Wenn die Angst dich leitet in der Autonomiephase deines Kindes

Im Alltag mit Kleinkindern gibt es viele Situationen, in denen unterschiedliche Vorstellungen, Wünsche oder Bedürfnisse aufeinander treffen. „Ich will die Jacke nicht anziehen!“, „Ich will da aber rauf!“, „Ich will das alleine schneiden!“ – Unsere Kinder sind gerade jetzt in einer Phase, in der sie ihre Fähigkeiten ausbauen wollen, in der sie beginnen, immer mehr unabhängig zu werden und in der diese Unabhängigkeit und der Drang nach Eigenständigkeit unaufhaltsam zu ihrem Entwicklungsbedürfnis gehören: Wann, wenn nicht jetzt? Genau jetzt wollen und müssen sie ihre Kompetenzen ausbauen und brauchen den Raum, das zu tun. Nur leider steht dieser Drang nicht selten unseren erwachsenen Befürchtungen entgegen: Kannst du das schon? Kannst du hier selbst entscheiden?

Kinder wollen sich entwickeln

Kinder haben von Anfang an das Bedürfnis, sich zu entwickeln, ihre Fähigkeiten auszubauen und zu erproben. Nach dem ersten Jahr, in dem sie ihren Körper kennengelernt haben mit den eigenen Grenzen und angekommen sind in der Welt, beginnt die aktive Auseinandersetzung damit durch Fortbewegung, Handlungen und Sprache. Immer mehr und weiter begeben sich Kinder in das soziale Gefüge und bauen ihre Fähigkeiten aus: sie lernen nicht nur zu laufen, sondern auch zu schleichen, zu hüpfen, zu klettern, zu balancieren. Jeder Kompetenzbereich wird nach und nach differenziert. Um dies bewerkstelligen zu können, brauchen Kinder die Möglichkeit, diese Fähigkeiten auszubauen. Diese Möglichkeiten fordern sie von uns vehement ein und reagieren wütend, wenn wir sie ihnen nicht zur Verfügung stellen.

Wenn du dein Kind hinderst – frag dich warum

Natürlich gibt es immer Situationen, in denen wir den aktuellen Entwicklungsbedürfnissen eines Kindes nicht nachkommen können: wir haben einen Termin und sind ohnehin spät dran, das Wohl eines (Geschwister-)kindes lässt nicht zu, stundenlang im Regen auf der Straße zu stehen, wir hatten einen ohnehin anstrengenden Tag und keine emotionalen Ressourcen mehr, um entspannt das Erkundungsbedürfnis des Kindes zu begleiten. All diese Situationen gibt es. Aber im Alltag sind sie meist nicht die Mehrheit. Viel öfter leitet uns der Gedanke: „Nein, das kannst du sicher nicht“ oder „Nein, das ist zu gefährlich.“ bzw. nicht die offenkundige Angst vor einer Gefahr sondern eher das „Das macht man so aber nicht.“ oder „Wenn mein Kind das so macht, dann…“

Leitet dich Angst?

Wenn unsere eigene Angst uns im Umgang mit unseren Kindern leitet, ist dies aus verschiedenen Gründen schwierig: Wir übertragen eigene negative Erfahrungen (manchmal unbewusst) auf unser Kind – ohne dass die Situation wirklich gleich sein muss – wie beispielsweise Angst vor Tieren. Aus unserer eigenen Angst heraus verwehren wir unserem Kind eine Entwicklungsmöglichkeit. Sind wir prinzipiell ängstlich, vermitteln wir unserem Kind ein gefahrvolles Bild von der Welt: „Tu dies nicht, du könntest…“ „Tu das nicht, weil…“ Die Neugierde wird ausgebremst.

Das Kind ist AUSLÖSER für ein Verhalten, das tief in uns eingespeichert ist. Die eigentliche URSACHE unsers Handelns ist nicht das Kind, sondern die Erfahrung, die wir selbst gemacht haben.

