Vorbilder und Begriffe

Manchmal ist Elternschaft schwierig. Weil sie uns vor Aufgaben stellt, die für uns schwierig sind, weil wir mit Aufgaben konfrontiert sind, die wir nicht in dem Rahmen lösen können, der uns gegeben ist in der Gesellschaft und auch, weil wir für diese Aufgabenbewältigung manchmal keine Vorbilder haben aus unserer eigenen Geschichte, an denen wir uns orientieren können. Manchmal fehlen uns Beispiele dafür, wie wir Eltern sein können oder wollen oder wie wir es schaffen, durch die schweren Momente zu kommen. Und manchmal sind die Vorbilder ganz nah, auch wenn sie keinen Namen tragen für ihren Erziehungsstil.

Als ich zum ersten Mal Mutter wurde mit 29 Jahren, las ich keine Elternblogs. Ich las auch keine Zeitschriften und kaum Ratgeber. Die große Zeit der Elternblogs und Facebookgruppen stand noch bevor. Ich hatte gerade mein Studium der Kleinkindpädagogik beendet und hatte dort viel über Bindung gelernt. Ich kann mich nicht daran erinnern, im Studium ein einziges Mal das Wort Attachment Parenting gehört zu haben oder etwas vom Ehepaar Sears. Ich lernte etwas über Bowlby, Ainsworth, Piaget, Wygotskyi über Enwicklungspsychologie und moralische Entwicklung. Ich arbeitete einige Jahre bei Kuno Beller, der meinen Blick auf das Kind und die Beziehung schulte, der mir beibrachte, zu beobachten und nicht zu bewerten. Nach dem Studium besuchte ich neben der Arbeit Weiterbildungen: Zur Geburtsvorbereiterin, bei der ich viel über die selbstbestimmte Geburt und Hormone lernte, zur Familienbegleiterin, bei der es um die Bedeutung des gesamten Systems und den Umgang mit Familien ging. Auch hier fielen nicht die Wörter Attachment Parenting oder Unerzogen oder ähnliche.

Als mein Kind geboren war, waren meine Hebamme da, mein erlerntes Wissen, meine älteren Freundinnen mit Kindern, die ich im Studium kennengelernt hatte, und meine Stillgruppe. Es ergab sich für mich ein logisches Bild von dem, was ich über Bindung gelernt hatte und dem, wie die nahen Menschen in meinem Umfeld es lebten. Das, von dem ich zuvor dachte, dass ich es anders machen wollte als ich es selbst erlebt habe, fand sich im Alltag verknüpft mit den Theorien, die ich für wichtig empfand. Meine Vorbilder wurden meine erfahrenen Freundinnen, meine Hebamme, meine Stillberaterin, weil sie das vorlebten, was ich in der Theorie als wichtig kennenlernte – lange bevor ich dafür einen Namen hatte. Wir lebten unsere Elternschaft so, wie sie sich einfach richtig anfühlte für uns.

Erst Jahre später lernte ich, dass es einen Begriff für das geben könnte, was wir lebten. Das machte es an manchen Stellen einfacher, darüber zu sprechen. An manchen Stellen wurde es schwerer, weil sich unser Modell und unsere Weltsicht nicht in ein Modell pressen ließ und an dem aneckte, wie andere es umschrieben. Wir hatten uns von unseren Vorbildern herausgepickt, was für uns passte und was sich richtig anfühlte. Manche Dinge hatten wir ohne Vorbild für uns neu erfunden und damit einen guten Weg geebnet für unser Familienleben.

Meine Vorbilder von damals sind auch noch heute meine Vorbilder. Ich rufe sie an, wenn ich Hilfe benötige oder schreibe ihnen eine Frage als Nachricht und weiß, auch wenn ich sie lange nicht sehe oder höre, dass sie da sind nahbar. Sie sind keine theoretischen Konstrukte, keine Worte auf Papier. Sie heißen nicht Martha oder William Sears. Sie heißen Britta und Sandra. Im Laufe der Zeit kamen auch andere dazu: Martina, Conny, Anja, Andrea. Sie alle sind Vorbilder. Nicht, weil sie ein Punkteprogramm aufgestellt haben zum Abarbeiten, sondern weil sie einen Weg gehen, den ich gut und nachvollziehbar und stimmig finde. Weil sie und ihr Rat zu mir passen, weil es sich gut für mich anfühlt. Weil der Rat aus dem echten Leben kommt. Ich denke, das ist für uns alle wichtig: Vorbilder zu haben, die echt sind und sich echt anfühlen – ob nun nah oder fern. Die Verständnis haben für unsere Situation und an deren Worte wir uns anlehnen können, weil sie ein gutes Gefühl hinterlassen. Und weil sie auch akzeptieren, wenn wir andere Wege gehe. Denn ein Vorbild sollte vor allem auch dafür da sein, dass sich das Leben damit gut anfühlt und nicht starr.

Eure