Zerrissenheit – Die Wut über die Wut des Kindes

Ich sehe Dich an und sehe mein kleines Kind, das ich vor gefühlt gar nicht so langer Zeit geboren habe. Ich erkenne noch immer diese Gesichtszüge, die schon von Anfang an da waren: Das Babygesicht ruht noch immer in dem Gesicht des Vorschulkindes. Wie oft lag ich da und habe Dich angesehen und beobachtet, so voller Liebe und Bewunderung für dieses kleine Wesen, das ich geboren habe.

Dieses Gefühl, dieses Gesicht suche ich in Dir und mir, wenn Du wütend bist und mich anschreist, die Welt anschreist. Ich suche nach all dem, was mich hält und was mir sagt: Dies ist Dein kleines Kind. Denn manchmal ist es nicht einfach. Es ist nicht einfach, wenn Kinder wüten und toben. Sie suchen nicht nach Grenzen, wenn sie gerade an ihrer eigenen Grenze sind. Sie sind an der Grenze des Aushaltbaren, des Verstehbaren für sie selbst angelangt. Warum nur passiert gerade dieses und nicht jenes? Warum nur kannst du dieses jetzt nicht haben? Warum nur will gerade niemand dieses spielen, obwohl du doch willst? Warum gibt es Nudeln und nicht Pommes? Warum, warum, warum? Die Welt gerät aus den Fugen und mit Deiner Welt auch meine. Denn auch ich verstehe oft nicht, warum nun gerade dieses so schwer ist und warum es nicht viel einfacher geht ohne Geschrei. Alles um uns wankt: Weil Du die Welt nicht verstehst und ich nicht Dich.

Dein Gehirn hat sich kurz geschlossen. Bedient wird gerade nur die unterste Schaltzentrale: Du denkst nicht, Du fühlst. Gleichzeitig schaltet auch meines um, denn Deine Signale lösen in meinem Gehirn Erinnerungen und Muster aus, die in mir zutiefst verinnerlicht sind. Auch ich fühle mehr als dass ich denken kann. Es kostet Energie, dagegen an zu arbeiten. Jedes Mal aufs Neue. Wie ein Reflex schalten sich Lösungsvorschläge in meinen Gedanken ein, die keine Lösungen sind, die nicht das sind, was ich leben möchte. Es ist schwer, die Wut in sich zu spüren, weil ein anderer Mensch wütend ist. Und es ist schwer, gegen diese Wut anzukämpfen. Es gelingt an den meisten Tagen gut, an anderen nur halb so gut. An manchen Tagen ist „Gelingen“ nicht das Gelingen, das ich mir vorstelle. Damit kommt die Scham und die Enttäuschung über sich selbst.

Kindliche Wut kann all das in uns auslösen: Verständnis, Fürsorge, Hilfsangebote, aber auch Wut, Hilflosigkeit, Frustration, Ohnmacht, Scham. Obwohl wir gerne von dem Grenzensuchen der Kinder sprechen, ist es doch die eigene Grenze, an die wir gelangen und an der wir immer wieder arbeiten mit unseren Kindern. Das Zusammenleben mit unseren Kindern ist nicht immer einfach. Es ist oft auch ziemlich schwer – wie Beziehungen mit anderen Menschen eben sind. Wir müssen an uns arbeiten, müssen uns mit dem eigenen Inneren und unseren Gedankenmustern auseinander setzen – und woher sie kommen. All das erfordert auch Mut und den Willen, sich selbst in die Augen zu blicken. Denn letztlich steht uns gegenüber eben kein „Terrorzwerg“, kein schreiendes Monster. Niemand bedroht uns in unserer Existenz, in unserem Leben, in unserer Autorität. Es ist nur dieses kleine Wesen, das wir einmal geboren haben, das die Welt gerade nicht versteht. Und genau daran sollten wir immer wieder denken.

Eure

 

Wer nach Ideen sucht, wie die negativen erlernten und verinnerlichten Handlungsmuster umgangen werden können, um in Wutsituationen doch wieder mehr denken zu können statt sich den Gefühlen und Handlungen hinzugeben, findet hier vielleicht ein paar Ideen: