Kategorie: Partnerschaft

Unterschiedliche Erziehungsstile als Elternpaar? – Erziehung gemeinsam gestalten und sich wertschätzen

„Natürlich sind wir einer Meinung, was die Erziehung unserer Kinder betrifft!“ denken wahrscheinlich viele Eltern, die die Sorge und Pflege der Kinder in der ein oder anderen Form teilen. Auf den zweiten Blick tun sich dann aber doch hier und da Unterschiedlichkeiten auf und an manchen Stellen kommt es gelegentlich auch zum Streit: „Ich habe doch aber gesagt, wir sollen es so tun und nicht anders!“ oder auch „Lies doch endlich mal die Bücher, die ich Dir gegeben habe, wir wollen unsere Kinder doch modern begleiten!“ oder „Nie hörst Du Dir meine Gedanken zur Erziehung an!“ – Elternschaft ist nicht nur deswegen manchmal schwierig, weil die Begleitung der Kinder Kraft und Energie kostet, sondern auch, weil sie nicht in einem luftleeren Raum stattfindet und wir uns mit Freunden, Verwandtschaft und eben auch dem anderen Elternteil verständigen müssen.

Der gegenseitige Schutzhafen

In Bezug auf unsere Kinder sprechen wir oft davon, dass wir der sichere Hafen für sie sind. Wir stellen Bindung her, indem wir ihnen Schutz, Fürsorge und Freiheit geben und sie durch schwierige und schöne Momente begleiten und sie dabei annehmen, wie sie sind. Sie wissen: Auch wenn ich meine Flügel ausbreite, kann ich in das Nest zurückkehren. Auch in einer Beziehung mit einem erwachsenen Menschen gehen wir eine Bindung ein und auch dort ist es wichtig zu wissen, dass wir aufgefangen werden können und der andere Elternteil ein sicherer Hafen sein kann. Es ist wichtig, dass wir als Person gesehen werden mit unseren Werten, Bedürfnisse, unseren (Lebens-)vorstellungen und Ideen. Es ist wichtig, dass wir wertgeschätzt werden als Personen in unserem Handeln und Sein.

Werten wir die andere Person ab, nehmen wir ihre Vorstellungen und Bedürfnisse nicht ernst, stören wir das Beziehungsgefüge. Das kann passieren, wenn wir uns nicht mit den Werten der anderen Person auseinander setzen wollen. Oder wenn wir uns in unserem Tun überlastet und nicht wertgeschätzt fühlen: „Selber Schuld, dass das Kind immer so an Dir klebt und abends so lange braucht zum Einschlafen!“ In einem solchen Konflikt wird nicht gesehen, wie anstrengend die Begleitung von Kindern sein kann und dass es nicht eine Frage der Schuld ist, dass das Kind nicht allein einschläft, sondern eine Frage der Erziehungshaltung.

Ganz besonders schwierig wird es bisweilen in ohnehin schon angespannten Situationen: Das Kind ist wütend – eine oftmals anstrengende Situation für Eltern. Vielleicht kann ein Elternteil mit der Wut des Kindes nicht gut umgehen, das belastet den anderen Elternteil und auch die Beziehung. Oder sie haben gleiche oder unterschiedliche Lösungsstrategien (Wut und/oder Ohnmacht) und behindern sich dadurch im Umgang, sind also keine Sparringspartner in schwierigen Situationen. Die große Frage, die sich daraus ergibt, heißt also: Wann sollten Eltern übereinstimmen, und müssen sie es in Hinblick auf Erziehung überhaupt – oder ist es egal?

