„Meine Freund*innen fehlen mir!“

Längere Zeit von Freund*innen getrennt zu sein, ist schwierig. Auch für uns Erwachsene ist es belastend, wenn wir von unseren sozialen Gruppen getrennt werden, wenn wir uns ausgeschlossen fühlen. Der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe schmerzt. Werden wir aus einer Gruppe ausgeschlossen, fühlen wir uns laut Need-Threat-Theory in Bezug auf Kontrolle, Selbstwert, Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach einem sinnvollen Dasein bedroht. Als Menschen wollen wir dazu gehören, wollen Ausgrenzung aus der Sicherheit gebenden Gruppe vermeiden. Werden wir hingegen ausgeschlossen aus einer Gruppe, der wir angehören, werden Ängste aktiviert. Wie wir letztlich auf Ausschluss reagieren – ob feindseelig-gewaltvoll oder mit dem Versuch, besonders Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, ist unterschiedlich. Ablehnung, Zurückweisung und Vernachlässigung aktivieren jedoch dasselbe neuronale Netzwerk und werden wie körperliche Schmerzen wahrgenommen und auch die generelle Schmerzschwelle sinkt und wir werden empfindsamer für Schmerzen. Zugehörigkeit zu verlieren, schmerzt tatsächlich.

„Hab ich keine Freunde mehr?“

Je nach Alter verstehen Kinder aktuell nur bedingt, warum sie nicht mehr Teil ihrer normalen Gruppen sind: Krippe, Kindergarten, Schule, Musikschule, Sportvereine etc. sind Gruppen, zu denen sie sich zugehörig fühlen und zu denen aktuell die Verbindung fehlt. Ältere Schulkinder verstehen teilweise, warum sie aktuell zu Hause bleiben müssen, dennoch leiden auch sie unter dem Ausschluss aus der Gruppe. Jüngere Kinder hingegen können die Situation oft noch gar nicht einordnen und verstehen nicht, warum sie nicht wie gewohnt mit Freund*innen spielen. Vielleicht fragen sie auch bewusst „Warum wollen die anderen nicht mit mir spielen?“ oder scheinen festzustellen „Ich habe keine Freunde mehr!“.

Zugehörigkeit zur Familie

Umso wichtiger ist es, dass die Kinder sich aktuell in der noch verbliebenen sozialen Gruppe, der Familie, sicher und zugehörig fühlen und darin einen wichtigen Platz einnehmen. In dieser Gruppe können wir ihnen das Gefühl von Kontrolle, Selbstwert, Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach einem sinnvollen Dasein ermöglichen.

Das ist möglich, indem wir das Kind aktiv an unserem Alltag teilhaben lassen, es innerhalb der begrenzten Möglichkeiten Entscheidungen treffen und selbst wirksam sein kann, es positive Lernerfahrungen machen kann und von seinen Bezugspersonen liebevoll begleitet wird. Wir können es in den Alltag integrieren und beispielsweise mit kochen oder aufräumen lassen. Es kann beispielsweise – dem Alter entsprechend – mitbestimmen über Aktivitäten und Essensauswahl.

Kontakt zu Freund*innen nicht abbrechen lassen

Darüber hinaus ist es jedoch auch gut, den Kontakt zu den Freund*innen nicht abbrechen zu lassen. Möglichkeiten dafür, die Zugehörigkeit zur Gruppe immer wieder fühlen zu lassen, sind:

  • Videotelefonate für Gespräche und gemeinsame Spiele
  • Kaffee/Kakao und Kuchen Verabredungen mit Freunden über Videotelefonate
  • Telefonate
  • Walki Talkis nutzen
  • Briefe/Postkarten schreiben und Bilder versenden
  • nach Möglichkeit: von Haus zu Haus ein Dosentelefon bauen
  • vor der Haus-/Wohnungstür von Freund*innen mit Kreide etwas auf den Boden malen
  • eine Schnitzeljagd für Freund*innen aufmalen, die sie dann später ablaufen können
  • Video an die Kindergartengruppe schicken mit Grüßen

Unseren Kindern fehlen ihre sozialen Gruppen mindestens so wie uns Erwachsenen, nur können sie es schwerer ausdrücken. Vielleicht sind sie gerade empfindsamer, weinen mehr, haben mehr das Bedürfnis nach Sicherheit und Zuwendung – all das ist normal. Wir sollten gemeinsam nach kreativen Möglichkeiten suchen, wie die Kinder in Kontakt bleiben können mit ihren Gruppen – bis sie wieder in ihre normalen Abläufe eintauchen können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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