Abstillen – Jede Stillbeziehung hat ihren Weg

Ich würde mich als Langzeitstillende bezeichnen, was auch immer das sein mag. Meine Tochter wurde zwei Jahre, mein Sohn wird noch immer gestillt. Eine Mutter, zwei Stillbeziehungen, zwei unterschiedliche Erfahrungen, zwei Wege zum Abstillen.

Stillbeziehung – die erste

Meine Tochter habe ich zwei Jahre lang gestillt, davon 10 Monate ausschließlich. Um den ersten Geburtstag herum kamen aus der Familie die ersten kritischen Stimmen: Wie lange ich denn noch stillen wolle? Und auch das Stillen in der Öffentlichkeit wurde mir langsam unangenehm. Sie wurde größer, ich stillte mit ihr fast nur noch zu Hause oder an Orten, die sich dafür empfänglich zeigten. Als sie mit fast 1,5 Jahren zur Tagespflegegruppe kam, stillte ich sie noch immer und ich war glücklich, ihr diese Nähe nach einem aufregenden Tag mit ihren Spielfreunden geben zu können. Ihr zweiter Geburtstag rückte näher, sie stillte nachts noch viel und ich merkte, dass ich unsere Stillbeziehung beenden wollte, dass es für mich Zeit war. Vielleicht war auch der äußere Druck der Gesellschaft unangenehm, die kritischen Blicke, wenn sie nach dem Stillen unterwegs fragte. Ich unternahm einen ersten Versuch des Abstillens einige Monate vor dem 2. Geburtstag und hatte prompt einen Milchstau und eine anschließende Brustentzündung. Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt. ich war noch nicht soweit. Ich sprach mit meiner Tochter, erklärte ihr mich und stillte langsam ab. Eine Woche nach ihrem zweiten Geburtstag trank sie zum letzten Mal an der Brust. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, sie fragte einfach nicht mehr. Es ist komisch, dass man bei manchen Dingen nicht weiß, wann es das letzte Mal ist. Und dann, auf einmal, war es das.

Als ich mit meinem Sohn schwanger war, dachte ich oft darüber nach, ob dieses Abstillen, das ich ja mit beeinflusst hatte, richtig war. Ob ich sie nicht noch länger hätte stillen sollen. War ich eine schlechte Mutter, weil ich nur 2 Jahre gestillt hatte? Ließ sich das eigentlich mit meinen Einstellungen zu bindungsorientierter Elternschaft vereinbaren?

Stillbeziehung – die zweite

Bei meinem Sohn kannte die Familie meine Einstellung zum Stillen bereits. Es wurde vielleicht ab und an ein Kommentar gemacht, aber es gab keine Nachfragen. Viel früher als die Tochter entschied er sich für Beikost. Doch er wurde kein wirklich guter Esser: Milch war immer wichtiger. Und wenn Beikost, dann natürlich nur wie alle anderen auch, und bevorzugt Obst oder Gemüse und dieses nach Möglichkeit roh. Dass Beikost in Form von Gemüse- oder Obstbrei einen höheren Energiegehalt anbieten sollte, hatte ich schon lange als Lüge enttarnt, doch wurde mir dies durch die Ernährung des Sohns noch einmal besonders deutlich. Er wurde 1 Jahr alt und stillte weiter, er wurde 1,5 Jahre alt und stillte noch immer mehr als er aß. Kurz vor dem zweiten Geburtstag kam dann die für mich erste spürbare Wendung. Anders als bei der Tochter hatte ich nicht das Gefühl, ihn nun abzustillen. Weil es weniger äußeren Druck gab? Weil sich meine Arbeitssituation verändert hatte? Weil er viel weniger nachts stillte als die Tochter? Ich weiß es nicht. Jedenfalls stand es nicht zur Diskussion. Diesesmal sollte mein Kind die Zeit bestimmen. Doch um den zweiten Geburtstag wurden die Stillmahlzeiten von sich aus weniger. Er aß auf einmal mehr bei Tisch mit. Noch immer lieber Obst und Gemüse und gerne roh, aber er aß mehr. An einem Abend merkte ich, dass ich ihn am Nachmittag nur einmal gestillt hatte.

Manchmal denkt man, dass Phasen nie aufhören, dass sie immer weiter gehen bis man irgendwann eingreift. Aber hier sah ich, dass es einfach doch so ist, dass auch diese Phase irgendwann enden wird. Er geht seinen Weg und ich begleite ihn dabei. Er steuert wie er sich abstillt, wie lange es dauert und wann er bereit ist, mit dem Stillen aufzuhören. Dass dieser Zeitpunkt kommen wird, ist klar. Er zeigt, dass dieser Punkt kommen wird. Und vielleicht wird es auch hier wieder so sein, dass es ein letztes Mal gibt, von dem man vorher noch nicht weiß, dass es das letzte Mal ist.

Zwei Wege – welcher ist richtig?

Es sind zwei unterschiedliche Wege, die ich beschritten habe. Bei einem Kind habe ich den Kurs vorgegeben, beim anderen das Kind. Manchmal habe ich mich schon gefragt: Ist das eigentlich richtig? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich meine Tochter abgestillt habe und meinem Sohn dieses Recht allein zukommen lasse? Während ich darüber nachdachte, wurde mir eines ganz klar: Nein, beide Wege sind in Ordnung. Es gibt ihn eben nicht, den einen richtigen Weg. Jeder Weg hängt von so vielen verschiedenen Faktoren ab. Jeder hat seine Berechtigung. Natürlich ist es gut und wunderbar und gesund Kinder lange zu stillen. Und auch Kinder nach dem ersten Geburtstag haben durch langes Stillen viele Vorteile. Doch es geht nicht nur um die Kinder. Es geht um das System Familie, um Frauen, um Körperbilder, um Wohlbefinden, um Schlaf, um mütterliche Gesundheit und persönliche Bedürfnisse. Es ist wünschenswert, Frauen die Möglichkeit zu geben und Rahmenbedingungen, damit sie ihre Kinder lange stillen. Aufklärungsarbeit ist ein Teil davon, ein stillfreundliches Klima in der Gesellschaft, an Arbeitsplätzen und in Kitas ein anderer Teil. Frauen muss die Möglichkeit gegeben werden, stillen zu können und zu dürfen. Wahlfreiheit bedeutet, wählen zu können. Entscheidungen bewusst zu treffen aufgrund umfassender Aufklärung. Und wenn es Gründe gibt, die für die Beendigung der Stillbeziehung sprechen, gibt es Gründe, die für die Beendigung der Stillbeziehung sprechen. Stillen ist mehr als nur Ernährung. Gerade deswegen ist es wichtig auch die Gründe der anderen Seite zu beachten.

Was meint Ihr?
Eure

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