Wie heißt das Zauberwort? Respekt.

Bitte-Danke

Kürzlich war ich mit meiner Tochter auf dem Spielplatz. Sie rannte sofort in den Sand, alles vergessend. Ich rief ihr hinterher: „Bring noch die Schuhe her!“ Da erklang hinter mir von der Bank: „Na, da hat die Mama wohl das Zauberwort vergessen!“ Als ich nicht darauf einging folgte noch „Ist ja auch schwer, sich so ein Zauberwort zu merken.“ Szenenwechsel ein paar Tage später: Wieder sind wir auf dem Spielplatz. Diesmal spielen wir im Sand. Ein anderes Kind bringt den Eltern zur Bank ein matschiges Sandküchlein und kippt es stolz aus, wobei ein Teil des Inhalts auf Schuhe und Füße der Mutter spritzt. Sie schaut auf ihre Füße und sagt: „Na schönen Dank auch. Das hab ich ja jetzt benötigt!“ – Einmal fehlte das „Zauberwort“, einmal wurde es benutzt. Welche Situation ist nun die, die für das Kind unangenehmer war? Und muss es wirklich immer sein, dass wir „Bitte“ und „Danke“ sagen oder reichen nicht auch Gesten, Blicke oder einfach eine wertschätzende Haltung allgemein?

Werte sind wichtig

Es ist ganz klar: Das vermitteln von Werten ist für Kinder von großer Bedeutung. Sie brauchen einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können, an dem sie von Anfang an lernen, wie man miteinander umgeht, was gut ist und was nicht. Dabei hat jeder so seine eigenen Punkte, die besonders wichtig sind: Solidarität, Respekt, Höflichkeit, Tischmanieren,… Wenn wir bestimmte Werte vertreten, betten wir unser Handeln in ein ethisches Weltbild ein. Auf Basis dessen ist ein Miteinander möglich. Schließlich kann eine Gesellschaft nur durch verbindliche Werte funktionieren. Gerade in einer Gesellschaft, die so unterschiedlich ist und multikulturell, sind einheitliche Wertvorstellungen wichtig, um das Zusammenleben zu regeln. Wer eine feste Basis von Werten hat, kann auch anderen offen und respektvoll begegnen.

Oft finden sich die Ursprünge von Werten in einer Religion. Nächstenliebe und Menschenwürde sind Werte, die besonders stark religiös geprägt wurden und in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert einnehmen. Doch ist die Religion von zweitrangiger Bedeutung für das Vorhandensein von Werten. Wichtig ist nur, dass es einen Konsens gibt über bestimmte Werte, die den respektvollen Umgang mit allen Menschen ermöglichen.

Transportiert werden Werte tagtäglich in den verschiedensten Situationen: Dadurch, wie wir miteinander umgehen, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Kinder beobachten im Alltag genau: Wie verhalten sich meine Eltern auch anderen Menschen gegenüber? Sind sie respektvoll, fair und achtsam? Halten sie sich an bestimmte Regeln? Helfen sie beispielsweise Hilfsbedürftigen im Alltag, halten mal eine Tür auf für jemanden mit schweren Einkaufstüten oder machen einen Sitzplatz frei in der vollen Bahn für eine Schwangere? Und natürlich auch: Sagen sie „Bitte“ und „Danke“?

Bitte und Danke – Worte, die nur unterstützen

Höflichkeit ist ein Wert, der vielen Menschen am Herzen liegt. Ausgedrückt werden kann sie durch eben die bekannten „Zauberworte“. Doch sind diese Worte nur ein kleiner Teil dessen, was Höflichkeit ausmacht. Vielmehr geht es um Wertschätzung, Achtsamkeit und Gemeinschaft. Und um dies zu lernen bedarf es mehr als nur dem Aufsagenkönnen von zwei Worten. Höflichkeit wird in erster Linie gelernt anhand von guten Vorbildern. Mit älteren Kindern kann das Gespräch gesucht werden: Was ist nett und was nicht? Warum verhalte ich mich in einer Situation so und in einer anderen anders? Warum ist es mir überhaupt wichtig, dass das Kind „Bitte“ und „Danke“ sagt? Kinder haben ein Recht darauf, zu verstehen, warum bestimmte Umgangsformen von ihnen eingefordert werden. Sie müssen selbst verstehen, warum diese Umgangsformen das Leben in der Gesellschaft erleichtern und verschönern. Lernen sie nur einzelne Worte oder Sätze auswendig und sagen sie bei Bedarf auf, ist das noch lange keine Werteerziehung, denn dahinter steht kein Wert, für den sie einstehen. Worte sind also nur Unterstützer einer inneren Haltung.

