Nein zum Belohnungsschenken, ja zum Freudeschenken

Wir beobachten – und viele Erzieher/innen und Lehrer/innen bestätigen dies –, dass immer mehr Eltern Kindern etwas schenken, um sie zu belohnen. Dies nicht nur einmal, sondern regelmäßig zu allem, was die Kinder gut machen und wo sie Erfolg haben. Viele Kinder werden für Handlungen belohnt, die früher meist selbstverständlich waren.

Warum Belohnungen ein gefährlicher Trend sind

Ich habe nichts gegen das Schenken. Auf keinen Fall. Ich schenke gerne. Doch wenn alles, was Kinder erfolgreich leisten, mit Geschenken belohnt wird, dann ist dies ein gefährlicher Trend:

Erstens verliert die Freude ihre Bedeutung. Wenn ein Kind „das Seepferdchen“ gemacht hat, dann kann es sich darüber freuen, und dann freuen sich Eltern und Verwandte. Wenn dies mit Geschenken verbunden ist, tritt irgendwann die Freude in den Hintergrund und wird durch das Schenken ersetzt.

Zweitens führt das dauerhafte Schenken und Beschenkt-Werden dazu, dass die Geschenke tendenziell immer größer und teurer werden müssen. Wenn es für eine Drei ein Geschenk gibt, muss das Geschenk für die Note Zwei größer sein und erstrecht für die Eins. Diese Tendenz führt dazu, dass das Schenken maßlos wird und die Kinder selbst das Maß verlieren.

Drittens, und das ist der Kernpunkt unserer Kritik, führt diese Art des Schenkens zum Verlust dessen, was das Schenken eigentlich ausmacht. Ein Geschenk ist ursprünglich etwas, was nicht an Leistung gebunden ist. Es ist Ausdruck der Freude. Wer schenkt, möchte jemandem etwas Gutes zu tun.

Nein zum Leistungsprinzip

Auf erfolgreiches und „gutes“ Verhalten von Kindern mit Geschenken zu reagieren, macht aus Geschenken Belohnungen und führt das Leistungsprinzip noch mehr in die Kindheit ein, als es sowieso schon existiert. Für die Kinder kann das fatale Folgen haben. Sie denken, jede Leistung muss belohnt werden, sonst bräuchten sie doch nichts zu leisten. Und die Freude an Geschenken wird verknüpft mit Leistungen und ist nicht mehr Ausdruck liebevoller und freudiger Beziehungen.

Deswegen möchten wir Eltern dazu auffordern, mit den Belohnungen hauszuhalten. Sie müssen sie nicht ganz abschaffen, aber seien Sie sparsam damit. Eine Belohnung sollte etwas Außergewöhnliches sein und keine Regel.

Schenken aus Freude

Sie dürfen weiter schenken. Sie sollen weiter schenken, denn Schenken ist für alle Beteiligten schön, manchmal für die Eltern noch mehr als für das Kind, das ein Geschenk erhält. Doch knüpfen Sie das Schenken nicht an Leistungen der Kinder, sondern an Ihre eigenen Impulse, dem Kind eine Freude zu machen. Es braucht keinen Anlass, um etwas zu schenken. Es muss weder Weihnachten noch Geburtstag sein. Es braucht keine guten Noten noch sonstige außergewöhnliche Taten. Sie können an einem Tag etwas schenken, an dem kein besonderes Ereignis im Kalender angestrichen ist, keine besondere Tat des Kindes zu verzeichnen ist – Sie können dem Kind etwas schenken, schlicht und einfach, weil Sie Freude daran haben und weil Sie sich daran freuen, wie das Kind sich freut.

Dr. Udo Baer ist Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL und u.a. Vorsitzender der Stiftung Würde. Auf Geborgen Wachsen schreibt er über die (Gefühls-)Welt der Kinder, ihre Gedanken und die sich ergebenden Herausforderungen. Mehr über dieses Thema findet sich in seinem neuen Buch „Die Weisheit der Kinder

17 Kommentare

  1. Ich sehe Belohnungen auch sehr kritisch. V.a. wenn damit eine Verhaltensänderung beim Kind erzielt werden will. Ich habe im Moment so eine Situation im Kindergarten meines Sohnes. Er verabschiedet mich schon immer gemeinsam mit einer Erzieherin an der Eingangstür und winkt mir, wenn ich weg fahre. Dieses Ritual ist wichtig für ihn. Jetzt wollen die Erzieherinnen das gerne ändern. Er soll sich jetzt alleine ohne Erzieherin von mir verabschieden. Wenn er das schafft, bekommt er einen Sticker und bei fünf Stickern darf er sich etwas wünschen.
    Ich frage mich, warum sein Abschiedsritual verändert werden muss, nur weil er jetzt vier ist. Wenn es ihm doch das Ankommen und Verabschieden erleichtert?! Und dann mit diesem Belohnungssystem, von dem ich absolut nichts halte…Mein Sohn möchte das auch nicht und bisher hat er sich jedes Mal gegen den Sticker und für die Verabschiedung gemeinsam mit der Erzieherin entschieden. Nächste Woche habe ich Elterngespräch, da möchte ich das gerne besprechen.

