Wenn am Abend noch von der Welt berichtet wird…

Da liegst du und kannst die kleinen Augen noch gar nicht schließen. Immer weiter erzählt dein kleiner Mund von den Abenteuern des Tages. Manchmal fällt es mir schwer, deinen Geschichten zu folgen – weil ich schon zu müde bin oder weil es einfach noch schwer ist, deinen vielen Gedanken hinterher zu kommen. So viel erlebst du am Tag: Du berichtest von Freundschaft und Streit, von Essen und Tischliedern, von Spiel und dem, was du gesehen hast. Da war das Eichhörnchen und der kleine Käfer und der Hund von nebenan.

Jeder Tag bringt so viele Abenteuer mit sich und so viele Neuigkeiten. Die Welt, sie ist ja riesig und es gibt so viele Dinge zu schmecken, zu riechen, zu fühlen und zu bewegen. Am Abend dann ist all dies noch da in deinen Gedanken. Es fließt umher in deinem Kopf, vernetzt sich mit anderen Dingen. In deinem Kopf bilden sich Brücken aus und nicht selten beschreibst du sie. „Ist das Eichhörnchen auch ein Hund?“ So viele Fragen, die sich ergeben aus all den Erfahrungen.

So liege ich neben dir und erkläre die Welt. Woher der Wind kommt oder ob die Regenwürmer auch atmen. Manchmal stockt meine Erzählung, denn auf so viele Fragen habe ich gar keine Antwort. Auch das gehört zum Lernen dazu: Zu wissen, wo das Wissen endet. Und wo man nachsehen kann.

In unseren abendlichen Gesprächen bekomme ich einen kleinen Einblick in deine Welt, darf ein wenig durch deine Augen die Welt sehen. Ich denke oft, dass sie für dich viel bunter und wilder erscheint als für mich. Viel intensiver, viel besonderer. Viel mehr Leben. Wie eine Gute-Nacht-Geschichte für mich sind deine kleinen Erzählungen und manchmal spüre ich, wie mir so viel schneller die Augen zufallen als dir. Und dennoch möchte ich nichts von diesen Geschichten vermissen, folge ihnen weiter und weiter und freue mich daran, noch einmal die Welt durch deine Worte kennen zu lernen.

Und so ist es manchmal nicht schlimm, dass der Abend sich hinzieht und zu einer langen Geschichte wird. Es ist die Geschichte, wie du das Leben siehst und mir erklärst.

Hört Ihr auch gern die wundersamen Geschichten Eurer Kinder an?
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

2 Kommentare

  1. Judit Hölzle-Kuhn

    das hast du schön beschrieben, Danke! bisher hab ich ja nur gelesen und wenig gesagt, jetzt möchte ich auch etwas erzählen… bei uns sind diese Momente über den Tag verteilt – vor allem wenn wir unterwegs sind, in der Bahn wird alles erfragt und kommentiert an dem wir vorbeifahren, mein kleiner Sohn ( 3 1/2) sieht oft so viel mehr als ich und es macht Spaß all den kleinen Details zu folgen…oder zu Fuß, seine klebrige warme Hand in meiner, plappert er ununterbrochen von erlebten, geträumten, realen und sehr verwirrenden Dingen:-) und jetzt fängt er an, es seinem kleinen Bruder zu erzählen, da freue ich mich darauf, wenn sie zusammen reden können, aber das dauert noch, der Kleine ist erst 2 Monate alt…
    abends spinnen wir oft zusammen Geschichten- von Zwergen die im Wald leben und alles mögliche erleben, bauen und Besuch von Tieren kriegen- Faultiere, Elefanten und sogar Pinguine, ja es gibt einen regen Flugverkehr zwischen dem Zwergenwald und dem Südpol…ich liebe es, dass seine Ideen nun diese Geschichten tragen und weiterbringen:-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.