Essen darf kein Zwang sein!

Eine Mutter ist besorgt um ihr neugeborenes Baby: Nach der Geburt hat es abgenommen, an der Grenze des Soll und die Ärztin hat zu einer Wiegeprobe* vor und nach dem Stillen geraten, um zu überprüfen, ob das Baby genug Muttermilch trinken würde. Die Zahlen stimmten nicht, die Eltern sollten Zufüttern, sie sind verängstigt und unter Druck, ohne den Gründen wirklich nachgehen zu können und nehmen unter diesem Druck keine weiter Fachmeinung in Anspruch. Szenenwechsel: Mittagstisch bei einem sechs Monate altem Kind. „Noch ein Häppchen für Papa. Morgen soll doch auch die Sonne scheinen!“ Wieder ein Szenenwechsel: Im Kindergarten sitzt ein Kind lustlos vor der Linsensuppe. „Das wird aufgegessen, sonst gibt es keinen Nachtisch!“ – Druck und Angst. Essen wird immer wieder mit Zwang verbunden, mit Sorgen, mit Grenzüberschreitungen. Kinder würden sonst – so scheint es – nicht essen. Eltern stecken schnell in der Angstfalle: Was, wenn mein Kind nicht ausreichend isst? Oder nicht ausgewogen genug?

Tatsächlich haben Kinder einen recht guten Überlebenssinn. Sie essen, wenn sie Hunger haben. Und sie essen – sofern sie aus gesunden Lebensmitteln auswählen dürfen – was sie brauchen. Manchmal sind das mehr Kohlehydrate, manchmal mehr Proteine. Kinder haben es noch, dieses Bauchgefühl, das wir Erwachsenen oft vermissen. Solange es sich nicht um Fett oder Zucker handelt, die gern bevorzugt werden, weil Kinder eben auch evolutionär vorsorgen wollen für schlechte Zeiten, können sie ganz gut auf sich achten.

Schon kleine Babys zeigen, ob sie Hunger haben oder nicht: Sie zeigen typische Hungersignale wie Schmatzen und Wenden des Kopfes (Suchen nach der Brustwarze), das Saugen an den Händen und schließlich schreit es, wenn es Hunger hat. Ebenso gut kann es anzeigen, wenn es satt ist, indem es den Kopf einfach abwendet. Dieses Abwenden, das Zeichen für „Stop“ ist deswegen auch eines der wichtigen Beikostreifezeichen.

Was in der Stillphase also als Zeichen akzeptiert wird, wird oft dann, wenn es um die Beikost geht, nicht mehr berücksichtigt. Hier werden lustige Löffel gekauft, damit das Baby bereitwillig isst, das Handy wird für Ablenkungsmanöver eingesetzt, damit dem erstaunten Baby schnell ein Löffel Essen in den Mund geschoben werden kann oder es werden Aufforderungen und Bitten formuliert wie „Noch zwei Hapse!“ „Noch ein Löffelchen für Oma!“ Eltern sorgen sich, wenn Kinder nicht die Menge von 190g eines Norm-Gläschens aufnehmen. Die Angst vor der schlechten Ernährung überwiegt das Wissen darum, dass ein Zwang zum Essen auch nicht gesund sein kann.

Auf die Spitze getrieben wird es dann, wenn das Kind nicht nur mit Gesten und Körperhaltung ausdrückt, dass es nicht bereit zum Essen ist, sondern im Kindergartenalter ganz klar artikuliert, dass es etwas nicht essen möchte. Dabei ist es egal, ob ein Kind eine Speise ablehnt, weil es keinen Hunger hat oder weil es eben diese Speise nicht mag: Wenn ein Mensch nicht essen möchte, ist dies zu akzeptieren. Und es gibt keinen Grund, ein Kind zu einem Probehäppchen zu zwingen. Weder durch Versagen einer Nachspeise noch durch psychischen Druck. Denn: im BGB wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung verankert:

„(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Ein Kind zum Essen zu zwingen durch körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen oder ähnliches ist nicht zulässig. Dies gilt nicht nur in den Familien, sondern auch in Kindertageseinrichtung und Schulen: Kinder dürfen nicht zum Essen gezwungen werden.

Und es geht nicht nur um die Nahrungsaufnahme an sich, die vielleicht in gerade dieser Situation zu viel ist, sondern auch um das, was es bedeutet, in Hinblick auf die Nahrungsaufnahme immer zu „mehr“ verleitet zu werden, durch Tricks von Vertrauenspersonen das eigene Bauchgefühl untergraben zu bekommen und schließlich zu lernen, nicht mehr darauf zu hören. Manchmal ist es auch nicht das „wenig essen“, das Eltern verunsichert, sondern auch das „mehr essen“: Es gibt immer wieder auch Phasen, in denen Kinder mehr oder weniger essen, in denen sie sich mehr oder weniger bewegen, in denen sie mehr oder weniger brauchen. Es ist gut, wenn sie ein Gespür für sich entwickeln können und wir als Eltern sie mit einem gesunden Angebot dabei begleiten können und im Rückschluss durch das Essverhalten des Kindes auch etwas über unser Kind und seine aktuelle Entwicklung erfahren. Wie viele andere Entwicklungsbereiche entwickelt sich auch das Essen und das Kind braucht Zeit, um mit diesem neuen Entwicklungsbereich vertraut zu werden.

Wir alle wünschen uns selbständige Kinder. Solche, die für sich später einstehen, die ihre Bedürfnisse klar formulieren können, die sensibel sind und feinfühlig mit anderen Menschen umgehen und auf die Bedürfnisse schwächerer Menschen eingehen. Um dies zu erreichen, müssen wir auch die Bedürfnisse unserer Kinder berücksichtigen, zum Beispiel auch beim Essen.

Wie handhabt Ihr das mit dem Aufessen?
Eure

Susanne_clear Kopie

* Die Wiegeprobe ist übrigens ein längst überholtes Vorgehen, das keine Aussagekraft hat

Ergänzung vom 09. September 2016:
Der Artikel bezieht sich auf gesunde Kinder, die keine lebensbedrohlichen Unverträglichkeiten oder Erkrankungen haben, die direkt mit der Nahrungsaufnahme oder Auswahl verträglicher Lebensmittel in Zusammenhang stehen, sowie Kinder, die nicht zu früh geboren und mit Sonden ernährt werden mussten oder aufgrund der Frühgeburtlichkeit besonders mit Nahrung versorgt oder zu häufigem Stillen angehalten werden mussten.

Merke Dir diesen Artikel auf Pinterest

27 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.