sie bringen die Kompetenz mit, selbst zu entscheiden und das ist eine sehr wichtige Eigenschaft, die wir berücksichtigen sollten.
  • Babys nehmen Nahrung mit allen Sinnen wahr
    Wenn die Beikost eingeführt wird, möchten sie die Nahrung mit allen Sinnen begreifen: Sie riechen daran, sie befühlen sie mit Händen und Mund und nehmen wahr, wie sie sich verhält: weich,matschig, hart, flüssig – wie muss ich es anfassen, um es zum Mund zu befördern? Der Ansatz des Baby-Led Weaning ist hierfür besonders praktisch.
    Gerade dies ist ein Aspekt, der uns oft beim Essen verloren geht: Das genussvolle Wahrnehmen, genau nachschmecken, wonach eine Speise schmeckt und wie sie sich anfühlt.
  • Babys probieren aus
    Anfangs probieren Babys gerne noch unterschiedliche Sachen vorurteilsfrei aus. Alles wird zum Mund geführt und damit ertastet und es wird probiert, ob es essbar ist oder nicht. Später führen sie Essen gerne auch zum Mund der Bezugsperson wie eine Frage:  „Beißt Du ab und zeigst, dass es genießbar ist?“ Auch hier sind wir Vorbilder.
    Neophobien, die Angst vor dem Neuen, entwickeln sich erst ab der Zeit, wenn die Kinder weiter entfernt  von uns sind, um den 18. Monat, sagt Dr. Herbert Renz-Polster. Wenn wir ihnen geduldig immer wieder (8-10 Mal) eine Speise anbieten, probieren sie es doch irgendwann. Wie ist das bei uns Erwachsenen? Wann probieren wir etwas Neues aus?
  • Babys essen langsam
    Während wir manchmal schnell zwischen den Terminen einen Bissen einschieben, nehmen sich Babys und Kleinkinder noch Zeit: Sie fühlen, wenden Stücke in der Hand hin und her, probieren, kauen und zerkleinern mit der Zunge. Sie brauchen Zeit und nehmen sie sich für ihr Essen.
  • Babys reicht Wasser als Getränk
    Babys und Kleinkindern reicht Wasser als Getränk zum Essen vollkommen aus. Sie brauchen keine Fruchtsäfte, keine (gesüßten) Tees, keine (Kinder)milch. Sie sind zufrieden mit einem kleinen Glas Wasser und später einem kleinen Krug, mit dem sie sich selbst nachschenken können.

Unsere Babys und Kinder sind toll. Sie bringen alle wichtigen Kompetenzen zur Ernährung schon selbst mit. Wir Eltern sollten ihnen ihre achtsame Ernährungsform nicht abtrainieren. Und an vielen Stellen können wir uns sogar etwas von ihnen abschauen.

Eure

 

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