Wenn Du weinst, halte ich Dich

Zu laut, zu leise, zu wild, zu langweilig. Streit mit Freunden, Streit mit mir. Das Spielzeug ist kaputt oder das Lieblingsbuch nicht auffindbar. – Für Kinder gibt es viele Gründe, um zu weinen. Manchmal können wir Erwachsenen sie verstehen und nachvollziehen. Manchmal sind sie uns ganz fremd. Was wir aber immer nachfühlen können ist: Wie wichtig es manchmal ist, Trauer und Ärger raus zu lassen und einen Menschen zu haben, bei dem das möglich ist.

„Schschsch… ist nicht so schlimm…“ ist ein Satz, der uns so schnell über die Lippen kommt, wenn ein weinendes Kind in unseren Armen liegt. Aber ob es wirklich richtig ist, wissen wir nicht unbedingt. Unsere Kinder fühlen anders als wir, sie sehen die Welt mit anderen Augen. Was für uns eine Lappalie ist, ist für unser Kind vielleicht eine Katastrophe, weil es anders denkt, Zusammenhänge noch nicht versteht oder nicht weiß, wie es ein Problem beheben kann. Es braucht oft nicht die Erklärung, etwas sei nicht schlimm, wenn es dies doch ganz anders fühlt. Es braucht Trost und dann, in einem zweiten Schritt, unsere Hilfe, um das Problem zu lösen und vielleicht selbst zu verstehen, dass es eine Lösung gibt. Aber zuerst braucht es Trost und Annahme.

„Schschsch… ist nicht so schlimm…“ gilt eigentlich uns selbst in dieser Situation. Wir sollten uns selber sagen, dass es nicht schlimm ist, wenn unser Kind weint. Das Weinen muss nicht immer sofort abgestellt werden. Wie auch Wut, ist das Weinen ein wichtiges Gefühl. Weinen ist nicht bedrohlich, ist kein Angriff und sagt uns nicht zwangsweise, dass wir schlechte Eltern wären. Weinen ist manchmal auch einfach ein Kanal, ein Tor, um Gefühle heraus zu lassen. Tränen schwemmen Neurotransmitter und Hormone aus dem Körper, die nicht mehr benötigt werden, und helfen so, zu entspannen. Wenn wir weinen nach einem stressreichen Ereignis, tun wir uns etwas Gutes. Sich bei einem anderen Menschen ausweinen zu dürfen, ist heilsam. In den Arm genommen zu werden und weinen zu dürfen, löst Spannung und Stress. Wie oft erleben wir selber, wie gut es tut, sich bei einem anderen Menschen auszuweinen. Wenn unsere Kinder weinen, sollten wir nicht den Zwang verspüren, es schnell beenden zu müssen, sondern sie in ihrer Trauer begleiten wollen, um sie nach ihren Bedürfnissen zu beruhigen. Kinder dürfen weinen, wenn ihnen das gerade gut tut und wir trösten sie dabei.

Oft haben wir selber gelernt, dass Weinen unerwünscht ist. Manchmal schon von klein auf, wenn wir als weinendes Baby einfach liegen gelassen wurden ohne Trost. Manchmal erst später, wenn schnell versucht wurde, das Weinen abzustellen: „Ist doch nicht schlimm!„, „Stell Dich nicht so an!“ „Schau mal da drüben…“ Weinen ist in unserer Gesellschaft oft ungern gesehen. Doch wenn wir genau in uns hinein spüren, wissen wir, wie gut es tut, im Weinen bedingungslos angenommen und einfach gehalten zu werden. Und genau das sollten wir auch bei unseren kleinen und großen Kindern tun – und eigentlich allen Menschen.

Eure

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