Von der Unplanbarkeit, mit Kindern zu leben

Bevor ich Mutter wurde, habe ich mir das Leben mit Kindern nicht ausschließlich rosarot vorgestellt, aber zumindest in vielen warmen Farben. Ich dachte, das würde ja schließlich schon gehen mit dem Kind: ein wenig kuscheln, ein wenig Disziplin und Rituale und alles würde schon laufen. Vielleicht würde es hier und da ein wenig anstrengend werden, wenn das Babys nicht schlafen würde. Aber schließlich sei dieses Elternding etwas, das eben Eltern regeln müssen: Mit guten Grundsätzen, ausrechend Wissen und dem Willen, das durchzusetzen, würde das schon funktionieren.

Im ersten Jahr: Huch, die Pläne passen nicht

Und dann wurde ich Mutter. Und merkte, dass das Leben mit Kind viel weniger mit Plänen und festen Vorsätzen zu tun hatte, als ich dachte. Dass es eigentlich nicht so sehr darum ging, was genau ich mir vorgestellt und geplant hatte, sondern dass es darum geht, zu verstehen, welchen Menschen wir da auf einmal vor uns haben und wie wir ihn gut begleiten können und dabei uns nicht verlieren. Das ist im Voraus nicht leicht planbar. Und auch nicht im aktuellen Geschehen. Es gab auf einmal viel weniger Planbarkeit als gedacht und die Erkenntnis, dass das Kind von Anfang an vielleicht ganz anders denkt als wir Eltern und Dinge anders mag als erwartet. Dass es morgens beispielsweise gar nicht gerne lange und gemütlich im Bett kuscheln möchte, sondern „ausschlafen“ nur dann möglich sein würde, wenn der andere mit dem Baby in der Trage morgens spazieren ging.

Im zweiten Jahr: Der ungebetene Gast

Und nachdem wir uns mit der Unplanbarkeit arrangiert hatten, kam das zweite Lebensjahr mit einem Kind, das mit dem „nein“ anfing. Und damit wurden wieder einmal die Vorstellungen der Planbarkeit umgeworfen als ich merkte, dass meine guten Vorsätze zum entspannten Umgang mit kindlicher Wut und Autonome gar nicht so leicht umsetzbar waren und sich beständig in schwierigen Situationen ein Teil von mir meldete, den ich in diese Elternschaft gar nicht eingeladen hatte. Also wieder umplanen und erst einmal schauen, woher dieser ungebetene Gast kam und wie ich ihn wieder los werden würde. Und sich nicht ärgern, dass der andere Elternteil viel weniger Probleme mit ungebetenen Gästen hatte.

Abschied von Planbarkeit

Irgendwann verabschiedete ich mich von einer gewissen Planbarkeit und machte Platz für all die Dinge, die ungebeten auftauchen und manchmal schwierig sind und manchmal schön. Die Erkenntnis, dass das zweite Kind eine ebenso große Herausforderung ist wie das erste zum Beispiel: Denn wieder dachte ich, dass ich ja nun wissen würde, wie „der Hase läuft“, aber dann war doch wieder alles anders. Und dabei war auch noch das große Geschwisterkind da, das ja auch noch Kind ist.

Oder die schöne Erkenntnis, dass Kinder nach ihrem Tempo die Dinge machen, wenn wir nicht panisch drängen: Dass das Kind von allein aus dem Familienbett auszieht und wir uns die Gedanken darum hätten sparen können. Dass das Kind allein irgendwann zur Schule geht, wenn es bereit ist und ich mich nicht vor anderen Eltern schämen musste, es so lange zu bringen wie es das wollte bis es selbst ging. Die Erkenntnis, dass die Kinder ihre Wahl in Bezug auf Ernährung allein treffen und wir uns weder vor uns selbst noch vor anderen dafür rechtfertigen müssten, ob oder ob nicht die Kinder wie lange Fleisch essen oder nie.

