Als Eltern streiten

Viele Eltern haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich streiten. Sie fragen sich: Dürfen wir uns streiten? Ist es nicht ein Zeichen unseres Versagens als Eltern, als Paar, zu streiten? Dürfen wir uns vor dem Kind streiten oder nur heimlich? Und wie soll es gehen, heimlich zu streiten und Ärger aufzuheben, wenn das Kind erst einmal noch da ist und nicht schläft? Auch hier haben wir Bilder verinnerlicht, die es uns schwer machen können, den Alltag entspannt zu leben. Denn klar ist: Natürlich gibt es hier und da Unstimmigkeiten zwischen Erwachsenen, die auch geklärt werden müssen.

Wir haben streiten nicht gelernt

Oft haben wir noch aus der eigenen Kindheit verinnerlicht, dass Streit schlecht sei und schnell behoben werden muss: Wenn Kinder sich streiten und Erwachsene eingreifen, geht es oft mehr um die Beendigung des Streits als um wirkliche Problemklärung, bei der beide Seiten respektvoll angehört werden und es zu einer Vermittlung kommt. In unserem vollen Tagesprogramm und oft hoher Stressbelastung scheint nicht noch der Raum dafür zu sein, sich ewig mit einer Streiterei unter Kindern zu beschäftigen. Und im Streit zwischen Erwachsenen und Kind ist ein Diskurs oft nicht erlaubt, zu tief ist verankert, dass Erwachsene Recht haben müssen, um die Macht innerhalb der Familie zu erhalten und das Kind nicht zu einem Tyrannen werden darf durch Mitspracherecht.

Wir haben also ein ziemlich schlechtes Bild von Streit verinnerlicht und oft keine gesunde Streitkultur verinnerlicht, weshalb es uns auch innerhalb von Erwachsenenbeziehungen schwerfällt, gut mit Streitsituationen umzugehen.

Es geht um das Wie

Wenn es nun zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen Erwachsenen innerhalb der Familie kommt, kann uns die fehlende Streitkultur daran behindern, einen Streit gut auszutragen oder überhaupt erst zu erlauben. Auch die verinnerlichte Angst, es könnte sich negativ auf das Kind auswirken, kann uns daran behindern, den Diskurs zu eröffnen. Der Gedanke, Streit innerhalb einer Familie wirke sich negativ auf das Kind aus, hält sich hartnäckig in unseren Köpfen. Dabei geht es auch hier – wie in vielen zwischenmenschlichen Bereichen – um das Wie und nicht um das Ob.

Werden Konflikte zwischen Erwachsenen innerhalb der Familie destruktiv ausgetragen, kann sich das durchaus negativ auf das Kind auswirken: Sie können das Gefühl der (emotionalen) Sicherheit des Kindes verringern, zu Anpasungsproblemen, psychischen Schwierigkeiten, schulischen Problemen und Problemen im Umgang mit Gleichaltrigen führen. Destruktive Konflikte mit verbaler oder körperlicher Gewalt, Feindseligkeit, Blockadeverhalten, aber auch Rückzug und Meidung sind daher nicht gut für das Familienklima und das Wohlergehen des Kindes.

Konstruktive Streitigkeiten sind aber durchaus „erlaubt“ und können das Familienklima sogar verbessern. Wir streiten uns schließlich, weil es uns um etwas Wichtiges geht. Für das Kind, das ein Problem zwischen den Erwachsenen spürt oder erfährt, ist es sogar hilfreich, wenn es die Lösung dessen auch erfahren kann. Für konstruktive Streitgespräche ist es sinnvoll, dass wir einander zuhören und beide Seiten zu Wort kommen lassen. Auch wenn sich manchmal einige Themen angestaut haben, bis es zu einem Streit kommt, ist es hilfreich, nicht zu pauschalisieren, sondern bei konkreten Situationen und einem Thema zu bleiben und bei sich und den eigenen Gefühlen: erklären, wie man sich fühlt und warum das so ist ohne Beleidigungen und Abwertungen der anderen Person. Es ist hilfreich, nicht das Schlechteste zu unterstellen, sondern von der bestmöglichen Annahme des Verhaltens auszugehen und der anderen Person auch im Streit wertschätzend zu begegnen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Manchmal findet sich nicht gleich ein passender Kompromiss, sondern wir brauchen Zeit, um eine gute Lösung zu finden.

Es ist wichtig, dass wir unseren Kindern eine gute Streitkultur beibringen, indem wir ihre Streitigkeiten begleiten und ihnen eine Hilfestellung geben beim Regeln von Konflikten. Gleichzeitig sind wir aber auch in unseren eigenen Streitigkeiten Vorbild dafür, dass sie eine neue Streitkultur verinnerlichen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

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