Warum es nicht alleine geht und auch nicht nur in Kliniken – #MeineGeburtMeineEntscheidung

Es gibt Berufe, die es aus sehr guten Gründen gibt und die nicht weggedacht oder von anderen ersetzt werden können. An meinem eigenen Beruf sehe ich es immer wieder: Ich bin Pädagogin und obwohl ich auch Mutter bin, würde das Wissen allein aus meinem Familienalltag nicht ausreichen, um Familien in der Art zu beraten und in dem Umfang, in dem es beruflich erforderlich ist. Man ist nicht Pädagogin, weil man eigene Kinder hat oder weil man viel mit Kindern zu tun hat. Und so ist es auch bei den Hebammen: Der Berufsstand der Hebammen ist eine Arbeit, die sich herausgebildet hat aus einem Bedarf, aus einer Notwendigkeit: Frauen brauchen andere Frauen, die sie zur Geburt begleiten, die sie unterstützen, die ihnen helfen. Und sie brauchen nicht nur die Begleitung durch irgendeine Frau, sondern durch eine fachkundige Frau.

Geburt ist natürlich, das stimmt. Und vielleicht stellt sich so manch ein Mensch die Frage: Wenn die Geburt so natürlich ist, warum brauche ich dann eigentlich eine Hebamme? Oder man fragt sich: Wenn die Geburt heute risikobehaftet und nicht mehr natürlich ist, wozu brauche ich dann eine Hebamme und lasse das Kind nicht lieber vermeintlich gefahrlos von einem Arzt per Kaiserschnitt holen? Hebammen sind entweder unnütz, da nicht notwendig oder unnütz, da durch bessere und modernere Möglichkeiten ersatzbar. Wir brauchen also schlichtweg keine Hebammen, könnte man denken.

Neugeboren

Geburten allein ohne Hebammen? 

Doch wer so denkt, der hat zu kurz gedacht: Gerade heute brauchen wir Hebammen. Von der natürlichen Geburt haben wir uns an vielen Stellen entfernt: Wir kennen kaum Frauen, die natürliche Geburten erlebt haben, hören nicht ihre Berichte, waren nicht dabei, wenn ohne Schmerzmittel oder Eingriffe ein Kind das Licht der Welt erblickt hat. Wir erleben nicht im Laufe unseres Lebens mehrere Geburten im selben Haus oder der Nachbarschaft. Erfahrungen sind verloren gegangen, Wissen ist verloren gegangen und an vielen, vielen Stellen auch Intuition. Wie gehen wir natürlich mit Schmerzen um? Gewohnt an die schnelle Tablette, die Abhilfe bei Beschwerden ermöglicht, haben wir kein Vertrauen in uns und unsere Körper und nicht nur das: wir können nicht aus unserer Haut. Vielleicht würden wir das an vielen Stellen gerne. Und nicht selten – gerade bei der ersten Geburt – geht man mit romantischeren Gedanken an das Geburtsgeschehen heran, als die Wirklichkeit dann mit sich bringt. Dies umso mehr, wenn wir nicht von einer fachkundigen Frau auf die Abläufe und Möglichkeiten vorbereitet wurden, wenn wir ohne Wissen hinein stolpern in die größte Erfahrung unseres Lebens. Und genau in einem solchen Fall braucht man eine Fachfrau an der Seite: Jemanden, der einen unterstützt, der sieht, welchen Bedarf man wirklich hat und ob man seine Grenzen überschreitet. Jemanden, der auf das Kind achtet, der Probleme bei Frau und Kind wahrnimmt und richtig darauf reagieren kann. Jemand, der Situationen einschätzen kann aus beruflicher Erfahrung. Jemand, der abwägen kann, ob der Weg so weiter gegangen werden kann oder eine andere Stimulation benötigt. Im Idealfall einer Geburt ist die Hebamme eine leise Begleiterin, die durch ihr Wissen nur wenige Handgriffe tun muss, um viel zu bewirken. Sie ist da. Und schon allein durch ihre Anwesenheit können wir beruhigt sein und uns sicher fühlen. Eine Geburt braucht eine Hebamme an der Seite.

Nur noch moderne Klinikgeburten?

