Die allgegenwärtige Glorifizierung von Mütter-Erschöpfung

Da stehen wir, wir Mütter. Und sind müde, weil wir nachts nicht richtig schlafen. Wir sind erschöpft, weil wir unsere Kinder liebevoll umsorgen und das nicht selten viel Kraft erfordert. Wir sind erschöpft, weil wir wieder viel zu tun hatten und vielleicht mehr, als vielleicht in den Tag hinein passen könnte. Die Liste der Dinge, die erledigt werden wollen, ist lang. Die Zeit, die wir neben Arbeit, Partnerschaft, Kindern, Haushalt (und vielleicht sogar noch ein wenig Hobbys oder anderer Selbstfürsorge ) haben, ist gering. Da gibt es die vielen Dinge des Alltags und dann auch noch die vielen Dinge in unserem Kopf: die Erinnerungen an U-Untersuchungen, die besucht werden müssen, die Schuhe, die neugekauft werden müssen für das Kind, die Unterlagen für die Schulfahrt, die noch nicht unterschieben sind – all der Mental Load, der gar nicht so richtig präsent, aber da ist.

Es geht uns nicht gut

Das Müttergenesungswerk (pdf) geht von 2 Millionen kurbedürftigen Müttern aus, von denen 130.000 beraten lassen. Im Berichtsjahr 2016/2017 haben 49.000 Mütter und 72.000 Kinder eine Kur in Anspruch genommen. Und auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (pdf) erklärt: 30 Prozent der untersuchten Mütter ihrer Studie erfahren eine substanzielle Verschlechterung des gesundheitsbezogenen Wohlbefindens innerhalb der ersten sieben Jahre nach Geburt des Kindes.

Die Ursachen dafür sind vielfältig: Auch wenn die meisten Mütter heute ein vereinbarkeitsorientiertes Muttersein leben – also arbeiten und Kinder haben-, stehen wir unter dem gesellschaftlichen Druck, dass wir mehr kindorientiert sein sollten – denn die gelebte Realität unterscheidet sich noch immer von der Erwartungshaltung (pdf). Immer wieder gibt es gesellschaftliche Erwartungen, dass wir das doch bitte alles schaffen sollen: Arbeit, Haushalt und natürlich Kind. Laut Befragung zum Familienleitbild aus dem Jahr 2012 wird erwartet, dass Mütter sowohl nachmittags zu Hause die Hausaufgaben begleiten, als auch erwerbstätig sind. Und nebenher gibt es auch noch die vielen anderen Dinge, damit Frau weiterhin körperlich und geistig attraktiv ist. Und auch wenn wir eigentlich alle wissen, dass Väter sich ebenso gut einbringen können und ebenso gut Haushalt und Kinder betreuen können, ebenso liebevoll sein können, ist die Gleichberechtigungsrealität oft eine andere und die Hauptlast der Arbeit kommt den Müttern zuteil. Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterstützen, dass es Unterschiede zwischen Müttern und Vätern gibt: Durch den gender pay gap (bessere Bezahlung von Männern im Vergleich zu Frauen)beispielsweise ist eine Erwerbsunterbrechung der Väter in einigen Fällen schwierig, weil das Einkommen der Mutter zur finanziellen Absicherung der Familie nicht reicht.

Die Glorifizierung von Stress

Anstatt zu rebellieren, haben wir die Erschöpfung und Müdigkeit aber vielfach in unser Mutterbild übernommen: Wir denken, dass das alles eben natürlicherweise dazu gehört, zum Elternsein und ganz besonders zum Mutterbild. Und gerade jetzt, vor dem Muttertag, wird es wieder ganz besonders betont: Was Mütter alles schaffen! Was Mütter alles können! Muttitasking! Müde, aber glücklich! Und überhaupt ist WOW doch eine Spiegelung von MOM, weil wir alles so grandios können.