S. Mierau (2019): „Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.“ S. 193

Unterschiedliche Wege gemeinsam betrachten und anerkennen

Es ist in Ordnung, wenn wir nicht immer einer Meinung sind als Eltern. Und auch dass wir unterschiedlich mit einzelnen Situationen der Kinder umgehen, ist ganz normal: Ein Elternteil kuschelt mit dem Kind bis es eingeschlafen ist, das andere liegt daneben und liest etwas. Ein Elternteil spielt gerne Gesellschaftsspiele, der andere bastelt lieber mit den Kindern. Ein Elternteil singt dem weinenden Kind etwas vor, der andere hält es „nur“ im Arm. Wir können unterschiedliche Wege gehen und dennoch zugewandt und liebevoll sein in den verschiedenen Wegen. Kinder lernen hiervon auch, dass es unterschiedliche Wege gibt, um Gefühle auszudrücken oder mit Situationen umzugehen. Es ist eine Bereicherung für sie, dass Eltern nicht immer alles gleich machen müssen.

Wichtig ist allerdings, dass wir in den grundlegenden Punkten übereinstimmen und in den Austausch kommen, wenn wir große Unterschiede feststellen, denn diese Unterschiede können auf Dauer zu Problemen werden. Wenn ein Elternteil die Kinder stärker bedürfnisorientiert begleitet, fordern die Kinder selbstverständlich von diesem Elternteil auch mehr Begleitung ein: Die Lastenverteilung kommt in ein Ungleichgewicht und ein Elternteil wird mit der Begleitung der Kinder mehr belastet.

Auch wenn Eltern grundlegend in ihrer Ausrichtung übereinstimmen, kann es zu unterschiedlicher Bevorzugung der Eltern kommen und zeitweise wird ein Elternteil (oft jenes, das mehr anwesend ist oder in einem konkreten Fall eher die konkreten Bedürfnisse erfüllt) bevorzugt. Stimmen beide Eltern in der grundlegenden Haltung jedoch überein, haben sie Verständnis dafür und fangen sich gegenseitig auf und teilen Lasten. Wendet sich ein Elternteil nun an den anderen, um aufgefangen zu werden, die eigene Not zu teilen und wertgeschätzt zu werden, kann dieser positiv darauf eingehen, wertschätzen und versuchen, zu entlasten.

Es kann aber auch passieren, dass der andere Elternteil kein Verständnis für die Bedürfniserfüllung des anderen zeigt, diesen zurückweist und mit der Last allein lässt. So erfolgt weder eine Entlastung, noch eine Wertschätzung. Der Elternteil, der das Kind begleitet, ist mit der emotionalen Last der Begleitung allein und bekommt hierfür keine Wertschätzung oder Anerkennung. Das Gefühl, in der Beziehung aufgefangen zu werden, ist nicht gegeben. Weiterer ungünstiger Effekt kann sein, dass der Elternteil, der von den Kindern weniger beansprucht wird, sich abgelehnt und ausgegrenzt fühlt und dafür die andere Erwachsenenperson mit ihrer Erziehungshaltung verantwortlich macht: Ein ungünstiger Kreislauf, der zu gegenseitigen Vorwürfen und Überlastungen führt.

Miteinander reden

Es klingt so einfach, und ist doch so schwer: Als Eltern müssen wir miteinander reden. Und nicht nur das: Wir sollten versuchen, gleichermaßen die Bedürfnisse von Kindern zu begleiten und zu erfüllen. In der Ausgestaltung kann das durchaus unterschiedliche sein, aber in der gleichwertigen Beantwortung sollten wir uns austauschen. Und auch wenn es manchmal einfacher erscheinen mag, sitzen zu bleiben, weil der andere Elternteil gerade angefragt wird, sollten wir dennoch aufstehen und das Bedürfnis des Kindes begleiten, wenn die andere erwachsene Person schon beim letzten Mal dran war/gerade erschöpft ist/einfach auch mal eine Pause macht. Wir können uns ergänzen und gegenseitig halten. Beide Elternteile können für alle Bedürfnisse Ansprechpartner*in sein und sich abwechseln, um einer Überforderung einer Person vorzubeugen und gleichzeitig die Wertschätzung des anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade im oft anstrengenden Leben mit Kindern tut es gut, sich anlehnen zu können an andere Menschen und aufgefangen zu werden, wenn wir es brauchen. Auch als Erwachsene brauchen wir einen sicheren Hafen, den wir ansteuern können, wenn es gerade schwierig ist.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur*:
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs. Weinheim: Beltz.
Becker-Stoll, Fabienne (2018): Bindung. Eine sichere Basis fürs Leben. München: Kösel.
Mik, Jeannine/Teml-Jetter, Sandra (2019): Mama, nicht schreien! Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und straken Gefühlen. München: Kösel.

