Das kindliche Schlafbedürfnis als Strukturgeber

Eines vorab: Natürlich gibt es immer Situationen, in denen es nicht möglich ist, sich nach den Bedürfnissen des Kindes zu richten. Manchmal gibt es einen dringenden auswärtigen Termin, manchmal ist der Tag einfach irgendwie chaotisch und ständig kommt irgendwas zwischen die normalen Abläufe. Manchmal ist auch gerade die Struktur des Kindes im Wandel, wenn es einen neuen Tagesrhythmus hat, vielleicht mehr oder weniger Bewegung oder gerade eines der Tagesschläfchen weglässt. Wir alle kennen diese Tage, an denen es etwas durcheinander ist, wir alle haben hin und wieder solche Tage. Unabhängig von den Ausnahmen ist es aber hilfreich, gerade in der Baby- und Kleinkindzeit, das Schlafbedürfnis des Kindes zu beachten und soweit es geht, in die Tagesplanungen einzubinden. – Dies kann sich nämlich sowohl für das Kind, als auch die Eltern als förderlich erweisen.

Wenn Kinder müde sind…

Auch als Erwachsene kennen wir es, wie es sich anfühlt, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Oder nicht einschlafen zu können/zu dürfen, obwohl wir eigentlich müde sind. Wenn Kinder müde sind, brauchen auch sie diesen Schlaf. Der Schlaf ist eine wichtige Erholungszeit unseres Körpers, stellt Balance her und dient sogar der Vertiefung von Lernerfahrungen. Babys und Kleinkinder haben aber oft noch Schwierigkeiten, selbst und eigenständig in den Schlaf überzugehen. Sie brauchen oft noch die Regulation durch ihre nahe(n) Bezugsperson(en) und die Sicherheit deren Nähe, um wirklich einschlafen zu können. Nur wenige Kinder schlafen tatsächlich einfach problemlos an Ort und Stelle ein, wenn sie müde sind. Hilfreich ist es, wenn diese Bezugspersonen schon frühzeitig erkennen, dass das Kind nun müde wird und Rahmenbedingungen herstellen, die das Einschlafen ermöglichen. Je nach Temperament des Kindes kann es unterschiedlich sein, was ein Kind braucht: Manche Babys schlafen problemlos auch bei hellem Licht und lauten Geräuschen ein, andere brauchen mehr Abgeschiedenheit. Wenn die Bezugsperson erkennt, dass das Kind nun müde wird, sollte gehandelt werden. Findet das Kind den Absprung zum Schlaf nämlich nicht, kann es überreizen und dann noch schwerer in den Schlaf finden und zunehmend ungehaltener werden.

Ein müdes Kind, das nicht einschläft, fühlt sich selbst nicht nur unwohl, sondern auch die Eltern sind von einem übermüdeten Kind und scheiternden Beruhigungsangeboten schnell überfordert: der Stress verstärkt sich, die Feinfühligkeit sinkt, es kann zum Streit kommen, obwohl niemand so richtig etwas an der Situation ändern kann: Ein Kind schläft nicht ein, wenn man ihm einfach sagt, dass es nun schlafen soll. Das hat nichts mit Machtkämpfen, Trotz oder Widerwillen zu tun: Um einschlafen zu können, braucht es Müdigkeit und passende Rahmenbedingungen. Deswegen ist es wichtig, schon bei geringen Müdigkeitszeichen wie einem starren Blick, Ruhe und/oder Rückzug des Kindes zu handeln und eine für dieses Kind passende Schlafumgebung herzustellen.

Tagesstruktur als Schlafhilfe

Einerseits ist es also wichtig, auf die Müdigkeitszeichen des Kindes zu achten, andererseits zeigen viele Kinder auch recht regelmäßige Schlafrhythmen und werden in etwa zur gleichen Zeit am Tag müde. Wenn Eltern ein Kind haben, das solche Regelmäßigkeiten und Rhythmen zeigt, ist es sinnvoll, diese zu berücksichtigen, um der Überreizung des Kindes und der eigenen Überreizung vorzubeugen. Viele Eltern kennen die Situation, wenn das Kind am Nachmittag zunächst nicht einschläft, weil etwas aufregendes unternommen wurde, dann vielleicht quengelig wird, um dann am Spätnachmittag einzuschlafen, wodurch sich der Abendschlaf verschiebt, obwohl der Abend doch schon für einen gemütlichen erwachsenen Fernsehabend verplant war. Das ist oft für alle Beteiligten eine unangenehme Situation. Daher hilft es, solange noch mehrere Schlafenszeiten tagsüber stattfinden, sich an dem Rhythmus des Kindes zu orientieren und nach Möglichkeit Termine so zu legen, dass die gewohnten Schlafphasen eingehalten werden können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

3 Kommentare

  1. Liebe Susanne,

    vielen Dank für den schönen Artikel, dem ich voll und ganz zustimme. Oft habe ich allerdings das Gefühl, diese Dinge lassen sich nur entsprechend umsetzen, wenn die Eltern selbständig und nicht im Angestelltenverhältnis arbeiten.
    Unser Sohn ist fast 2 Jahre alt und auch wir halten uns möglichst an seinen Schlafrhythmus. Da er nicht alleine einschläft, lege ich mich zu ihm. Zur Wahrheit gehört aber, dass das nur funktioniert, weil ich aus dem Homeoffice arbeite und es dennoch für mich seit dem Wiedereinstieg in den Beruf täglichen Stress und Druck bedeutet, es zu schaffen, denn ich muss Termine einhalten und erreichbar sein. Aus dem Büro heraus wäre es absolut nicht machbar. Und die meisten Eltern werden vermutlich nicht zu 100% selbstbestimmt arbeiten. Daher fände ich es schön, wenn diese Realität sich in solchen auch wiederspiegeln würde.

    Schöne Grüße,
    Julia

    • Liebe Julia,
      die Arbeitsbedingungen vieler Eltern gehen nicht konform mit kindlichen Bedürfnissen – und auch oft nicht mit erwachsenen Bedürfnissen. Das beginnt schon da, dass wir noch immer von einer 40h Woche ausgehen als „normale“ Arbeitszeit, was oft weder für die Erwachsenen gesund ist, noch eben bei Familien einfach zu ermöglichen ist in Zusammenhang mit all den anderen Aufgaben. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, dass wir Kinder anpassen müssen an die Rahmenbedingungen, sondern dass er gesunde Rahmenbedingungen für Familien geschaffen werden müssen. Und das fängt eben mit der Aufklärung darüber an, was eigentlich kindgerecht wäre.

  2. Alleine mit 2 Kids leider schwer umzusetzen.. gerade das Baby bleibt tagsüber oft auf der Strecke wenn der grosse Bruder „laut“ ist.. was ja normal ist für einen 3 jährigen. Und wenn das Baby dann eig Brust und Dunkelheit bräuchte, wer schaut dann zum Grossen, der sich noch nicht selbst beschäftigen kann und verständlicherweise nicht will weil Mama auch genau dann dringend gebraucht wird wenn sie den Babybruder stillt?
    Von wegen die zweiten laufen mit..✌

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