Wenn meine Freundin mich fragt, wie meine Woche war, sieht eine Antwort oft aus: „Ich arbeite gerade an dem neuen Buch und dafür muss ich noch xy machen, aber gerade ist Kind 1 krank geworden und musste aus der Schule abgeholt werden und die Wutausbrüche von Kind 3 sind gerade super anstrengend. Deswegen habe ich ganz vergessen, dass ich ja eigentlich noch für die Kita xy machen musste. Naja, wie immer ein bisschen.“ Und wir lachen kurz und sie erzählt aus ihrem stressigen Alltag. Ja, das ist ein Alltag. Ein stressiger Alltag. Ich bemühe mich, die vielen Dinge auf meiner Liste abzuarbeiten, aber jede Woche bleibt etwas übrig. Und das, obwohl ich das Glück habe, dass wir unsere Aufgaben in der Familie gerecht aufteilen und auch die Kinder in die Hausarbeit eingebunden werden. Aber selbst vier Hände scheinen oft nicht zu reichen für all die Dinge, die erledigt werden wollen. Und für all die Gefühle, die begleitet werden möchten. Und mir geht es dabei noch viel besser als vielen anderen Müttern, die in einer weniger privilegierten Position sind, die vielleicht keine Partner*in haben, die Aufgaben erledigt. Ich habe den Stress in mein Alltagsbild übernommen, aber gut ist das nicht.

Stress begleitet uns, er ist ein Symptom unserer Überlastung, das sich auf unseren Alltag auswirkt: Durch Stress können wir weniger feinfühlig reagieren, wir neigen eher zu negativem Erziehungsverhalten. Wir können nicht mehr gut abwägen und vorausschauend planen, weil unser Gehirn dazu einfach nicht mehr in der Lage ist. Wir sind überreizt und in Daueralarmbereitschaft, weshalb schon kleine Dinge unser persönliches Gefühlsfass zum Überlaufen bringen. Stress stört unsere Beziehungen. In stressigen Zeiten fällt es mir viel schwerer, mit meinen Kindern auf Augenhöhe zu kommunizieren, ruhig ihren Geschichten zuzuhören und mir die Zeit zu nehmen, die wir füreinander brauchen. An stressigen Tagen neige ich viel mehr dazu zu sagen „Mach Dich jetzt endlich fertig, wir müssen los!“ als die Selbständigkeit meines Kindes zu sehen und beachten zu können.

Und dennoch schient es so, als würde er dazu gehören zum Eltern- und ganz besonders Muttersein. Wir kultivieren ihn ein wenig mit unseren Ansprüchen, mit unseren Aussagen und der Erwartung an uns selbst. Wir relativieren unsere Erschöpfung, unsere Müdigkeit, unsere Überarbeitung: Was Mutti nicht alles tut für uns! Wir Mütter sind Supermütter bei dem, was wir alles stemmen! Diese Sätze sind keine Beschreibung, sie sind eine Glorifizierung der Überlastung, die wir haben.

Stopp jetzt

Aber was wäre, wenn wir einfach wirklich ehrlich sagen: Das ist gar nicht toll. Unser Kinder sind toll, wir lieben sie, aber die Rahmenbedingungen sind wirklich nicht super. Es ist zu viel, was da auf einzelnen Schultern lastet. Es ist zu viel bei zu wenig Unterstützung von allen Seiten. Wir brauchen keinen Dank dafür, dass wir alles so super toll hinbekommen, weil viele von uns wegen all dieser Aufgaben erschöpft sind.

Wir brauchen nicht Dank, sondern mehr Unterstützung. Aber vor allem sollten wir zunächst aufhören, den Stress, den wir haben, zu relativieren und zu glorifizieren indem wir erklären, wie toll die Mütter sind, weil sie alles wuppen. Sie wuppen das alles – bis sie müde umfallen – weil sie es müssen. Nicht, weil wir als Frauen und Mütter dazu besonders gut geeignet wären. Nicht, weil es ein Mama-Gen geben würde, das uns viel belastbarer machen würde oder durch das wir alles besser koordinieren könnten. Wir machen das, weil es von uns erwartet wird, weil wir selber schon annehmen, dass wir das leisten müssen. Weil wir uns selbst in Frage stellen, wenn wir das alles nicht schaffen – weil alle anderen das doch anscheinend auch können. Weil doch alle anderen Moms auch grandios sind und nur wir etwa nicht? Weil wir doch auch mithalten können müssen. Aber die Wahrheit ist: Wir haben keine Superkräfte als Mütter, sondern sie werden uns abverlangt.

Deswegen wünsche ich mir ein bisschen weniger „Ach wie toll doch Mütter sind“ und ein bisschen mehr „Lasst uns mal hinsehen, warum Mütter so viel tun müssen“.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

28 Kommentare

  1. Sehr gut geschrieben. Danke.
    Das sollte man vor allen Dingen mal den Arbeitgebern der Väter vermitteln. Oft ist es leider so, dass der Vater, der Frei nehmen muss, gesagt bekommt, ‚Kann Deine Frau oder die Oma nicht frei nehmen?‘ Das sollten wir Mütter und Omas uns verbitten.