Und auch wenn ich nicht sagen kann, dass das Leben deswegen grundlegend entspannter wurde, denn die Unplanbarkeiten kommen dennoch immer wieder, hat das Annehmen der Unplanbarkeit zu einer gewissen Entspannung geführt in mir. Und dem Wissen, dass ich mir für viele Dinge nicht im Voraus Sorgen machen muss und dass nicht alles so planbar ist, wie ich es gerne hätte, sondern Planung eher ein Richtwert als ein Ziel ist, läuft es viel besser. Mein Mann hat dafür den Begriff „Gesignation“ gefunden: eine Mischung aus Gelassenheit und Resignation. Und irgendwie trifft es das ganz gut.

Und worüber habt Ihr Euch unnötigerweise Gedanken gemacht?
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

5 Kommentare

  1. emajoste

    Liebe Susanne, es tut so gut deinen Text zu lesen. Das Leben mehr dem ersten Kind war so sehr anders als ausgemalt. Weitaus anstrengender und es hat wirklich gedauert, bis ich es annehmen konnte und die schönen Seiten sehen konnte. Dazu haben auch deine Texte beigetragen. Jetzt ist Kind Nr 2 schon 1 Jahr und es ist alles genau richtig so. Liebe Grüße und vielen Dank .

  2. Stephanie

    Liebe Susanne
    Was für ein schöner Artikel. Unsere Tochter ist 18 Monate alt. Und ich merke, dass alles worüber ich mir viele Gedanken gemacht habe schlussendlich einfach so, ohne Mühe geklappt hat. Und trotzdem erwische ich mich immer wieder beim Grübeln und Pläne ausdenken. Zum Glück bleibt mein Mann da immer locker und lacht nur..

  3. Das eigene Tempo! Ich tappe wieder und wieder in die gleiche Falle und bin überrascht, wenn irgendwelche Meilensteine nicht dann geschehen, wann ich sie eingeplant hatte. Aber jedes Mal kommt mir der grandiose Spruch in den Sinn „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Nach jedem Aha Moment höre ich dann auf zu drängeln. So durfte sie Stillen bis über 3, kommt auch mit knapp 6 allnächtlich in mein Bett, hat jeweils ein Jahr gebraucht, um Schwimmen und Fahrradfahren zu lernen und ist generell eher auf der langsameren, vorsichtigeren und anhänglicheren Seite der Skala. Das ist ihr ganz eigenes Naturell, ein Teil ihrer wundervollen Persönlichkeit. Nur für den anstehenden Schulbeginn macht es mir Sorgen.

  4. Ein toller Text, danke dafür! So vieles ist unplanbar mit einem Kind; ich finde fast, dass ich durch die Mutterschaft eine neue Ebene der Realität entdeckt habe, die mir vorher verschlossen blieb. Das bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit dem Kind, sondern auch mit dem*der Partner*in oder mit den eigenen Eltern, ja der eigenen Geschichte und der eigenen Persönlichkeit.
    Ich hatte mir immer vorgenommen, eine coole, entspannte Mutter zu sein. In den ersten Lebensmonaten meines Sohnes war das aber gar nicht möglich. Ich fühlte mich immer aufgekratzt, nervös und angespannt. Es hat Zeit gedauert, gelassener zu werden. Auch war ich immer davon ausgegangen, dass meine Mutter ganz wunderbar zur Betreuung unseres Kindes einsetzbar sei. Dass dies nicht so war, war für mich ein Schock, den ich immernoch nicht ganz verarbeitet habe. Also wirklich ein ziemlich starker Umbruchsprozess, dieses Mutter-Werden. Das hätte ich so nicht gedacht. Liebe Grüße

  5. Liebe Susanne,
    Dein Text trifft es ganz wunderbar. Und es liegt auch ein Stück Selbstständigkeit der Kinder in der von uns Eltern empfundenen Unplanbarkeit. Hatte ich mich noch vor Kurzem gefragt, ob es nicht auch für den Kleinen Zeit wird, trocken zu werden, entschied er vor Kurzem: Ich ziehe keine Windel mehr an. Ich trage jetzt Unterhosen. Prima! Und es klappt. Oder der Große, der schon aus dem Familienbett ausgezogen war und nun, die Einschulung steht bevor, doch wieder gern bei uns schläft. Eigene Entscheidungen und Respekt vor diesen Entscheidungen ergänzen sich da ganz fantastisch.
    Herzliche Grüße Nina

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