Schlafbedürfnisse – aus Elternsicht

Da liegt also das kleine Baby, so lieb und kuschlig in den Armen und schläft. Endlich. Die kleinen Augen sind geschlossen, der Atem geht ruhig. Und mit diesem langsamen Atem werden auch wir müde. Endlich. Aber das Baby will nicht abgelegt werden, wacht wieder auf bei jeder Bewegung. Und so tragen wir weiter trotz der Müdigkeit. Elternschlaf ist nicht einfach zu finden. Nicht am Anfang und auch nicht später, wenn das Baby Zähne bekommt oder Kleinkind nachts aufwacht, wenn es vom Nachtschreck geweckt wird und schreit. Auch in Krankheitsnächten, bei Veränderungen wird der Schlaf gestört und schließlich sitzen wir nachts wach und warten auf unsere großen Kinder, wenn sie die ersten Male nachts ausgehen. Als Eltern ist es nicht so einfach mit dem Schlaf.

Nicht schlafen – gehört doch dazu, oder?

Wir lesen es überall, hören es überall: „Schlaf wird überbewertet“ heißt es so oft aus Elternmündern. Aber stimmt das wirklich? Wir erklären Eltern so bereitwillig, dass Schlafentzug eben zum Kinderhaben dazu gehört und wir uns daran gewöhnen müssten. Aber vielleicht machen wir einen Denkfehler? Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, dass wir zu wenig Schlaf bekommen, dass wir müde sind, weil es anders nicht in unseren überfüllten Alltag passt. Aber vielleicht ist der Schlafentzug doch gar nicht so normal und richtig, wie wir annehmen.

Auswirkungen von Schlafmangel

Wir wissen es alle: Wenn wir nicht schlafen, sind wir müde. Aber das ist eben nicht alles, was der Schlafmangel mit uns macht. Und gerade in Hinblick auf das Zusammenleben mit Kindern ist es wichtig, dass wir den Schlafmangel einmal genauer ansehen: Schlafmangel wirkt sich nämlich auch auf unsere Beziehungen und unseren Umgang miteinander aus. Schlafen wir zu wenig, wirkt sich das in unserem Gehirn auf den Bereich aus, der uns die Absichten und Handlungen anderer Menschen verstehen lässt. Wir können uns weniger gut in unser Gegenüber hinein versetzen. Gerade das aber ist im Familienalltag mit Baby oder Kleinkind besonders wichtig: Um feinfühlig reagieren zu können, müssen wir Signale interpretieren und dann darauf reagieren. Das stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Schlafmangel führt im Gegenteil eher dazu, dass wir uns zurück ziehen.

Wir können dadurch auch eine gereiztere Grundstimmung haben, weil das Gefühlszentrum im Gehirn durch den Schlafmangel überreagiert. Wir sind gestresst, genervt, schimpfen eher, sind verärgert. Und gerade das ist etwas, was das Zusammenleben mit Kindern sehr schwierig macht. Wir reden immer davon, dass wir weniger schimpfen und entspannter reagieren wollen im Alltag mit unseren Kindern. Dafür ist es wichtig, dass wir unsere Grundbedürfnisse wie das Schlafbedürfnis erfüllen. Schlafmangel ist ein Nährboden für negative Interaktionen und Überforderung im Familienalltag, genauso wie Stress.

Manchmal kann der Schlafmangel auch wirklich gefährlich werden: Denn durch den Schlafmangel sind wir unkonzentrierter und unsere Reaktionsfähigkeit sinkt. – Auch dies sind Faktoren, die im Leben mit Baby und Kleinkind wichtig sind. Wenn wir vollkommen übermüdet sind und einschlafen, können wir zudem in einen so tiefen Schlaf sinken, dass wir nicht merken, dass wir uns im Schlaf auf das Baby rollen, denn starker Schlafentzug wirkt wie Alkohol. – Das Familienbett ist also bei sehr starkem Schlafentzug keine gute Idee. Besser ist das Baby dann im Babybalkon aufgehoben oder im Bett neben dem Elternbett.

Was tun gegen Schlafmangel?