    • Seit einigen Wochen (naja Monaten) denke ich darüber nach eine Mutter-Kind-Kur zu machen. Aber scheue mich vor Arztbesuch, Anträge ausfüllen, usw. Frage mich, wäre es der richtige Zeitpunkt in der vierten Klasse der Großen oder zum Schulstart des Kleinen. Gerade habe ich meine Arbeitszeit beim Brotjob erhöht. Jetzt ist der Mann krank, und wieder stecke ich zurück! Bin ich eigentlich verrückt?

    • Stephan

      – z. B. hinterfragen, ob die eigene Todo-Liste evtl. überflüssige/nicht so wichtige Dinge enthält
      – deinem Partner mitteilen, dass du fertig bist und zusammen überlegen, wie du den folgenden Punkt umsetzen kannst
      – dir mal was Gutes gönnen (Massage, Spaziergang)
      – wer kann dir Arbeit abnehmen und dann die Hilfe auch in Anspruch nehmen
      – den Anspruch, den du selbst an dich stellst, hinterfragen
      – den Anspruch, den andere an dich stellen, hinterfragen
      – …

  2. Stefanie

    Liebe Susanne!
    Danke für deine offenen Worte, die sich sonst nie jemand aussprechen traut.
    Ich hab es so satt, dass in meiner Umgebung alle so tun als ob sie alles mit dem kleinen Finger wuppen und meine Offenheit als totale Schwäche darstellen.
    Danke dir! Da fühlt man sich dann nichtmehr so alleine!

  3. Popetta

    Danke für deine offenen und ehrlichen Worte und dafür, dass du eine Lanze für die erschöpften Mamas unter uns brichst.
    Ich musste mich tatsächlich auch schon vor meinem Mann dafür rechtfertigen, warum unser Haus und Garten nicht tiptop in Ordnung ist und ich das nicht alles schaffe, die anderen würden es ja schließlich auch schaffen! Wir sollten aufhören uns gegenseitig etwas vorzumachen und deutlich sagen, dass es zuviel ist was uns aberverlangt wird!

  4. Das Thema brennt mir schon ewig unter den Nägeln… Vielen Dank für diesen Text. Mehr Ehrlichkeit täte uns gut, aber eben auch eine andere Haltung, Wertschätzung für die Aufgaben im Familienalltag. Ich habe wirklich oft das Gefühl, ich muss vier Leben in eines pressen. Das kann nicht gut gehen.

  5. Danke!!!!!!!! So, so wahr und richtig!
    Ja, wir schaffen viel und das ist auch toll – aber ist es wirklich das Ideal? Wünschen wir uns das nicht oft genug selbst etwas weniger anstrengend? Oh doch, und dein Text bringt es so gut auf den Punkt, wie ich selten gelesen habe, danke!
    Und: einen schönen Muttertag für dich! 🙂

  6. So wahr. Der Text sollte heute von allen Müttern und Vätern (ach, eigentlich von ALLEN) gelesen werden!

  7. Steffi F.

    Ich bin da ganz bei dir, doch ich denke dass die Menschen die deinen Blog lesen diese Meinung eh schon mehr oder weniger vertreten. Das Problem sehe ich eher bei den Menschen, die auf die ehrliche Aussage einer Mutter „Ich bin erschöpft, mir ist das gerade etwas zu viel“ mit Unverständnis reagieren und mit Phrasen wie „Da mussten wir alle durch“ oder „Du hast dir ja selbst ausgesucht Mutter zu werden“ oder sogar „Was jammert ihr Mütter heutzutage eigentlich alle rum, wir hatten es früher lange nicht so gut wie ihr heute, bei uns gab es weder Kindergeld noch Elternzeit oder Kinderbetreuungsangebote!“ Antworten.

  8. Zwillingsmutter

    Tschuldigung, da muss ich mal lachen.

    Mütter mit gesunden Kindern haben sicher viel um die Ohren. Aber ganz ehrlich, die Probleme möchte ich gerne haben, als Mutter von zwei behinderten Kindern.

