Mit Baby in Indien leben – unsere Erfahrungen

Anka ist 37 Jahre alt, als sie mit ihrem Mann, der als Wissenschaftler dort forscht, nach Indien zieht und ein neues Leben beginnt in einer anderen Kultur. In einem früheren Artikel erzählte Anka hier wie es war, in Indien schwanger zu werden und hier über ihr Wochenbett in Deutschland und Indien. Über ihre Wahrnehmung von Mutterschaft und dem Bild vom Kind in Indien erzählt sie folgendes:

Unsere Tochter war 10 Wochen alt, als wir nach Indien zurückkehrten. Als Mutter mit Baby erlebte ich Indien auf einmal anders. Ich wurde jetzt „Amma“ genannt, was Mutter bedeutet. Mein Baby wurde mit unglaublich viel Liebe und Herzlichkeit begrüßt, gerne auch getätschelt oder in die Wange gekniffen. Diese körperliche Art, Zuneigung auszudrücken kann schnell mal zu viel werden, aber im Tragetuch konnte ich das kleine Mädchen gut schützen.

In der Kantine, wo wir oft mittags essen, hielt man mir die Tür auf, trug mir das Tablett. Plötzlich begegnete man mir mir anderem Respekt. Oft bot man mir Hilfe an, ließ mich vor, wo andere warten mussten. In den Flughäfen wurde ich an langen Schlangen vorbei gewunken, meine Taschen wurden getragen.

Mütter erfahren hier viel Wertschätzung

Mütter sind in Indien viel angesehener als kinderlose Frauen. Und sie erfahren sehr viel mehr Wertschätzung als ich das in Deutschland erlebt habe. Indien selbst wird als Mother India genannt. Man stellt sich Indien als eine Muttergöttin vor, die die Nation geboren hat. Weibliche Gottheiten gibt es in Indien ja jede Menge.

So gefährdet und benachteiligt Frauen und Mädchen in Indien oft sind, so mächtig sind oftmals die Mütter. Auch wenn äußerliche patriarchale Strukturen dominieren, so sind es in traditionellen Familien in den Häusern oft die Mütter, die die meiste Macht innehaben.

In kleinen Mädchen wird das Göttliche verehrt

Aber nicht nur ich als Mutter, auch mein Baby wurde behandelt wie eine kleine Göttin. Und tatsächlich werden kleine Mädchen verehrt als Wesen, in denen das Göttliche wohnt. Gerade erst wurde das Fest einer mächtigen weiblichen Gottheit hier gefeiert. Zu diesem Anlass war unser Mädchen bei einer Nachbarsfamilie eingeladen. Der Mann des Hauses wusch ihr liebevoll die Füße, führte die Hände vor dem Herzen zusammen in der für Indien so typischen Geste, die ausdrückt: Ich verneige mich vor dem Göttlichen in Dir. Dann bekam sie als erste, vor allen anderen ein Festessen zum Frühstück: würzige Kichererbsen, Halva aus Grieß mit Rosinen und Mandeln und in Fett ausgebackenes Fladenbrot.

Dass dennoch schrecklich viele Mädchen abgetrieben werden gehört zu den Widersprüchlichkeiten dieser Kultur: Einerseits werden Kinder geliebt und gerade Mädchen oft besonders innig. Dennoch werden Eltern zum Teil bedauert, wenn sie ein Mädchen bekommen. Die Jungen werden bevorzugt, das ist in Indien seit Jahrtausenden so. Sie werden häufiger gestillt, sie bekommen das bessere Essen. In traditionellen Familien bleibt der Sohn der Familie erhalten, die Tochter hingegen zieht zu den Schwiegereltern. Dafür muss oft eine hohe Mitgift bezahlt werden. Manch indische Familie verschuldet sich auf Lebenszeit, um eine solche Hochzeit zu finanzieren. Dies betrifft nicht nur die Armen, sondern gerade jetzt auch die Mittelschicht. Die Mittelschicht ist es, die im Moment vom wirtschaftlichen Aufschwung in Indien profitiert. Das weckt jedoch auch eine große materielle Gier und die äußert sich in nicht selten absurden Mitgiftforderungen. Deshalb werden Mädchen abgetrieben. Obwohl es verboten ist. In indische Krankenhäusern hängen große Plakate an den Wänden, auf denen davon die Rede ist: Wer versucht, das Geschlecht seines Kindes zu erfahren, muss mit hohen Strafen bis zu hin zu Gefängnis rechnen. 