Keine Doppeldeutigkeiten und Ironie für kleine Kinder

„Na schönen Dank auch“ oder „Bitte, ich räume doch gerne hinter Dir her!“ – das alles ist für kleine Kinder schwer zu verstehen. Doppeldeutigkeiten und Ironie sind aus dem Sprachgebrauch vieler Erwachsener nicht mehr weg zu denken. Doch Babys und Kleinkinder können Ironie nicht verstehen. Laut eine Studie der University of Montreal wird Ironie erst ab einem Alter von frühestens 4 Jahren verstanden; andere Studien kommen zu Ergebnissen, die das Alter der Kinder noch höher einschätzen. Auf jeden Fall aber sind Ironie, Sarkasmus und Doppeldeutigkeit nichts, das kleine Kinder verstehen. Wer also „Bitte“ und „Danke“ so gegenüber Kindern benutzt, fördert nicht, dass das eigene Kind diese Wörter verwendet. Im Gegenteil: Das Kind versteht nicht, warum und wann die Wörter richtig eingesetzt werden. Für Kinder ist es also viel besser, wenn man mit ihnen normal spricht und auch genau das sagt, was man meint.

Auch dem Erziehungsaspekt kommt die Verwendung von „normaler“ Sprache entgegen: Das Kind wird davon, wenn Erwachsene nicht die Wahrheit im Sinne des Augenscheinlichen sagen, verwirrt. Es kann sich nicht drauf verlassen, was der Erwachsene sagt. Es fragt sich, warum die Bezugsperson nicht die Wahrheit sagt oder lacht in einer Situation, in der das nicht angemessen ist. Das kann die Bindung negativ beeinflussen.

Respekt ist wichtiger als einzelne Phrasen

Alles in allem ist also eins ganz klar: Auswendig gelerntes „Bitte“ und „Danke“ oder nicht ernst gemeinte Zauberwörter sind auch keine Zauberwörter. Ein lapidar hingeworfenes „Danke“ bringt weder Eltern noch Kinder weiter in Sachen Werteerziehung. Und wer von Kindern immer ein Danke mit „Wie heißt das Zauberwort?“ hervor zu quetschen sucht und selber kein gutes Vorbild ist, braucht sich auch über den fehlenden Gebrauch dieser Worte nicht zu wundern.

Es kommt nicht darauf an, dass wir immer und jederzeit „Bitte“ und „Danke“ verwenden und auch unsere Kinder müssen es nicht immer tun. Aber wir sollten ihnen jederzeit mit Respekt gegenüber treten. Wir sollten ihnen zeigen, dass wir gemeinschaftlich miteinander umgehen wollen und dass ein guter Umgang miteinander das Leben schöner und einfach macht. Manchmal drückt sich das durch ein „Bitte“ oder „Danke“ aus – und manchmal reicht auch ein Blick oder das Verständnis von Eltern oder Kind zu wissen, dass man sich respektiert und wahr nimmt.

 

Weiterführende Literatur

Familienwegweiser

Frühe Kindheit 03/06: Werteerziehung, religiöse Erziehung und Spiritualität

  • Claudia Schmitt

    Super! Danke für diese Worte!

  • Kat Harina

    In diesem Zusammenhang sehr empfehlenswert finde ich das Buch „Was im Leben wirklich zählt. Mit Kindern Werte entdecken.“ von Susanne Stöcklin-Meier (Kösel Verlag).

    Wir musste Kurzen nicht dazu abrichten, „Danke“ zu sagen. Weder Dressur noch öffentliche Demütigungen à la „wie sagt man? WIE SAGT MANNN?!“ waren dazu nötig. Einfach nur konsequentes Vorleben. An „schüchternen Tagen“ frage ich ihm manchmal auch flüsternd ins Ohr, ob er sich selber bedanken möchte oder ob ich an seiner Stelle soll. Meistens möchte er selber.
    Was ihm in diesem Zusammenhang riesig Auftrieb gibt sind die positiv-gutheissenden und manchmal offen erfreuten Reaktionen der fremden Erwachsenen, wenn er grüsst oder sich bedankt.

    • Susanne

      Wunderschön!

    • Jahaaaaa genau!!!

      ach mit dem Grüßen ist bei uns auch so.
      Der Krümel grüßt auch ganz oft wildfremde Leute. Wir sitzen im Park auf der Bank und jeder der vorbei kommt wird begrüßt mit einem fröhlichen „Halloooo“ (manchmal noch mit einem „Das ist meine Mama“ hinterher). Und ich finde es einfach so schön, wie postiv die Menschen darauf reagieren und wie sie sich freuen. <3

  • Angela Schickhoff

    Da fällt mir eine Begebenheit ein: Meine Tochter bekommt ein Eis und will einen Löffel, die Verkäuferin fragt nach dem Zauberwort, meine Tochter sagt „Löffel!“. Ich fand das so lustig, sie kannte diese Aufforderung halt nicht. Seitdem ist „Löffel“ unser Zauberwort.

