Ehrlichkeit mit sich selbst als Grundlage für Veränderung

Elternsein ist oft nicht einfach. Die Strukturen, in denen wir heute leben, machen es uns an vielen Stellen nicht leicht: zu wenig Unterstützung und Miteinander, zu hohe Arbeitszeitbelastung, zu viele Aufgaben der Erwerbs- und Fürsorgearbeit parallel in wenig kindgerecht gestalteten Stadtumgebungen. Dazu wissen wir zwar heute, was Kinder brauchen und was ihnen nicht gut tut – und dennoch fällt es uns schwer, dies umzusetzen, weil wir selbst oft mit anderen Erziehungsmethoden geprägt wurden, als wir sie selbst anwenden wollen. Auf Basis all unseres Wissens setzen wir uns Ziele, die wir erreichen wollen und wie wir sein wollen, und sind traurig, wenn wir sie dann nicht erreichen. Oft vergessen wir bei diesen hohen Zielsetzungen nämlich einen wichtigen Zwischenschritt: ehrlich auf uns selbst zu blicken.

Auf Augenhöhe mit dir selbst

Anstatt uns hohe Ziele für die Begleitung unserer Kinder zu setzen und hohe Erwartungen an unser eigenes Verhalten zu stellen, ist es sinnvoller, zunächst ehrlich in die eigenen Augen zu blicken und sich zu fragen: Wer bin ich und was kann ich realistisch? Ein ehrlicher Blick auf sich selbst und die eigenen Möglichkeiten eröffnet den Raum, realistische Ziele zu setzen, statt an zu hohen beständig zu scheitern.

Wir alle haben unterschiedliche Päckchen an eigener Vergangenheit zu tragen, wir haben unterschiedliche Stressbelastungen im Alltag: auch wenn wir alle Eltern sind, sind unsere Rahmenbedingungen für das Begleiten von Kindern höchst unterschiedlich. So, wie jedes Kind individuell betrachtet werden will und sollte, sollten auch Eltern individuell betrachtet werden. So, wie es nicht „das Kind“ gibt, gibt es nicht „das Elternteil“. Das Begleiten von Kindern muss sowohl den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes, als auch der Erwachsenen Rechnung tragen. So ergibt sich für jede Familie ein individuelles Familienleben.

Fragen, die du dir also ehrlich stellen kannst, um dir realistische Ziele setzen zu können:

  • Welche Lasten trage ich an Vergangenheit und was fällt mir durch meine eigenen Erfahrungen besonders schwer?
  • Wie belastbar bin ich mit Stress und vielen Aufgaben? Was bedeutet dies für unseren Alltag? Wo muss ich entlastet werden, um nicht zu viel Stress in die Kinderbegleitung fließen zu lassen?
  • Welche Gefühle und Situationen kann ich richtig gut begleiten und was fordert mich immer wieder heraus? Was brauche ich, damit ich auch herausfordernde Situationen gut genug durchstehe?
  • Was brauche ich an Zeit und Ritualen, damit es mir im Alltag gut geht? Was darf auf keinen Fall fehlen – auch wenn ich fälschlicherweise immer wieder denke, dass ich meine eigenen Bedürfnisse hinter die der anderen zurückstellen sollte?

Diese und andere Fragen können die eigene Belastungsgrenze sichtbar machen. Bedürfnisorientiertes Begleiten von Kindern ist nur dann möglich, wenn wir uns selbst nicht beständig überfordern. Ein ressourcenorientierter Blick auf Kinder ist ebenso wichtig, wie auf uns selbst. Von unseren eigenen Möglichkeiten ausgehend, können wir uns dann über positive Entwicklungen viel mehr freuen, als wenn wir beständig im Vergleich sind mit anderen, die aber ganz andere Rahmenbedingungen haben als wir selbst. Jeder positive Schritt voran ist – so klein er auch sein mag – ein Schritt voran. Und auch wenn andere Eltern vielleicht größere Schritte machen oder scheinbar entspannter und leichter mit ihren Kindern umgehen können, sollte nicht die Schrittlänge der anderen unser Ziel sein, sondern die eigene Möglichkeit das Vorankommen bestimmen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

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