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In Beziehung von Anfang an – der nicht gebärende Elternteil und der Beziehungsaufbau zum Kind

Auf einmal ist da dieser kleine Mensch neu im Leben, der kennengelernt werden möchte. Aber nicht nur das: Neben dem Kennenlernen muss er auch versorgt werden, denn für die Befriedigung vieler Bedürfnisse sind Kinder einige Jahre auf Erwachsene angewiesen. Glücklicherweise sind Bedürfnisbefriedigung und Kennenlernen eng miteinander verbunden: Während wir das Kind in den Schlaf begleiten, erfahren wir, ob es lieber im engen Hautkontakt liegt oder etwas mehr Raum braucht. Wir erfahren im Spiel und Alltagsroutinen, welches Temperament es mit sich bringt. Wir erfahren im Alltag, ob es sich sicherer fühlt in engem Körperkontakt oder auch ohne diesen ruhig liegen und die Welt wahrnehmen kann. All diese vielen Routinen und Situationen ermöglichen, das Kind wahrzunehmen, zu verstehen und auf die Bedürfnisse angemessen zu reagieren. Wir bekommen einen Eindruck von diesem Kind und dieser ermöglicht uns, zukünftig leichter auf Bedürfnisse eingehen zu können. Wir beginnen, zu verstehen, wie dieses Kind „tickt“, was es wirklich mag und was nicht.

Es bildet sich eine Beziehung aus über das feinfühlige Wahrnehmen des Kindes. Wichtig dafür ist, dass wir es in diesen Alltagssituationen begleiten. Nur wenn wir wirklich verstanden haben, wer dieser neue Mensch wirklich ist, können wir Bedürfnisse angemessen beantworten oder zumindest begleiten. Daher ist es wichtig, Zeit für das Kennenlernen zu haben.

„Aber ich kenne es gar nicht!“

Gerade der nicht gebärende Elternteil ist manchmal anfangs etwas zurückgezogen: Das Gefühl, das Kind weniger zu kennen, weil es nicht in einem selbst herangewachsen ist, kann zum Hindernis werden. Dabei muss auch die Gebärende das Kind nach der Geburt erst einmal neu kennenlernen und sich mit ihm vertraut machen: Nur weil es 10 Monate im Körper der einen Person herangewachsen ist, bedeutet es nicht, dass diese von Anfang an alles „richtig“ machen und wissen würde. Eltern stehen oft gleichermaßen vor einem Neustart mit dem Baby im Arm und brauchen beide eine Zeit des Eingewöhnens, Kennen- und Liebenlernens.

Gemeinsame Zeit

Es ist nicht schlimm, wenn anfangs nicht jeder Handgriff sitzt. Hebamme, Kinderarzt/Kinderärztin, Familienpfleger*in können hier hilfreich zur Seite stehen. Wichtig für den Aufbau der Beziehung ist es, diese vielen Alltagsroutinen mit dem Kind überhaupt erst einmal anzugehen – für beide Elternteile. Gemeinsam das Baby beobachten, es wickeln, beruhigen, tragen, in den Schlaf bringen – dass diese Aufgaben bringen uns dem Kind näher und lassen das Kind erfahren, dass Bedürfnisse sicher von mehreren Personen beantwortet werden können.

