Nestbautrieb reversed – Über Abschiede und Neuanfänge

Seit jeher ist unsere Wohnung in stetigem Wandel: Räume werden umgestaltet, Möbel verrückt, Wände neu gestrichen. Mittlerweile leben hier fünf Menschen in einer Dreiraumwohnung, die wir den Bedürfnissen der Bewohner*innen anpassen in einem stetigen Wechsel. Noch lange ist unser Landhaus, an dem wir seit Jahren ebenso bauen, nicht fertig. Es ist eine Langzeitaufgabe für uns, die wir irgendwann fertig stellen. Bis dahin aber wandelt sich diese Wohnung, die wir einmal als Paar bezogen haben, in der eines unserer drei Kinder geboren wurde und in der wir alle zusammen leben und schon so viel erlebt haben. Immer wieder gibt es Phasen, in denen umgestaltet wird. Platz für Neues, Abschied von Altem.

Seit Wochen ist wieder eine dieser Umgestaltungsphasen: Es wird gemalert, gebaut, entrümelt. „Was ist los?“ fragt mich mein Mann. Eine Antwort habe ich im ersten Moment nicht. Ich lege Kindersachen zur Seite in die Flohmarktkiste, ich sortiere Windeln aus und stelle die Regale um. Ein wenig bekannt ist mir dieses Verhalten aus den letzten Wochen meiner Schwangerschaften: der Nestbautrieb, der alles vorbereitet auf die Ankunft des neuen Kindes. Aber ich bin nicht schwanger, es kommt kein neues Baby mehr. Ich frage meine Freundin, die gerade ein Kind erwartet: „Brauchst Du den Wickelaufsatz für die Waschmaschine?“ „Brauchst Du ihn wirklich nicht mehr?“ fragt sie mich und lächelt mich an. Und in diesem Moment wird mir klar, was ich seit Wochen tue: Ich verabschiede mich von der Babyzeit.

Aus dem Schrank habe ich die Stilloberteile geholt und absortiert. Nach und nach haben sich wieder normale TShirts und Kleider in den Schrank hinein geschlichen und die Stillkleidung verdrängt. Neben den Windeln liegt sie in der Flohmarktkiste, denn es sind die letzten Monate Stillzeit meines Lebens, die noch vor mir liegen. Die Stillmahlzeiten sind weniger geworden. Noch immer wichtig, noch immer da. Aber nicht mehr beständig, nicht mehr Hauptmahlzeit.

In den vergangenen Jahren lebten hier immer wieder Babys und wir haben die Wohnung und Rahmenbedingungen an ihre Bedürfnisse angepasst. Eine Ja-Umgebung geschaffen, in der sie sich frei bewegen konnten, damit wir nicht beständig Aktivitäten verbieten mussten. Wir haben kleine, zerbrechliche Dinge in die oberen Regalfächer gelegt, haben Kleinteile sicher verwahrt und Orte geschaffen, an denen kleine Hände unbefangen Kisten ausräumen konnten. Wir haben Steckdosen gesichert und Blumenkübel auf Fensterbretter gestellt. Wir haben Fußböden gepolstert und leicht zu säubernde Fußbodenbeläge ausgewählt. Wir haben ein Nest gebaut für unsere Kinder, das sie warm und geborgen ankommen lässt.

Nun sind sie gewachsen, unsere Kinder. Sie brauchen noch immer ein Nest, aber es muss kein Nest mehr sein für gerade geschlüpfte Küken. Sie brauchen nun die Herausforderungen, die Erkundungen. Eine Ja-Umgebung ist auch für ältere Kinder gut, wenn es bedeutet, dass sie darin selbständig ihren Bedürfnissen nachkommen können: Sich selbst in der Küche am Kühlschrank bedienen, Essen selber machen, Körperpflege selbständig durchführen. Wie auch für Babys ist auch das Nein wichtig, das Erlernen von Frustrationstoleranz und der Umgang damit, aber mit großen Kindern werden die „Neins“ des Zusammenlebens ausgehandelt und befinden sich immer wieder in einem Wandel. Ältere Kinder haben andere Bedürfnisse in einer Wohnung, stellen andere Anforderungen.

„Nein, diesmal wirklich nicht mehr.“ sage ich meiner Freundin und wir lachen. Und dann rollt auch eine kleine Träne über meine Wange. Es ist der Abschied von der Babyzeit. Er hat sich schon längst niedergeschlagen in meinen Taten, bevor es mir so richtig bewusst wurde. Ein Lachen für die Abenteuer und die Selbständigkeit und Eroberung der Wohnung durch meine kleine Rasselbande an Kindern. Eine Träne für den Abschied von der zauberhaften Babyzeit, die nun Platz macht für die Abenteuer, die mit großen Kindern auf uns warten.

Eure

 

3 Kommentare

  1. Das ist sehr schön geschrieben.
    Auch ich verabschiede mich so langsam von der Babyzeit.
    Heute sind die ersten Babykleidungsstücke in den Kleidersammlungssack gewandert. Nummer vier ist nun neun Monate alt und wird auch unser letztes wildes Kerlchen sein.
    Und auch ich bin ein bisschen wehmütig, dass die Babyzeit nun endgültig vorbei ist, aber während ich mich nach Kind eins, zwei und drei nie von der Babykleidung trennen konnte, fällt mir dies nun deutlich leichter. Klares Zeichen: unsere Familie ist nun komplett!

  2. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Unser 4. Kind ist 5 Monate alt. Jeder Entwicklungsschritt macht mich stolz aber auch ein bisschen wehmütig. Garnicht so einfach den Kleinen gleichzeitig Wurzeln und Flügel zu geben!
    Ich freue mich aber auch schon darauf irgendwann wieder mehr Zeit für mich zu haben…

  3. Oh, liebe Susanne…da wein‘ ich gleich bissle mit. Bei uns ist vor Kurzem das BabyHängekörbchen ausgezogen…ja, ein Abschied…aber auch hier sind wir rund…und ich sehe, was alle Kinder hier schon für Bedürfnisse haben…es ist gut. Die Zauberzeiten wohnen im Herzen…Ich werde mich aber wohl die nächsten Jahre beruflich noch viel mit Babys und Mamas umgeben…wie schön!

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