Monat: Oktober 2018

Ein Naturkind begleiten – So wirst Du Naturmentor*in für Dein Kind

„Buphthanum sanif… wie heißt das nochmal?“, frage ich zum zehnten Mal. „Buph-thal-mum salici-folium“, antwortet mein Papa und spricht die Silben überdeutlich aus. Immer wieder wiederhole ich das schwerste Wort der Welt. Ja nicht vergessen, fest verwurzeln soll es sich in meinem Kopf. Und am Ende der Wanderung klappt es: „Mama, wir haben Buphthalmum salicifolium, das Ochsenauge gefunden!“, rufe ich begeistert. Und damit war ich verzaubert von der Magie botanischer Pflanzennamen.

Gesucht: Mentoren mit Liebe statt Wissen

Mein Vater war der erste Mentor auf meinem Weg zum Naturkind. Danach folgten weitere. Jetzt ist mein Mann mein Mentor, denn Naturmentoren braucht man auch als Erwachsene immer wieder. Sie alle demonstrierten ihre Wertschätzung für die Natur nicht nur in Worten, sondern in ihrem Auftreten der Natur gegenüber.

Mein Vater zum Beispiel hielt immer wieder inne. Er machte uns auf den besonders schönen Gesang einer Nachtigall, auf die versteckten Honigblätter der Hahnenfüße oder auf die Hüpffähigkeiten eines Schnellkäfers aufmerksam. Und das mit völliger Verzückung und Staunen. Er staunte über die Wunder der Natur. Durch diese Fähigkeit – und nicht etwa durch seine Artenkenntnis – Nein, durch die Gabe, die Natur zu bestaunen, war er ein wunderbarer Mentor.

Kinder lernen durch Begeisterung. Laufen die Bezugspersonen mit dem Handy vor der Nase durch den Wald und fühlen sich fehl am Platz, wird das Kind die Wunder des Waldes kaum wahrnehmen. Wer Kindern die Liebe zur Natur mit auf ihren Lebensweg geben möchte, muss selbst anfangen, sich mit der Natur verbunden zu fühlen.

Die Verbundenheit mit der Natur liegt in unseren Genen. Bis die Menschen in Mittel- und Nordeuropa vor 4.000 bis 5.000 Jahren sesshaft wurden, lebten wir Menschen in und mit der Natur. Vieles davon haben wir vergessen. Die Natur ist nicht mehr ein selbstverständlicher Teil unseres Alltag. Die Naturverbundenheit in uns schlummert und wir müssen sie wecken, um zu guten Mentoren für unsere Naturkinder zu werden.

Zielloses Herumstrolchen als Weg zur Natur

Um Kinder draußen spielen zu lassen, müssen wir Erwachsenen lernen, uns in der Natur wohlzufühlen. Wir müssen wissen, was dort draußen lebt, um angstfrei loslassen zu können. Wir müssen uns das Unbekannte bekannt machen. Das kleine Wäldchen am Stadtrand kennenlernen. Im Park die „unordentlichen“, wilden Ecken erkunden. Rausgehen, jeden Tag. Das Minimalziel sollte drei bis fünfmal die Woche sein. Es braucht ein ganzheitliches und immer wiederkehrendes Erleben, um die Natur kennen zu lernen. Es braucht mehr, als einmal wöchentlich in den Park zu gehen, um eine wahre Verbundenheit mit der Natur zu schaffen.

Die Grundwerkzeuge zum Naturmentor

Und was machen wir als Mentoren draußen? Naturspiele? Bestimmungsliteratur wälzen? Nein, ganz im Gegenteil! Wir strolchen herum. Ziellos und zeitlos. Weichen vom Weg ab, wenn wir es wollen und können (außer wir sind in einem Naturschutzgebiet). Wir bewegen uns langsam, schärfen unsere Sinne. Wir lauschen Vogelstimmen (wie viele verschiedene sind es?) und lassen uns von mysteriösen Fährten, von sternförmig gewachsenen Moosen und runzlig geformten Baumrinden ablenken. Wir sind das, wonach wir im Alltagstrubel streben und häufig doch versagen: Achtsam. Das Kind ist natürlich an unserer Seite, entdeckt mit uns und wird uns höchstwahrscheinlich auf viel mehr aufmerksam machen, als wir für uns selbst wahrgenommen hätten. Es wird Fragen stellen. Und wir werden versuchen, keine Antworten zu liefern.

