„Ich ziehe mich selber an!“ 5 Anzieh-Regeln für Eltern von Kleinkindern

Das Anziehen von Kindern ist eine Alltagssituation, die immer wieder Konfliktpotential bereit hält. Oft ist das An- oder Ausziehen schon in der Babyzeit schwierig. Nicht nur Wickelkämpfe finden statt, sondern auch Auseinandersetzungen um Kleidungsstücke. Je mehr das „Nein“ und „selber“ aber nach und nach in die Gedanken und den Wortschatz des Kindes aufgenommen wird, desto mehr wird die Bekleidungssituation oft zu einem Problem zwischen Eltern und Kind.

1. Kinder von Anfang an in das Anziehen einbeziehen

Auch hier beim Ankleiden ist es möglich, von Anfang an das Kind nicht nur selbst als erwachsener Elternteil zu steuern, sondern es nach den altersspezifischen Möglichkeiten einzubinden: Wie bei allen Tätigkeiten ist es sinnvoll, die Handlungen dem Kind anzukündigen: „So, jetzt ziehen wir Dich um.“ „Ich mache erst einmal den Body auf…“ Diese sprachliche Begleitung erklärt dem Baby die Handlungen. Werden Routinen sprachlich auch immer wieder gleich begleitet, weiß das Baby um den Ablauf des Geschehens. Wer dem Baby nach den einzelnen Ankündigungen auch etwas Zeit gibt, wird merken, dass es schon bald das An- und Ausziehen aktiv begleitet, indem es beispielsweise den Arm ausstreckt oder ein Bein lang macht. Lange bevor Kinder selber Wörter produzieren, verstehen sie unsere Worte und können darauf reagieren.

Durch Sprache vermitteln wir jedoch beim Anziehen nicht nur einen Ablauf, sondern können auch erklären: „Es ist warm, deswegen ziehen wir heute eine kurze Hose an.“ „Es ist kalt, deswegen gibt es heute den warmen Pullover.“ Wir berichten über Eigenschaften von Kleidungsstücken und ihre Wirkung auf den kleinen Menschen, der sie trägt. Wir können über Sprache ein Feedback geben über das körperliche Empfinden: „Ist Dir der Body zu eng?“ „Du magst das Etikett nicht, es kratzt Dich!“

2. Körperempfinden ernst nehmen

Wenn Kinder größer werden, ist es besonders wichtig, dieses Körperempfinden zu respektieren. Haben wir vorher die Signale des Babys in Worte gefasst und darauf reagiert, kommt es nun oft zu einer für das Kind verwirrenden Wende: Das Kleinkind signalisiert, dass es bestimmte Kleidungsstücke nicht tragen möchte (zu eng/zu heiß/kratzt/…) und wir erklären, dass es nun dieses oder jenes tragen müsse. Insbesondere bei der Temperaturwahrnehmung bzw. beim Temperaturempfinden unterscheiden sich Eltern und Kinder oft sehr: Viele Kinder wollen oft auch an kühleren Tagen nicht die warme Kleidung tragen, die wir ihnen anbieten. – Oder nur zunächst nicht: Sie machen sich selbst ein Bild, ein Empfinden zum Wetter und entscheiden sich je nach diesem Eindruck um. Auch wenn es zunächst Überwindung kostet, diese Eigenständigkeit zuzulassen, da sie einen größeren Aufwand beim Losgehen erfordert, ist es gut, die kindlichen Bedürfnisse nach einer eigenen Entscheidung zuzulassen: Das Kind erfährt selbst, welche Kleidung dem Wetter angemessen ist. Als Eltern können wir ihm dann draußen wärmere Kleidung anbieten, wenn es seine Erfahrung gemacht hat.

