Aber was sollen wir nur zu Hause tun? Das Zuhause als freier Spiel- und Lernraum

Viele Eltern sorgen sich darum, dass den Kindern zu Hause ein anregungsreicher Alltag fehlen könnte und sie Erfahrungen und Spielangebote vermissen könnten aufgrund der Einschränkungen und vielleicht auch geringeren Vielzahl an Spielmaterialien, die im Vergleich zum Kindergarten zu Hause vorherrscht. Tatsächlich aber bietet sich zu Hause eine Vielzahl an Spielmöglichkeiten, mit denen Kinder kreativ umgehen können. Betrachten wir daher einmal die einzelnen Räume jenseits des Kinderzimmers aus Kinderaugen:

Küche

Für viele Kinder ist die Küche ein magischer Ort, der zum Spielen einlädt: Die Kleinsten räumen gerne Dosen ein und aus, Kleinkinder üben sich mit Kochlöffel und Kochtopf im Rollenspiel oder finden es toll, mit getrockneten Nudeln, Linsen oder Bohnen zu spielen.

Größere Kinder erfreuen sich daran, wenn sie aktiv etwas in der Küche machen können: Die Obstmahlzeit vorbereiten, Gemüse für einen Salat kleinschneiden, einen Teig kneten. Schulkinder können sich auch darin ausprobieren, eine Mahlzeit zu kochen und die Eltern damit zu überraschen. Für den Anfang kann es ein einfaches Gericht sein, im Laufe der Zeit lässt sich das dann steigern. Besonders schön: So können Schulkinder gleichzeitig auch das Lesen und Rechnen auf natürliche Weise in den Alltag einbinden, wenn nach Kinderrezepten gekocht wird.

Badezimmer

Wasser ist für viele Kinder ein wunderbares Spielzeug, das lange zum Spiel einlädt. Wasser kann hin und her geschüttet werden in verschiedenen Behältnissen und Kinder erfahren so etwas über Mengenverhältnisse. Mit ein wenig Farbe im Wasser kann auch ausprobiert werden, wie sich die Grundfarben zu anderen Farben mischen. Auch in der Badewanne kann (in Anwesenheit eines Erwachsenen) gespielt werden, wenn etwas Wasser darin die Spielfiguren oder Puppen aus dem Kinderzimmer zu einer Wasserparty einlädt.

Und nach dem Badespaß? Viele Kinder finden es toll, sich selbst eincremen zu können und können sich mit Creme „anmalen“, bevor sie auf dem Körper verteilt wird.

Schlafzimmer

Hier können Höhlen gebaut werden, in denen gespielt oder geruht wird. Das Elternbett kann zu einer Hüpfburg werden, damit sich Kinder in Ruhe austoben können – es ist in Ordnung, hier die Regeln etwas zu lockern, wenn früher nicht auf dem Bett gehüpft werden durfte, denn so haben Kinder nun die Möglichkeit, den fehlenden Toberaum oder ausgedehnte Spielplatzbesuche auszugleichen.

Der Kleiderschrank der Eltern bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten zum Verkleiden, damit Kinder einmal in „andere Schuhe schlüpfen“ können. Oder es wird im Schlafzimmer mit Schnüren ein „Laserlabyrinth“ aufgebaut, durch das man sich durchbewegen muss.

„Laserlabyrinth“

Wohnzimmer

Der Esstisch kann mit einer Decke verhangen werden und wird so zu einer großen Höhle. Mit Taschenlampe ausgestattet, lässt es sich darin sehr schön spielen. Vielleicht aber wird das Wohnzimmer auch zu einem Hindernis-Parcours und das Kind kann auf einer langen Reihe von Stuhlen entlangklettern bis hin zum Tisch und wieder zurück. Hauptsache: Hier wird nicht der Boden berührt.

Arbeitszimmer

Im Arbeitszimmer oder am Schreibtisch der Eltern finden sich oft viele Bastelmaterialien: Hier kann gemalt, ausgeschnitten und geklebt werden. Zusammen mit dem Altpapier oder dem Papiermülleimer findet sich sogar für Kinder, die gerade den Umgang mit der Schere erlernen, eine große Herausforderung, wenn sie unterschiedliches Papier, Kartons etc. zerschneiden können. Größere Kinder können aus dem Altpapier/Pappkartonmüll neue Dinge gestalten: ein Puppenhaus, eine Garage, sogar ein Auto oder andere Dinge.

Ein Puppenhaus aus alten Kartons

Und noch etwas ermöglicht der Arbeitsbereich der Eltern: Ein Videotelefon mit Freund*innen, um sich zu erzählen, was heute schon gespielt wurde, um miteinander zu reden, zu spielen und im Austausch zu bleiben.

Flur

Ein langer Flur kann aus Kinderaugen die ideale Rennstrecke für Autos werden: Mit Klebeband oder Washitape können Straßen auf den Boden geklebt werden, die immer wieder neu gestaltet werden können.

Je nach Nachbarschaftsverhältnissen kann der Flur vielleicht auch als eigene Rennstrecke benutzt werden. Wer aber Nachbarn unter sich hat, sollte mit diesen vorab sprechen oder ggf. Zeiten festlegen, in denen es in Ordnung ist, wenn das Kind etwas lauter in den grobmotorischen Spielen ist. Denn klar ist: Wir können Kinder nicht beständig zum Leise-Sein ermahnen und ihnen auf lange Zeit verbieten, zu toben, zu hüpfen und sich wild zu bewegen. Aber wir können mit Rücksicht auf andere Vereinbarungen treffen und die Nachbarn ebenfalls um Verständnis darum bitten, dass unsere Kinder eben Kinder sind.

Balkon

Wenn schon keine Spielplatzbesuche möglich sind an der frischen Luft, dann kann ein Balkon eine tolle Alternative sein. Eine große Plastikwanne oder -kiste mit Blumenerde oder sogar Spielsand gibt Kindern die Möglichkeit, hier zu matschen und zu spielen. Dazu eine Kanne mit Wasser und ein paar Utensilien aus der Küche: schon ist die Matschküche vorbereitet und lädt zum kreativen Spiel ein. Wer keinen Balkon hat, kann eine Miniversion der Matschküche vielleicht auch in einem gefliesten Raum anbieten wie der Küche oder dem Bad.

Das Zuhause ist keine Kita, das stimmt. Das muss es auch nicht sein. Auch ohne viele zusätzliche Materialien bietet sich auch zu Hause eine Vielfalt an Möglichkeiten zum Spielen für Kinder, wenn wir unseren Blick ein wenig weiten und den Wohnraum nicht nur als Erwachsenensicht betrachten, sondern aus Kinderaugen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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