S. Mierau „Ich! Will! Aber! Nicht!“ S.68

Aus Angst die Grenzen des Kindes überschreiten

Besonders schwierig wird es jedoch da, wo unsere eigene Angst uns dazu führt, die Grenzen des Kindes zu überschreiten, vielleicht sogar Gewalt anzuwenden im Umgang mit dem Kind, weil wir eigentlich Angst haben: das Kind festhalten, um die Zähne zu putzen gegen den Willen aus Angst vor Karies. Das Kind mit Druck und gegen den Willen in Kleidung zwängen aus Angst davor, es könnte krank werden an der kalten Luft. Das Kind mit psychischer oder körperlicher Gewalt zum Essen zwingen aus Angst, es würde nicht ausreichend Nahrung zu sich nehmen. Oder es mit solchen Maßnahmen vom Essen abhalten aus Angst, es würde zu viel Nahrung zu sich nehmen.

Angst ist ein steter Begleiter von Eltern und es ist natürlich, sich um das Kind zu sorgen und es vor tatsächlichen und konkreten Gefahren beschützen zu wollen: Natürlich lassen wir ein Kind nicht auf die befahrene Straße rennen. Natürlich lassen wir ein Nichtschwimmerkind nicht neugierig allein am Wasser spielen. Aber manchmal drängen sich Ängste in den Vordergrund an den Stellen, an denen sie eigentlich unnötig sind. Eine immer wieder wichtige Frage, die wir uns in solchen Situationen stellen können, ist: „Was hättest du gebraucht?“ Was wäre für dich in dieser Situation, in dieser Phase eigentlich richtig gewesen? Noch näher heran an unsere eigenen Beweggründe führt uns auch die Frage: „Warum ist mir das so wichtig?“ Durch dieses Hinterfragen der eigenen Beweggründe für unser Handel verstehen wir uns selbst besser, können gnädiger mit uns sein und vor allem können wir einen ersten Schritt tun in die Richtung, unsere Kinder nicht durch unsere eigenen Ängste zu lenken und ihre Entwicklung und unsere Beziehung nicht durch Ängste und ihre Folgen überschatten zu lassen.

Eigene Ängst zu kennen, eröffnet neue Handlungsmuster mit Kinder

Statt dessen können wir entspannter an Situationen heran gehen und andere Lösungsansätze suchen. Zu erkennen, dass eine eigene Angst einen leitet beim vehementen Einfordern vom Zahnputzritual lässt den Weg öffnen dafür, andere Alternativen zu suchen: vielleicht das Spiel mit einer Handpuppe, die Ablenkung mit einem Spiegel oder einer Zahnputz-App oder überhaupt die Möglichkeit, sich über die richtige Zahnhygiene von Kindern zu informieren. Zu Wissen, dass man in Anziehsituationen aus Angst vor einer Erkältung überreagiert hilft, hinter das eigene Verhalten zu sehen und sich vielleicht als nächsten Schritt zu fragen: Vielleicht hat mein Kind ja ein anderes Wärmeempfinden als ich? Vielleicht kann ich meinem Kind vertrauen und es erkältet sich nicht, wenn es nicht den Schneeanzug, sondern „nur“ eine dicke Jacke anzieht.

Es ist natürlich, dass wir Ängste haben und Ängste sind oft ein gutes Warnsystem. Manchmal aber beeinflussen unsere Ängste die Beziehungsqualität zu unserem Kind. Ist dies der Fall, müssen wir uns mit unseren Ängsten einmal genauer auseinander setzen und hinsehen, woher sie kommen und ob sie wirklich hier und jetzt und heute sinnvoll sind.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

9 Kommentare

  1. Toller Artikel
    Danke.

    Ich habe sehr selten Angst um meine Kinder. Wenn sie auf Bäume klettern können, dürfen sie das. Doch ich gebe keine Hilfestellung um auf den Baum zu kommen. Wer nicht selber rauf kommt, ist halt noch zu klein. So bietet die Umwelt sehr gute natürliche Grenzen.
    Mir fällt aber immer wieder auf, wie vorallem ängstliche Eltern, diese Grenzen ignorieren und ihrem Kind irgendwo rauf helfen oder an einen Ort gehen, der nicht ganz passt und nachher dem Kind alles verbieten. Oder Angst um das Kind haben. Das finde ich jeweils erstaunlich.