  2. teriundjack

    Bei uns momentan folgende Situation: Mein Sohn (21 Monate) möchte sich nicht die Nägel schneiden lassen. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass das wichtig ist. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich das möchte und warum. Ich habe versucht, nicht zu diskutieren, sondern es einfach zu machen. Funktioniert alles nicht. Entweder sagt er „nein“ oder er schreit und wehrt sich. Wenn ich ihm aber einer Belohnung in Aussicht stelle (meistens ein Gummibärchen oder einen Keks …) dann klappt es. Wie ist das da? Und wie soll man sich da als Elternteil richtig verhalten?

    • Ich habe Nägel einfach beim Schlafen geschnitten.
      Die Frage ist ja auch: Wenn Du jetzt damit einsteigst, wie geht es weiter? Mit 21 Monaten ist er noch relativ am Anfang der Autonomiephase und es wird viele Situationen geben, in denen er nicht machen möchte, was du magst. Durch Belohnungssysteme wird er vielleicht bei einigen Sachen mitmachen, aber was, wenn nicht? Du nimmst Dir selber Handlungsspielraum und Erfahrung. Und Nägelschneiden bringt ein Gummibärchen, was bekommt er dann für anstrengendere Dinge später?

      • Bianca1981

        Liebe Susanne,

        prinzipiell gebe ich Dir total recht und wir verzichten auch (weitgehend) auf Belohnung. Und Bestrafung sowieso.
        Aber beim Fieber messen, Medikamente einnehmen u.ä. machen wir es wie teriundjack. Allerdings benennen wir es klar und unsere Kinder wissen, dass es dabei helfen soll eine wirklich schreckliche Sache hinter sich zu bringen. Und das sonst „Erpressung“ nicht in Ordnung ist. Ich hoffe, dass der Unterschied, der ja zugegebenermaßen sehr künstlich ist, den Kindern wirklich klar ist.
        Ich habe es auch schön in drastischer Form beim Kinderarzt erlebt: da hat mein kind nicht den obligatorischen Puffreis bekommen, weil es sich nicht brav hat untersuchen lassen. Nach dem Ausdrücken meines Ärgers dort bin ich mit dem Kind losgezogen und hab eine große Tüte Puffreis gekauft (den ich an sich ätzend finde und nur kaufe)🤣.
        LG

    • Ich habe mit Bedenken auch einmal die Gummibärchen-Belohnung eingesetzt (Medikamentengabe – das muss sein und es kam mir besser vor als zwingen). Das hat bei uns ueberraschend gut funktioniert. Als die Angst vor dem Medikament dadurch erstmal abgebaut war, ging es dann naemlich auch ohne Gummibaerchen. Mein Fazit: wwnn es auf einen Bereich begrrnzt ist und es gar nicht anders geht …

    • Ich habe aus dem Nägelschneiden ein Spiel gemacht mit einem Reim, den meine Mama schon bei uns immer aufgesagt hat: Das ist der Daumen (Nagel vom Daumen schneiden), der schüttelt die Pflaumen (Zeigefinger), der hebt sie auf (Mittelfinger), der trägt sie nach Haus‘ (Ringfinger) und der kleine Wuzziwuz isst sie alle auf (kleiner Finger). Dann wird gekitzelt. Mein Sohn fragt eigentlich von sich aus nach dem Nägel schneiden (er ist jetzt 2 1/2). Vielleicht könnt ihr auch ein Ritual finden, damit es ein bisschen mit Spaß verbunden ist.

    • Wir schneiden gemeinsam die Nägel..zuerst schneide ich meine, und dann seine..er sitzt dabei auf meiner Schoß und liest/schaut Buch, oder schaut zu wie die geschnittenen Nägel davonfliegen..gab selten Theater und wenn’s mal nicht klappt, werden sie etappenweise geschnitten..Minimann 22Mon.

  3. Bei einem Kind in der Klasse meines Sohnes ist es mittlerweile maßlos geworden. Wohl gemerkt, wir sprechen von 9jährigen. Der Junge ist kein Einserschüler, was ich als vollkommen in Ordnung ansehe solang er trotzdem sein Bestes gibt. Und das tut er. Nun hat die Mutter entschieden, wenn er denn nun endlich mal eine 2 schreibt, bekommt er ein iPhones und bei einer 1 500 Euro. Ich bin sicher, dass die glaubt, dass er das niemals schafft, was wieder ein anderes Thema ist, aber was wenn er es doch schafft? Bei vollbrachter Versetzung gibts ein Auto???
    Mein Sohn hat heute das Wohnzimmer aufgeräumt und sich einfach mal total darüber gefreut, dass er die Decke ganz allein zusammenlegen konnte und es mir stolz präsentiert. Wir haben uns gemeinsam darüber gefreut und das war wunderbar. Kinder brauchen keine 500 Euro, nur Liebe und Achtsamkeit …

  4. Ich finde Belohnungen ok, solange es nicht zu viel wird. Allerdings finde ich es nicht gut, wenn Süßigkeiten als Belohnung verteilt werden, da Kinder sich daran gewöhnen und sich später selbst damit belohnen. Das führt zu einem Teufelskreis der nur schwer zu durchbrechen ist.

  5. Lisa-Maus

    Am Anfang hat mein Sohn (inzwischen 30 Monate) sich die Nägel ganz lieb schneiden lassen und fasziniert zugeschaut. Als er dann vor ca einem halben Jahr diverse Ängste entwickelte, machte auch er nicht mehr mit. Ich hatte erst Skrupel, ihm die Nägel zu schneiden während er schläft. Ich habe ihn dann aber gefragt, ob ich das darf und er hat zu meiner Überraschung ja gesagt. Setzt dem kündige ich ihm das abends an. Einmal hat er das abgelehnt, da habe ich es dann auch gelassen und zwei Tage später wieder gefragt und die Erlaubnis bekommen. Es klappt so für uns beide ganz gut. Versuch es mal Teri, Ihr werdet sicher einen Weg ohne Belohnung finden.

  6. Der Artikel spricht mir sehr aus dem Herzen. Bei uns werden selten Geschenke als Belohnung eingesetzt. Momentan kämpfe ich eher dafür die Großeltern bei der Schenkerei zu bremsen. Jedes Mal wenn sie zu Besuch kommen, wird der Große (4) mit Geschenken regelrecht überhäuft. Auch der Kleine (gerade mal 3 Monate alt)erhält immer eine kleine Überraschung, dabei kann er nun wirklich noch gar nichts damit anfangen. Lauter Kleinigkeiten mit teilweise sinnlosem und bedeutungslosem Plastikkrams, Süßigkeiten und mehr. Mittlerweile fragt der Große schon jeden, der zu Besuch kommt, ob er oder sie etwas für ihn mitgebracht hat.
    Seine Großeltern müssten sich diese Liebe und Zuneigung gar nicht erkaufen oder erschenken. Sie ist da und ich habe das Gefühl, dass diese wunderbare Basis gerade verloren geht.
    Vielleicht wäre das auch nochmal ein interessantes Thema für den Blog.
    Liebe Grüße von Heidi

  7. Ich habe eine Frage: Was haltet ihr diesbezüglich von der Schnullerfee, die dem Kind ein Geschenk bringt, wenn es sich von seinem Schnuller trennt? Das ist ja letztlich auch eine Belohnung für eine Leistung, oder?

    • Liebe Carla, ich denke, da kommt es auf die Absicht an. Oft ist das Geschenk der Schnullerfee (so kenne ich es) ja keine Belohnung, sondern eher ein Ersatzobjekt für den Schnuller zur Beruhigung, also ein Schnuffeltuch, ein Kuscheltier, ein Knetball oder ähnliches.

  8. Beim Schlafen Nägel schneiden funktioniert leider bei uns nicht. Irgendwie merkt er es immer. 😅 von unserer Kinderärztin haben wir dann den Tipp bekommen, jeden Abend nur einen einzigen Nagel zu schneiden. So wird das ganze zum Ritual und die Prozedur geht ganz schnell. Das funktioniert bei uns erstaunlich gut.

  9. Gerade bei „Leistungen“, die erbracht wurden, kann man statt zu belohnen ja auch feiern. Das Seepferdchen geschafft – da gehen alle zusammen Pizza essen. Eine gute Note – wir rufen die Großeltern an und erzählen es stolz (oder schicken ein Foto vom Kind). So kann man die Leistungen würdigen (ich denke, das ist es, was die Eltern primär wollen), ohne zu belohnen und das Ganze auf einen materiellen Handel runter zu brechen.

    (Ja, bei uns gibts auch nach Augentropfen Gummibärchen. Alles hat seine Grenzen 😉 )

  10. Ich hab dieses Verhalten bei mir wirklich ziemlich unterbunden, nachdem ich in einem guten Artikel den Gedanken las, dass man damit die intrinsische Belohnung aushebelt und externalisiert. Das fand ich so schlimm, dass ich tatsächlich konsequent nie belohnungsschenke. Dass ist inzwischen so selbstverständlich, dass ich eigentlich nicht mehr drüber nachdenke. Dein Artikel hat mich überhaupt nur dazu gebracht über das Thema mal wieder nachzudenken. Fazit: diese Routine aus unserem Leben zu verbannen war kein Verlust, im Gegenteil.

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