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Essen darf kein Zwang sein!

Eine Mutter ist besorgt um ihr neugeborenes Baby: Nach der Geburt hat es abgenommen, an der Grenze des Soll und die Ärztin hat zu einer Wiegeprobe* vor und nach dem Stillen geraten, um zu überprüfen, ob das Baby genug Muttermilch trinken würde. Die Zahlen stimmten nicht, die Mutter sollte Zufüttern mit künstlicher Säuglingsnahrung. Szenenwechsel: Mittagstisch bei einem sechs Monate altem Kind. „Noch ein Häppchen für Papa. Morgen soll doch auch die Sonne scheinen!“ Wieder ein Szenenwechsel: Im Kindergarten sitzt ein Kind lustlos vor der Linsensuppe. „Das wird aufgegessen, sonst gibt es keinen Nachtisch!“ – Druck. Essen wird immer wieder mit Zwang verbunden. Kinder würden sonst – so scheint es – nicht essen. Weiterlesen

Breifrei seit einem Jahr

Vor etwa einem Jahr habe ich mein Breifrei-Buch „Breifrei durch die Babyzeit. Gemeinsam Essen entdecken: Stück für Stück“ veröffentlicht und mit Kursen für Eltern begonnen, in denen ich ihnen erkläre, wie wunderbar Babys auch ohne Brei in die Beikostzeit starten können, welch Genuss das gemeinsame Essen ist und wie viel Freude Babys am Kennenlernen von unterschiedlichen Konsistenzen und Geschmäckern haben. Fast 200 Mal wurde es seither verkauft und ich habe viele Workshops in Berlin gegeben, um Eltern diesen Weg der Beikosteinführung zu zeigen. Auch Fachpersonal habe ich in dieser Zeit weiter gebildet, das das Wissen ebenso weiter gibt in Workshops, Hausbesuchen und Kursen. Doch noch oft treffe ich auf Eltern, die mit „Breifrei“ noch nichts anfangen können. Deswegen gibt es heute noch einmal eine kleine Einführung.

Woher Breifrei oder BLW eigentlich kommt

Gill Rapley, Hebamme, Stillberaterin und Mutter von drei Kindern, hat den Begriff des “Baby-Led Weaning” geprägt. Wie sei selbst jedoch schreibt, hat sie nur dem einen Namen gegeben, was viele Eltern ganz natürlich mit ihren Kindern schon seit Generationen praktizieren: Das Kind ohne extra gekochten Brei an feste Nahrung heran führen. Auch Herbert Renz-Polster führt in seinem Buch “Kinder verstehen” aus, dass Kinder evolutionär betrachtet schon immer das aßen, was auf dem mütterlichen Speiseplan stand – und zwar entweder mundgerecht zerlegt oder vorgekaut. Dies hatte auch den Vorteil, dass das Kind den Geschmack der Speisen bereits über die Muttermilch vermittelt bekommen hat. Auch Skelettfunde sollen die These der gröberen Beikost untermauern: Erst ab dem 17. Jahrhundert sind Kieferfehlstellungen zu beobachten durch die zunehmend weichere Babykost.

Sind Kinder dazu fähig, sich selbst mit passender Nahrung zu versorgen?

Baby-Led Weaning geht davon aus, dass Babys sich mit dem, was sie brauchen, in gewissem Sinne selbst versorgen können. Vorausgesetzt wird, dass das Angebot, das sie von ihren Eltern erhalten, gesund und ausgewogen ist. Wird ihnen eine Auswahl an gesunden Nahrungsmitteln täglich angeboten, wählen sie selbst, was sie gerade benötigen. Vielleicht gibt es Phasen, in denen sie immer wieder ganz bestimmte Nahrungsmittel bevorzugen weil sie es gerade für die Entwicklung benötigen. Über einen längeren Zeitraum zeigt sich jedoch, dass bei einer breiten Auswahlmöglichkeit über die Zeit eine gute und vollwertige Ernährung erfolgt.

Wann Babys bereit sind

Damit das Baby also selbst isst, muss es bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Nach Gill Rapley ist das geeignete Alter für den Beikoststart ohne Brei um den sechsten Monat herum – bei gesunden und zum normalen Geburtstermin geborenen Kindern ohne gesundheitlichen Einschränkungen. Kinder sollten (mit wenig Hilfe) sitzen und das Essen selbst zum Mund führen können. Denn es geht nicht nur einfach darum, dass das Baby feste statt breiiige Lebensmittel bekommt. Es soll vielmehr ganz selbstbestimmt das Essen vom Teller nehmen dürfen (sich dabei aussuchend, was genau es vom Teller nehmen möchte) und es selbst zum Mund führen und ganz nach Bedarf dieses Lebensmittel mit dem Mund erkunden und langsam verspeisen. Das langsame Erkunden ist dabei ganz besonders wichtig, denn Babys wissen ja noch nicht, dass Nahrung satt macht. Erst aus Freude am Erkunden nehmen sie die Lebensmittel in den Mund und lernen dann nach und nach, dass diese auch satt machen.