    Meine Kinder durften schon mit 1 Jahr in der Küche helfen, mit einem normalen Rüstmesser, nicht mit dem neusten und schärfsten, doch mit einem das sicher gut schneidet um die Gurke in Stücke zu schneiden.
    Ebenso gehen meine Kinder manchmal im Herbst noch barfuss raus, wenn ich schon beim Gedanke daran friere. Doch bei uns im Garten, ist das warme Haus ja nicht weit und sie holen ihre Schuhe oder wärmen sich drinnen wieder auf.

    Die Reaktionen aus der Umwelt sind manchmal sehr speziell. Doch das stört mich eigentlich nicht so sehr.

    Mehr Mühe habe ich mit dem “ das macht man aber so“ „man darf nicht“. Vorallem wenn mein Mann nicht die gleiche Ansicht hat wie ich.
    Da komme ich immer wieder an Grenzen. An meine Grenzen. Das vor allem das Thema Anstand. Zum beispiel anständiges Essen. Mir macht es nicht aus, wenn die Kinder mit den Händen essen, wenn sie sich nachher die Hände waschen.
    Doch das sieht nicht jeder so.
    Ich glaube einfach, dass sie früher oder später sich der Umgebung anpassen.

    Liebe Grüsse Eva

    PS: Du hast einen wirklich tollen Blog
    Und dein Buch ist auch gut geschrieben. Hab eines der beiden momentan aus der bibliothek ausgeliehen. War ganz erstaunt, dass ich das in Schaffhausen/Schweiz in der Bibliothek fand.

  2. Was für ein wundervoller und wichtiger Text, der gerade genau richtig kommt!
    Mein kleiner Mensch ist jetzt 14 Monate alt und selbst machen will er eigentlich schon immer, aber er wird immer wagemutiger. Bisher war ich eigentlich eine sehr entspannte Mama (und gerade wenn man mal mit den Ängsten der (Ur-)Großeltern vergleicht, bin ich das wohl immer noch 😉 ). Inzwischen merke ich jedoch öfter, dass ich aus Angst und unhinterfragt Dinge unterbinde oder ihn durch unnötige Hilfestellung verunsichere. Und das nervt mein Kind und mich auch.
    Das schwierige für mich und wohl auch eine der Ursachen dafür, ist der dauernde Input anderer Menschen. Ich bin jung und in meiner Mutterrolle eben manchmal noch nicht so sicher, dass ich Kommentare einfach ignorieren kann. Und dann mache ich mir eben doch Gedanken ob das Kind im Herbst noch barfuß sein darf, ob es denn alle Nährstoffe bekommt, wenn es sich selbst füttert, ob es alleine vom Bett klettern sollte, wenn es doch fallen könnte…
    Was hilft? Mein Freund, der ab und zu mal fragt „Was ist denn das schlimmste das jetzt passieren könnte?“ und mich damit auf den Boden der Tatsachen zurückholt und auch mir das stolze Gesicht meines Kindes in Erinnerung zu rufen, wenn es Sachen selbst geschafft hat!
    Und manchmal friert das Kind dann doch, hat noch Hunger oder fällt vom Bett. Und dann bin ich da zum Wärmen, Stillen, Trösten.

  3. Hallo, ich stimme dem Artikel zum größten Teil zu. Allerdings bei dem Thema Zähne putzen kann ich nicht mehr mitgehen. Ich bin auch der Meinung, dass man zunächst versuchen sollte einen alternativen Weg zu beschreiten, aber wenn wirklich beim Thema Zähne putzen nichts mehr hilft – muss doch geputzt werden. Wir haben ein Kind welches durch unsere Inkonsequenz jetzt sechs kranke Zähne hat. Eine Operation mit Vollnarkose steht an (mit allen Risiken). Deshalb sehe ich dieses Thema nicht mehr so entspannt und ich gebe mir die Schuld für diesen Schaden.

    • Natürlich muss geputzt werden, aber es lassen sich Alternativen zur Gewalt finden, darum geht es. Wenn das Kind nicht putzen möchte, ist es die Verantwortung, eine Möglichkeit zu finden, wie das geschehen kann: Handpuppen, Spiele, Uhrzeit ändern (wenn Kind einfach zu müde), Person wechseln, Kind putzt vor oder nach, mit Handspiegel, mit Zahnputzbuch, mit Zahnfärbetabletten, zur Not mit Ablenkung durch Zahnputzapp oder ein Video auf dem Smartphone (finde ich besser als Gewalt).

