Eine Tagesstruktur im Homeoffice mit Schulkindern und Kindergartenkindern ausbilden

Die vergangenen Wochen waren für viele Eltern nicht einfach, weil sich ihr Arbeitsalltag verändert hat. Die vergangenen Wochen waren auch für viele Kinder nicht einfach, weil sich deren Alltag verändert hat. Und um es noch komplizierter zu machen, sind die veränderten Gewohnheiten von Eltern und Kindern in den Familien aufeinander getroffen, mussten aufeinander abgestimmt werden und es musste Rücksicht genommen werden auf die jeweiligen Bedürfnisse und Gefühle.

Bedürfnisse und Erfordernisse vereinbaren

Unter diesen besonderen Rahmenbedingungen einen neuen Alltag auszubilden, ist nicht einfach, denn sowohl Bedürfnisse als auch Erfordernisse müssen unter einen Hut gebracht werden: In Bezug auf Erfordernisse bedeutet das in vielen Familien, dass die Eltern (manchmal in geringerem Umfang) zu Hause arbeiten müssen, in Bezug auf die Kinder, dass sie ggf. (je nach Schule und Klassenstufe) Unterrichtsinhalte aufarbeiten sollen und es bedeutet auch, dass sie ihren natürlichen Entwicklungsbedürfnissen auch nachkommen müssen, um weiter in das Leben hinein zu wachsen. Dazu kommen Bedürfnisse nach Nähe, Kontakt, Wertschätzung, Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe, Ernährung,… All diese Aspekte gibt es auf Seiten der Eltern, als auch der Kinder – nur sind Kinder auf die Versorgung durch die Eltern angewiesen: Während Erwachsene selbständig mal zwischendurch ein Obst essen, wollen Kinder das zubereitet bekommen (weil sie es noch nicht selbst zubereiten können und/oder zugleich mit der Nahrung auch das Bedürfnis nach Zuwendung einfordern).

Um eine eigene Tagesstruktur festzulegen, kann es hilfreich sein, sich die Bedürfnisse und Erfordernisse der Familienmitglieder aufzuschreiben. Gerade in Bezug auf die Kinder ist dies auch hilfreich, um sich ihre Abhängigkeit in vielen Punkten vor Augen zu führen und auch zu verdeutlichen, dass ihr Verhalten an vielen Stellen tatsächlich normal ist – auch wenn es mit unserem Alltag schwer vereinbar ist, beispielsweise das kindliche Bedürfnis nach Bewegung (das wir Erwachsene eigentlich auch haben, aber oft über lange Zeit unterdrückt haben): balancieren, rennen, hüpfen – all das ist ein normales Bedürfnis. Ebenso wie ihr in der aktuellen Zeit vielleicht besonders starkes Bedürfnis nach Zuwendung und Sicherheit, das sich durch häufige Kontaktversuche und mehr Hilflosigkeit zeigen kann.

Anregung und Entspannung

Neben diesen Dingen, die zu vereinbaren sind, braucht es auch noch einen guten Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung im Tagesablauf: Erwachsene machen häufig alle 90 Minuten eine kleine Pause von ihrer Arbeit, indem sie aufstehen, zur Toilette gehen, sich ein Getränk holen… Auch für Kinder ist ein Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung wichtig, denn sowohl ein Überlastung in Hinblick auf Anregungen kann zu viel werden, als auch zu wenig Möglichkeiten für anregende Tätigkeiten. In der Schule sehen wir das anhand der Schulpausen zwischen den Unterrichtseinheiten, obwohl gerade in den jüngeren Jahrgängen auch individuelle Pausen möglich sein sollten. Es ist gut, beide Aspekte ganz bewusst in den Alltag einzubinden und ein Bewusstsein für Anspannung und Entspannung zu schaffen, und dass beides wichtige Bestandteile des Alltags sind. Während wir Erwachsenen der Entspannung durch unbewusste Handlungen nachkommen und durch ganz bewusste Entspannungsübungen, brauchen Kinder oft noch eine Begleitung, um diese gut in den Alltag zu integrieren und wir Co-regulieren sie mit einem Entspannungsangebot nach einer Anspannung.