    • Annalena

      Weshalb müssen Sie da lachen?
      Wer Empathie erwartet, sollte auch selbst Empathie empfinden bzw. ausstrahlen können.
      Wenn es Ihnen noch schlechter geht, da verständlicherweise es noch anstrengender mit behinderten Kindern ist, sollten Sie doch eher jede Bemühung in Richtung Entlastung von Eltern begrüßen, statt so verbitterte Kommentare zu schreiben.

    • Ich kann mir vorstellen, dass es mit behinderten Kindern noch viel anstrengender ist und du denkst alle anderen haben ja nichts. Ich vertrete aber die Meinung, dass genau solche Haltungen, ein Gegeneinander unter Frauen, dazu führt, dass die Gesellschaft die Last aller Mütter, egal was die tragen, nicht anerkannt. Frauen, weshalb so oft gegeneinander? Weshalb der Kampf um Mittleid? Weshalb sich nicht einfach gegenseitig unterstützen und anerkennen wenn eine Mutter sich überlastet egal in welcher Situation?

  9. Kerstin

    Wunderschön in treffende Worte gefasst – wie immer.
    Deine Arbeit ist so wertvoll, ein Beitrag zu einer harmonischeren Gesellschaft und die Lektüre dabei immer wieder ein kleiner Genuss im Alltag.
    Danke dafür.

  10. Ein schöner und wichtiger Text, vielen Dank!
    Aber: ich finde, viel von dem Stress ist hausgemacht. Man muss den Erwartungen nicht unreflektiert entsprechen. Es muss keine selbstgemachte Geburtstagstorte, kein instagramwürdiges Kinderzimmer und keine selbstgenähte Kleidung aus Biobaumwolle sein, damit Kinder glücklich aufwachsen.
    Und: ich frage mich ganz ernsthaft, weshalb sich emanzipierte, gut ausgebildete Frauen immer noch so gerne Alphamännchen als Partner suchen, die keinen gerechten Anteil an Care-Arbeit und Mental Load übernehmen wollen. Wie man sich bettet, so liegt man. Das mag hart klingen, aber vielleicht muss man da mal ganz kritisch mit eigenen Rollenklischees sein.
    Mein wahrer Respekt gehört den allein erziehenden Frauen, denen mit kranken Kindern und Angehörigen, denen, die erst seit Kurzem in diesem Land leben und die sich alle ein möglichst normales Leben für ihre Kinder wünschen und dafür alles tun. Nicht denen, die selbst völlig überzogene Erwartungen an Mutterschaft und Kindererziehung haben.

    • Ich bin also an meiner Überlastung selbst Schuld? Die ergibt sich v.a. dadurch, dass mein Partner nicht die Hälfte der Care-Arbeit übernehmen will oder beruflich überhaupt kann, was für mich vor dem Kinderkriegen und -haben in keinster Weise absehbar war (wie für viele andere Frauen, die ich kenne).

    • Stephan

      Ich sehe das ähnlich. Es gilt genau hinzuschauen, welcher Teil vom Stress evtl. hausgemacht ist. Der hohe Anspruch ist mMn aber auch das Resultat aus einer allgemeinen und überall spürbaren Geringschätzung der Mutterrolle. Als Ergebnis versuchen die Mütter noch mehr zu schaffen, um Wertschätzung vom Partner / der Gesellschaft zu bekommen.

      Ich habe als Vater über viele Monate die Mutterrolle einnehmen wollen / müssen und durfte dadurch feststellen, wie anstrengend und fordernd der Tag mit Kindern ist. Aber auch: wie erfüllend. Mein Respekt gegenüber Müttern ist durch diese Erfahrung sehr gestiegen. Aber auch: das Bedauern darüber, dass meine Elternzeit irgendwann verbraucht ist!

      Das interessante ist, dass ich als Mann von Müttern schon gelobt werde, wenn ich erzähle, dass ich die Kinder betreue. Wenn ich dann noch erzähle, dass ich koche, Wohnung putze, usw., dann werde ich in den Himmel gelobt. Und obwohl das diese Mütter natürlich auch alles selbst machen, wertschätzen sie sich selbst nicht in diesem Maß!

      Und ich erlebe auch immer wieder Momente in Unterhaltungen mit Müttern, wo ich denke oder nachfrage „Wieso wehrst du dich nicht gegen diese Geringschätzung! Fordere eine Änderung ein!“

  11. Ein toller und notwendiger Text – deprimierend und zugleich hoffnungsvoll stimmend. ♥lichen Dank!

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