Ich will das nicht! – Grenzen von Eltern

„Nein, lass das bitte!“, „Nein, ich möchte das nicht.“ – Sätze, die wohl jedes Elternteil kennt. Denn nicht nur unsere Kinder erklären jeden Tag, was sie wollen und was nicht, auch wir Eltern machen klar, was für uns in Ordnung ist und was eben nicht geht. Wir leben in einem Miteinander als Familie, in dem jeder das Recht hat, Grenzen zu bestimmen. Und noch mehr: Als Eltern sind wir auch Vorbilder dafür, dass jede Person Grenzen hat, für die er oder sie einstehen kann. Wir sagen: Das geht für mich nicht, bitte respektiere dies. Auf der anderen Seite bedeutet das auch: Ich weiß, dass jeder Menschen Grenzen hat und werde auch Deine kindlichen Grenzen respektieren. Die Frage ist nicht, OB wir etwas ablehnen dürfen, sondern WIE wir etwas ablehnen.

Persönliche Grenzen und objektive Grenzen

Das Miteinander von Menschen beruht darauf, dass wir uns gegenseitig respektieren und Grenzen des anderen wahrnehmen und einhalten. Dabei sind die Grenzen jedes einzelnen ganz unterschiedlich und entstehen aus unserer persönlichen Geschichte, der eigenen Kindheit und den Erfahrungen mit Erziehung als Kind. Sie ergeben sich auch aus unserem persönlichen Körperempfinden, wenn für einige Personen Dinge schmerzhafter sind und für andere weniger schmerzhaft. Sie ergeben sich daraus, was einige als laut empfinden und andere nicht. Was für eine Person eine Überschreitung der persönlichen Grenze des Wohlbefindens ist, muss es bei der nächsten Person nicht sein. Es gibt Grenzen, die höchst individuell sind.

Daneben gibt es jedoch auch Grenzen, die objektiv sind, weil es in der Gesellschaft eine Regelung hierzu gibt oder ein anwendbares Recht: Menschen dürfen keine körperliche oder psychische Gewalt erfahren. Menschen, das bedeutet Erwachsene ebenso wie Kinder. Besitz von anderen wird nicht willentlich zerstört, Besitz wird nicht ungefragt weggenommen… Es gibt Regeln, die wir in unserer Gesellschaft haben, die uns das Miteinander gut ermöglichen und die unsere Kinder im Laufe der Zeit erlernen. Weil wir sie ihnen erklären und vorleben. Denn für alle Grenzen und Regeln gilt immer: Als Eltern sind wir die Vorbilder für das Verhalten. Wenn wir unseren Kindern beibringen möchten, dass Gewalt kein Mittel ist, dürfen wir selbst keine Gewalt anwenden. Wenn wir ihnen beibringen möchten, den Besitz anderer Menschen zu achten, müssen wir ihren Besitz achten – auch wenn das, was für Kinder wertvoll ist, nicht unseren Begriffen von wertvoll entspricht.

Kinder sind individuell und brauchen individuelle Ansprachen

Wenn wir mit Kindern zusammen leben, kommen wir zwangsläufig immer wieder an Stellen, an denen wir uns abgrenzen müssen und an denen wir sagen: Nein, ich möchte das nicht! Manche Eltern an der einen Stelle, manche an einer anderen. Doch uns allen gemeinsam ist, dass es eben solche Stellen gibt. Die wichtige Frage ist deswegen: Wie mache ich meinem Kind gegenüber Grenzen klar? Auch hier gibt es wieder ganz individuelle Unterschiede je nach Kind, denn jedes Kind hat ein anderes Temperament und stößt auf andere Art auf unsere Grenzen. Manche Kinder sind vehementer, andere sanfter. Manche sind schon sehr früh in der Lage, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, andere später (die so genannte Theory of Mind, die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, entsteht zwischen 3 und 5 Jahren). Manche Kinder sind lauter und wilder, andere leiser und sanfter. Für einige Kinder reicht eine Erklärung mit Worten aus, andere brauchen Ventile, um Wut los zu lassen.