Insbesondere Mütter leiden unter dem Schlafmangel – und zwar über viele Jahre hinweg. Das liegt nicht nur daran, dass sie das Baby nachts stillen oder füttern, sondern insgesamt an einer ungleichen Verteilungen von Aufgaben und zu wenig Selbstfürsorge. Für ein wenig Abhilfe vom Schlafmangel sorgt der so genannte „Ammenschlaf„: Schlafen Mutter und Baby beieinander, gleichen sich die Schlafzyklen an. Erwacht das Baby, werden wir deswegen nicht direkt aus dem Tiefschlaf gerissen, sondern aus der REM-Schlafphase. Können das Baby direkt im Bett versorgt werden (mit Nähe, Zuwendung oder Nahrung), müssen Eltern nicht aufstehen, wonach das Einschlafen oft noch schwerer fällt und die Schlafdauer kürzer wird. Es kann also durchaus helfen, dass Eltern und Kinder beieinander schlafen (wichtig dabei: auf eine sichere Schlafumgebung achten, um dem Plötzlichen Kindstod vorzubeugen).

Wichtig ist, dass (sofern vorhanden) beide Elternteile ausreichend Schlaf bekommen. Nicht nur der eventuell erwerbstätige Elternteil muss für den Alltag und die Arbeit ausgeruht sein, sondern auch der Elternteil, der den Tag mit dem Kind verbringt. Es ist daher wichtig, gemeinsam langfristig einen Plan zu entwickeln, wie der Schlaf für Eltern sichergestellt werden kann. Einige teilen die Nächte auf, andere achten auf Möglichkeiten des Schlafes am Tag, so dass ein Elternteil schlafen kann. Besonders schwierig ist es natürlich da, wo ein Elternteil zum Abwechseln fehlt. Hier braucht es Unterstützungsangebote, die tagsüber ein wenig Nachholschlaf ermöglichen.

Viele Eltern tappen allerdings auch in die Aufräumen-Falle: Wenn das Baby schläft oder gerade mit jemand anderem spazieren geht, wird lieber schnell hier aufgeräumt, noch eben die Wäsche erledigt oder das Bad geputzt. Das Ausruhen wird dabei ganz vergessen. Für einen entspannten Alltag sind die Ruhepausen – gerade in Hinblick auf die Beziehung – aber besonders wichtig, wie wir gesehen haben.

Was Eltern also wirklich brauchen: Schlaf. Und Möglichkeit, wie sie diesen Schlaf finden, denn dass Babys und Kinder nachts nicht durchschlafen, ist normal. Daran können – und sollten wir (durch so genannte „Schlaflernprogramme“) nichts ändern. Woran wir aber etwas ändern können und sollten sind die Anforderungen an Elternschaft (perfekt aufgeräumte Wohnungen neben dem Kinderumsorgen und andere Verpflichtungen, die vom Schlaf abhalten) und die Unterstützung für Eltern, dass sie gleichberechtigt Schlaf finden können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

5 Kommentare

  1. Die Aufräumfalle ist so groß wie die ganze Wohnung und sie schnappt sehr effektiv zu. Ich erlebe bei mir auch oft und weiß auch von anderen, dass vor dem Schlafen das Handy eine große Rolle spielt. Um sich zu vernetzen, um zu schauen, was es neues gibt, um sich Rat zu holen. Das ist doch der unterstützende Clan, mit dem wir einst analog zusammenlebten! Das Auffüllen des Gemeinschafts-Tanks kommt noch vor dem Schlafen. Obwohl es anders herum gesünder wäre. Aber einsamer. Ich freue mich sehr auf dein neues Buch!

    • Ja, das ist wirklich so eine schwierige Sache. Es hängt einfach alles zusammen: Erschöpfung, Partnerschaft, Unterstützung durch andere – wir haben ein Leben für Familien gestaltet, das nicht zu den Bedürfnissen passt und es wird immer deutlicher, welche Kosten wir deswegen zahlen müssen.

