Monat: Juni 2021

Über die Scham, etwas falsch gemacht zu haben als Elternteil

Wir kennen ihn wohl alle, den Gedanken: „Das wollte ich nicht!“ oder „Oje, ich mache es immer wieder falsch!“ oder sogar „Ich bin einfach eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater!“. Was es ist, das dieses Gefühl auslöst, kann ganz unterschiedlich sein: Während es bei einem Elternteil entsteht, weil es wirklich zu viel schreit, kann ein anderes Elternteil dieses Gefühl haben, weil das Kind sich das Knie schlimm aufgeschlagen hat, während man selbst gerade abgelenkt war. Jetzt, in diesem Artikel, soll es nicht um eine Bewertung dessen gehen, welche Situation dieses Gefühl konkret auslöst, sondern um unseren Umgang mit der Scham über Fehlerhaftigkeit im Familienalltag.

Fehler gehören in gewissem Grad dazu

Ja, wir machen Fehler. Wir alle. Jeden Tag und manchmal mehrmals am Tag. Wie schwer sie wiegen, ist ganz unterschiedlich. Und wie oft wir sie machen, ebenfalls. Dies hängt auch mit anderen äußeren Umständen zusammen: Haben wir gerade generell viel Stress, sind deswegen weniger feinfühlig und das Kind bringt mit seinem (vielleicht ganz normalem kindlichen Verhalten) das Stressfass zum Überlaufen?

Wir brauchen dringend eine größere Fehlertoleranz und eine Fehleroffenheit, von der aus es möglich wird, neu zu starten. Denn wir alle machen Fehler, jeden Tag. Viele davon verlaufen sich ohnehin im sonst liebevollen Alltag, andere können wir aufrichtig entschuldigen, und bei den dritten brauchen wir Hilfe – aber ohne Abwertung.

S. Mierau „Frei und unverbogen“ S.175

Ein gewisses Maß an Fehlern tolerieren unsere Kinder in ihrer Entwicklung. Nicht mit allen Fehlern schaden wir langfristig der Bindungsbeziehung. Es ist aber wichtig, dass wir über die Zeit hinweg und in der Mehrheit der Situationen unseren Kindern zeigen, dass sie sich auf uns verlassen können, dass wir sie schützen, dass wir sie lieben und respektieren.

Natürlich gibt es Dinge, die wir unbedingt vermeiden sollten: psychische und physische Gewalt. Wenn wir merken, dass uns dies schwer fällt, brauchen wir Unterstützung von professioneller Seite.

Die Scham-Falle

Scham allerdings kann uns schnell in einem Kreislauf gefangen halten, der die Veränderung behindert: Wir denken nur daran, dass wir gerade und immer wieder schlechte Eltern sind und dieses Denken behindert uns daran, uns den Ursachen zuzuwenden. Wir sind gefangen in der Scham. Nicht selten ist sie es auch, die uns daran behindert, uns Hilfe zu holen: im kleinen bei Freunde und Familie oder auch im großen bei Beratungsstellen. Denn wir denken „Andere bekommen das ja auch hin!“ oder „Dann denken/wissen auch die anderen, dass ich ein schlechtes Elternteil bin!“

Der Weg heraus aus der Schamfalle führt darüber, dass wir wirklich verinnerlichen, dass Elternschaft eben auch bedeutet, dass wir selbst noch lernen: Wir lernen dieses Kind kennen, das da so neu zu uns gekommen ist mit einem eigenen Temperament und Bedürfnissen, die manchmal mit unseren eigenen Bedürfnissen in Konflikt stehen. Wir lernen, uns als Eltern in dieser Gesellschaft zu bewegen und ecken hier und da an, müssen uns erst einmal unseren Weg suchen. Manchmal haben wir nicht sofort eine Antwort auf Fragen des Elternseins – auch das ist okay.