„Männer werden […] durch die Schwangerschaft der Partnerin auch hormonell beeinflusst und auf das Umsorgungsverhalten vorbereitet. Wichtig ist allerdings, dass die Väter sich auch einbringen dürfen, die Mütter also eine positive Einstellung gegenüber der Kompetenz des Vaters haben.“

S. Mierau „Mutter.Sein“ (2019), S. 52

Diese Bedürfnisbefriedigung ist wichtig: Im Laufe der Zeit bildet das Kind eine Art Hierarchie aus in Bezug auf die Personen, von denen es die Befriedigung von Bedürfnissen einfordert. Jene Personen, die besonders häufig und zuverlässig Bedürfnisse befriedigen, werden bevorzugt, wenn sie anwesend sind. Gelingt es beiden Eltern von Anfang an, sich aktiv einzubringen und gleichwertig als Bezugsperson zur Verfügung zu stehen, sind die Anforderungen des Kindes ausgewogen. Andernfalls entsteht häufig nach einer Zeit ein Ungleichgewicht: Das „verlässlichere“ Elternteil wird eher angefragt und gewünscht, die Versorgungslast liegt eher bei einem Elternteil. Das kann den Effekt verstärken, dass sich der andere Elternteil weiter zurückzieht und die Versorgungslast immer mehr beim anderen liegt.

„Treffen bedürfnisorientierter Erziehungsstil und autoritärer Erziehungsstil zusammen, führt das langfristig zu Konflikten nicht nur in Bezug auf die Erziehung der Kinder, sondern auch zu Konflikten zwischen den Eltern. Kinder bevorzugen dann den bedürfnisorientierten Elternteil, die Aufgabenteilung gerät in eine Schieflage, weil das Kind natürlicherweise einen Partner mehr beansprucht.“

S. Mierau „Mutter.Sein“ (2019), S. 194

Beziehungsaufbau konkret: Was kann ich von Anfang an tun?

Nahezu alle Interaktionen rund um das Baby können von beiden Eltern gleichermaßen wahrgenommen werden und sollten es auch. Nicht nur, um der Gebärenden im Wochenbett Lasten abzunehmen und sie nach der Geburt zu unterstützen, sondern ganz konkret für den Beziehungsaufbau und die Wahrnehmung der elterlichen Aufgaben. Gerade Pflegesituationen sind wunderbare Momente, um mit dem Baby in Kontakt zu kommen und im Austausch zu sein: Hier können die Signale des Babys ungestört beobachtet und beantwortet werden. Wird das Baby in Tragetuch oder Tragehilfe getragen, kann ebenso der Kontakt intensiviert werden und es ist leichter, schon kleine Signale des Babys wahrzunehmen.

Gerade am Anfang gemeinsam Elternzeit zu nehmen bedeutet daher mehr, als „nur“ zur „Unterstützung“ zu Hause zu bleiben. Es bildet den Boden für die Ausbildung der Beziehung von Anfang an. Es gibt die Möglichkeit, das eigene Kind wirklich kennen zu lernen und willkommen zu heißen in der Familie. Und es ermöglicht, schneller und tiefer in das Elterngefühl hinein zu wachsen und damit vertraut zu werden und auch zukünftig eine tragfähige Beziehung zum Kind zu haben.

Weiterer positiver Effekt: Wertschätzung

Und noch ein anderer, positiver Nebeneffekt tritt durch das gleich verteilte Umsorgen des Kindes auf: Die Aufgaben rund um die Kinderversorgung werden transparenter und es fällt leichter, diese Tätigkeiten wert zu schätzen. Das Wissen darum, wie schwierig es wirklich manchmal ist, ein Baby in den Schlaf zu bringen oder zu wickeln oder sich im Babyalltag nicht selbst zu vergessen, gibt eine Wertschätzung gegenüber derjenigen Person, die dies gerade leistet – egal welche dies nun ist.

Gerade in Bezug auf den Aufbau der Beziehung und dem Kennenlernen des Kindes spricht also vieles dafür, das Umsorgen des Kindes von Anfang an zwischen den Eltern – sofern beide verfügbar sind – aufzuteilen.
Wie habt Ihr das gemacht?