Ruhepausen für Eltern

In der aktuellen Situation sind Eltern oft besonders angespannt, da uns die Ungewissheit ängstigt und einschränkt, wie selbst uns als weniger selbstwirksam erfahren und zudem noch finanzielle Sorgen hinzu kommen können. Auch die Arbeitslast generell ist hoch zwischen Care-Arbeit, Haushalt und Erwerbsarbeit und vielleicht gibt es auch noch persönliche Sorgen bei Erkrankungen nahestehender Personen oder eigentlich pflegebedürftigen Menschen, die wir aktuell nicht versorgen können. Das Fass an Stress ist also ohnehin schon sehr voll.

Kinder mit ihren natürlichen Bedürfnissen und ihrem kindlichen Verhalten können nun dieses Fass zum Überlaufen bringen. Dabei zeigen sie eigentlich ein normales Verhalten, das wir nur gerade nicht zusätzlich aufzufangen schaffen. Deswegen ist es wichtig, dass Eltern gerade jetzt auch gut auf sich schauen und die oben genannten Entspannungszeiten ganz besonders auch für sich selbst in den Alltag einbinden.

Den richtigen Weg für Deine Familie finden

In unserem ganz persönlichen Tagesablauf (siehe Bild oben) für unsere Familie haben wir versucht, Anspannung und Entspannung in einem ausgewogenen Verhältnis aufzubauen und besonders auch die Bedürfnisse der Kinder nach Zuwendung zu berücksichtigen, aber auch bewusst Ruhepausen für uns Eltern einzubinden, beispielsweise während der Medienzeiten der Kinder. Diese sind aktuell ausgeweitet, sorgen aber dabei dafür, dass wir Eltern im Tagesablauf auch Rückzugsmöglichkeiten haben, in denen wir uns mit einem Tee in Ruhe auf das Sofa setzen können ganz ohne Kinderfragen. Das beugt in unserer Familie Stress und Gereiztheit etwas vor. Jede Familie muss aber ihren eigenen Weg finden in Abhängigkeit von Temperamenten, Bedürfnissen, Alter der Kinder, Erwerbsarbeit der Eltern etc. – eine allgemein gültige Lösung gibt es nicht. Nur die Aufforderung, wirklich alle Bedürfnisse und Besonderheiten der einzelnen Personen genau anzusehen und daraus ein Konzept zu bilden.

Kommt gut durch diese Zeit.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

3 Kommentare

  1. Liebe Susanne,

    Dein Artikel ermutigt mich, unsere Tagesstruktur noch einmal genauer anzusehen. Vor allem den Anspannungs-/Bewegungs- und Entspannungsaspekt habe ich bisher noch nicht bewusst berücksichtigt. Hochschwanger in der Stadtwohnung fehlt mir leider häufig die Energie, dem Bewegungsdrang unseres Kleinkindes gerecht zu werden – und mein Ruhebedürfnis ist demgegenüber sehr, sehr! groß. Dadurch bin ich abends völlig erschöpft, während er noch in Partylaune ist. Da fehlt vielleicht noch eine fest eingeplante Kissenschlacht vor dem Abendessen (bei der ich mich dann unauffällig unter die Decke rolle) 🙂

    Danke dir!
    Olivia

  2. Mini-0517

    Hallo, der Artikel ist wirklich toll und ich möchte auch versuchen den Tag etwas besser zu strukturieren. Meine Tochter wird bald 3 Jahre undversteht nicht, weshalb ich nicht immer Zeit habe, um ihr mehr Aufmerksamkeit zu geben (was natürlich verständlich ist). Ich rotiere immer nur hin und her…Mein schlechtes Gewissen ist daher auch sehr groß. allerdings weiß ich noch immer nicht wie ich das besser machen kann. Kannst du in einem weiteren Artikel vllt noch mehr Tipps geben, wie man den Alltag mit Homeoffice und Kinderbetreuung besser strukturieren kann?
    Liebe Grüße
    Mini

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