Willkommen, Selbständigkeit – Die „Ich will!“-„Ich will aber nicht!“ Zeit ist angebrochen

Die Selbstbestimmung und Selbständigkeit hat von Anfang an Raum im Wachsen eines Kindes. Jedes Kind braucht diesen Raum für die Entwicklung: Von Anfang an entscheidet es auch ein Stück weit selbst in aller Angewiesenheit auf den Erwachsenen: Es zeigt – je nach Temperament – seine Bedürfnisse an. Es wendet sich ab, wenn es nicht mehr spielen möchte, es fordert Nähe oder Ruhe ein durch die Signale. Wir nehmen diese Signale wahr und beantworten sie. – So jedenfalls in den ersten Monaten. Aber dann, irgendwann, kommt dieser Moment, in dem auf ein Signal des Kindes unsere gewohnte Antwort irgendwie fehl schlägt. Es scheint, wir haben es falsch verstanden. Oder die falsche Antwort. Oder es gibt aktuell keine richtige Antwort auf das eigentlich bekannte Signal. Das ist der Moment, in dem klar wird: Es hat sich etwas verändert.

Zum dritten Mal beginnt nun diese Zeit des Umbruchs mit einem meiner Kinder. Und obwohl ich sie kenne, obwohl ich schon alle Facetten dieser Zeit miterlebt habe, ist sie dennoch immer wieder neu. Als kürzlich aus heiterem Himmel ein Brötchen des jüngsten Kindes über den Tisch flog, sahen mein Mann und ich uns an mit dem verstehenden Blick: Es ist wieder so weit. Alles wird anders. Unser Baby ist kein Baby mehr und Ablenkung, einfache Antworten und unsere bisherigen Routinen sind nicht mehr Standard.

Der Auftakt einer Reihe

Das Kind hat sein Verhalten verändert, weil es sich selbst gerade verändert. Wir nehmen von Außen nur die Symptome war eines inneren Umbaus, einer Reifung. Das, was wir zunächst als negativ und ärgerlich, vielleicht auch als überraschend und verunsichernd erleben, ist eigentlich ein gutes Zeichen: unser Kind ist bei der nächsten Entwicklungsstufe angekommen. Wie wir noch oft im Laufe der Elternschaft sehen werden, gibt es Phasen, in denen wir es einfacher haben und solche, in denen es schwerer ist. Es gibt Zeiten, in denen es glatt läuft und wir denken, wir wüssten „wie das Kind tickt“ und dann kommen wieder andere Momente und auf einmal „tickt“ das Kind eine Weile ganz anders, bevor die nächste Veränderung kommt. Diese Phase des Ausdrucks der Selbständigkeit ist der erste große Umbruch in einer langen Reihe von Umbrüchen. Autonomie ist keine Phase, sie ist ein natürlicher Bestandteil der Entwicklung, die nur in einzelnen Zeiten unterschiedlich eingefordert wird und uns manchmal vor Herausforderungen stellt.

Manchmal ist es nicht einfach…

Vielleicht mag das – gerade nach den ersten Erfahrungen mit einem wütenden und schreienden Kleinkind – zunächst wenig motivierend wirken, wenn dies der Auftakt ist zu einer Zeit, in der solche Phasen immer wieder kommen. Aber wie so oft hilft es uns, wenn wir den Blick auch hier wieder auf das Positive richten und nicht von schlimmen Erwartungen ausgehen: Ja, es kann eine anstrengende Phase sein. Es ist immer auch eine Frage des Temperaments, wie unsere Kinder ihren Unmut äußern. Diese Phase zeigt uns einmal mehr, wie wichtig es ist, Unterstützung zu haben und eine Gruppe, mit der man Anstrengungen und Aufgaben teilen kann. Und sie rührt uns auch umso mehr an, desto mehr sie uns mit eigenen schwierigen Kindheitserfahrungen in Berührung bringt und wir herausgefordert werden in unserem Handeln, wenn wir es doch eigentlich ganz anders machen wollten als unsere Eltern und dann doch Gefahr laufen, in deren Handlungsmuster zu verfallen.

…aber eigentlich ist die Botschaft dahinter wunderbar

Aber diese Phase bringt auch viele gute Sachen mit sich, an denen wir uns immer wieder festhalten und an die wir uns erinnern sollten: Unser Kind ist nun auf dem Weg, die Impulskontrolle zu lernen. Es wird in den nächsten Jahren lernen, abzuwägen, zu beurteilen, Entscheidungen zu treffen und nicht mehr gefühlsmäßig-impulsiv auf eine Situation zu reagieren. Wenn wir unser wütendes oder trauriges Kind heute begleiten, es beruhigen und ihm so vermitteln, wie es sich selbst beruhigen kann, wird es das in naher Zukunft erlernen. Wir können heute den Baustein legen für Gedanken und Beruhigungsmomente, von denen unser Kind ein Leben lang zehren kann. Dabei dürfen wir nicht vergessen, was das Verhalten unseres Kindes eigentlich zum Ausdruck bringt: Es sagt uns: Ich habe einen anderen Willen als Du, ich möchte selbständig sein, ich möchte die mir meiner Meinung nach zustehenden Ressourcen einfordern. Das, was unser wütendes Kind ausdrückt ist das, was wir uns als Eltern eigentlich immer wünschen: einen unabhängigen Menschen, der für seine Wünsche und Bedürfnisse einsteht und der sagt, dass er die Welt selbst in die Hand nehmen will. Daran sollten wir uns in dieser Zeit immer wieder erinnern. Und ja: Es wird besser. Oder anders. Auf jeden Fall.

Eure

 

 

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