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Sich gegenseitig halten als Eltern

Manchmal ist das Leben mit Kindern nicht einfach. Besonders dann nicht, wenn es schwierige Situationen gibt und wir reagieren, wie wir eigentlich nicht reagieren wollen. Wenn wir Dinge sagen, die wir nicht sagen wollten, wenn Stimmen in uns hoch kommen, die scheinbar nicht uns gehören sondern Generationen vor uns geprägt und in unseren Köpfen konserviert wurden. In solchen Momenten ist das Elternsein oft besonders schwer. Schwer ist es auch dann, wenn wir erschöpft sind, müde, ausgezehrt von einem viel weinenden Baby oder den immer wieder aufkommenden Wutsituationen eines Kleinkindes oder Konfliktsituationen mit größeren Kindern. Manchmal ist es einfach zu viel.

Und bei allen guten Tipps, bei allen Ideen wie „ruhig bleiben und rückwärts von 10 bis 0 zählen“, „kurz das Zimmer verlassen, ein Armband am Handgelenk zupfen – manchmal hilft uns das nicht. Manchmal hilft es nur, sich wirklich zurück ziehen zu können und einen anderen Menschen die Arbeit übernehmen zu lassen, die wir gerade selbst nicht tragen können. Das ist kein Zeichen von Schwäche, kein Zeichen von versagen. Dieses Kinderumsorgen, dazu gehören mehrere und das aus gutem Grund.

Ergänzen statt Allroundtalent

Wir müssen nicht alles können und nicht jede Situation gleich gut begleiten. Eine viel größere Hilfe, als von sich selbst zu verlangen, alles zu können, ist es, zu wissen, was ich nicht kann und Alternativen zu suchen. Ich kann gut das Weinen meiner Kinder begleiten, nehme sie, halte sie und tröste sie. Was ich weniger gut kann, ist das Begleiten von starken Wutausbrüchen. Es gelingt mir, wenn ich allein mit den Kindern bin ganz gut, kostet mich aber viel Kraft und danach bin ich erschöpft. Sind wir zusammen, haben wir daher die Verabredung des Aufteilens: Mein Partner begleitet die Wutanfälle und ich ziehe mich zurück. Wir haben im Laufe der Zeit herausgefunden, in welchen Dingen unsere eigenen Stärken liegen und in welchen unsere Schwächen. Und versuchen, uns in den vielen Bereichen des Familienlebens zu ergänzen, statt beide gleich gut zu sein in allem.

Ablösen, wenn Kräfte zu Ende sind

Und manchmal geht auch in einer Situation, die wir eigentlich gut gestalten können, die Kraft zu Ende. Manchmal sind Wein oder Wutphasen lang – zu lang, um sie allein gut begleiten zu können. Irgendwann kann Verzweiflung oder eigene Wut auftauchen. Auch das ist normal. Und dann tut es gut, sich abzulösen. Manchmal ist dieses Ablösen eine gute Hilfe und bringt auch einen Gefühlsumschwung beim Kind, manchmal wird das Kind davon extra sauer, aber wird dennoch weiter umsorgt von einer Bindungsperson.

Wer ein viel weinendes Baby einen halben Tag trägt, ist erschöpft und müde. Wer an einem Gefühlsgewittertag ein Kind von einer Wutsituation zur nächsten begleitet, ist erschöpft. Es tut gut, sich zurück zu ziehen und Aufgaben abzugeben. Um dann auch wieder Kraft zu haben für andere Situationen. Wir sind nicht schlechte Eltern, wenn wir keine Kraft mehr haben. Wir können in schwierige Situationen kommen, wenn wir beständig unsere eigenen Kräfte überfordern und von uns und unserem Verhalten zu viel verlangen.


Sich gegenseitig stärken

Besprechen: Was kann ich gut, was fällt mir schwer?
Zeichen vereinbaren, wann Hilfe benötigt wird/gewünscht ist.
Anerkennen, dass nicht jede/r alles können muss.
Klare Absprachen treffen für gegenseitige Unterstützung.
Fähigkeiten der/s anderen wertschätzen.
Rituale finden, um sich gegenseitig Kraft zu geben durch Paarzeiten, Massage, abendliche Gespräche.


