Kategorie: Tagebuch

Ein Dankeschön an das Kind

Vielleicht sind auch bei euch gerade die Zeiten nicht so einfach: Vielleicht habt ihr viele Aufgaben und wenig Zeit, sie zu erledigen. Vielleicht ist der Tag gerade vollgestopft mit „Muss ich noch…“ und „Gleich, aber vorher noch schnell…“ – eine aufreibende Situation nicht nur für uns Erwachsene, sondern auch für die Kinder. Denn ja: Manchmal werden Bedürfnisse gerade jetzt übersehen. Aufgeschoben und dann vergessen, statt sich daran zu erinnern. Oder es wird ein „Oh ja, stimmt, aber jetzt schaffen wir das nicht mehr, vielleicht morgen…“ hinterher geschoben. Es ist viel gerade. Zu viel. Und es ist menschlich, dass wir all den Trubel nicht immer und jeder Zeit überblicken können.

Nicht das Kind ist das Problem!

Wichtig ist in dieser Zeit, dass wir unseren Kindern dennoch vermitteln, dass sie keine zusätzliche Last sind. Die Situation ist belastend, die Vereinbarkeit von Homeoffice und Kinderbetreuung zu Hause ist belastend. Finanzielle Nöte sind belastend. Die Balance von Bedürfnissen ist belastend und auch der Umstand, dass wir unter Stress weniger feinfühlig sind und weniger gut die Bedürfnisse und Signale unserer Kinder wahrnehmen können. Unter Stress fallen viele Dinge, gerade zwischenmenschliche, schwerer. Unter Stress wird der Rahmen enger, in dem sich unsere Kinder frei bewegen können, weil wir weniger Toleranz haben für die ganz natürlichen, kindgerechten Dinge, die eben im Leben mit Kindern so schief laufen: Dass hier mal das Waschbecken überläuft oder die Tasse umkippt oder das neue Shirt nun Tomatenflecken hat. Was wir in entspannten Zeiten mit einem Lachen hinnehmen können, ist in schwierigen Zeiten manchmal ein Problem. Aber nicht das Kind ist das Problem. Das Kind ist ein Kind. So, wie es immer ein Kind ist.

Ein kleines Ritual in einer stressigen Zeit

Es ist wichtig, dass sich unsere Kinder auch jetzt – gerade jetzt – geliebt und wertvoll fühlen. Dass sie sich als geliebter, wertvoller Bestandteil empfinden der Familie. Und gerade dann, wenn es vielleicht tagsüber zu wenig solcher Anerkennung und Zuwendung gab, tut es gut, ein Ritual zu haben, um dem Kind jeden Tag noch einmal eine positive Bestärkung mit auf den Weg zu geben. Ihm jeden Tag zu sagen, dass es wichtig ist, dass es geleibt ist. Nicht nur mit den Worten „Ich hab dich doch lieb!“, sondern mit echten und persönlichen Worten. Mit Worten wie „Heute habe ich gemerkt, dass du dich lange beschäftigt hast mit…“, „Du hast heute ein besonders buntes Bild gemalt!“ – Und wir können darüber nachdenken, welche besonders schönen Momente wir mit dem Kind hatten und vielleicht auch, was wir heute durch die Augen unserer Kinder anders gesehen haben, was uns selbst – jetzt, mit etwas Abstand betrachtet – bereichert hat. Wir können uns jeden Tag eine kleine Notiz darüber aufschreiben, was wir am Zusammensein mit unserem Kind wertschätzen, lieben, genießen. Gerade jetzt. Und für später. Für uns selbst und für unser Kind.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Zur Mutter geworden

Ich liege neben Dir in Deinem Bett und streichel über deine Haare. Da liegst Du, mein großes Kind und liest in einem Buch, während ich neben Dir arbeite. Ich streichel über Deine Haare und denke daran, wie wenig Haare Du einmal hattest und dass ich einmal wirklich zur Ärztin ging, um zu fragen, ob sie wirklich noch nachwachsen irgendwann. Ich lächel in mich hinein bei diesem Gedanken an mein früheres Ich, an mein Erstes-Mal-Mutter-Ich und all die Fragen, die ich hatte, all die Sorgen und all die großen Pläne. Weiterlesen

Hinsehen

Da sitze ich am Abend da mit Kopfschmerzen und bin erschöpft vom Tag, denn es gab viel Streit zu schlichten und viel Einfühlungsvermögen war gefordert. Der Babysohn wollte viel getragen werden und war unleidlich, das große Kind hatte keine Lust auf Schularbeiten und der mittlere Sohn wurde so sauer, dass auf einer Weihnachtsfeier der Schule nur die Schulkinder beschenkt wurden, dass wir die Schulfeier früher verlassen mussten, was wieder das Schulkind sauer machte und schließlich auch das Baby unruhig werden ließ.

Das Abendessen war kurz, denn alle waren müde und erschöpft und schlecht gelaunt und beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte wurde darüber geschimpft, dass sie viel zu kurz sei. Und die Gutenachtlieder wären auch heute falsch. Nun schlafen sie, meine drei Kinder. Und ich denke einen kurzen Augenblick darüber nach, wie anstrengend alles war.

Dann sehe ich mir die Nachrichten des Tages an, die immer wieder zu lesen sind. Und ich denke: Ja, Dein Tag war aus Deiner Perspektive anstrengend. So, wie Deine Tage eben manchmal anstrengend sind. Aber ich habe ein Zuhause, hatte drei Mahlzeiten und Kaffee und Kekse. Ich habe meine Kinder und meinen Mann und meine Freunde. Ich habe eine warme Wohnung und fürchte nicht um unser Leben. Es geht mir so gut, selbst wenn es mir schlecht geht. Das alles bedeutet nicht, dass es mir nicht subjektiv auch schlecht geht oder schlecht gehen darf. Aber mit etwas Abstand betrachtet geht es mir doch ziemlich gut.

Ich streichel über den warmen Kopf meines Babys, das so sicher und warm und weich in meinem Arm liegt und denke an die Menschen, die genau dieses Gefühl der Sicherheit und Wärme jetzt nicht haben. Eine Freundin hat heute den Artikel „7 real things you can do right now about the catastrophe in Aleppo“ geteilt. Es geht um Menschen wie wir, um Menschen mit Kindern. Alles, wofür wir hier einstehen, die Sicherheit, die Geborgenheit, das Glück wurde diesen Menschen genommen. Wenn unsere Botschaft Menschlichkeit und Liebe ist, dürfen wir nicht wegsehen, denn dieses Ziel gibt es nicht nur für uns selbst und unsere Kinder. Wenn unser Wunsch ist, unseren Kindern eine gute Zukunft in einer schönen Welt zu ermöglichen, können wir uns dies nur für alle Kinder gleichzeitig wünschen, denn wir sind alle Teil dieser einen Welt. Und nicht zuletzt deswegen müssen wir hinsehen und wir müssen etwas tun für diese Menschen, für diese Kinder und ihre Eltern, die sie wie wir in ihren Armen halten und ihnen wünschen, dass irgendwie alles gut wird. Und wir alle können etwas tun, jeder ein Stück, das irgendwie möglich ist. Und nicht wegsehen ist schon ein Teil davon.

Eure