Keine Antworten? Richtig, selbst wenn wir die Antwort kennen. Denn eine Frage mit einer Antwort zu beantworten, erstickt das Interesse des Kindes oftmals im Keim. Obwohl es für uns vielleicht nicht eingängig ist, versuchen Kinder mit einer Frage mehr unser Interesse für einen Austausch zu wecken, als eine Antwort zu erhalten. Sie hoffen, dass ihre Aufmerksamkeit zu unserer Aufmerksamkeit wird. Indem wir die Frage offen lassen und mit einer weiterführenden Frage an sie zurückreichen, lassen wir sie an der Lösung des Mysteriums teilhaben.

Die Fährte zu den Antworten aufnehmen

Nehmen wir zum Beispiel eine Fährte, die gefunden wurde. Das Kind möchte wissen, von welchem Tier die Pfotenabdrücke im Waldboden stammen. Es sind Hasenspuren. Die zwei Hinterpfoten haben hintereinander zwei Abdrücke in den Boden gedrückt. Die zwei Vorderpfoten sind etwas weiter nach vorne versetzt und zeigen zwei Abdrücke nebeneinander. Anstatt zu sagen: „Das war ein Hase“, wird das Kind vom Mentor mit einfachen Fragen zur Antwort geleitet: „Sind alle Pfotenabdrücke gleich?“ oder „Die Vorder- und die Hinterpfoten sehen verschieden aus. Kannst du das nachmachen?“.

Das Kind wird aufgefordert, die Spur nicht nur genau zu betrachten, sondern zu erleben: „Wie müsste sich das Tier bewegen, damit das Muster bleibt?“. Gehen oder Schleichen wird nicht funktionieren, das Kind wird hüpfen und schnell auf die Antwort kommen, dass das ein Hase war. Es hätte die von uns gegebene Antwort vielleicht schnell wieder vergessen. Mit den Gegenfragen wurde aus einer einfach Frage ein Naturerlebnis. Als Bonus gibt es einen Selbstvertrauens-Booster, weil die Antwort selbst herausgefunden wurde.

Mit einem kleinen Ritual wird der Besuch in der Natur abgerundet. Von den Streifzügen können kleine Naturfunde mitgenommen werden, die Zuhause in eine Schachtel gelegt werden oder auf einem kleinen Tischchen dekoriert werden. Beim Abendessen wird zusammen überlegt, was erlebt wurde: „Was ist heute draußen passiert?“, oder „Was war das tollste, was du gefunden hast?“, animiert die Kinder zum Antworten. Die Erlebnisse des Tages können in ein kleines Büchlein gemalt werden oder die schönsten und aufregendsten Erfahrungen mit einem kleinen Satz beschrieben werden. Das Büchlein wird nach und nach mit wertvollen Erlebnissen gefüllt und ist so auch später eine wunderbare Erinnerung an die Zeit als Naturkind.

Rausgehen, Fragen stellen und Geschichten aufnehmen

 


Die wichtigsten Handwerkszeuge für Mentoren sind:

– Täglich Zeit draußen verbringen
– Zeitlos und Ziellos herumwandern und sich von den Wundern der Natur leiten lassen
– Fragen stellen, statt Antworten geben
– Das Erlebte am Ende des Tages festhalten

Das Codewort zum Naturmentor lautet nicht Buphtalmum salicifolium. Es ist ein Rezept: Geht mit Kindern in die Natur, lasst sie die Magie des Morgentau auf Spinnweben entdecken und das Mysterium von Tierspuren auf den Grund gehen. Gebt einen großen Löffel Liebe für unsere Natur dazu und einen der Verbundenheit dazu. Seid für die Kinder da, wenn sie nach Hause kommen. Stellt gute Fragen und dokumentiert ihre Antworten.

Mit diesem einfachen Rezept werdet ihr zu wunderbaren Naturmentoren.
Eure

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

 

Der erste Stillmoment & die unglaublichen Kompetenzen des Babys

Dieser erste Moment nach der Geburt, wenn Mutter und Kind sich ansehen, ineinander versinken und die Zeit fast einen Moment stehen bleibt. Bei manchen gibt es diesen Zeitpunkt früher, bei anderen später – je nachdem, wie die Geburt verlaufen ist. Diesen Moment genießen, ganz ineinander eintauchen und sich kennen lernen: So siehst Du aus, so riechst Du, so fühlst Du Dich an – auf Seiten des Kindes und Seiten der Eltern. Ein magischer Moment.

