Wohin wende ich mich als Elter(n), wenn…

Kürzlich telefonierte ich mit einer Frau, die in der 19. Woche schwanger war und eine Hebamme suchte. Sie sei zufällig auf mich gestoßen als Geburtsvorbereiterin und dachte, da sie keine Hebamme finden konnte, könne sie sich an mich wenden. Leider konnte ich ihrem Bedarf aber nicht entsprechen, da ich einfach keine Hebamme bin. Durch die Versicherungsproblematik der Hebammen schränken viele ihre Arbeitsgebiete ein oder aber sind schon lange voll ausgebucht. Immer mehr Frauen haben keine entsprechende Versorgung und sind auf der Suche nach Alternativen.

IMG_6411

Allerdings gibt es keine Alternative zur Hebamme, genauso wenig wie man andere Berufe einfach problemlos ersetzen könnte. Gerade jetzt, wo sich das Problem jedoch immer weiter zuspitzt, drängen verschiedene „Alternativangebote“ auf den Markt – die in Wirklichkeit aber keine Alternativen sind. Gerade erst kürzlich schrieb Anja „Von Kompetenz und Grenzen“ über Angebote zur „Wehenbegleitung“, die sie im Netz gefunden hatte. Durch die Probleme in der Versorgung von Schwangeren scheinen Grenzen von Berufsfeldern zu verschwimmen, die vielleicht vorher schon Schnittmengen hatten. Doch so umsichtig es gemeint sein kann, die Bedarfe aufzufangen, geht es prinzipiell nicht. Jeder, der eine Dienstleistung erbringt, muss sich an eine Sorgfaltspflicht halten, nach der man nur das anbieten kann, wofür man auch qualifiziert ist. Wer nicht entsprechend ausgebildet ist, kann – so lieb ein Angebot auch gemeint ist – wichtige Aspekte übersehen und deswegen fahrlässig handeln. Dies betrifft sowohl die Begleitung von Schwangeren, als auch jede andere Form der Elternberatung. Wer beispielsweise nicht als Stillberaterin ausgebildet ist, sollte eine Stillerberatung nicht anbieten, da die Einschätzung der Gewichtsentwicklung, Gründe für Gedeihstörungen und Zusammenhänge mit anderen körperlichen oder psychischen Aspekten vielleicht nicht überblickt werden können. Im Bereich der Begleitung von Schwangeren oder kranken Kindern oder Eltern ist zudem auch wichtig, dass laut Heilpraktikergesetz Menschen, die keine Ärzte sind, nur dann die Heilkunde ausüben dürfen, wenn sie eine Erlaubnis dazu haben. Das Ausüben von Heilkunde ist dabei das Feststellen, Heilen oder Lindern von Krankheiten und somit schon damit an, wenn eine schwangere Frau sagt „Ach, ich hab so Magenschmerzen“ und jemand anderes berufsmäßig anrät „Ach, das ist sicher schwangerschaftsbedingtes Sodbrennen. Trink doch mal den und den Tee.“ Das kann man nicht einfach so machen, denn vielleicht ist es in den meisten Fällen wirklich das Sodbrennen, aber es könnte auch etwas ganz anderes sein – und das kann nur jemand feststellen, der dafür ausgebildet ist.

Um in den Dschungel der Angebote etwas Licht zu bringen, gibt es hier daher eine Liste, an wen man sich mit bestimmten Problemen wenden kann:

 

Schwangerschaft

Die Hebamme ist die Fachfrau für die Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit. Sie sind ausgebildet, die Schwangerschaft zu begleiten und können eine Frau auch allein versorgen (ohne ärztliche Unterstützung). Geburtshilfe darf in Deutschland nur von Hebammen, Entbindungspflegern und Ärzten geleistet werden. Bei medizinischen, aber auch psychosozialen Fragen sind sie oft die erste Ansprechpartnerin. Spezielle Familienhebammen haben ein noch breiteres Angebot.

Gynäkolog_innen haben mittlerweile einige Aufgaben der traditionellen Hebammenarbeit übernommen und sind insbesondere bei medizinischen Fragen und Abweichungen vom „normalen“ Schwangerschaftsverlauf Ansprechpartner_innen.

