Vom „Ich-will-keine-Windel-mehr“ und Einnässen

Irgendwann ist es geschafft: Das Kind ist windelfrei. Bei einigen dauert es länger, bei anderen geht es schneller. Häufig sind Kinder, die abgehalten werden (oder Teilzeit-windelfrei sind) etwas früher die Windeln los, während Kinder, die Wegwerfwindeln tragen, aufgrund der darin enthaltenen Superabsorber (und dem dadurch geringeren Gefühl für die Ausscheidungen) etwas länger brauchen, um zum Gefühl für das Ausscheidungsbedürfnis zurück zu kommen. Und dennoch kommt es ab und zu zu einer nassen Hosen am Anfang – oder auch länger.

Von null auf trocken – kann das gehen?

Manche Kinder lassen nach und nach die Windel hinter sich, andere erklären auf einmal: „Ich will keine Windel mehr tragen!“ und sind in diesem Wunsch ganz engagiert. Oft sind es die Eltern, denen das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes fehlt: Sie denken, das Kind sei zu jung oder könne doch nicht für sich selbst entscheiden. Oft vergessen wird dabei, wie stark innere Motivation wirken kann und dass Kinder einen eigenen inneren Entwicklungsplan haben. Sagt das Kind, dass es nun ohne Windeln sein möchte, sollten wir ihm das ermöglichen. Besonders im Sommer ist das recht einfach möglich, wenn nicht viele Kleidungsschichten ausgezogen werden müssen. Aber auch in jeder anderen Jahreszeit ist es möglich, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen. In kühleren Jahreszeiten geht das besonders gut zu Hause.

Worauf können Eltern achten, wenn das Kind die Windel ablehnt

Am Anfang ist es manchmal noch etwas schwer, die Bedürfnisse einzuschätzen und es muss manchmal schnell gehen mit der Toilette. Daher ist es gut, wenn das Kind Kleidung trägt, die sich schnell und einfach ausziehen lässt. bequeme, weite Kleidung und Röcke oder Hosen, die das Kind selber und einfach wegschieben kann. Für die Übergangszeit ist es gut, wenn auch extra Kleidung unterwegs bereit gehalten wird. Denn noch überhört das Kind manchmal die Signale des Körpers, wenn gerade etwas besonders spannend ist, zum Beispiel wenn es im Spiel vertieft ist.

Kein „Geh doch nochmal aufs Klo!“

Wir können unsere Kinder in der ersten windelfreien Zeit fragen, ob sie das Gefühl haben, auf Toilette gehen zu müssen. Ein einfaches Nachfragen ohne Drängen oder Bewertung. Schließlich geht es genau darum, dass das Kind lernt, den eigenen Körper einzuschätzen und zu spüren, wann der richtige Zeitpunkt kommt. Vorsorgliches Auf-die-Toilette-schicken ist allerdings nicht sinnvoll: So lernt langfristig die Blase, schon bei geringer Füllung ein Harndrangsignal zu geben. Ein „Geh mal, du musst bestimmt.“ ist ebenso ungünstig wie ein „Geh mal jetzt bevor wir raus gehen.“ – Natürlich ist es unpraktisch, wenn das Kind wenige Meter nach der geschlossenen Tür dringend muss, aber es ist eine kurze Phase, in der wir dies aushalten müssen auf dem Weg zu einem guten Körpergefühl.

Tipps für die Anfangszeit ohne Windeln

  • dem Kind vertrauen
  • einfache Kleidung, die leicht auszuziehen ist und Wäsche gut verträgt
  • Trainerhosen: dickere Unterhosen, die ein paar Tropfen auffangen, aber wie eine Unterhose sind
  • kein Drängen zum Toilettengang
  • keine Beschämungen, wenn doch etwas daneben geht
  • Wechselkleidung für unterwegs, feuchter Waschlappen in Box zum Säubern
  • Erzieher*innen einbeziehen
  • Unterlage fürs Bett
  • auf Reisen: Schutzlaken erfragen/mitnehmen

Wenn es doch daneben geht

Und wenn es dann doch daneben geht? Dann geht es daneben und das Kind wird neu angezogen. Auf dem Weg zum Erlernen einer neuen Fähigkeit gibt es oft auch Missgeschicke – das kennen wir doch alle. Niemand von uns ist wohl mit dem Skateboard nie hingefallen, hat Nähen gelernt ohne sich zu pieksen oder Schreiben ohne eigenwillige Wortschöpfungen.

Wie bei allen anderen Dingen, die Kinder lernen, ist es auch hier wichtig, dass das Kind nicht beschämt oder bestraft wird. Weder durch Worte, noch durch Taten. Ein „Ich hab doch gesagt, dass Du das nicht kannst!“ oder „So eine Sauerei!“ wird einem Kind nicht helfen, es in Zukunft anders zu machen oder Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen. Ein „Komm ich helfe dir, etwas anderes anzuziehen.“ ist eine gute und nicht wertende Alternative.

Wenn nachts weiterhin eine Windel benötigt wird

Nachts ist es ein wenig komplizierter mit dem Gefühl: Das nächtliche Aufwachen wenn die Blase voll ist, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die Blase muss dem Gehirn melden, dass sie geleert werden muss und das Kind muss aufwachen. Manche Kinder schlafen so fest, dass sie einfach nicht aufwachen oder das Hormon, das an diesem Prozess beteiligt ist, wird noch nicht ausreichend gebildet. Es scheint, dass es auch eine vererbte Komponente um das nächtliche Einnässen gibt. So kommt es, dass tagsüber vielleicht alles wunderbar klappt, aber nachts eben doch noch eine Windel getragen werden muss. Auch dies wird sich mit der Zeit ändern. Um den fünften Geburtstag sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen, wenn das Kind weiterhin regelmäßig nachts ins Bett nässt. Gelegentlich kann dies allerdings auch noch bei Schulkindern stattfinden. Nässt ein Kind nachts wieder ein, obwohl es eigentlich trocken war, lohnt sich ein Blick auf das Kind: Gibt es gerade besondere Veränderungen, Ängste, Stressfaktoren? Bei nächtlichem Einkoten sollte auch genauer hingesehen werden auf mögliche Ursachen. Wichtig ist: Dem Kind sollte generell kein Druck gemacht werden.

Nächtliches Einnässen ist anstrengend für eine Familie, denn nachts aufstehen und Wäsche wechseln zehrt an uns und macht Stress. Auch wollen sich die aufgewachten Kinder oft nicht einfach umziehen lassen. Wichtig ist deswegen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen: Matratzenschutz ins Bett legen, Wechselkleidung griffbereit und sich im nächtlichen Umsorgen abwechseln, damit jedes Elternteil abwechselnd Schlaf bekommt.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

3 Kommentare

  1. Pro Tipp für Nachts (hier erprobt mit Magen-Darm 😉 ) : Das Bett doppelt beziehen, so muss nur die obere Schicht schnell abgemacht werden und alle können weiter schlafen. Hat mir so manche Nacht gerettet

  2. Einen Tipp für die nächtliche Übergangszeit habe ich mal bekommen:

    Zwei Laken aufs Bett ziehen, jeweils mit Nässeschutz unter jedem Bettlaken. Außerdem eine weitere Decke parat haben, egal ob Kuscheldecke oder sonstige.

    Bei einem Missgeschick die obere Lage Laken/Nässeschutz abziehen. Kind umziehen, fertig. Geht sogar im Dunkeln oder Dämmerlicht. Macht den geringsten Stress.

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