Mein Kind will nicht anziehen, was ich bestimme:
1. Fragen: Ist meine Sichtweise wirklich richtig?
2. An das Bedürfnis nach Erfahrung und Selbstwirksamkeit denken:
Mein Kind will selber spüren, wie es sich richtig kleidet
3. Kinderbedürfnis annehmen und für Umentscheidung vorsorgen (Wechselkleidung)
4. Über die Sinneseindrücke

Der Respekt gegenüber dem kindlichen Körperempfinden ist ein wesentlicher Baustein des sozialen Miteinanders. Das Bedürfnis, das körperliche Empfinden kennen zu lernen und auszudrücken, ist für Kinder wichtig. Für uns bedeutet das gleichzeitig aber auch, dass wir auch die Änderungen des Kindes annehmen sollten: Spürt das Kind nun, dass es zu kalt ist, geben wir ihm die Jacke und bestrafen es nicht mit „Du wolltest doch keine Jacke anziehen, jetzt musst Du die Konsequenz tragen!“ Als Eltern sind wir in der Fürsorgepflicht für unser Kind und müssen um das Wohlergehen bemüht sein.

3. Den Geschmack des Kindes respektieren

Neben dem persönlichen Körperempfinden bildet sich bei Kindern auch ein ästhetisches Empfinden aus. – Allerdings ist dieses oft noch sehr anders als bei uns Erwachsenen. Manche Eltern haben Schwierigkeiten damit, das Kind selbst entscheiden und die eigene Kreativität ausleben zu lassen. Grüne Hose und pinkes Shirt? Für manche Eltern ein Dorn im Auge. Auch die Farbwahl generell kann manchmal für Eltern zur Herausforderung werden, wenn sie in rosa-blau-Rollenklischees verhaftet sind. Doch gerade in der Kleinkindzeit (und auch darüber hinaus) sollte gelten: Getragen werden darf, was gefällt und es ist schön, wenn das Kind eigenständig kombiniert und dem Bedürfnis Ausdruck verleiht, nach eigenen Maßstäben ästhetisch zu handeln: Weder Farben generell noch Farbkombinationen sollten zum Verbot werden. Vielmehr können sich Eltern einfach daran erfreuen, wenn das Kind die Aufgabe des Aussuchens und Ankleidens selbst übernimmt. Im Laufe der Zeit werden sich Vorlieben herausbilden und das, was als schön empfunden wird, ändert sich.

Ein Junge im Rock? Ein Mädchen in Hemd und Pullunder? Warum nicht. Kinder wollen sich ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Warum sollte ein Junge nicht erfahren, wie es ist, einen schwingenden Rock zu tragen, wie es vielleicht eine Kindergartenfreundin oft tut. Auch hier gilt: Kinder wollen experimentieren und sich aktiv mit der Welt auseinander setzen. Es ist gut, wenn wir unsere eigenen Klischees zugunsten der kindlichen Bedürfnisse beiseite legen. Glücklicherweise gibt es mittlerweile viele Beispiele in unserer Gesellschaft, in der Wege fernab von Klischees gegangen werden zum Wohle der kindlichen Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Kinderkleiderschrank zur Selbstbenutzung

4. Eigenständigkeit ermöglichen

Die wirkliche Wahl hat jedoch nur das Kind, das auch selbst Zugang hat zu seiner Kleidung. Praktisch sind daher Kleiderschränke und Kommoden, die schon von kleinen Kindern selbst genutzt werden können. Ist anfangs noch der Überblick schwer, was alles an einen Körper gehört, kann ein Bild das Kind unterstützen, jeden Tag die passende Anzahl an Kleidungsstücken herauszusuchen: Für Frühling, Sommer, Herbst und Winter können Bilder mit den Kleidungsstücken gemalt werden, die jeden Tag in Benutzung kommen sollen: Unterhose, Unterhemd, Shirt, Socken,… So kann das Kind die passende Anzahl an Kleidungsstücken in der gewünschten Kombination selber auswählen. Wie das aussehen kann, ist auch hier beschrieben. Als Teil der Morgenroutine kann das selbstbestimmte Auswählen so von Anfang an ein Teil des Kinderalltags sein.