Babys brauchen Zeit, um in Ruhe ein Nahrungsmittel zu erkunden: Wie fühlt es sich an, wie hart oder weich st es? Wie berühre ich es? Wie kann ich es am besten in den Mund stecken? Wie fühlt es sich im Mund an, wie zerdrücke ich es? An jedem Nahrungsmittel gibt es viel zu entdecken. Dass Nahrung so lange im Mund des Babys hin und her gewendet wird, hat ebenfalls Vorteile: Im Speichel sind bereits Verdauungsenzyme enthalten, die schon mit der Verwertung des Essens beginnen. Und nicht nur jede Mahlzeit braucht ihre Zeit, sondern auch insgesamt verläuft die Entwicklung der Aufnahme der Nahrungsmittelmenge vielleicht langsamer als bei der Breikosteinführung. Auch dies ist jedoch ganz im Sinne des Kindes: Schließlich ist im ersten Lebensjahr das Hauptnahrungsmittel die (Mutter-)Milch.

Breifreie Beikosteinführung hat insgesamt viele Vorteile für Babys: vom achtsamen Umgang mit dem Kind und seinen Bedürfnissen bis hin zu handfesten Vorteilen in Hinblick auf die Entwicklung der Kiefermuskulatur. Es ist ein wunderbarer Weg, um Kinder an das Familienessen heran zu führen. Stück für Stück.

Breifrei_Buchcover

Breifrei durch die Babyzeit. – Nun in der 2. Auflage

6 Monate Breifrei – Wie mein Baby ohne Brei zum guten Esser wurde

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Nun sind 6 Monate seit dem Beikoststart vergangen. Der Sohn hat in dieser Zeit viele Dinge probiert, genascht, heimlich von der Schwester etwas zugesteckt bekommen. Angefangen mit Pastinake, Fenchel, Gurke ging es über Brot mit Mandelmus zu Käse, Sahne, Apfelmark, Steak und schließlich gab es am ersten Geburtstag auch den ersten Kuchen. Was hat sich getan in diesen 6 Monaten?

Er hat gelernt, das Essen mit der Hand richtig zum Mund zu führen und mit den Händen nicht nur zu erforschen, sondern es auch richtig damit handhaben zu können: Wenn man einen Gurkenstick bis zur umklammernden Faust abgeknabbert hat, ist die Gurke ja noch gar nicht alle, sondern ein Stückchen noch in der Handfläche! Er hat gelernt, verschiedenste Konsistenzen zu erfühlen und richtig damit umzugehen: Brot ist hart, Avocado weich, Suppe cremig-flüssig, Müsli breiig-stückig. Pflaume lässt sich gut in den Händen zerquetschen und Brombeeren zermatschen auch einfach so beim Anfassen. Erbsen kann man mit den Fingerspitzen aufpicken oder über den Teller rollen lassen. Mit Wasser lassen sich Bilder auf den Tisch malen und draufklatschen macht lustige Geräusche. Käse schmeckt am Besten aus der Hand, nicht auf dem Brot liegend. Überhaupt ist es schön, von allen Dingen den puren Geschmack zu erfahren, bevor man es gemischt isst. Besteck ist spannend und muss auch ausprobiert werden, weil das ja alle anderen am Tisch auch machen. Nur wie kommt das Essen damit in den Mund? Und zwar so, dass man davon auch satt wird? Ein kleines Glas mit Wasser kann schon selbst zum Mund geführt werden und nur noch ab und zu geht etwas beim Trinken daneben.

6 Monate voller neuer Erfahrungen, voller Spaß am Ausprobieren und Experimentieren. 6 entspannte Monate, die ein Baby selbst bestimmt hat. Und wie wird alles in einem weiteren halben Jahr aussehen? Wahrscheinlich wird er auch dann noch Muttermilch nach Bedarf trinken. Aber vielleicht klappt es ja mit der Gabel schon ein bisschen besser. Wer weiß?

 

Du möchtest mehr erfahren über Breifrei? Hier finden meine nächsten Workshops statt:

  • 02.11.2013 10:00-12:00 Uhr im Amitola in Friedrichshain
  • 14.12.2013 11:00-13:00 Uhr im Hug & Grow in Tiergarten
  • 25.01.2014 11:00-13:00 Uhr im Hug & Grow in Tiergarten

Das Ebook „Breifrei durch die Babyzeit. Gemeinsam Essen entdecken. Stück für Stück“ Hier herunterladen.