Alleine-Zeit: Quality-Time für Geschwisterkinder

„Ich will etwas mit Dir alleine machen!“ – Wer mehrere Kinder hat, kennt diesen Satz wahrscheinlich. Alleine-Zeit: Zeit mit einem Elternteil ohne andere Geschwister. Die Aufmerksamkeit nicht teilen, mal (wieder) im Mittelpunkt stehen, nicht von einem jüngeren Geschwisterkind belästigt werden, die Sachen beschützen müssen, aufpassen.

Wenn Eltern von ihren Kindern hören, dass diese sich „Alleine-Zeit“ wünschen, beschleicht sie manchmal ein schlechtes Gewissen: „Ich kümmere mich doch zu wenig.“ „Ich kann einfach nicht beiden/mehreren gleichzeitig gerecht werden.“ „Vielleicht geht doch eines der Kinder unter, weil es mehrere sind?“ – Natürlich können wir mehreren Kindern nicht in der Art gerecht werden, wie wir es bei nur einem Kind konnten. Aber dennoch haben Kinder auch in dieser Konstellation mit Geschwistern besondere Momente und die Chance, andere Dinge zu lernen, als wenn sie die Geschwister nicht hätten. Das Leben mit Geschwisterkindern ist anders als als Einzelkind und beide Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile. Grämen wir uns also als Eltern nicht, wenn wir mehrere Kinder haben, dass wir sie nicht alle als Einzelkind wachsen lassen können, sondern fokussieren wir uns auf das, was sie an positiven Erfahrungen aus diesem Alltag gewinnen. – Und gönnen wir ihnen ab und zu ganz besondere Aufmerksamkeitszeiten.

Muss es eine besondere Aktivität sein?

Wir denken oft, dass wir unseren Kindern etwas besonders schön machen, wenn wir uns etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Ein besonderes Ausflugsziel, ein teurer Kinonachmittag, ein Ausflug mit einer besonderen Attraktion. Fragen wir das Kind aber nach einem Wunsch, bekommen viele Eltern die Antwort, dass das Kind gar keiner besonderen Tätigkeit nachgehen möchte, sondern einfach Zeit zu zweit sucht zu Hause. Denn die Frage nach Alleine-Zeit ist meistens nicht die Frage nach einer besonderen Attraktion, sondern nach Beziehung. Sie kann nicht mit Geld bezahlt werden, sondern nur mit Aufmerksamkeit. Sie sagt aus: „Ich möchte Zeit mit Dir alleine haben, in der Du nur mich siehst und Dich nur mit mir beschäftigst.“ Gehen wir ins Kino, steht der Film im Fokus und wir beschäftigen uns wenig miteinander. Gehen wir auf den Spielplatz, sind dort vielleicht andere Kinder und das gemeinsame Eltern-Kind-Spiel tritt in den Hintergrund. Alleine-Zeit meint deswegen mit Vorschulkindern meistens: Verbringe einfach ganz normal zu Hause Zeit mit mir und spiel mit mir, was ich gerne mag.

Spiel in Beziehung

Bleiben wir also zu Hause und gehen wir in Beziehung mit unserem Kind. Jetzt haben wir die Chance, uns mitteilen zu lassen, was das Kind gerade bewegt: Wo die Entwicklungsschwerpunkte gerade sind, was es bedrückt und erfreut, welche Themen es gerade besonders gerne mag. Lassen wir also das Kind bestimmen, was in der Alleine-Zeit stattfindet und halten wir unsere eigenen Spielwünsche für diesen Moment zurück. Jetzt, heute darf das Kind allein bestimmen und wir wertschätzen die Wahl des Kindes und drücken bereits damit aus, dass es gesehen wird, dass seine Wünsche wichtig sind und berücksichtigt werden.

Qualität vor Quantität im Alltag

Es ist im Familienalltag nicht immer einfach, Alleine-Zeit einzuplanen. Gerade dann nicht, wenn es mehr als zwei Kinder sind. Ist der Altersabstand groß, bietet sich der Abend oft für eine kurze tägliche Alleine-Zeit an: Das größere Kind kann sich mit dem anderen Elternteil (sofern vorhanden) Alleine-Zeit genießen und das kleine Kind mit dem anderen. Gut ist es, auch hier zu variieren. Gibt es nur einen Elternteil, kann das größere Kind vielleicht einer Beschäftigung allein nachgehen, während das kleinere Kind spielen kann, ins Bett gebracht wird und danach das größere Kind noch einmal Alleine-Zeit bekommt. Diese abendliche Zeit muss nicht besonders lang sein. Dafür lassen wir auch hier das Kind bestimmen. Routinen wie Zähneputzen und Schlafanzug-Anziehen, die ja oft Elternregeln unterliegen, zählen allerdings nicht in die Zeit.

Manchmal ist es auch möglich, eine solche Zeit am Nachmittag einzuplanen, wenn ein Geschwisterkind gerade in eine Tätigkeit versunken ist und wir uns dem anderen intensiv widmen können. Wichtig dabei ist: Wirklich abzuschalten und den Fokus darauf zu legen, dass jetzt wirklich der Wunsch des Kindes im Mittelpunkt steht. Auch andere Störfaktoren sollten während der Alleine-Zeit beiseite gelassen werden: Smartphone, Telefon und anderes sind jetzt zur Seite zu legen.

Jedes Kind will gesehen werden, muss in seiner Individualität betrachtet werden und braucht ab und zu die Chance, die Akkus an Zuwendung wieder ganz aufzufüllen. Mit einer festen Planung von solchen Zeiten, können wir dem Bedürfnis des Kindes nachkommen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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