      • Bin ich 100%ig bei dir. Keine Gewalt. Aber wir haben alles erdenkliche ausprobiert und es hat nicht geklappt. Und jetzt hat mein Kind einen bzw mehrere Zahnschäden. Und das ist für alle Beteiligten eine Verlierersituation.

        • Ich kann dich da beim Zähneputzen emotional total nachvollziehen, ich habe selber sehr schlechte Zähne und hochgradig traumatische Zahnarzterfahrungen.
          Und ich hab mein Kind auch mal irgendwann festgehalten. Das war furchtbar.
          Ich habe dann tatsächlich auch auf das Zähneputzen bestanden, aber mit viel Brimborium und Spaß. Das hat mich Kraft gekostet, aber jetzt läuft’s.
          (Vieles andere dafür nicht :-)))
          Das aber nur am Rande.
          Da ich mich (s.o.) viel mit Zähnen auseinandergesetzt habe, kann ich dir nur sagen, dass es nicht ausschließlich am Putzen liegt, sondern durchaus auch ein großer Teil Veranlagung ist. Ein anderes Kind hätte vielleicht trotz eurer „Inkonsequenz“ gesunde Zähne.
          Sei milde mit dir! 🙂

  4. Leider muss ich das auch bestätigen. Im Alter von 15 bis 18 Monaten hat unsere Tochter das Zähneputzen komplett verweigert. Wir waren eigentlich zunächst recht entspannt, haben im Laufe der Zeit wirklich jeden Tipp ausprobiert und nichts hat funktioniert- Bürste im Mund war einfach nicht akzeptabel.

    Nach drei Monaten konnte ich es einfach nicht mehr aushalten und hab tatsächlich mit Festhalten geputzt, was sich sehr sehr sehr gewalttätig anfühlt. Nach ca zwei Wochen gab es keinen Protest mehr.

    Gut ging es mir damit noch immer nicht, es war eben so völlig gegen mein Bauchgefühl.

    Um den zweiten Geburtstag herum dann die ersten beiden Löcher. Mittlerweile hat sie zwei Kronen und fünf Füllungen und die Vorderzähne mussten abgeschliffen werden weil sie komplett braun verfärbt waren.

    Klar, es gibt auch Kinder mit unempfindlicheren Zähnen. Wir hatten da aber Pech.

    Das wollte ich gerne hinzufügen, damit meine Vorkommentatorin nicht wie ein Einzelfall da steht…

  5. Liebe Susanne,

    das Thema Zähneputzen würde ich aus Ihrer Aufzählung auch gerne ausnehmen wollen. Im von einer Pädagogin geleiteten Kurs „Kinder stark machen“ sind wir zum Schluss gekommen, dass es wenige Situationen, wie z.B. der Straßenverkehr, das Zähneputzen, Medikamente nehmen, geben kann, bei denen einzelne Kinder trotz sehr liebevollen und kindgerechten Erklärungen sich nicht von der Notwendigkeit überzeugen lassen. Weglassen oder Nicht beachten etc. sind keine Alternative, aber nicht aus „Angst“, sondern Fakt, siehe auch die geschilderten Folgen in den Kommentierungen bezüglich Zähneputzen. Im Straßenverkehr können die Folgen noch gravierender sein. In diesen wenigen Fällen kann es notwendig sein, das Kind auch einmal festzuhalten. Ob man dies dann als „Gewalt“ bezeichnen möchte, sei dahingestellt, als Juristin sage ich: In diesen Fällen besteht ein „Rechtfertigungsgrund“.

    • Mir ist wichtig, dass wirklich nach Alternativen zum Festhalten und Durchführen gesucht wird, weshalb ich es hier habe. Ich erlebe oft eher die Situation: Kind will freiwillig nicht, dann nehme ich es in den Schwitzkasten. Dazwischen befinden sich aber noch viele andere Möglichkeiten, die ausprobiert werden können.

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