Die Doula ist eine Begleiterin der Frau oder des Paares unter der Geburt. Sie steht der Frau bei, unterstützt sie, nimmt aber keine medizinische Funktion wahr. Schon vor der Geburt lernt sie die Schwangere kennen und besucht auch noch im Wochenbett.

Heilpraktiker_innen können Frauen medizinisch während der Schwangerschaft behandeln, sind aber nicht für Geburten zuständig und dürfen nur bis zum Beginn der geburtsauslösenden Wehen behandeln und nach der Wochenbettzeit. Sie arbeiten oft auch mit Frauen und Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch und begleiten Familien nach der Wochenbettzeit weiter.

Geburtsvorbereiter_innen haben Ausbildungen/Weiterbildungen zur Vorbereitung auf die Geburt absolviert und können Frauen und Paare unterrichten und sie durch Informationen, Atemtechniken oder Bewegungsanregungen auf die Geburt vorbereiten. Ihr Tätigkeitsfeld erstreckt sich allerdings nur auf die Vorbereitung und das Abhalten von Kursen oder Einzelberatung. Das SAFE-Programm ist eine besondere Art der Vorbereitung auf die Elternschaft und Begleitung im ersten Jahr mit dem Schwerpunkt auf der Unterstützung der Bindung. Auch spezielle Yoga-Kurse zur Geburtsvorbereitung oder Bauchtanz werden angeboten.

 

Nach der Geburt

Auch nach der Geburt sind Hebammen Ansprechpartnerinnen für das Stillen und die Entwicklungen im Wochenbett. In der Regel bieten sie auch Rückbildungskurse an. Diese gibt es auch von Kursleiterinnen andere Qualifikation; sie werden dann jedoch meist nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Mütterpflegerinnen können die Arbeit von Hebammen nach der Geburt ergänzen und Frauen in der ersten Zeit nach der Geburt unterstützen: Sie bieten Massagen an, kochen, kümmern sich um den Haushalt und eventuelle Geschwisterkinder. Die Mütterpflegerinnen werden von den Krankenkassen bezuschusst bei Bedarf und haben eine spezielle Weiterbildung besucht, die verschiedene Vereine anbieten.

Stillberaterinnen können bei speziellen Fragen zum Stillen weiterhelfen. Obwohl viele Hebammen Stillberatung anbieten, sind einige nicht schwerpunktmäßig darauf spezialisiert. Neben der Beratung von Mutter zu Mutter wie bei der AFS und LLL (beide sind ehrenamtlich), gibt es auch ganz speziell ausgebildete Laktationsberaterinnen (IBCLC), die bei Fütter- und Gedeihstörungen und allen Fragen, die die Beratung von Mutter zu Mutter übersteigen, hinzu gezogen werden. Grundqualifikation für diese Weiterbildung muss ein medizinischer Beruf sein.Viele Hebammen verfügen über diese Zusatzqualifikation udn mittlerweile auch einige Ärzt_innen. Eine Brücke zwischen den erstgenannten ehrenamtlichen Stillverbänden und den IBCLC bildet das vor kurzem gegründete DAIS mit seiner Ausbildung zur Stillbegleiterin.

Familienbegleiter_innen bieten Eltern Beratungs- und Begleitungsangebote wir Kurse oder persönliche, individuelle Beratung an. Oft haben sie ein breites Spektrum an verschiedenen Weiterbildungen und bieten Kurse wie Babymassage, PEKIP, Pikler, Delfi, FABEL, Einfach Eltern, etc. an, haben oft weitere Qualifikationen wie Trageberatung, Stoffwindelberatung oder Stillberatung. Sie kennen sich mit der kindlichen Entwicklung aus, Rückbildung und psychosozialen Aspekten der Elternschaft. Die Ausbildung ist hier je nach Ausbildungsinstitut sehr unterschiedlich mit verschiedenen Schwerpunkten und Inhalten und auch die Dauer und Zugangsvoraussetzungen variieren stark. Auf den entsprechenden Seiten der Ausbildungsinstitute kann man sich aber über Grundvoraussetzungen der Kursleiterinnen und die Ausbildung erkundigen. Auch gibt es noch spezielle Kurse für Eltern zur Gewaltprävention wie Starke Eltern – Starke Kinder.