Sehen wir uns im Gegensatz dazu also dann die hochmoderne Geburt in der Klinik an. Die momentanen Forderungen der gesetzlichen Krankenkassen zielen nämlich darauf ab, dass es zukünftig keine Wahlfreiheit mehr gibt in Bezug auf den Geburtsort: Hausgeburten sollen nur noch möglich sein, wenn es keine Ausschlusskriterien gibt. Auch bislang gab es einen Kriterienkatalog, der bei vorliegen bestimmter Punkte eine Geburt außerhalb einer Klinik ausschloss. Nun aber wurden diese Kriterien erweitert – und zwar ohne wissenschaftliche Grundlage und auch andere Leistungen beschnitten und in den privaten Leistungsbereich verdrängt. Von einer Wahlfreiheit kann daher nicht mehr gesprochen werden. Setzen die Krankenkassen ihre Forderungen durch, wird die Klinikgeburt die alleinige Möglichkeit.

Doch ist das so schlimm, wenn sowieso bislang die Mehrheit der Geburten in Deutschland in Kliniken stattfindet? Dann bleibt doch alles wie immer! Wenn wir uns Initiativen wie Roses Revolution ansehen, wird schnell klar: Um die Geburtshilfe in den Kliniken ist es an vielen Orten nicht gut bestellt. Personalmangel, unternehmerische Zwänge durch Klinikbetriebe, Abwägung von Kosten und Nutzen – all dies wirkt sich auf die Geburtshilfe aus. Geburten in Klinik sind oft mit Interventionen behaftet und es entwickeln sich Teufelskreise: ein Eingriff zieht oft weitere nach sich. Die Rahmenbedingungen in vielen deutschen Kliniken sind nicht so, wie sie sein sollten, wie der Start ins Leben und in die Elternschaft beginnen sollte. Wenn es zudem keine außerklinischen Vorbilder mehr gibt, gibt es keinen Maßstab, an dem sich die Kliniken in Hinblick auf familienfreundliche Geburten orientieren können: Dass es heute so viel schönere, alternativ ausgestattete Kreißsäale gibt, liegt auch an dem Vorbild der Geburtshäuser und Hausgeburten. Fehlen diese, fehlt auch Kliniken der Wettbewerb, der eine Hinwendung zu mehr Frauenfreundlichkeit ermöglicht hat. Zudem unterliegen auch die Hebammen in den Kliniken oft strengen Hierarchien und Regelungen und die Hinzuziehung von Ärzten wird dringend verlangt – oft nicht erst am Ende der Geburt. Hebammen werden auch in den Kliniken mehr und mehr aus ihrem Tätigkeitsfeld verdrängt und in ihrer Arbeit beschnitten. Doch gerade dort sind sie so wichtig, um sich für die Frau und die Familie einzusetzen und betriebswirtschaftlichen Interessen entgegen zu stehen. In Kliniken werden Hebammen gebraucht.

Es geht nicht „nur“ um Geburt, sondern um das Leben zukünftiger Generationen

Wir stehen an einem Scheidepunkt: Frauen, die nicht in Kliniken gehen wollen nehmen die Ungewissheiten und Gefahren einer Alleingeburt zu Hause auf sich oder Frauen gehen nur noch in Kliniken, wo ihre Selbstbestimmung untergraben wurde. Beide Wege sind nicht die, die wir als Gesellschaft gehen sollten.

Doch nicht nur die Geburt an sich ist in Gefahr: All diese Änderungen wirken sich auch auf die sonstigen Angebote der Hebammen aus wie die wichtige Schwangerschaftsvorsorge und die Wochenbettbegleitung und Stillberatung. Ohne Hebammen, die diese Angebote, die oft und aus guten Gründen Hausbesuche sind, leisten, sind Frauen auf sich gestellt oder angewiesen auf teure private Dienstleistungen oder laufen Gefahr, auf unseriöse Angebote aus diesem Bereich auszuweichen. Es ist weit mehr als „nur“ die Geburt, die in Gefahr ist oder „nur“ die Selbstbestimmung oder „nur“ die Wahl des Geburtsortes: Wie wir geboren werden, wie wir das Licht der Welt erblicken, wirkt sich auf unser ganzes Leben aus: Es kann mit beeinflussen, ob wir eher zu bestimmten Erkrankungen neigen, es hat Einfluss auf die kindliche Entwicklung, es kann sich auf die Bindung zwischen Eltern und Kind auswirken und dadurch auf die Entwicklung der gesamten Gesellschaft, auf Feinfühligkeit und Liebe. Es ist nicht egal, wo und wie wir geboren werden. Deswegen müssen wir dafür kämpfen und müssen uns für eine gute Zukunft einsetzen: Dafür, dass auch unsere Kinder liebevoll gebären können unter angemessener Begleitung und Selbstbestimmung ein Gut bleibt, das uns Frauen selbstverständlich gewährt wird.

Eure

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