5. Wenn gar nichts geht: Abwarten und Ruhe

An manchen Tagen ist es einfach schwierig. Vielleicht weil die Zeit zu knapp ist, weil die Nacht anstrengend war, weil an diesem Tag etwas Besonderes ansteht, weil gerade ein anderer Entwicklungsbereich Vorrang hat. An manchen Tagen wollen auch sonst sehr selbständige Kinder wieder einfach angekleidet werden und darüber Zuwendung bekommen. Manchmal tut es gut, wieder klein sein zu können und umsorgt zu werden. Andererseits gibt es auch Tage, an denen scheinbar kein passendes Kleidungsstück zu finden ist. – Auch das ist uns Eltern ja manchmal aus dem eigenen Alltag vertraut, wenn anscheinend nichts im vollen Schrank zu finden ist. Hier hilft nur: Verständnis und Geduld. Wenn es Kindern schwer fällt, auf einmal eigene Entscheidungen zu treffen oder wenn sie wütend werden durch die Herausforderung, können wir sie in ihrem Gefühl begleiten und versuchen, das Problem selbst in Worte zu fassen. Manchmal lässt sich auf diese Weise ein Weg finden. Oder die Herausforderung wird zu einer besonderen Aufgabe: „Heute ist ein blauer Tag! Lass uns alle blauen Kleidungsstücke heraussuchen!“ Gibt es längerfristig schwierige Ankleidesituation, hilft es, die Gesamtsituation in den Blick zu nehmen und zu Fragen: Welches Bedürfnis des Kindes ist hier wirklich gefragt? Wo liegt das Beziehungs- oder Entwicklungsbedürfnis? Brauchen wir morgens „einfach“ mehr Zeit für gemeinsame Interaktion, liegt das Problem vielleicht woanders, beispielsweise wenn sich das Kind nicht anziehen möchte, weil es eigentlich nicht zum Kindergarten will? Hat das Kind Schwierigkeiten mit Übergangssituationen und braucht es eine andere Begleitung und Erklärung darin? Braucht das Kind morgens eine Spielsituation mit Elternteil, um in den Tag zu kommen und ist diese Auseinandersetzung eigentlich ein Spiel? Bei häufigen Konflikten lohnt sich immer ein „Blick hinter den Kleiderschrank“: Kleidung ist individuell und kreativ – und manchmal müssen es auch die Wege sein, die wir damit einschlagen.

Eure

 

Mehr Informationen dazu, warum Kinder im Alltag beteiligt sein sollten, findest Du hier.

4 Kommentare

  1. Liebe Susanne,
    Danke für den schönen Artikel! Im Prinzip handhaben wir das schon immer so. Ich zwinge meine Kinder nicht zu Jacke oder Mütze, wenn sie nicht mögen. Die Tochter darf ihre Röcke tragen, auch wenn ich die Wollwalkhose deutlich Wetter angemessener und praktischer fände. Doch problematisch finde ich mittlerweile die Sache mit der Wechselkleidung. Eine Jacke einzupacken geht ja noch. Bei mittlerweile 4 Kindern für die beiden großen (6 und 3) aber immer noch Jacke, Mütze, Matschhose und Gummistiefel einzupacken, nervt mich zusehends. Die 2 Babies brauchen schon genug „Geraffel“, meist hab ich auch noch was zu essen und zu trinken dabei, ich fühl mich oft wie ein Packesel. Ab wann kann man einem Kind zumuten, die Konsequenzen der Kleiderwahl dann auch zu tragen? Wie würdest du damit umgehen?

  2. Liebe Susanne, ich bin gerade über diesen Artikel gestolpert, weil wir einen kinderfreundlichen Kleiderschrank für unseren Sohn suchen. Euer relativ offenes und einfaches Modell oben auf dem Bild gefällt mir sehr gut – wo bekommt man sowas?

    • Ich finde leider nicht mehr die Adresse, wo ich ihn mal bestellt habe. Es war ein Montessori-Shop und ich bin über das Blog elternvommars.com darauf gekommen. Vielleicht findest Du ihn dort.

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