  2. Danke für diesen wertvollen Artikel. Ich selbst habe leider einen Schlafrhythmus, der sich nicht mit dem meiner Familie deckt, obwohl wir im Familienbett schlafen.

    Ich gehe spät ins Bett und wache früher auf. Dafür bin ich spätestens ab Mittag müde und unausgeglichen. Durch die Müdigkeit ist es ganz schwierig, bei mir selbst zu bleiben und stets besonnen zu reagieren. Leider bietet kaum eine Gelegenheit für eine Siesta.

    Ich will diese Unausgeglichen heut nicht, weiß aber auch nicht, was ich ändern könnte. Tagsüber schlafen fällt aus und wenn ich zeitiger ins Bett gehen würde, haben wir einerseits keine Zeit mehr als Paar und andererseits würde ich noch zeitiger erwachen.

    Wenn wir ab nächsten Monat auf Europa- und Weltreise gehen, wird auch der Tagesablauf wieder ändern. Ich hoffe, es wird dann besser.

    Liebe Grüße
    Patrick

  3. Schlafmangel war wirklich das größte Übel mit Baby. Insbesondere mit zwei Kindern fand ich es eine extrem hohe Belastung für Mama UND Papa… Es half nur eins: durchhalten.

  4. ublues

    Schlaf ist soo wichtig!

    Was bei uns super im ersten Jahr funktioniert hat, ich aber sonst so gut wie nirgendwo gesehen habe: wir haben ein Erwachsenenbett im Kinderzimmer stehen. Der Elternteil, der grade Elternzeit hatte schlief im Kinderzimmer, der andere im Elternschlafzimmer. Am Wochenende wurde getauscht, damit der/diejenige, der/die sonst nachts beim Baby war wirklich komplett ungestört Schlaf nachholen konnte. Okay, komplett ungestört war es für mich nicht immer weil ich bis zum 11. Monat gestillt habe, auch als ich schon wieder gearbeitet habe. Wobei die erste Fütterung in meiner ungestörten Nacht mit aus der Flasche mit abgepumpter Milch geschah, so dass ich immer 6-7 Stunden am Stück hatte. In der anstrengenden Babyzeit hat mir das echt sooo oft den Arsch gerettet!

    Zudem hatten wir die Abmachung, dass ich in der anstrengenden Stillzeit außer Kochen nichts im Haushalt tun musste. Mein Mann durfte schließlich in fünf von sieben Nächten ungestört schlafen, deswegen hat er Vollzeitjob und Haushalt gut schaffen können. Ich musste mir deswegen dann tagsüber wenn das Baby schlief keinen Kopf über Wäsche oder Aufräumen machen sondern habe mich dann auch oft hingelegt.

    Worauf ich hinaus will: wenn man sich abwechseln will kann es echt helfen, wenn ein Erwachsener wirklich ungestört allein im Raum schlafen kann wenn die Räumlichkeiten das zulassen. Es hatte bei uns auch den Vorteil, dass der Kleine nicht vom Beistellbett ins Kinderbett umziehen musste, sondern sofort im Kinderbett schlafen konnte. Er wollte von Anfang an auch nicht mit Körperkontakt schlafen (wobei wir wenn er es gebraucht hätte, auch cosleeping gemacht hätte.)

    Baby im Elternschlafzimmer hätte bei uns übrigens immer beide geweckt, weil mein Sohn sehr lange nach jedem Stillen gewickelt werden musste, hatte eine sehr gute Verdauung 😉

    Und dieser Unsinn, dass alle Babies mit sechs Monaten in der Lage wären durchzuschlafen ist so ein Bullshit! Meiner hatte von 6-8 Monaten eine Phase, wo er 3 mal in der Nacht gestillt wurde; und es war ganz klar einfach richtiger Hunger. Allen Unkenrufen der Omas und Opas zum Trotz hat sich das dann von selber immer weiter reduziert und pünktlich seit dem ersten Geburtstag schläft das Kind 10-11 Stunden nachts durch.

    Man kann es eh nur nehmen wie es kommt, jedes Kind ist da anders. Wer zu zweit ist sollte sich abwechseln, das kann oft viel entschärfen.

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