Die Probleme der/s anderen anerkennen

Und selbst dann, wenn an einem Tag keine Möglichkeiten da waren, um sich abzulösen, um sich auszutauschen, tut es gut, die Probleme des Tages einfach aussprechen zu können am Abend. Sich hin zu setzen und zu sagen, was schwer fiel und warum. Und dabei auf offene Ohren und Verständnis zu stoßen. Auf ein: „Das klingt sehr anstrengend.“, „Das hat dich sicher viel Energie gekostet“ oder ein „Komm, ich massiere dir die Schulter, wenn du so viel tragen musstest.“ Dieses Erziehungsding ist nämlich keine Einbahnstraße, wir sind nicht allein unterwegs, sondern zusammen. Und es kommt drauf an, sich gegenseitig zu stützen und zu bestärken in den Dingen, die wir jeweils gut können.

Eure


Zusatz:
Dieser Artikel bezieht sich besonders auf Elternpaare. Alleinerziehende Eltern haben oft eine besonders große Last zu tragen, da sie nicht nur für den Alltag allein zuständig sind, sondern eben auch für die Begleitung von Gefühlen. Einige Familien mit getrennt lebenden Eltern stützen sich dennoch gegenseitig und sind in einem guten Austausch. Andere Alleinerziehende können davon profitieren, wenn. sie von sonstiger Familie und Freunden unterstützt werden. All die Gefühl im Alltag mit Kind zu tragen, ist anstrengend. Besonders, wenn wir sie allein tragen müssen. Netzwerke sind wichtig. Und ebenso wichtig ist es, sich als Netz mit anzubieten, wenn wir Freund*innen haben, die allein mit ihren Kindern sind.Es kostet Kraft, um Hilfe zu bitten. Hilfe von sich aus anzubieten oder einfach bewusst zu helfen, ist leichter.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Eltern sein, Paar bleiben – 5 Anregungen für Verliebtheit im Familienalltag

Elternschaft ist nicht immer einfach und es ist auch nicht einfach, neben dem Eltern sein, Paar zu sein. Gerade am Anfang der Elternschaft schieben sich so viele neue Themen, Bedürfnisse und Erfordernisse in den Vordergrund und es passiert schnell, sich ein wenig aus den Augen zu verlieren in dem Durcheinander. Dabei ist es gerade jetzt wichtig, sich zu stützen und zu wissen, wie es der anderen Person gerade geht, was sie fühlt, wo sie überfordert oder erschöpft ist und was sie wirklich glücklich macht. Es braucht – auch neben der Familienzeit – Paarzeit: Momente, in denen ruhig gesprochen werden kann, die für Intimität und Miteinander vorgesehen sind – wie auch immer dieses gerade angenehm ist. Es sind oft Kleinigkeiten, mit denen wir die Paarbeziehung ganz aktiv unterstützen können:

1. Erzähl mir Deinen Tag

Gerade dann, wenn ein Elternteil zu Hause ist und das andere arbeitet, könnte der Alltag oft kaum unterschiedlicher sein. Andere Tagesabläufe, andere Rituale, unterschiedlicher Grad und unterschiedliche Art an Fremdbestimmung. Was aber immer wichtig ist, ist Wertschätzung dem anderen gegenüber für das, was er heute erlebt hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein Geschäftsmeeting war oder ein selbst gemachter (oder gekaufter) Babybrei: Wertschätzung für das, was wir tun, ist wichtig – egal, was wir tun. Deswegen ist es hilfreich, sich einmal am Tag wirklich zu zu hören und nachzufragen: Wie war eigentlich Dein Tag? Was hast DU erlebt, was hast Du gemacht? Schon allein durch Zuhören drücken wir Wertschätzung aus. Wir nehmen Anteil am Leben des anderen, wir sind miteinander im Gespräch. Selbst dann, wenn wir selbst denken, dass es vielleicht gerade heute nichts aufregendes zu erzählen gibt, lohnt es sich doch, den Tag kurz in Worte zu fassen. Für uns selbst und den Menschen, der nicht dabei war.

