Keine „Wickelkämpfe“ – Anleitung zur achtsamen Körperpflege im Alltag

Ich sitze in einem Café, am Nebentisch eine Familie mit einem vielleicht einjährigem Kind. Es isst gerade ein paar Sachen vom Teller, als die Mutter es vom Stuhl hoch nimmt, an seiner Windel riecht und fragt „Hast Du einen Stinker gemacht?“ Das Kind schüttelt den Kopf. „Na, das glaub ich aber nicht.“ Die Frau wendet sich ihrem Partner zu: „Diesmal bist Du dran mit wickeln!“ Dieser verdreht ein wenig die Augen, nimmt das strampelnde Kind dann mit ins Bad. Ein klein wenig fühle ich mich an eine Szene erinnert, die ich einmal in einem Seniorenheim erlebt habe. Auch dort, vor so vielen Jahren, empfand ich eine Pflegesituation als grenzüberschreitend, als respektlos. Ich denke, es ist den Eltern wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass diese Situation auch anders laufen könnten, denn wir sind den Umgang mit Windeln heute schon fast so gewohnt.

Wickelszenen: Schon im Fernsehen erleben wir sie entweder als eklig oder als lustig. Aber wann sehen wir einmal eine schöne, harmonische, ja respektvolle oder achtsame Pflegesituation, in der einem Kind die Windeln gewechselt werden? Selten. In den Medien würde ich sogar sagen: nie. Wickeln, das ist etwas Unschönes, etwas, das man schnell hinter sich bringen muss, so werden wir von Anfang an geschult. Aber das muss es nicht sein, denn Körperpflege hat besonders viel mit Respekt, mit Verständnis, mit Einfühlungsvermögen zu tun.

Es geht in diesem Artikel nicht darum, ob man sein Kind windelfrei groß werden lassen soll, Stoff- oder Papierwindeln verwenden sollte. Aus meiner eigenen Erfahrung mit dem Konzept der Elimination Communication oder zumindest mit dem Umgang einer windelreduzierten Windelzeit jedoch weiß ich, dass durch das Achten auf die Bedürfnisse des Kindes und auf seine Signale bereits eine Richtung in Hinblick auf achtsame Körperpflege entsteht. Doch auch wer ganz klassische Wegwerfwindeln benutzt und sein Kind nicht abhält, wenn es Signale zeigt, dass es auf Toilette muss, kann achtsam und respektvoll mit der Wickelsituation umgehen.

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Das Kind zum Windelwechseln auffordern

Achtsam mit dem Wickeln umgehen, das bedeutet zunächst, dass wir die Signale des Kindes wahrnehmen. Selbst wenn das Kind nicht anzeigt bevor es ausscheidet, zeigen viele Kinder, dass sie gerade ausscheiden (durch Geräusche oder Mimik) oder ausgeschieden haben. Vielleicht riecht man es auch einfach. Es reicht in dieser Situation, sein Kind ruhig anzusprechen. Vielleicht war das Kind so in eine Aktivität versunken und die Windel ist so saugfähig, dass es selber nicht antworten kann auf die Frage, ob es in die Windel gemacht hat oder nicht. Deswegen ist eine Frage meist nicht notwendig, ja kann das Kind sogar überfordern. Wir können unserem Kind ganz einfach sagen, dass wir gerne kurz mit ihm ins Bad gehen würden, um eine frische Windel anzulegen. Wir verbalisieren, was passiert ist ohne Bewertung, ohne negativen Kommentar. Wir stellen nicht die Frage, ob das Kind in die Windel gemacht hat, wir riechen nicht am Po. So kommen Eltern und Kind nicht in eine Situation, in dem dem Kind eine Lüge „vorgeworfen“ werden muss. Es ist eine alltägliche Handlung, man macht etwas Gutes, Angenehmes, indem man das Kind mit einem frischen Kleidungsstück versieht.

Der Umgang mit Körperausscheidungen

Ja, Körperausscheidungen riechen. Und wenn Kinder mit Beikost beginnen, vielleicht sogar fleischlicher Beikost, dann bekommt der Geruch noch einmal eine ganz andere Intensität. Für Babys jedoch, die noch kein ausgeprägtes Gefühl dafür haben, was zu ihrem Körper gehört, wo er anfängt und aufhört, ist der Umgang mit ihrem Körper sehr wichtig. So wichtig, wie für uns später auch. Ihnen die Windel zu wechseln und dabei zu vermitteln, dass dies eine eklige Handlung ist, dass es einem widerstrebt, dass es unangenehm ist, kann sich auf ihre Selbstwahrnehmung auswirken. Sie sind Babys, die noch nicht für sich selbst sogen können. Sie wollen von uns geliebt und geachtet werden und sie wollen uns kein schlechtes Gefühl machen oder das Gefühl vermitteln, dass wir uns vor ihnen ekeln müssten. Für Kinder ist es wichtig, dass wir wertschätzend mit ihrem Körper umgehen. Körperteile zu benennen, sie nicht abzuwerten oder ihnen unangenehme Eigenschaften zuzuweisen. Wir müssen sie nicht beschämen, indem wir ihnen sagen, wie eklig etwas sei oder dass sie ja alles schmutzig gemacht hätten. Es ist für sie unklar, warum etwas, das aus ihrem Körper kommt und ein Teil davon ist, nun ekliger Schmutz ist. Körperausscheidungen sind nun einmal ganz einfach der Rest des Verdauungsprozesses.