  • Pingback: Kurz gefasst im Juni 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit…()

  • Andrea Mordasini, Bern

    Anstand, Respekt, Rücksichtnahme und gutes Benehmen wie grüssen, sich bedanken und sich
    entschuldigen sind uns auch sehr wichtig und Werte, die wir unseren
    Kindern aktiv vorleben und vormachen. Auch wir sind überzeugt, dass die
    Kinder uns und gewisse Verhaltensregeln automatisch und ohne Druck und
    Zwang kopieren. Unsere Kinder sind nun etwas mehr als 6 und 4,5 Jahre alt und bedanken
    sich häufig schon ohne „Anstupser“. Von dressurhaftem, hässigem „wie sagt man!“ halten wir nicht sehr viel. Dies führt, vor allem bei eher
    schüchternen und zurückhaltenden Kindern wie unserem Grossen, zu
    unnötigem Stress und noch mehr Zurückhaltung. Was bei uns auch hilft:
    die Kinder vorgängig auf die Situation vorbereiten oder die Frage:
    „willst du noch danke sagen oder soll
    ich? oder, je nach Situation, auch ein leise geflüstertes „Sag bitte noch danke“. Meistens kommt das „Danke“ dann automatisch von ihnen aus und
    wirkt erst noch „echter“ und authentischer als ein aufgezwungenes, „künstliches“. Respekt und Benimm durch Vorleben lernt jedes Kind, die einen früher, die anderen später –
    es braucht bloss etwas Geduld und mehr Vertrauen in die Kinder ;).

  • Ganz ähnlich ging es uns vor kurzem an der Kasse im Drogeriemarkt:
    http://apfelfreunde.de/2014/03/25/zauberwort/

    Seitdem kennt unsere Tochter die Antwort auf »Wie heißt das Zauberwort?« – »Hokuspokus!«

  • Ganz ähnlich ging es uns vor kurzem an der Kasse im Drogeriemarkt:
    http://apfelfreunde.de/2014/03/25/zauberwort/

    Seitdem kennt unsere Tochter die Antwort auf »Wie heißt das Zauberwort?« – »Hokuspokus!«

  • Mami0813

    Wir sagen immer danke und bitte. Finde die Höflichkeitsfloskeln wichtig. Man muss die kids ja auch „gesellschaftstauglich“ „machen“. Und es kommt einfach nicht gut an ich will zu sagn und nich bitte und danke. Aber von zwingen halte ich nichts. Ich mache aufmerksam und lebe es selbst vor.
    Und zu dem thema aufm spilie:
    Kinder verstehen keine ironie. Wenn es nich gut war was sie gemacht habn sollte man das auch sagn. Denn Kinder gehen davon aus was man ihnen sagt und nehmen es ernst.

  • Das erinnert mich daran, dass ich in meiner Schulzeit ein Praktikum in einer Kita absolvierte. Ein 2,5jähriges Kind fragte mich „Würdest du meine Schuhe zubinden?“ Die Frage war nicht nur erschreckend gut formuliert für das Alter sondern auch sehr lieb und bittend rübergebracht. Ich habe also natürlich beim Binden der Schleifen geholfen. Eine Erzieherin hatte das beobachtet und fuhr mich hinterher an, das Kind habe ja gar nicht bitte gesagt und darauf sollte ich das nächste Mal ja achten, es könne nicht angehen, dass die Kinder nicht Bitte sagen. Da war ich doch arg perplex.

  • Ich finde dieses Zauberwortgetue auch ganz schrecklich…eine Freundin meiner Tochter muss das sagen, um irgendwas zu bekommen. Hat doch was von Dressur oder? Mir ist viel wichtiger, dass sie versteht, was die Worte bedeuten und welche gesellschaftliche Konvention dahinter steht.

    Als das Thema präsent wurde, haben wir uns auch an die eigene Nase gefasst und festgestellt, wie selten wir eigentlich noch Bitte und Danke sagen und tuen dies seit dem viel häufiger. Mein Krümel sagt mit ihren 2,5 Jahren sehr oft Bitte und Danke (von sich aus) – aber nicht immer dann, wenn man es von ihr erwartet.

    Bekommt sie von den Großeltern z.B. etwas geschenkt, dann freut sie sich und sagt oh und ah und toll, aber eben nicht Danke. Einfach auch, weil die Situation sich für etwas Geschenktes zu bedanken im Alltag selten vorkommt. Aber ich merke wie die Großeltern darauf warten, dass sie sich bedankt. Ich denke mir dann immer, ist die Freude mit der sie das Geschenk entgegen nimmt nicht Dank genug? Ich bedanke mich dann in ihrem Namen, damit sie irgendwann vielleicht merkt ‚ah, Danke sagen gehört dazu.‘

    Außerdem macht das doch einen Haufen Arbeit das Kind so zu dressieren…nicht nur bei Bitte und Danke.