Mein Stärke, Deine Stärke – Jedes Kind ist individuell

„Das ist eben so bei Dir.“ sagt mir mein Mann und führt aus, wie unterschiedlich wir beide sind. „Deine Stärke ist es, Dich ganz auf eine Sache konzentrieren zu können. Dafür kannst Du Dich nicht gut gleichzeitig auf mehrere Sachen konzentrieren. Und bei mir ist es anders herum: Ich kann gut Dinge gleichzeitig und dafür nicht gut lange und konzentriert bei einer Sache bleiben.“ Wir sind unterschiedlich. Wie in so vielen Dingen. Und genau so unterschiedlich sind auch unsere Kinder. Eines jedes hat seine besonders ausgeprägten Eigenschaften und solche, die weniger ausgeprägt sind. Ein jedes hat Dinge, in dem es besonders gut ist und solche, in denen es weniger gut ist. Ein jedes hat sein ganz eigenes Temperament mitgebracht in dieses Familienleben und lebt es hier bei uns aus – mit Herausforderungen und Erleichterungen für uns als Eltern.

Perfekte Kinder

Sauber gekleidet, lächelnd mit glänzendem Haar. Gerade Zähne, sauber, das Kleid nicht bekleckert, denn gegessen wird mit Manieren und Besteck mit Serviette auf dem Schoß. Freundlich wird Bitte und Danke gesagt und die Hände bleiben über dem Tisch beim Essen. So vielseitig interessiert und belesen oder gebildet durch vorgelesene Literatur. Gut in Mathe und Deutsch und Kunst und Musik. Sportlich begeistert und freundlich und beliebt. Eine gute Aussprache, nicht zu aufbrausend, freundlich-verbindlich, nicht zu laut oder leise und beliebt bei allen Kindern.

Es mag Kinder und Menschen geben, die all dieses gleichzeitig zu sein scheinen. Aber oft sind wir nicht allseitig begabt und beliebt und ebenso sportlich wie musikalisch und sprachlich interessiert. Oft sind wir Menschen, die bestimmte Fähigkeiten haben und bestimmte Aspekte bevorzugen: Manche Menschen sind besonders sportlich und dafür weniger künstlerisch begabt, andere haben ein herausragendes mathematisches Verständnis und sind gleichzeitig weniger an Literatur interessiert. – Es gibt so viele verschiedene Arten, wie das Wesen eines Menschen ausgeprägt sein kann.

Und obwohl wir wissen, wie unterschiedlich wir sind, versuchen wir immer wieder, alle Kinder gleich zu machen: Gleichermaßen sollen sie gut sein über alle Schulfächer hinweg, nicht zu laut, nicht zu leise sein. Nicht zu sentimental und auch nicht zu wenig einfühlsam, nur kein Einzelgänger! Wir sind so oft bemüht, ein Mittelmaß bei Kindern auszubilden. Nur nicht aus dem Rahmen fallen in die ein oder andere Richtung, in intellektueller oder emotionaler Hinsicht. Natürlich ist eine allgemeine Bildung wichtig, eine Grundlage für alle. Aber wie oft versuchen wir, Kinder über die Grundlage hinaus zu drängen in einen Bereich, der für sie vielleicht gar nicht interessant ist, der schwer zu beschreiten ist? Warum sind wir Eltern beschämt, wenn unser Kind in einem der vielen Schulfächer eine Note nur im Mittelmaß hat und versuchen, gleicherweise gute Noten in allen Bereichen zu erreichen? Warum sieht das aktuelle Schulsystem vor, dass Kinder rundherum Bestnoten hervor bringen müssen, statt wirkliche Begabungen und Interessen in den Vordergrund zu stellen? Und warum sollten Kinder alle zum selben Zeitpunkt die gleichen Schwerpunkte zum Lernen haben, wenn vielleicht ihre Interessen gerade unterschiedlich sind und sich ein Kind in einer musisch-kreativen und ein anderes in einer physikalisch-kreativen Phase befindet?

Kinder das leben lassen, was sie lieben

Wir alle bilden unsere Interessen und unsere Fähigkeiten aus. Wir bringen Vorlieben und Temperamente in das Leben mit ein, werden geprägt durch unsere Umgebung, die Einfluss nimmt auf unsere Interessen. Als Eltern können wir eine anregende Umgebung schaffen, können herausfordern und manches Mal ein Interesse aufflammen lassen. Bei der Ernährung ist es wichtig, Kindern immer wieder Angebote zu machen, ihnen Möglichkeiten zu geben und nicht müde darin zu werden, aber wir sollten sie nicht zum Essen zwingen. Genau diese Grundhaltung können wir in andere Bereiche des Lebens mit Kindern mitnehmen: Wir können ihnen Geschmack machen, können immer wieder Angebote machen und natürlich eine Basis des Geschmacks, des Annehmens ausbilden. Aber das, was wirklich für ein Kind von Interesse ist, wo seine Leidenschaft liegt, liegt bei diesem Kind selbst und wir begleiten es auf dem Weg, diesen Bereich zu finden und auszubauen. Oft wandeln sich Interessen und Vorlieben über die Jahre hinweg und auch dies ist eine Aufgabe von uns als Begleiter*innen unserer Kinder: hinzusehen, wo ihre Interessen liegen, wie sie sich wandeln und diesen Wandel anzunehmen und zu unterstützen. Die Herausforderung im Elternsein besteht darin, das Kind wirklich zu sehen und zu verstehen. Zu erkennen, worin seine ganz persönlichen Stärken liegen.