Gerade jetzt haben wir eigentlich alle Zeit der Welt – oder sollten sie haben. Aber oft wird in Filmen, Büchern oder auch durch Fachpersonal vor Ort vermittelt: Nun musst Du Dich beeilen und das Kind anziehen und stillen. Aber das Baby kommt – wenn es reif und gesund zur Welt kommt ohne Gründe, die schnelles Eingreifen notwendig machen – auch mit dem Wunsch zu uns, von Anfang an die Welt mit allen Sinnen kennen zu lernen. Und die Welt beginnt genau jetzt mit dem Menschen, auf dem es liegt und dessen warme Haut es spürt.

Dein Baby lernt Dich jetzt kennen

Da liegt es nun und nimmt zum ersten Mal den Herzschlag nicht aus dem inneren des Körpers wahr, sondern über die Brust im Hautkontakt. Es hört die bekannten Stimmen, aber ganz anders als zuvor. Es fühlt Körperwärme dort, wo es im Körperkontakt steht und spürt zum ersten Mal Kälte an den Stellen, die nackt sind. Es spürt Stoff auf der Haut zum ersten Mal dort, wo es von einer Decke bedeckt ist. Es spürt Haut, aber ganz anders als zuvor im Mutterleib, denn sie fühlt sich anders an.

Instinktiv weiß das Baby, wohin es nun möchte und folgt dem eigenen Geruchssinn, verbunden mit den anderen Sinnen. Wenn es ausreichend geruht hat, beginnt es, sich zu bewegen. Liegt das Baby nun nackt bäuchlings auf nackter Brust oder Oberbauch der Mutter, beginnt es vielleicht, mit dem Kopf und Mund die Brust zu suchen und die Haut um sich mit dem Mund zu ertasten. Es leckt oder saugt an der Haut, die es umgibt, um zu erkennen, ob es sich um die Haut der Brust handeln könnte. Es weiß instinktiv, dass sich die Haut der Brustwarze anders anfühlt als andere Haut und nimmt die unterschiedlichen Empfindungen wahr. Vielleicht beruhigt es sich durch das Saugen zunächst noch einmal, bevor es wieder mit der Suche beginnt. Es kann sich mit den Füßen abstoßen, den Kopf bewegen oder gar ruckartig zu einer Seite schnellen lassen. Auf diese Weise bewegt es sich selbst zu seinem Zielort.

Auch wenn wir versucht sind, an dieser Stelle einzugreifen und das Baby selbst aufzunehmen und an die Brust zu legen, müssen wir es nicht tun. Denn unser Kind ist von Anfang an kompetent und strebt nach Autonomie – nicht erst im Alter von 2 oder 3 Jahren, sondern von Beginn an. Wir können uns zurück lehnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und warten – eine Tätigkeit, die wir in den folgenden Jahren immer wieder tun werden: abwarten, das Kind machen lassen. Gerade jetzt und hier, in den ersten Momenten des Familienlebens, lernen wir einen der wichtigsten Eckpfeiler der Elternschaft: Vertrauen in das Kind und dessen Fähigkeiten.

Selbstwirksamkeit: Das Baby findet die Brust

Irgendwann wird das Baby die Brust gefunden haben durch das Riechen, Tasten, Fühlen. Manchmal muss es durch den Arm der Mutter ein wenig gestützt werden, damit es nicht vom Körper rutscht. Aber den Großteil des Weges schafft es ganz allein. Vielleicht befühlt es die Brust mit dem Mund, vielleicht nimmt es die kleinen Hände oder Fäuste zu Hilfe, um die Brust zurecht zu schieben. Vielleicht ruht es sich noch einmal aus und legt den Kopf ab. Irgendwann wird es jedoch den Mund öffnen und mit dem Stillen beginnen – selbstbestimmt und aus eigener Kraft.

Der Vorteil dieses babygeleiteten Anlegens ist, dass das Baby selbst wirksam ist, dass es uns bereits nun, ganz am Anfang, etwas Wesentliches lehrt über den Blick auf das Kind und das Stillen so meist gut und komplikationslos starten kann, da durch die Eigenaktivität des Kindes Anlegeprobleme vermieden werden können, die den Stillstart erschweren. Nicht nur unmittelbar nach der Geburt können daher die Reflexe und Intuition des Babys genutzt werden, um zu stillen, sondern in den ersten Wochen. Gut ist es, wenn Mutter und Kind im direkten  Haut-zu-Haut-Kontakt sein können hierfür.

Eure

 

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Geburtsvorbereiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.