Trageberater_innen sind auf das Tragen spezialisiert und haben an Trageschulen wie der Trageschule Hamburg oder Trageschule Dresden eine spezielle Ausbildung absolviert, um Eltern entsprechend beraten zu können. Oft haben Hebammen auch hier spezielle Weiterbildungen gemacht oder auch Familienbegleiter_innen. Im Zusammenschluss des Tragenetzwerkes finden dazu weiterführende Schulungen und Netzwerktreffen statt.

Wenn das Baby unter Regulationsstörungen leidet, sind meistens sowohl die Grenzen von Familienbegleiter_innen als auch Hebammen erreicht und Eltern sollten dann spezielle Beratungsstellen aufsuchen wie Sozialpädiatrische Zentren oder Schreibabyambulanzen.

 

Wahrscheinlich ist diese Liste nicht vollständig. Es gibt viele Berufe, die die Zeit um Schwangerschaft und Geburt begleiten und unterstützen. Und es ist gut, dass es sie gibt, denn Eltern brauchen heute die Unterstützung, die sie aus ihren Familien oft nicht mehr bekommen. Wichtig ist es immer, dass die einzelnen Berater_innen ihre Aufgaben und Grenzen kennen und ggf. an Kollegen oder weiteres Fachpersonal verweisen und ihre Grenzen nicht – auch nicht aus lieben Gedanken – überschreiten.

Wenn Ihr noch weitere Anregungen habt für Angebote in der Schwangerschaft oder nach der Geburt, vermerkt sie gerne in den Kommentaren.
Eure

Susanne_clear Kopie

 

 

7 Kommentare

  1. Auch Apotheken können gute Anlaufstellen sein – und wenn es ggf. nur darum geht, einzuschätzen, ob ein Problem in die Hand eines Mediziners gehört.

    • Sicher können Apotheken hilfreiche Hinweise gebe. Aber
      nicht jede PTA ist mit ihrer Ausbildung dazu befähigt zu entscheiden ob es in ärztliche Hand gehört oder nicht.
      In Einzelfällen stimme ich ihrer Aussage zu, aber das zu Pauschalisieren wäre eben jene Kompetenzüberschreitung von der oben gesprochen wurde.

      Ich selbst habe (als Ärztin) leider schon sehr viele (gut gemeinte) irreführende und z. T. falsche Empfehlungen in Apotheken bekommen. Das hat mich sehr vorsichtig gemacht.

  2. Zusätzlich zu den oben genannten Anlaufstellen gibt es seit einiger Zeit in Deutschland auch die Schwangerschafts-Concierges und Baby Planner. Sie sind neutrale und unabhängige Beraterinnen und Vermittlerinnen, die bemüht sind alle grundsätzlichen
    Fragestellungen der werdenen und frischgebackenen Eltern zu beantworten,
    organisatorische Hilfestellungen zu geben und für individuelle Bedürfnisse eine
    Lösung zu finden. Von der Suche nach einer passenden Geburtsbegleitung, über Beratung zu Anträgen bis hin zu diversen Workshops, begleiten sie so Familien so in ein Leben mit Baby.

  3. In Berlin enpfehle ich den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Das sind die, die einen nach der Geburt besuchen kommen. Da sitzen viele Berufe in einem Haus und können dadurch gut beraten und wenn nötig weiterleiten.

  4. Gibt es so eine Liste auch für Probleme mit Kleinkindern?
    Wir haben seit der Geburt das Problem, dass unser Krümel immer im Schlaf weint oder weinend aufwacht. Wirklich seit der Geburt und eigentlich bei jedem Schlaf, passiert dies mindestens 1x. Erst dachten wir das sei so, doch mit der Zeit merkten wir, dass dies wohl doch nicht so typisch ist. Auf unsere Kinderärztin können wir gar nicht vertrauen und so sind wir ziemlich ratlos, wenn man das Gefühl hat, etwas stimmt vielleicht psychisch nicht ganz. Unser Kind ist jetzt 13 Monate und das Problem besteht unverändert. Auch lässt er sich, trotz Familienbett nie ohne weinen und schreien ins Bett bringen. Seit ich nicht mehr zum Einschlafen stillen kann (er beißt immer zu) ist es noch schlimmer geworden. Vielleicht gibt es hier ja nützliche Tipps wie wir bei so etwas vorgehen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.