Hilfreich ist es auch, wenn wir einen Kreis von Menschen um uns haben, dem wir uns wirklich öffnen können. In dem wir gegenseitig von unseren Fehlern und Problemen berichten können. Mit der Toleranz gegenüber Fehlern können wir zudem selber gegenüber anderen anfangen: In unseren Köpfen, wenn wir das nächste Mal denken, dass diese Eltern auf dem Spielplatz ja scheinbar alles falsch machen und uns selbst innerlich korrigieren damit, dass dies, was wir gerade sehen, ein kleiner Ausschnitt ist aus einem anderen Leben. Oder auch im Internet, wenn wir kurz überlegen, einer fremden Person zu schreiben, dass das ja wohl völlig daneben ist, können wir kurz innehalten, nachdenken und einen Angriff in eine Unterstützung oder wirklich wohlgesonnene Frage umwandeln.

Steigen wir aus aus der Scham-Falle und überwinden wir sie auch gemeinsam durch eine neue Fehlertoleranz uns selbst und anderen gegenüber.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Fallenlassen nach der Anstrengung

Immer dann, wenn Luise vom Kindergarten abgeholt wird, ist von einer Minute auf die andere nichts mehr möglich: Sie sieht ihren Vater in der Garderobe stehen und erklärt, dass er sie nun anziehen und raustragen soll. Aber morgens, da schafft sie es doch auch mit dem Anziehen, fragt er sich.

Immer dann, wenn Finn abends von seiner Großmutter abgeholt wird, gibt es Streit: Auf einmal benimmt er sich „wie ein kleines Baby“, obwohl er doch den ganzen Tag „so ein großer Junge war“. Auf einmal verabschiedet er sich nicht anständig und macht nicht mehr mit.

Immer nach dem Abendessen ist es schwer, Mia noch dazu zu bringen, sich die Zähne putzen zu lassen und sich bettfertig zu machen. Eben noch saß sie am Tisch, hat ihr Brot geschmiert, den kalten Tee getrunken und die Tomate klein geschnitten, danach hat sie keine Lust mehr auf nichts.

Viele Dinge des Alltags sind für unsere Kinder anstrengend. Anstrengend meint, dass sie Kraft aufwenden, um sie zu meistern. Sie werden herausgefordert durch sie: Sei es der Vormittag im Kindergarten, wenn sie sich an Regeln anpassen müssen oder der Besuch bei einer Verwandten, wenn erwartet wird, dass das Kind „groß ist“ oder das ordentliche Essen am Tisch. Für Kinder sind all diese Aufgaben noch recht neu, erfordern Geschick im Umgang mit anderen und/oder Geschick der Fein- oder Grobmotorik. Soziales Miteinander erfordert Kooperationsfähigkeit und manchmal auch das Aufschieben eigener Bedürfnisse. Kinder lernen all diese Dinge, aber sie müssen sich dabei anstrengen: Nicht selten gehen sie in ihrem Tun und Lernen bis an die eigenen Grenzen.

Und dann sind sie erschöpft von dem, was sie geleistete haben. Nach der Anspannung, nach der Anstrengung kommt die Entspannung. Mit dem Fallenlassen der Anpassung, Anstrengung und Anspannung brauchen sie es, aufgefangen zu werden. Sie lassen sich fallen in den sicheren Hafen. Jeden Tag bewegen sie sich zwischen dem eigenständigen Lernen und Tun und der Rückkehr zu uns, um irgendwann wieder aufbrechen zu können. Wenn wir sie dann auffangen, geben wir ihnen damit Geborgenheit und Verständnis.

Eigentlich kennen wir selbst als Erwachsene auch das Gefühl, wie wunderbar es ist, sich nach einem anstrengenden Tag oder einer besonderen Herausforderung bei der Arbeit an einen Menschen, der uns nahe ist, anzulehnen. wie gut es tut, sich nach einem schwierigen Tag einfach in das Sofa fallen zu lassen und nichts mehr zu tun. Und während wir erwachsen sind und unsere Gefühle und Bedürfnisse schon viel besser regulieren können, sind unsere Kinder Kinder. Erwarten wir also nicht zu viel von ihnen. Überfordern wir sie nicht mit Erwartungen und seien wir nachsichtig mit ihnen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de