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In Pflegesituationen einbinden

Immer wieder erfahre ich, wie schwierig Pflegesituationen für Eltern und Kinder sind. In Beratungssituationen fallen manchmal sogar Worte wie „Machtkampf“. Und tatsächlich: Das Windelwechseln kann zu einem Kampf werden, wenn wir immer gegen den Willen eines anderen Menschen anarbeiten müssen. Doch das müssen wir gar nicht. Wir können vorher ankündigen, dass wir nun gemeinsam die Windel wechseln wollen: „Lege Dein Spielzeug nun an seinen Platz und es bleibt dort bis wir zurück sind, wir gehen kurz ins Bad, um Deine Windel zu wechseln.“ Das Kind aus der Situation ohne Ankündigung heraus zu reißen ruft selbstverständlich Protest hervor – vielleicht sogar noch indem wir es einfach hochheben und wegtragen ohne Ankündigung. Wir können abwarten und verständnisvoll sein.

Und in der Pflegesituation können Kinder ebenso eingebunden werden: Öffne Deine Windel selbst, reich mit bitte eine Tuch, wisch doch selber einmal – all dies sind Möglichkeiten, um Kinder aktiv mit einzubinden. Es ist wichtig, anzukündigen, dass die Windeln gewechselt werden oder einfach zu fragen: „Ich mach jetzt Deine Windel auf, okay?“ Selbst bei den kleinsten Kindern können wir dann einen Moment abwarten, bis die Information zu ihnen durchgedrungen ist. Wenn wir das Wickeln als Ritual in den Alltag einbinden, wissen auch kleine Babys schon, was als nächstes passiert, wenn wir sie auf die Wickelunterlage legen – sie brauchen nur einen Moment Zeit, um die Information zu verarbeiten.

Kinder können je nach Alter teilhaben am Geschehen. Besonders wichtig ist auch hier, dass man den Kindern erklärt, was man tut. Sprachlich kann vorbereitet werden, welcher Schritt als nächstes ansteht: „Ich mach schonmal den Lappen nass, um Dich abzuwischen.“ So kann sich das Baby auf die anstehende Situation vorbereiten. Werden solche Routinehandlungen sprachlich immer begleitet, hat das Kind ein Wissen davon, kann sich besser einlassen und kooperieren. Körperpflege wird nicht „durchgeführt“, sondern gemeinsam begangen.

Ja, vielleicht dauert das Windelwechseln ein klein wenig länger, wenn das Baby aktiv dabei sein kann. Vielleicht aber stellen wir sogar fest, dass es gar nicht länger dauert, weil wir nicht ständig gegen unser Kind arbeiten müssen, weil wir es nicht festhalten müssen oder ständig wieder umdrehen, weil es nicht kooperieren mag. Vielleicht gewinnen wir sogar Zeit, indem wir mehr Raum geben.

Die richtigen Wörter wählen

Respekt und Achtsamkeit drücken sich auch darin aus, wie wir sprachlich anderen begegnen. Körperteile wollen benannt werden – und zwar alle. Was vermittelt es dem Kind, wenn wir für Geschlechtsteile keine Wörter benutzen? Körperausscheidungen müssten nicht als „Stinki“ bezeichnet werden, sondern können neutral benannt werden als das, was sie sind. Versetzen wir uns einen kleinen Moment hinein in die Person, die vor uns liegt und überlegen wir, wie wir selber angesprochen werden wollten, welche Wörter für uns angenehm und welche unangenehm wären. Dabei werden wir feststellen, dass viele der Wörter, die wir als kindgerecht wahrnehmen es eigentlich gar nicht sind.

Nehmen wir uns also einfach ein wenig Zeit und Raum, um unsere Kinder auch beim Wickeln liebevoll zu begleiten. Hinterfragen wir heute einmal, wie wir mit den Wickelsituation umgehen und warum wir das so tun. Versetzen wir uns in die Lage des Kindes und schauen wir, was uns selber angenehm oder unangenehm wäre. Auf diese Weise können wir den Kampf am Wickeltisch hinter uns lassen und gemeinsam einen guten Weg finden – in Windeln oder ohne.

Eure

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