Da unsere persönlichen Grenzen unterschiedlich sind und die Temperamente, mit denen Kinder auf sie stoßen, gibt es keine immer richtige Lösung, wie genau wir vorgehen können, um unsere Grenzen den Kindern gegenüber zu erklären. Was wir jedoch immer berücksichtigen sollten, wenn wir Grenzen aufzeigen wollen, sind folgende Aspekte:

  1. Natürliche Grenzen, die sinnvoll sind:
    Grenzen ergeben sich aus dem Alltag, aus unseren persönlichen Bedürfnissen und den Rahmenbedingungen der Gesellschaft (siehe oben). sie sind nicht willkürlich, keine Machtinstrumente, sondern Hilfsmittel für ein gutes und respektvolles Miteinander.
  2. Grenzen können nur dann sinnvoll sein, wenn sie gegenseitig gelten und der Respekt, der eingefordert wird, auch dem Kind gegenüber gilt.
  3. Grenzen dürfen nicht durch Gewalt eingefordert werden, weder physisch noch psychisch.
    Dies fällt manchen Eltern besonders dann schwer, wenn Kinder körperlich aggressiv sind. Doch weder ein Zurückschlagen noch Zurückbeißen oder Kneifen ist eine angemessene Strategie, um dem Kind Grenzen aufzuzeigen. Ist das Kind körperlich aggressiv, braucht es oft ein anderes Ventil für die Energie, wie beispielsweise Aufstampfen, in ein Kissen hauen etc. Gut ist es, wenn dieses Bedürfnis von Menschen weggelengt wird. Kinder, die anderen Kindern gegenüber sehr aggressiv sind, sollten gut begleitet werden, um Übergriffen vorzubeugen.
    Das Kind sollte nicht beschämt, beschimpft oder beleidigt werden, wenn wir unsere Grenzen einfordern, denn damit übertreten wir die Grenzen des Kindes.
  4. Das Bedürfnis nach Wahrung der eigenen Grenzen ist normal. Als Eltern sollten wir uns dafür nicht schämen müssen und sollten gleichzeitig auch respektieren, dass unsere Kinder dieses Bedürfnis auch haben.
  5. Je nach Temperament muss individuell auf das Kind eingegangen werden: durch Sprache, durch Erklärungen. Bei kleinen Kindern, die unseren Argumenten noch nicht zugänglich sind, ist es oft hilfreich, Situationen zu vermeiden (z.B.: Sollen bestimmte Sachen nicht angefasst werden, sollten wir sie höher ins Regal stellen) oder nicht zu aufgeregt zu sein, damit das Baby nicht denkt, es sei ein Spiel (z.B.: Baby zieht immer wieder an den Haaren der Eltern und lacht über die empörten Aufschreie. Hier hilft eher ein Vermeiden wie durch einen Zopf und ruhige, aber bestimmte Reaktionen ohne viel Aufmerksamkeit).
  6. Wenn wir mit unseren Kindern über unsere Bedürfnisse sprechen, sollten wir Ich-Botschaften verwendet: „Ich finde, das ist sehr laut. Das ist für mich ganz schön anstrengend und ich wünsche mir etwas mehr Ruhe.“ anstatt „Du bist mir zu laut!“
  7. Wenn die eigenen Grenzen zur sehr strapaziert werden, andere Erwachsene um Hilfe bitten, bevor man nicht mehr angemessen reagieren kann (z.B.: Das abendliche Zubettgehen und der Wunsch des Kindes, länger wach zu bleiben, stößt auf das eigene Bedürfnis, Ruhe zu haben und die Situation spielt sich hoch. Dann lieber Partner/Großeltern/Freunde um Hilfe bitten und eine Auszeit nehmen, wenn das Wachbleiben des Kindes nicht akzeptiert werden kann).

Eure