Bitte berühren – Warum Hebammenarbeit unersetzbar ist

In der letzten Woche war ich beim Hebammenkongress des Hebammenverbandes und habe dort über „Neue Medien in der Geburtsvorbereitung“ gesprochen. Ich habe einen Überblick gegeben darüber, welche Medien Eltern heute nutzen, auf welche Weise sie davon beeinflusst werden und welches Potential für die Hebammenarbeit darin liegt. Es ist ein spannendes Thema, denn in der Schwangerschaft – und eigentlich schon beim Kinderwunsch – werden wir auf vielfältige Weise beeinflusst. Anders als früher suchen wir unsere Hilfen nicht mehr bei uns bekannten Personen, sondern aus Büchern, Zeitschriften, Fernsehen und Internet. Wir wählen Krankenhäuser nach Bewertungen aus, schauen uns Hebammen und ihr Angebot erst einmal auf deren Internetseiten an und werden auch indirekt stark beeinflusst von dem, was wir in Zeitungen, dem Radio, Fernsehen oder im Internet aufschnappen. Wir googeln Symptome und bekommen von Newslettern erklärt, wie sich das Baby in unserem Bauch gerade entwickelt.

An vielen Stellen wird heute unser logisches Denken angesprochen. Wir wissen Bescheid über Hormone, über die Phasen der Geburt und die Größe des Babys zu jedem Zeitpunkt. Wir sehen ganz genau den Mutterpass an und googeln jedes Fachwort darin. Im Laufe scheint es fast, als würden wir selbst Fachfrau zu werden für so einige Schwangerschaftsbelange, weil wir lesen und hören und ansehen. Und doch bleiben wir dabei in unserem konkreten Fall verhaftet: Wir sehen aus unseren Augen, lesen was uns betrifft und bewegt. Wir sind subjektiv.

Während des Workshops sah ich mir mit den Hebammen ein Geburtsvideo auf Youtube an. Ich kannte es und sah in die Gesichter der Hebammen, die sich dieses Video ansahen. Auf ihren Gesichtern war zu erkennen, dass sie wussten, was als nächstes passieren würde. Einige wandten sich vorab ab, einige benannten, was gleich geschehen würde. Aus ihrer Erfahrung heraus konnten sie sagen, was dort geschehen würde während die Frau, die gerade in diesem Film ein Kind gebar, es nicht absehen konnte. Es war ein beeindruckendes Zeugnis für mich über die Kompetenz dieser Fachfrauen, die dort saßen und aus ihrer jahrelangen Erfahrung heraus eine Situation einschätzen konnten, der sie nur beiwohnten ohne die Vorgeschichte zu kennen. Sie hatten einen Überblick über die Situation, die sie dort sahen. Einen Überblick, den andere nicht haben und nicht haben können.

Doch noch ein weiterer wichtiger Punkt trat hervor in dem Workshop: Hebammenarbeit ist nicht „nur“ Arbeit einer Fachperson, es ist Beziehungsarbeit. Wir Frauen gebären unsere Kinder in Beziehung. Wir brauchen nicht „nur“ eine fachkundige Person, die uns unterstützt, sondern auch eine, die mit uns in Beziehung tritt. Schwangerschaft und Geburt sind Lebensereignisse, in denen es um Beziehung geht. Wir spüren Ängste, Freude, Aufregung, Liebe, Vertrauen, Sorgen. Wir brauchen Menschen, mit denen wir über diese Gefühle sprechen können, die uns unterstützen und liebevoll begleiten auf dem Weg in die Elternschaft. Beziehung drückt sich in Worten aus, im individuellen Betrachten des anderen und auch in der körperlichen Anwesenheit. Denn keine der kognitiven Ansprachen, auf die wir sonst zurückgreifen können wie Bücher Zeitschriften oder das Internet, kann das Gefühl ersetzen, wenn eine Hebamme die warmen Hände auf den Bauch legt und erklärt, wie das Baby gerade liegt. Keine gelesene Anleitung zu Tipps unter der Geburt kann ersetzen, wenn sich Hände auf die Hüfte legen und beim Beckenkreisen helfen. Keine Internetrecherche kann den Blick in die Augen der Hebamme ersetzen, der sagt: Du machst das richtig und alles wird gut.

Wir können uns heute auf vielfältige Weise Wissen aneignen – nutzbringendes und unnützes. Wir können uns informieren und werden vielfältig informiert, auch wenn wir es gar nicht wollen. Von vielen Seiten prasseln Informationen auf uns herein darüber, wie Schwangerschaft und Geburt sich anfühlen oder wie man damit umgehen sollte. Doch nichts davon kann die persönliche Unterstützung und das wohlig-geborgene Gefühl ersetzen, das eine persönliche Hebammenbeziehung mit sich bringt. Und oftmals brauchen wir auch gerade dann, wenn wir viel informiert sind, einen Menschen, der all das Wissen in die richtige Bahn lenkt und uns auf das fokussiert, was wirklich in der Schwangerschaft und bei der Geburt wichtig ist: die Beziehung.

Deswegen brauchen wir Hebammen. Jetzt und immer.
Eure

Unter dem Hashtag #OhneHebamme hat Perlenmama Janina zu Beiträgen zum Thema „Meine Geburt ohne Hebamme, so wäre es gewesen“ aufgerufen.

 

Merke Dir diesen Artikel auf Pinterest

4 Kommentare

  1. C Bartusek

    Ich bin meiner Hebamme auch so sehe dankbar für ihre tolle, kompetente Begleitung.

    Solltest du irgendwas wissen, was man tun kann, um die Situation der Hebammen zu verbessern, lass es mich /uns wissen 😉

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert