Mein Kind „klebt“ an mir

Eigentlich ist doch alles wunderbar: Ein Familienfest mit ausgelassener Stimmung und freundlichen Menschen, aber das Baby möchte einfach nur die ganze Zeit im Körperkontakt bleiben. Oder die tolle Krabbelgruppe, in der endliche ein Platz frei wurde wird besucht, aber das Kind sitzt nur auf dem Schoß. Oder der Spielplatz wird in der Hitze besucht, aber das Kind spielt nicht freudig im Sand, sondern mag nur auf dem Schoß bleiben. Auf dem ersten Blick haben diese Situationen vielleicht nicht viel gemeinsam? Auf den zweiten Blick aber schon: Das Bindungssystem ist des Kindes ist aktiv.

Das Sicherheitspersonal-Gummiband

Bei Bindung denken wir zunächst immer an das Kuschelige, an die Nähe, an liebevolle Momente. Tatsächlich verläuft Bindung aber auf der einen Seite vom Erwachsenen zum Kind und auf der anderen Seite vom Kind zum Erwachsenen. Es ist wie ein Gummitwistband, was zwischen uns gespannt ist mit zwei Spuren. Die Spur vom Kind zum Erwachsenen ist ganz besonders ein Schutzsystem anfangs. Bindung schützt das Baby und kleine Kind, das sich noch nicht selbst versorgen kann. Das Kind bindet sich an Personen, die die Grundbedürfnisse des Babys erfüllen, die sicherstellen, dass das Baby Schutz findet vor all den Dingen, die gefährlich sein könnten. – Könnten, denn schließlich hat das Baby noch keine Erfahrungen gesammelt und weiß nicht, worauf es vertrauen kann und worauf nicht. Dieses Wissen bildet es erst im Laufe der nächsten Jahre aus – insbesondere durch die Interaktion mit eben diesen schützenden Menschen und ihr Vorbildverhalten. Von uns lernt das Baby die Welt kennen, lernt sicher und unsicher zu unterscheiden. Lernt, mit vermeintlich gefährlichen Situationen umzugehen und versteht nach und nach, dass einige Situationen fremd, aber nicht gefährlich sind.

Der Erkundungsdrang aus der Sicherheit heraus

Fühlt sich das Kind sicher, erkundet es die Welt. Besonders fällt uns das ins Auge, wenn unsere Kinder sich schon fortbewegen können und vom sicheren Hafen der vertrauten Bindungsperson aus die Umgebung erkunden. Manchmal krabbeln sie ein Stück, schauen zurück, um sicher zu sein, dass dieser Mensch noch da ist, und krabbeln dann weiter. Andere krabbeln lieber zurück, um sicher zu gehen und brechen dann wieder von vorn auf. Immer weiter gehen die Erkundungsausflüge und manchmal stellen Babys auf dem Weg auch fest, dass sie sich doch weiter gegangen sind als sie sich sicher fühlen und fangen auf einmal an zu weinen, um schnell wieder Sicherheit herzustellen durch Umsorgtwerden der Bindungsperson.

Erstmal schauen, wie sicher das ist!

Und dann gibt es jene Situationen, in denen so viel Neues, so viel Unbekanntes herrscht: Das Familienfest mit all den Menschen, die vielleicht gar nicht bekannt sind. Das Baby weiß nicht, dass sie wohlgesonnene, liebevolle Verwandte sind. Es schaut erst einmal: Wie gehen mein(e) Elter(n) mit ihnen um? Sind sie nett zueinander? Es lernt aus unserer Interaktion. Je nach Temperament brauchen manche Kinder länger oder kürzer, um aufgeschlossen mit anderen umzugehen.

Und auch in der tollen Krabbelgruppe ist zunächst alles fremd: Menschen, Raum und Spielzeug. Erst einmal wird beobachtet: Was machen die anderen hier? Was machen die Kinder mit den Dingen? Dann werden die bespielten Dinge der anderen vielleicht ausprobiert. Vorsichtig, bei den meisten Kindern erst einmal nicht zu weit weg krabbelnd vom Elternteil. Und auch auf dem Spielplatz ist vieles anders. Jetzt, im Sommer, gibt es vielleicht noch die ungewohnte Hitze, die das Kind auch verunsichert. Schutz vor Unterkühlung und Überhitzung suchen Kinder auch bei uns, in unserer Nähe. An heißen Tagen schmiegen sie sich deswegen besonders an uns, die Nahrungsquelle, die mit Muttermilch oder Prenahrung versorgt, die Schatten spendet und aufpasst.

Einfach da sein

Es dauert einige Jahre, bis das Kind von uns gelernt hat, wie die Welt funktioniert, wie es sich darin bewegen kann und was gefährlich ist und was nicht. All das lernt es erst mit und durch uns und dann immer mehr durch Eigenversuche. Es ist gut, wenn wir da sind, wenn es zurück kommt. Manchmal braucht man Nähe, um große Gefühle loszulassen. Möchte Erfahrungen teilen oder einfach fest in den Arm genommen werden in Angesicht all dieser Erlebnisse – und wenn wir ehrlich sind, geht es uns Erwachsenen auch oft so.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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