Die andere Seite von Stärken annehmen

Wir alle haben unsere Stärken und Bereiche, die weniger stark ausgebildet sind. Einher mit vielen positiven Aspekten gehen oft auch Aspekte, die zu Herausforderungen werden können: Kinder, die besonders kreativ sind und ihre Kreativität in allen Bildern und Aktivitäten ausleben und deren Ausdruck sich von dem anderer Kinder unterscheidet. Kinder, die sehr empathisch sind und die auf der anderen Seite auch schnell überfordert sind von anderen Menschen und Gruppensituationen. Es ist normal, dass mit einigen Fähigkeiten auch andere Aspekte einhergehen. Wir müssen unsere Kinder deswegen nicht sofort pathologisieren.

Aus Elternsicht: Unterschiedlichkeit ist normal

Die Pathologisierung der Kindheit fängt an vielen kleinen Stellen an. Nicht erst da, wo Menschen, die keine Fachleute sind, einem Kind aufgrund seines (normalen) Verhaltens eine vermeintliche Krankheitsdiagnose stellen und damit auch tatsächliche Erkrankungen in ein falsches Bild rücken. Die Pathologisierung der Kindheit fängt bereits da an, wo wir die Ausprägungen unterschiedlicher Wesensarten nicht mehr zulassen und die normalen Eigenschaften von Kindern als Probleme darstellen, mit denen wir auf besondere Weise umgehen müssen. Kinder sind laut, manche sind leise. Manche sind besonders wütend und werfen sich auf den Boden, andere stampfen nur auf oder drehen sich verärgert weg. Manche Kinder sind toll in Mathe und schlecht in Kunst oder andersrum. Wir alle sind verschieden, Kinder sind verschieden. Es ist nicht schlimm, besondere Interessen oder Neigungen zu haben und nicht in allen Dingen gleichermaßen begabt oder interessiert zu sein. Es ist einfach normal und wir sollten als Eltern dies annehmen und unsere Kinder bestmöglich auf ihrem persönlichen Weg begleiten.

5 Kommentare

  1. Natascha

    Wie schön! Ich freue mich so sehr über diesen Beitrag. Danke. Wir haben vier sehr unterschiedliche Kinder und ich erlebe in der Schule als Lehrerin auch immer wieder die unermüdlichen Versuche von Eltern und Lehrern alles aneinander anzugleichen, was überhaupt nicht funktioniert. Wir würden so sehr voneinander profitieren, wenn wir unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten gegenseitige achten und akzeptieren würden.

  2. Kathrin Adolf

    Oh ja, wie war! Und jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus, das hat nichts mit „guter“ Erziehung zu tun! Unser 7 jähriger schläft schon immer gern von neun bis neun höchstens von halb neun bis halb neun… jahrelang konnte ich es mir einrichten ihn so sein zu lassen und wie oft musste ich mir anhören, was das wohl schlimmes in der Schule geben wird… und nun schläft er zur Schulzeit eben von acht/ halb neun bis halb sieben und am WE und in den Ferien wieder von neun bis neun… seine Schwester mag lieber früher aufstehen, jeder wie er kann und möchte. Aber das Geunke, wann etwas Probleme machen wird, das nervt mich sehr!

  3. „Zu erkennen, wo seine ganz persönlichen Stärken liegen“ Das hat uns die Kinderkrippe mitgegeben. Auch, dass Kinder sich nicht immer an Tabellen halten, weder in der Entwicklungsgeschwindigkeit noch bei Gewichts- und Längenkurven. Unser neuer Kinderarzt sieht das übrigens genauso und da bin ich echt dankbar. Wir haben immer ein par Termine mehr als andere und wir wissen, wo wir gezielte Angebote machen, die sie dann ganz selbständig wahrnehmen kann und auch will. Ganz ohne Druck und ohne Therapie mit ihrem Tempo und mit ihrem Sicherheitsbedürfnis.
    Der neue Kindergarten sieht das leider sehr defizitorientiert und macht direkt nach der Eingewöhnung Druck, ohne sich die Situation davor anzuschauen und die Fortschritte, die sie gerade macht. Das ärgert mich vor allem auch deshalb, weil wir das alles im Gespräch schon ganz zu Beginn angesprochen haben. Wenn ich dann genauer nachfrage, können sie mir gar nicht sagen, wie sich meine Tochter eigentlich in bestimmten Situationen verhält. Wir werden die Einrichtung wechseln. Nach dem letzten Gespräch werden wir nämlich von den meisten Erzieherinnen gemieden. Die Bezugserzieherin ist gar nicht mehr greifbar. Ganz komische Sache. Ich weiß nicht, was die von uns erwartet haben. Ich kapiere einfach nicht, wie ein Kindergarten so einen Blick auf die Kinder und auch ihre Eltern haben kann.

  4. Danke für diesen unglaublich tollen Text, den wie ich finde, jeder Mensch der in irgendeiner Weise mit Kindern zu tun hat, lesen sollte.
    Einerseits baut es mich in meiner Überzeugung auf, anderseits führt es mir aber auch vor Augen mein eigenes Verhalten zu hinterfragen. Dankeschön dafür 😊

  5. Johanna

    Ein ganz kluger Text. Trifft mich mitten ins Herz, das voll von Zweifeln an meinem außergewöhnlichen Kind ist. Dabei ist sie vielleicht ganz richtig sie selbst. Und ich staune, wie sie beine schlotternd das Klettergerüst hoch geht mit unbedingem Willen und dann dort oben steht strahlend vor Kraft und Mut. Nur wer so viel Angst hat wie sie, kann so großen Mut erleben, sich derart überwinden.

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