Sind die Kinder schon etwas größer, ist diese Art des Interesses und der Anteilnahme auch ihnen gegenüber sinnvoll und gut: „Erzähl mir Deinen Tag!“ kann ein Alltagsritual für alle sein. Ergänzend dazu kann es sinnvoll sein, regelmäßige Familienkonferenzen zu machen, in denen alle ihr aktuelles Befinden, ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten einbringen.

2. Sich als Team verstehen

Ein Team kann zusammen arbeiten in Hinblick auf eine Sache, aber es kann sich auch ergänzen. Manche Teams sind gut, weil sie immer gleich sind, andere, weil sie sich ergänzen. Genau so kann es auch in Familien sein: Es muss nicht sein, alles zusammen oder in der gleichen Art zu machen. Jeder bringt in eine Familie persönliche Vorlieben und Abneigungen ein, jeder hat seine Schwerpunkte und Dinge, in denen er oder sie besonders gut ist. Diese Punkte gilt es, heraus zu finden, einzusetzen und gleichwertig zu verteilen: Einer wäscht gern ab, eine liest gern vor, eine macht gern Wäsche, der andere bringt die Kinder gern ins Bett. Während einer mit einer Tätigkeit beschäftigt ist, kann der andere etwas anderes tun.

3. Erst ich ein Stück, dann Du…

Familienleben kann anstrengend sein. Der Arbeitsalltag auch. Es ist gut, wenn wir nicht in die „Aber meins ist viel anstrengender“-Falle tappen, sondern gegenseitig unsere Tätigkeiten anerkennen und uns auch gegenseitig Freizeiten und Erholung gönnen: Heute hast Du einen freien Abend, morgen ich. Dieses Wochenende kann ich ausschlafen, nächstes Du. Als Team funktionieren wir dann, wenn jeder die Chance hat, auf Ressourcen zurück zu greifen und sich zu erholen, um wieder Kraft zu tanken.

Oft denken wir, als Familie müssten wir immer alles zusammen tun, immer jede mögliche Sekunde miteinander verbringen. Aber so ist es nicht: Getrennte Zeiten ermöglichen Erholung und intensive Zeit eines Elternteils mit dem Kind/den Kindern. Es ist eine Zeit, in der auch ein Elternteil sich ganz bewusst einbringen kann, Dinge anders machen kann als sonst im Gesamtverband. Auch getrennte Familienzeiten können für eine Familie wertvoll sein.

4. Die kleinen Dinge im Alltag

Gerade am Anfang der Elternschaft muss sich alles erst einspielen – auch die Zeiten zusammen und die Organisation des Alltags. Vielleicht ist es gerade nicht möglich, auf die früheren Alltagsrituale zu zweit zurück zu greifen. Aber dafür lassen sich vielleicht im Alltag andere Kleinigkeiten finden: kleine Inseln des Miteinanders. Heute mal zusammen essen gehen in der Mittagspause. Morgen mal ein längeres Frühstück zusammen. Ein langer Spaziergang und sich an den Händen halten während das Baby in der Trage auf dem Rücken schläft. Diese Momente sind wichtig. Und auch wenn vielleicht das gemeinsame Abendessen allein im Restaurant noch etwas warten muss, gibt es auch mit Familie drum herum schöne Momente der Zweisamkeit – vielleicht etwas kürzer, aber dafür mehr.

5. Aufmerksam bleiben

Wenn ein Kind in eine Familie kommt, dreht sich viel erst einmal um den Familienzuwachs und wir kommen schnell in die Versuchung, unsere eigenen Bedürfnisse und generell die der erwachsenen Menschen hinten an zu stellen. Aber gerade dann, wenn es uns vielleicht schon schwer fällt, die eigenen Bedürfnisse zu sehen und zu formulieren, ist es gut, wenn ein anderer uns darauf aufmerksam macht. Deswegen ist es hilfreich, aufmerksam zu bleiben: An die Dinge zu denken, die den anderen erfreuen, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Oder daran zu denken, dass der/die andere sich vielleicht gerade zu sehr selbst vergisst und liebevoll daran zu erinnern, für sich selbst zu sorgen.

Und was sind Eure Alltagsstrategien?
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.