Autonomie und Kinder – Über Phasen, die keine Phasen sind

Terrible Twos, Autonomiephase/Trotzphase, Wackelzahnpubertät, Vorpubertät, Pubertät – Die Begriffe für Phasen der Kinder, in denen sie „besonders anstrengend“ seien sollen oder besonders die Autonomie einfordern reihen sich nahtlos aneinander. Als Eltern suchen wir Begriffe, um die Entwicklung der Kinder in Worte zu fassen und zu verstehen. Die Wahrheit aber ist: Es sind keine abgrenzbaren Phasen und Elternschaft ist eben immer wieder auch anstrengend. Schön und anstrengend. Einfach aus sich heraus, weil die Entwicklung, die wir begleiten, eben auch anstrengend ist für den kleinen Menschen, an dessen Seite wir stehen.

Autonomie – jetzt aber!

Tatsächlich gibt es kein „Jetzt geht es aber mit der Autonomie los!“, denn Autonomie gehört von Anfang an zur kindlichen Entwicklung dazu. Wenn wir von Wurzeln und Flügeln sprechen, meinen wir genau dieses: Wir geben unseren Kindern von Anfang an eine sichere Basis durch eine sichere Bindung, durch Feinfühligkeit und Beständigkeit. Gleichzeitig lassen wir ihnen aber auch Freiraum zur Entwicklung. Diesen Freiraum brauchen unsere Kinder von Anfang an – nicht erst ab einem Jahr, ab zwei Jahren oder später. Freiraum, Selbständigkeit und Autonomie bedeuten, dass sich Kinder ausprobieren, dass sie Erfahrungen mit Menschen, der Umwelt und sich selbst machen können. Das tun bereits Babys, wenn sie nach und nach in der Welt ankommen. Es ist wichtig, dass wir unserem Baby ermöglichen, den eigenen Körper kennen zu lernen und nach eigenem Tempo die Entwicklung zu vollziehen – besonders sichtbar beispielsweise an der motorischen Entwicklung des Kindes, bei der wir erleben, wie ein Baustein der Bewegung auf dem anderen aufbaut und die nächste Entwicklung ermöglicht. Kinder lernen von sich aus – sofern keine gesundheitlichen Gründe dagegen sprechen – das Drehen, Robben, Krabbeln und Laufen und wir geben ihnen den Raum, diese Bewegungen selbständig auszuprobieren. Genau so verhält es sich auch in den anderen Entwicklungsbereichen der Sprache, des Sozialverhaltens, des Denkens. Autonomie gehört zur kindlichen Entwicklung von Beginn an. Sie ist Teil unseres Lebens und Kinder und Erwachsene brauchen gleichermaßen Autonomie in ihren Handlungen.

Was sich im Laufe der Zeit verändert, ist die Art, wie Kinder Autonomie einfordern und wie sie mit anderen Meinungen und eventuellen Einschränkungen ihrer Autonomie umgehen können. Während ein Baby sich noch leicht ablenken lässt und sich leicht anpasst oder nicht langfristig ein Ziel verfolgt, ändert sich dies mit zunehmenden Alter und das Kind versucht sich mehr durchzusetzen, um seine eigenen Entwicklungsziele zu verfolgen – denn die Autonomie ist das Mittel der fortlaufenden Entwicklung, die das Kind einfordert und auch einfordern muss. Je nach Temperament werden diese Forderungen stärker hervor gebracht und bei Ablehnung der Eigenständigkeit dann auch entsprechend vehement verteidigt. Immer wieder ist es auch das kindliche Gehirn, das seinen Anteil hat daran, wie das Kind seine Bestrebungen ausdrückt und was es tolerieren kann und was nicht.

Elternschaft ist auch anstrengend

Je nachdem, welches Temperament ein Kind mit bringt und welche Temperamente in einer Familie aufeinander treffen und wie die Rahmenbedingungen sind, um die Autonomiebestrebungen des Kindes umzusetzen, können Zeiten anstrengender sein oder weniger anstrengend. Doch die Autonomie gehört zur kindlichen Entwicklung untrennbar dazu in jedem Alter.

Es kann manchmal leichter fallen, wenn wir das kindliche Verhalten in Phasen unterteilen und uns von Phase zu Phase bewegen. Diese Meilensteine können Anker sein und wie ein Mantra können wir uns sagen „Es ist nur eine Phase!“. Manchmal mag das helfen, um gut durch den Alltag zu kommen. Es sollte uns aber nicht den Blick für die Gesamtheit der Entwicklung versperren, den Blick auf das große Ganze und die wichtige Erkenntnis, dass Autonomie nie nur eine Phase ist, sondern immer ein wichtiger Teil des Lebens und insbesondere des Heranwachsens. Die Wörter, die wir verwenden für diese Phasen, bilden oft negative Assoziationen aus für ein eigentlich wichtiges und natürliches Verhalten. Worte prägen unser Denken, unsere Erwartungen. Wir rasseln nicht von einer schlechten Phase in die nächste hinein mit unseren Kindern. Wir begleiten sie beim Wachsen, bei der Ausbildung ihres Selbst – mit allen positiven und negativen Seiten. Als Eltern müssen wir uns immer und durch alle Jahre hinweg mit den Bedürfnissen unserer Kinder beschäftigen und deren Abgrenzung zu unseren eigenen Bedürfnissen und denen der Gesellschaft. Das ist Teil von Elternsein.

Eure

 

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