Lass uns über Gefühle reden…

Wann hast du heute mit deinem Kind über Gefühle gesprochen? Wann hast du konkret nachgefragt, wie es sich fühlt? Über welche Art von Gefühlen habt ihr gesprochen und welche Worte habt ihr dafür genutzt? Unser Alltag besteht jeden Tag aus vielen Gefühlen – die Palette reicht von traurig über wütend bis zu fröhlich, aber auch dazwischen gibt es viele Abstufungen: Wir können traurig sein, weil wir enttäuscht sind von jemandem, verletzt, allein, bekümmert von etwas oder auch mutlos. Und ebenso sind wir nicht „einfach“ fröhlich, sondern können euphorisch sein oder beglückt, vielleicht auch erleichtert.

Ich erkläre dir, wie ich mich fühle – und mir selbst

Worte können ein Werkzeug sein, um Gefühle anderen gegenüber auszudrücken, sich zu erklären, aber gleichzeitig auch, um sie für sich selbst zu sortieren und zu reflektieren. Wenn wir einem Gefühl genauer nachgehen, setzen wir es in Verbindung zu unseren Erlebnissen und Beziehungen. So können Worte helfen, ein besseres Verständnis für sich und die Umwelt zu entwickeln. Je detaillierter wir selbst daher mit Worten umgehen, desto mehr lenken wir den Fokus auf den Facettenreichtum der Gefühlswelt.

Über ALLE Gefühle reden mit allen Kindern

Oft lenken wir unseren Fokus allerdings erst dann auf die Gefühle, wenn das Kind wütend oder traurig ist: Wir spiegeln das Kind, erklären „Du bist gerade ganz schön wütend!“ oder fragen nach „Warum bist du so traurig?“. Das ist wichtig, aber gleichzeitig können wir auch detaillierter ins Gespräch kommen mit unserem Kind und offen fragen „Wie fühlst du dich gerade?“ Oder, wenn das Kind erklärt, dass es wütend über das Verhalten eines Freundes ist, dem weiter nachgehen und gemeinsam ergründen, ob das Kind enttäuscht ist oder verärgert. Vor allem aber können wir im Alltag nicht nur dann den Fokus auf Gefühle legen, wenn das Kind wütend oder traurig ist, sondern auch bei Freude und Glück über das Gefühl sprechen und auch hier ein wenig detaillierter einzelne Aspekte der Gefühlswelt erfragen.

Und dies gilt für alle Kinder: Denn Jungen wie Mädchen können wütend, traurig, fröhlich, ängstlich sein. Während früher besonders von Jungen erwartet wurde, dass sie Angst und Trauer nicht zeigen oder schnell überwinden müssen, wissen wir heute, dass es für die psychische Gesundheit und weitere Entwicklung nicht günstig ist, bestimmte Gefühle ausklammern zu müssen. Im Gegenteil: Es ist für alle Kinder gut und wichtig, dass sie alle Arten von Gefühlen haben dürfen und darin begleitet werden. Wie schnell und auf welche Art ein Kind beispielsweise tröstbar ist, unterscheidet sich oft schon von Anfang an und ist eine Frage des Temperaments. Wenn wir von einem schwer tröstbaren Kind erwarten, dass es seine Gefühle allein überwinden soll, „weil es ein Junge ist“, helfen wir dem Kind nicht weiter. Wenn wir dem Kind aber durch aktive Unterstützung zeigen, wie es sich beruhigen kann und dass ein Elternteil als Unterstützung immer zur Verfügung steht, kann es daraus auch Handlungsmöglichkeiten für zukünftige Situationen erwerben. Ebenso gilt beispielsweise auch für Mädchen, dass sie mutig sein dürfen und dieses Gefühl nicht mit einem „Aber du bist doch ein Mädchen und Mädchen machen nicht xy…“ unterbunden werden sollte.

Ein Kind ist ein Kind und lernt in den Jahren der Kindheit die Welt kennen, lernt Beziehungen und soziale Interaktion. Es lernt die eigenen Gefühle kennen und die der anderen Menschen. Je offener und detaillierter wir mit unseren Kindern über Gefühle sprechen, desto mehr lernen sie, die Welt und sich selbst zu verstehen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

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