Kinder stören hier nie

Dennoch gibt es eine grundsätzlich liebevolle Haltung hier gegenüber Kindern, die mich immer wieder überrascht und berührt. Kinder werden nicht als störend empfunden. Vor allem, wenn ich mich in Gruppen bewege, spüre ich das. Dann fühlt es sich an, als werde das Kind von der Gruppe getragen, als hänge das Wohlbefinden des kleinen Menschen von allen ab. Als seien alle zuständig, nicht nur ich. Das erlebe ich in Deutschland anders. Viel schneller habe ich dort Angst, mein Kind könnte stören. Viel öfter habe ich das Gefühl, dass Kinder nicht erwünscht sind. Ich habe sowohl hier als auch im deutschsprachigen Raum mit Baby an Hochschulen gearbeitet, Workshops gegeben und Vorträge gehalten. Ich habe viel Wohlwollen erlebt, trotzdem gibt es da einen Unterschied, jenseits von Worten. Hier habe ich darüber ausführlicher geschrieben. 

In diesen Tagen denke ich viel darüber nach, wie sehr Kinder, Eltern, und wahrscheinlich die meisten Menschen überhaupt ein Bedürfnis danach haben, eingebunden zu sein. Wir wollen als Menschen in Beziehungsgeflechten zu leben, die gegenseitige Anteilnahme und Unterstützung ermöglichen. Susanne hat über die Bedeutung von Unterstützung im Zusammenhang mit der Diskussion um die Elternschule gerade erst geschrieben.

In Indien erlebe ich, dass Kinder vom Kollektiv mitgetragen werden. Dass alle um ihr Wohl bemüht sind. Real sind wir als Eltern natürlich trotzdem zuständig. Und trotzdem sind es manchmal kleine Gesten, die einen Unterschied machen. Fragen, die uns gestellt werden, wie das Kind isst und schläft. Das spontane liebevolle Lächeln, das sich auf den Gesichtern zeigt. Die Art, wie sich Menschen meinem Kind hier zuwenden, sich über das Wunder freuen, das jedes Kind ist.

Dennoch sind Kinder extrem gefährdet

Natürlich ist Indien kein Paradies, was Kinder angeht. Vielmehr ist das Leben vieler Kinder hier auf grausamste Art gefährdet und bedroht, durch Kinderarbeit, Hunger, Umweltverschmutzung, Missbrauch und Gewalt. Indien ist widersprüchlich und sehr schwer zu beschreiben. Der Ausschnitt, den ich erlebe, ist winzig klein. Denn Indien ist riesig und ungeheuer vielfältig. Ich lebe in einer recht privilegierten Situation und habe zu vielen Lebenswelten wenig Zugang. Ich bin zudem nur zu Gast und meine Beobachtungen sind dementsprechend nicht verallgemeinerbar.  Zu allem, was ich erzähle, könnte man auch das Gegenteil berichten. Unsere Nachbar zum Beispiel haben sich sehnlichst eine Tochter gewünscht und waren eher enttäuscht, als sie einen zweiten Jungen bekamen. Im Nordosten und Südwesten Indiens gibt es zudem noch Matriarchat, in dem die Geburt von Mädchen stärker begrüßt wird. Doch da wir über Indien in Deutschland oft nur die Negativschlagzeilen lesen, finde ich es wichtig, auch das Gute zu beschreiben. Und zum Guten gehört, wie Kinder hier oft im Kollektiv geborgen und gehalten sind. Etwas, das wir uns in Deutschland ja oft wünschen. 

Was ich hier erlebe macht mich nachdenklich: Wie können wir Eltern und Kindern an möglichst vielen Orten signalisieren, dass sie willkommen sind? Wie können wir auch in ganz alltäglichen Situationen mitteilen, dass uns das Wohl aller am Herzen liegt? Und wie setzen wir das konkret um?

 

Anka schreibt auch auf ljuno über ihren Alltag in Indien mit ihrem Kind, wo sie jetzt seit 3 Jahren leben. Bilder aus ihrem Alltag findest Du auch auf Instagram hier

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